Die Spurensucherin

(rk) Kennst Du den Mythos vom Schalker Markt? Wenn jemand diesem historisch auf den Grund gehen kann, dann ist es Schalkes Vereinsarchivarin Dr. Christine Walther. SCHALKE UNSER begab sich mit ihr auf Spurensuche.

SCHALKE UNSER:
Wie kommt man denn als promovierte Historikerin zu Schalke 04?

CHRISTINE WALTHER:
Gebürtig komme ich aus Recklinghausen, bin auch dort aufgewachsen. Zum Studium bin ich nach München gegangen, dort habe ich europäische Ethnologie studiert und mich schon immer mit Sportkultur beschäftigt. Meine Magisterarbeit und Dissertation hatten ebenfalls ein sportliches Thema. Während meiner Dissertation wollte ich mich dann beruflich orientieren und zur gleichen Zeit stand das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen von Schalke an. Ich habe mich beworben, hatte schnell die Zusage für ein zweimonatiges Praktikum und durfte dort mitwirken.

2001 ist das Museum eröffnet und viele Dinge zusammengetragen worden, aber es war alles noch ziemlich lückenhaft. Man musste immer noch mal den Quellen nachgehen, nachbohren und neue Quellen erschließen. Ich habe versucht, die Kontaktdaten zu den Nachfahren der Vereinsgründer zu ermitteln. Da wusste man zwar die Nachnamen, aber wenig über ihre Geschichte und ihre Familie. Ich bin wirklich die Telefonbücher von Gelsenkirchen durchgegangen und habe jeden einzelnen angerufen und gefragt: „Seid ihr das?“ Da gab es einige Treffer.

Mein Ziel war es eigentlich immer, eine gewisse Systematik in das Archiv zu bringen. Das ist allerdings relativ schwierig, weil in einigen Bereichen die Quellenlage dünn ist. Wir sind allerdings recht gut aufgestellt, was einen historischen Pressespiegel angeht: Den haben wir seit 1919 im Archiv.

SCHALKE UNSER:
Seit 1919? Wir dachten immer, das Vereinsarchiv sei im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

Dr. Christine Walther mit dem Schalker Echo

CHRISTINE WALTHER:
Ja, das ist tatsächlich zerstört worden, zusammen mit der Mitgliederkartei. Es soll sich am Schalker Markt befunden haben, wo auch die Geschäftsstelle war. Zum 50-jährigen Bestehen des Vereins gab es Aufrufe, sich zu melden und einige historische Objekte zusammen zu tragen. Man hat da aber meines Erachtens eine Chance verpasst: Vermutlich hätte man direkt nach dem Krieg mit relativ wenig Aufwand zumindest die Mitgliederkartei wiederherstellen können, so viele Mitglieder gab es damals noch nicht. Zum 50-jährigen Bestehen wurde dem Verein aber eine Chronik aus der Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung mit allen Zeitungsberichten über Schalke überreicht. Und wir haben einiges von privaten Sammlern übernommen. Später haben wir als Verein natürlich selbst auch einen Pressespiegel angelegt. Das ist insgesamt ein Fundus, aus dem sich viele Sachen rekonstruieren lassen. Und ich versuche natürlich den Kontakt zu ehemaligen Spielern und Funktionären sowie langjährigen Fans zu halten. Das mache ich Hand in Hand mit meinem Kollegen Sebastian Pantförder, der die Themen Tradition und Museum koordiniert.

SCHALKE UNSER:
Wir reden da natürlich über eine analoge Welt: Karteikarten in Papierform – da war noch nichts digitalisiert.


CHRISTINE WALTHER:
Ja, klar. Aber heute haben wir dafür ein anderes „Problem“: Aus Datenschutzgründen dürfen wir nicht einfach ein Backup der Mitgliederdaten anlegen und das für die Nachwelt aufzuheben.

SCHALKE UNSER:
Wird im Vereinsarchiv heute noch nachdigitalisiert?

CHRISTINE WALTHER:
Wir haben eine große Bilddatenbank, die digital vorliegt. Wir haben aber auch noch Unmengen an Papierfotos, die noch digitalisiert werden sollen. Die alten Presseartikel nicht, die sind zum Teil von der Qualität zu schlecht. Da muss man mit der Lupe ran.

Bei den Fotos sind wir auch in engem Kontakt mit dem Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen, die den Kurt-Müller-Nachlass ha-ben. Kurt Müller war sozusagen der Gelsenkirchener Haus- und Hof-Fotograf, der natürlich auch viele Schalke-Fotos gemacht hat. Da ist der größte Teil inzwischen digitalisiert.
Die alten Fotos sieht man leider immer nur in schwarz-weiß. Mich würde brennend interessieren, wie das Königsblau damals aussah. Ich finde, das macht soviel aus, wenn man etwas Farbiges anschauen kann. Die Welt ist anders, wenn sie farbig ist.

SCHALKE UNSER:
Zuletzt ist der Fokus auf die Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Menschen im Schalker Vereinsleben gerichtet worden. Es gab das Projekt „Spurensuche“. Wie ist es dazu gekommen?

CHRISTINE WALTHER:
Man muss dazu ins Jahr 2013 zurückgehen, als wir an der 1000-Freunde-Mauer die Gedenktafel für die jüdischen Mitglieder eingeweiht haben. Das haben wir im engen Kontakt mit der jüdischen Gemeinde und ihrer Vorsitzenden, Judith Neuwald-Tasbach, gemacht. (Anm. der Redaktion: siehe Interview in SCHALKE UNSSER 95).

Dadurch wurde das Thema nochmal näher ins Bewusstsein gerückt. Es gab zwar 2004 bereits die Studie „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“, da ging es allerdings mehr um die Rolle von Fritz Szepan – was hat er gemacht und wie muss man das einordnen? Die jüdischen Schalker wurden da zwar schon erwähnt, aber richtig präsent waren sie nicht.

SCHALKE UNSER:
Das Buch „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ war eher eine historische Aufbereitung und auch nicht für das Massenpublikum gedacht.


CHRISTINE WALTHER:
Im Prinzip war das eine wissenschaftliche Studie, die sich dadurch recht trocken liest – konzentriert auf die Rolle von Schalke in der NS-Zeit. Damit das auch wissenschaftliche Ansprüche erfüllt, haben wir das Thema durch Externe erforschen lassen, damit erst gar nicht der Anschein erweckt werden kann, die waschen sich rein. Dann kam die Idee auf, dass wir uns auf die jüdischen Mitglieder fokussieren. So haben wir uns mit der jüdischen Gemeinde auf die Spurensuche begeben, um noch mehr über die Lebensläufe herauszufinden.

Hinzu kam, dass das Grillo-Gymnasium auf uns zugekommen ist. Die forschten zu der Zeit an dem Lebensweg von Ernst Alexander, einem jüdischen Schalker Spieler, der ihre Schule besucht hat. Die Schüler des Grillo-Gymnasiums fragten an, ob wir eine gemeinsame Fahrt nach Westerbork in den Niederlanden machen wollen. Im Durchgangslager Westerbork war Ernst Alexander untergebracht, bevor er dann nach Auschwitz deportiert wurde.

Schon früh, als wir uns mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, hatten wir die Idee, dass wir so etwas ähnliches wie den Julius-Hirsch-Preis auch hier auf Schalke haben möchten. Das hatten wir immer im Hinterkopf. Dann kam diese Schule und wir dachten, dass dies ein schöner Anlass wäre, einen eigenen Preis auszuschreiben – die „Ernst Alexander-Auszeichnung“.


SCHALKE UNSER:
Den hat im ersten Jahr das Grillo-Gymnasium erhalten. Wie war denn die Arbeit mit den Jugendlichen?

Cover SCHALKE UNSER 103
SCHALKE UNSER 103

CHRISTINE WALTHER:
Spitze. Sie waren total engagiert und haben einen tollen Eifer entwickelt, aus diversen Quellen Informationen zusammen zu tragen. Die größte Herausforderung war, ob es uns gelingen könnte, ein Foto von Ernst Alexander aufzutreiben. Wir hatten inzwischen schon viele Infos, auch über das
Erinnerungszentrum des Durchgangslagers Westerbork. Wir wussten, in welchen Zug er nach Auschwitz steigen musste, wir wussten viel über die Geschwister
– aber was uns immer noch fehlte, war ein Foto. Niemand wusste, wie Ernst Alexander aussah.

Und dann haben wir in Auschwitz angefragt, beim Deutschen Roten Kreuz und überall. Aber es gab einfach kein Foto. Doch auf einmal hatte ich morgens eine E-Mail vom niederländischen Nationalarchiv in Den Haag in meinem Posteingang. Sie hätten ein Foto von Ernst Alexander. Das hatte ich allerdings schon oft gehört und meist entpuppte sich das als Falschmeldung. Aber dann kam daraufhin ein Ordner bei mir an und es waren zwei Fotos drin. Und das war irre. Wenn man dazu beiträgt, dass dieser Mensch, der ausgelöscht werden sollte, nun doch nicht vergessen wird, in der Vereinsgeschichte des FC Schalke 04 einen Platz bekommt und dass dieser Mensch am Ende ein Gesicht kriegt, ist das ein tolles Gefühl.

SCHALKE UNSER:
Eine weitere jüdische Person in der Schalker Vereinsgeschichte war Dr. Fritz Levinsohn (SCHALKE UNSER 69). Wie weit sind da Ihre Forschungserkenntnisse?

CHRISTINE WALTHER:
Er hatte in Heidelberg Medizin studiert und war in der Gelsenkirchener Industrie, die später auch kriegsbedeutend war, ganz stark verbandelt. Er ist dann in die Niederlande in den Untergrund geflüchtet, war dort im Widerstand aktiv und ist nach dem Krieg wieder nach Gelsenkirchen zurückgekommen. Er war dann für ein Jahr Präsident des FC Schalke 04.

Schon vor der NS-Zeit muss er seinen Namen zu Fritz Lenig geändert haben und – vermutlich aufgrund seiner Frau – zum Katholizismus konvertiert sein. Leider lässt sich das nicht mehr genau datieren. Wir waren da mit dem Gelsenkirchener Kirchenarchiv und dem Bistum in Paderborn in Kontakt. Wir haben das nicht detaillierter herausbekommen. Mit dem Institut für Stadtgeschichte haben wir dann für ihn eine Erinnerungstafel an der St. Augustinus-Kirche anbringen lassen. Vermutlich war das seine Heimatkirche, weil er in direkter Nachbarschaft gewohnt hat.

SCHALKE UNSER:
Arbeiten die anderen Bundesligavereine ihre eigene NS-Historie und die Schicksale der jüdischen Mitarbeiter ebenso auf?


CHRISTINE WALTHER:
Ja, wir haben ein Netzwerk der Vereinsarchivare und Fußball-Museen. Da treffen wir uns zweimal pro Jahr und tauschen uns aus. Das geht bis in die vierte Liga runter. Und die Vereine, die da eine Historie besitzen, arbeiten das schon ganz ähnlich auf. Da ist das Bewusstsein da, dass diese Aufarbeitung gut, richtig und wichtig ist.

SCHALKE UNSER:
Neben der „Spurensuche“ und dem Vereinsarchiv schreiben Sie auch immer die „Schätzchen“-Rubrik im Schalker Kreisel.

CHRISTINE WALTHER:
Genau, da versuche ich immer gegnerbezogen ein „Schätzchen“ zu finden, über das ich einen kleinen Artikel schreiben kann. Das Schöne an der Rubrik ist, dass man da alle Freiheiten hat und genau die Facette beleuchten kann, die ich jetzt grad interessant finde. Gerade die Geschichten drumherum machen ein Exponat besonders interessant.

SCHALKE UNSER:
Sie arbeiten mit dem Schalke-Museum zusammen und da gibt es doch sicher immer wieder Fans, die ihnen auch Sammelobjekte vorbeibringen.

CHRISTINE WALTHER:
Das passiert schon häufig. Wir haben für einen Ankauf allerdings kein Budget und vieles ist inzwischen bereits vorhanden. Die Postkarten aus den 30er Jahren sehen erst einmal so aus, als seien es sehr seltene Zeitdokumente. In den meisten Fällen ist das allerdings auch damals schon ein Massenartikel gewesen. Mir tut das dann immer etwas leid für den Fan, der dachte, ein besonderes Schätzchen entdeckt zu haben, aber wir brauchen natürlich nicht noch die siebzigste Postkarte von einem Motiv.

SCHALKE UNSER:
Das Schalke-Museum liegt aber nicht in Ihrer Verantwortung?


CHRISTINE WALTHER:
Richtig. Das Museum ist 2001 entstanden – eigentlich so-gar eher aus Marketingaspekten. Die zwei Stränge Marketing und historisches Vereinsarchiv gibt es auch heute noch, die gehen allerdings Hand in Hand und eigentlich müsste man die beiden Stränge auch zusammenführen.

SCHALKE UNSER:
Ist es geplant, dass das Museum in der Arena bleibt? Es gibt auch noch die Stiftung „Schalker Markt“, da könn-te sich noch etwas ergeben.

CHRISTINE WALTHER:
Im Moment können wir das noch gar nicht richtig absehen, auch nicht, wie die Planungen sind. Historisch wäre das Museum sicher besser im Stadtteil Schalke verortet, aber es wird auf dem Vereinsgelände ja auch noch das „Tor auf Schalke“ gebaut. Das wäre auch ein geeigneter Standort.

SCHALKE UNSER:
Sie sind mit einer gewissen Erwartungshaltung hier nach Schalke gekommen. Ist das im Rückblick der Job, den Sie sich vorgestellt haben?

CHRISTINE WALTHER:
Ja, tatsächlich. Das macht mir nach wie vor wirklich großen Spaß. Natürlich gibt es für mich heute nicht mehr so viel zu entdecken, wie es in den Anfangsjahren war, aber ich fühle mich hier in einer sehr privilegierten Position mit viel Gestaltungsräumen. Und ich freue mich, dass das noch weiter strahlt. Dass ich damit auch etwas Sinnvolles machen kann, denn die „Spurensuche“ war natürlich auch ein Teil unserer „#stehtauf“-Kampagne.

Natürlich ist das schön, wenn man Fotos digitalisiert, aber wenn es dann noch einen Nutzen hat, der darüber hinaus strahlt, dann ist das für mich eine Befriedigung, eine richtig runde Sache. Ich würde mich heute auf den Posten, wenn er ausgeschrieben würde, jedenfalls immer wieder bewerben.

SCHALKE UNSER:
Wenn Sie sich noch eine Sache für Ihr Archiv wünschen dürften, welche wäre das? Was fehlt besonders?

CHRISTINE WALTHER:
Was wir nicht haben, sind wirklich alte Trikots. Wir haben auch kein Trikot der 58er Meistermannschaft. So weit geht es leider nicht zurück. Zu etwas, das man anfassen kann, wo man das Material spüren und die Farben sehen kann, bekommt man einen ganz anderen Zugang, als wenn ich das nur auf einem Foto sehe.
Aber das werden wir kaum noch bekommen. Wenn man Willi Koslowski nach seinen alten Trikots fragt, dann sagt der: „Wenn die alten Trikots durch waren, dann hab ich die genommen, zerschnitten und damit meine Schuhe geputzt.“ Das ist aus denen geworden. Da hat keiner seine Trikots gesammelt, so weit hat damals niemand gedacht.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Interview. Glückauf!

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