„Die haben mich in eine Loge verbannt“

Heute – am 29. Juli – wäre Charly Neumann 90 Jahre alt geworden. Wir erinnern an das Schalker Unikum mit unserem letzten Interview mit ihm von vor etwa 17 Jahren.

(bob/serc) Charly Neumann vorzustellen, ist müßig. Jeder kennt das 73-­jährige Schalker Urgestein. SCHALKE UNSER traf ihn im „Schalker“ und sprach mit ihm über seinen Schlaganfall, Schalker Honorationen und Schiedsrichterskandale.

SCHALKE UNSER:
Charly, Du warst nach deinem Schlaganfall in Hagen im Krankenhaus und machst jetzt eine Reha in Buer. Ist das ganz plötzlich gekommen mit dem Schlaganfall?

CHARLY NEUMANN:
Weißt du, das war jetzt schon der zweite. Der erste war auf Schalke, beim Essen. Da bin ich am Tisch umgefallen. Ich weiß gar nicht, gegen wen wir da gespielt haben.

Es muss ein internationales Spiel gewesen sein, da lädt der Verein am Abend davor immer den Ehrenrat zum Essen ein, aber auch alle anderen, die eine Funktion haben. Da ist der Günter Siebert drin, der Pfarrer Dohm, Heiner Kördell auch. Das ist für die Leute, die auch viel für den Verein getan haben.

SCHALKE UNSER:
Die Honoratioren sozusagen. Wie fühlt man sich da als Honoration, Charly?

CHARLY NEUMANN:
Beschissen. Das Schlimmste ist, wenn ich mal zu Rudi sage: „Hör mal, ich möchte jetzt mit in die Ukraine.“ Der sagt dann: „Mensch hör´ auf, bist du verrückt, das können wir nicht, du bist noch nicht so weit.“ Wenn ich nachfrage, wann ich denn soweit bin, dann sagt er nur, dass er mir das schon sagen wird. Es ist einfach die Rücksichtnahme, die macht mich noch mehr kaputt. Jeder meint es gut mit mir. Rudi warnt dann nur: „Charly, stell´ dir vor, es passiert dir was in der Ukraine, da sind es ja ein paar Stunden Busfahrt vom Flughafen zum Hotel. Wenn wir hier in der Nähe, spielen kannst du gerne mitkommen, aber nicht dort.“

SCHALKE UNSER:
Du musst jetzt kürzer treten, aber das ist nicht dein Naturell. Man sieht dich jetzt auch weniger im Stadion, Schalke ist ohne dich nicht dasselbe.

CHARLY NEUMANN:
Doch, ich bin schon jedes Spiel im Stadion. Allerdings haben die mich in eine Loge verbannt. Für jedes Spiel kriege ich eine Logenkarte und da muss ich mich hinsetzen.

SCHALKE UNSER:
Du gehörst aber vor die Kurve.

CHARLY NEUMANN:
So ist das. Die Fans sind mir schon enorm wichtig. Als ich im Krankenhaus lag, da hat mir der ehemalige Stadionsprecher, Oberschulte-Beckmann, Briefe und E-Mails von den Leuten gebracht, die sie an Schalke gemailt haben. Da waren so tolle Geschichten dabei. Ein Fanclub schrieb, wenn der Charly nicht mehr auf dem Mannschaftsfoto ist, dann ist das so, als ob auf einem Hochzeitsfoto die Braut fehlen würde. Alles so dolle Sachen.

SCHALKE UNSER:
Du bist ja auch ein Stück personifiziertes Schalke. Du bist die gute Seele des Vereins, die Mutter der Kompanie. Kein Mannschaftsbus ist jemals abgefahren, ohne dass der Charly vorne saß. Gibt es jetzt beim Verein jemanden, der ein bisschen in deine Fußstapfen tritt, z.B. für die Mannschaft morgens die Zeitungen holt?

CHARLY NEUMANN:
Nein, den gibt es nicht. Es ist alles viel professioneller geworden. Heutzutage wird von der Geschäftsstelle aus das Hotel reserviert. Da kommt der Ernährungsberater, geht das Essen durch mit der Küche und sagt dann auch gleichzeitig: Morgen um acht, wenn wir frühstücken, müssen so und so viele Zeitungen für die Mannschaft bereit liegen.

SCHALKE UNSER:
Ist denn „professionell“ gleich „gut“?

CHARLY NEUMANN:
Ja gut, es ist schon ein Unterschied. Wenn die Fans morgens zum Hotel kommen, mich sehen und dann rufen: „Charly, Charly“, oder wenn wir vom Flughafen kommen, da stehen ja die Schalke-Fans und rufen meinen Namen. Das ist natürlich toll. Da muss ich natürlich immer hingehen.

Mannschaftsbetreuer Charly Neumann auf Tuchfüllung mit den Fans in der Nordkurve im Parkstadion.

SCHALKE UNSER:
Bei unserem letzten Interview hast du gesagt, dass du eines Tages noch die Meisterschale in den Händen halten willst.

CHARLY NEUMANN:
Genau, ich habe immer gesagt: „Rudi, ich möchte zumindest einmal mit der Schale durch die Arena laufen!“ Da sagte er nur: „Charly, mein Junge, ich verspreche dir, das wirst du noch erleben. Wir sind so gut, wir schaffen das dieses Jahr.“ Er ist davon überzeugt, sagt, dass wir eine gute Mannschaft haben, wir haben das Zeug, dieses Jahr Deutscher Meister zu werden. Das glaube ich auch. Die Moral in der Truppe ist ja auch toll.

SCHALKE UNSER:
Hast du noch Kontakt zur Mannschaft?

CHARLY NEUMANN:
Ja. Jeden Sonntagmorgen gibt es hier Frühstück, ich bin immer da, doch.

SCHALKE UNSER:
Wie kommst du mit dem Trainer aus?

CHARLY NEUMANN:
Ja gut.

SCHALKE UNSER:
Das war ja eigentlich auch selten, dass du keinen guten Kontakt zu den Spielern oder dem Trainer hattest.

CHARLY NEUMANN:
Der Rangnick fragt mich dann immer: „Was ist los, Charly, wann lässt dich der Rudi wieder mit uns fahren?“ Ich sag´ dann: „Weiß ich nicht, wahrscheinlich hast du Trainer was dagegen, wenn ich mitfahre.“ „Quatsch“, sagt er, „du gehörst doch zu uns.“

SCHALKE UNSER:
Das heißt, dass du trotz dieser vier Monate, in denen du weg warst, immer noch in den Verein integriert bist?

CHARLY NEUMANN:
Ja, das auf jeden Fall. Ich werde so begrüßt, als ob ich gestern das letzte Mal da war.

SCHALKE UNSER:
Du hast den Rudi angesprochen. Das hört sich nach einer echten Männerfreundschaft an.

CHARLY NEUMANN:
Doch, mittlerweile ja.

SCHALKE UNSER:
Ist ja auch schon eine lange Zeit, zehn Jahre …

CHARLY NEUMANN:
Ja, da ich ja weiß, was er letztendlich alles geleistet hat. Am Anfang war ich einer derjenigen, die ihn bekämpft haben. Heutzutage sage ich ihm dann immer, „Rudi, wer weiß wo wir hingekommen wären.“ Der Rudi hat ja auch das richtige Händchen gehabt, der hat sich die richtigen Leute ausgesucht an seiner Seite. Den Josef Schnusenberg, ein Finanzgenie, den Peter Peters als Geschäftsführer – hör ´ mal, der hat ja alle Statuten im Kopf – das sind Leute, auf die er sich verlassen kann, keine Wadenbeißer, das sind Leute, die 100% zu ihm stehen.

SCHALKE UNSER:
Wie siehst du den Verein heute? Ich meine, wenn ich dich sehe, dann denke ich an den Film „Das Wunder des Malachias“, wie du die Brühwürstchen verkauft hast.

CHARLY NEUMANN:
Von Bernard Wicki …

SCHALKE UNSER:
Ja, genau. Du hast ja alle Seiten von Schalke erlebt, gute Zeiten, schlechte Zeiten, 2. Liga usw. Wenn du heute auf diesen Verein guckst, einer der renommiertesten Vereine in Europa mit großer Zukunft – wir haben ja auch eine große Zukunft, nicht nur eine große Vergangenheit.

CHARLY NEUMANN:
Genauso ist das, wir haben eine große Zukunft vor uns, das steht fest.

SCHALKE UNSER:
Das ist auch ein Stück von Schalke, was auch du geschaffen hast. Das muss man ja sagen, auch du Charly. Das sagen ja auch die Fans, dass der Charly ein wichtiger Faktor ist.

CHARLY NEUMANN:
Ja, das war mir oft peinlich, dass da Leute auf mich zukamen und glücklich darüber waren, dem Charly die Hand schütteln zu dürfen. Da habe ich immer gedacht, dass die mich verarschen wollen. Das war aber wirklich so, es war denen einfach ein Bedürfnis, den Charly begrüßen zu dürfen und den Enkelkindern mal davon zu erzählen. Einfach dieser Kontakt zu den Fans. Der Fan spürt ja auch, ob du eine ehrliche Haut oder ob du ein Schaumschläger bist.

SCHALKE UNSER:
Wie schafft man das, immer der Mann zum Anfassen zu sein? Ist das die Mentalität, die dir in die Wiege gelegt wurde?

CHARLY NEUMANN:
Ja, das ist die Ruhrgebietsmentalität, die Leute von hier sind alles Leute zum Anfassen.

SCHALKE UNSER:
Du bist für uns nie nur ein Gastronom gewesen, der übrigens auch harte Zeiten hinter sich hat. Aber du hast dich durchgesetzt als Gastronom. Wer dich kennt, der weiß Geschichten zu erzählen.

CHARLY NEUMANN:
Ja, es gibt auch viele Geschichten, für die ich mich heute ja auch schäme. Die Werbung mit Figura-Fit, wo der Charly da im vollen Stadion stand, mit so einer Plauze. Da haben mich die Enkel z.B. gefragt: „Opa, was hast du denn da gemacht?“

SCHALKE UNSER:
Das war aber eines der schönsten Erotikposter im SCHALKE UNSER …

CHARLY NEUMANN:
Sicher (lacht). Das Tolle war, dass wir damals für diese Aktion 300.000 Mark bekommen haben. Damals war das ja noch richtig Geld. Dafür haben wir den Olaf Thon gekauft, dass ich meine Plauze da hingehalten habe (lacht).

SCHALKE UNSER:
Früher war Ernst Kuzorra eine Institution auf Schalke, heute bist du es. Wie fühlt man sich so als Institution?

CHARLY NEUMANN:
Ich merke das, aber mir ist das oft peinlich gegenüber den Leuten, die das heutige Schalke geformt haben. Dazu zähle ich den Peter Peters, den Schnusenberg und an erster Stelle den Rudi. Das sind die Leute, die dem Verein einfach den Stempel aufgesetzt haben. Überleg´ mal, was wir ohne Rudi wären? Wir hätten nicht so ein tolles Stadion. Er hat eine tolle Mannschaft zusammengestellt, die fast nichts gekostet hat, da er die Jungs fast ohne Ablösesummen bekommen hat. Nicht so, wie das der Scheiß ­Hoeneß erzählt, dass sich der Rudi beweihräuchern will. Aber ja sicher will er Deutscher Meister werden.

SCHALKE UNSER:
Wie siehst du den Schiedsrichterskandal? Ist das ein neuer Bundesligaskandal? Wird das dem Fußball schaden?

CHARLY NEUMANN:
Ich sehe das so: Er hat den DFB in eine missliche Lage gebracht. Schiedsrichterentscheidungen sind doch Tatsachenentscheidungen. Und wenn ein Schiedsrichter meint, es war ein Handspiel, dann war es ja auch eins, das ist dann nicht mehr zu beweisen. Dadurch, dass er sagte, er hat Geld dafür kassiert, hat er den DFB in eine ganz missliche Lage gebracht. Was sollen die jetzt machen? Die Spiele wiederholen? Damit hat er dem deutschen Fußball keinen Gefallen getan.

SCHALKE UNSER:
Meinst du, dass der Fußball dadurch leiden wird? Die Fans rufen da ja auch schnell „Schieber“.

CHARLY NEUMANN:
Du siehst ja, was für einen Zuspruch die Bundesliga hat. Da glaube ich nicht, dass der Fußball großartig darunter leiden wird. Und Schieber wird auch gerufen, wenn die Zuschauer mit einer Entscheidung nicht einverstanden sind. Das hat es immer gegeben. Glück und Pech gleichen sich zum Ende einer Saison immer aus.

SCHALKE UNSER:
Es bleibt aber ein fader Beigeschmack. Wir als Schalker stellen dann doch die Frage: „Was ist mit der 94. Minute, Dr. Merk?“ Der Zuschauer will ja nicht betrogen werden.

CHARLY NEUMANN:
Wenn du überlegst, was Schiedsrichtern heute bezahlt wird, dann haben die sowas doch gar nicht nötig. Es sollte jetzt alles aufgeklärt werden und ich denke, dann wird in der Zukunft kein Schiedsrichter mehr auf diese Ideen kommen.

SCHALKE UNSER:
Wie siehst du die Entwicklung im deutschen Fußball allgemein?

CHARLY NEUMANN:
Der Fußball ist im Vergleich zu unseren Tagen doch deutlich athletischer geworden. Früher, der Schalker Kreisel, leicht und locker, das hat den Fußball hier auf Schalke populär gemacht.

SCHALKE UNSER:
Was anderes: So ganz ohne Geschäft kann der Charly dann auch nicht sein.

CHARLY NEUMANN:
Nee, das Schloss Wittringen habe ich ja noch und die Bummelzüge. Jetzt mach ich noch so einen in Bochum und in Wanne-Eickel auf. Ich habe ja immer noch 60 Festangestellte und im Sommer 20 Aushilfen dazu.

SCHALKE UNSER:
Du warst ja auch immer ein Frauenschwarm, du warst da sehr beliebt. Wie sieht es denn damit heute aus?

CHARLY NEUMANN:
Das ist ruhiger geworden, einfach tote Hose. Früher, da hab´ ich alles gegriffen, was nicht schnell genug auf die Bäume kam. Das ist vorbei.

SCHALKE UNSER:
Wo lebst du jetzt?

CHARLY NEUMANN:
In Herten.

SCHALKE UNSER:
Wahrscheinlich hast du viele Dinge schon tausendmal gesagt. Macht es dir eigentlich immer noch Spaß, Interviews zu geben?

CHARLY NEUMANN:
Ja doch. Das Problem sind manchmal die Journalisten, die Sachen aus dem Kontext gerissen darstellen, wo man sich denkt: Das habe ich doch nie gesagt! Dann überlegt man und sagt sich, habe ich wohl doch gesagt, aber in einem ganz anderen Zusammenhang. Das kannst du dir dann in einem Interview später raussuchen, was du Negatives oder Positives gesagt haben sollst.

Das war neulich so, dass mich einer angerufen hat und vorgeschlagen hat, ein Buch über den Charly schreiben zu wollen. Da sagte ich, weißt du was, ein Buch über den Charly, da ruf zuerst beim Rudi Assauer an und frag nach der Genehmigung. Ich hab ja gar nichts dagegen, aber du musst den Rudi mit einbeziehen.

Denn ein Buch über Charly kann nur was mit Schalke zu tun haben. Das muss dann immer eine klar saubere Kiste sein. Nicht, dass ich ihm da was erzähle und es ganz anders dargestellt wird.

SCHALKE UNSER:
Charly, wir wünschen dir alles Gute, bleib gesund und Glück auf.

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