Brief an die Bild-Zeitung

„Redaktion“ Bild
per Mail: fjwagner@bild.de

Lieber Franz Josef Wagner,

Menschen kommen und gehen wie Schatten, doch Sie scheinen wir nie loszuwerden. Gerüchte, es gebe Zusammenhänge zwischen der Titelstory, nämlich der Aufdeckung des Kokainkonsums des Herrn Schill, und Ihrem Artikel nur eine Seite weiter, unterstellen wir mal nicht – aus journalistischer Redlichkeit (ja, so etwas gibt es!).

Doch warum geben Sie sich nicht ganz Ihrem Exzess hin? Mal ehrlich, Sie haben doch nicht nur die Vögel in den Bäumen zwitschern hören. Durch Manuel Neuer hörten Sie Schmetterlinge vor Glück weinen, sahen Farben in den hellsten Tönen und die Geigen begleiteten die Menschen dieser Erde, die von der Sonne über die Flüsse gelenkt zum großen Delirium aller Lebewesen aufbrachen. Bilden wir eine Kette aller Menschen, zusammengefunden durch Ihren Artikel – denn der ist ja klebrig und schleimig genug.

Sie haben uns gezeigt, wie man seine eigenen Schandtaten innerhalb von Sekunden vergessen kann. War es doch Ihr Blatt, das nur wenige Wochen zuvor Manuel Neuer als „Flutschfinger“ bezeichnete und all seine Fehler für eine großen Kampagne mühsam zusammensuchte. Dank Ihnen wissen wir auch, warum wir Fans keine Regenschirme dabei haben, die Spieler haben ja auch keine. Somit wären auch die Fragen beantwortet, warum wir nicht mit Strapsen, mit Schwimmflügeln und Sombrero auf dem Kopf ins Stadion gehen. Die Spieler tun es ja auch nicht – zumindest auf dem Spielfeld.

Billig versuchen Sie, eine Geschichte um Manuel Neuer zu konstruieren, die selbst für amerikanische Kitschfilme zu plump wäre. Wir vermissen in Ihrer vor gespielter Unterwürfigkeit schreiende Glorifizierung weitere „klassische“ Biografie-Ausschmückungen wie: Er musste sich sein Geld zusammenbetteln für seine ersten Torwarthandschuhe und hat auf der Straße die Härte des Lebens kennen gelernt. Ein Artikel, nach dem die Papiercontainer lechzen, der die Blumen verwelken und jeden Zeitungsstand volltriefen lässt.

Mit unfreundlichen Grüßen

Ihre Drachentöter aus Porto

Lieber Manuel Neuer,

Menschen kommen und gehen wie Schatten. Von Ihnen jedoch wird man auf Schalke noch in 100 Jahren reden. Von dem kleinen Jungen, der neben dem alten Schalker Parkstadion in Gelsenkirchen-Buer aufwuchs, mit 4 Jahren Mitglied wurde bei Schalke. Bei Wind und Wetter, niemals im Regenmantel oder Mütze, stand dieser kleine Junge in der Fankurve. Gegenüber den Launen des Klimas zeigen sich die echten Fans gleichgültig. Die Spieler unten spielen ja auch nicht mit Regenschirm.

Wir müssen uns einen Jungen vorstellen, dessen Eltern sich scheiden ließen und dessen einzige Konstante Schalke war. Er spielte in der Pampers League. Er spielte bei den Schülern. Er wuchs zu 1,92 m.

Im Champions League-Spiel gegen Porto war er so genial – wie Picasso, wie Michelangelo, wie Dürer. Er war der beste Torwart, den die Welt je gesehen hat. Er war ein Mensch, von dem die Vögel in den Büschen flüstern. Er war perfekt, fehlerfrei, ein Genie, großartig, wunderbar. Er war ein Mensch, wie wir alle sein möchten. Ein Held.

Herzlichst

Ihr Franz Josef Wagner