Nummer 29 - 2001/03
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Schalke 04 ist einfach was Besonderes” - Interview mit Charly Neumann
Ultramania
Kapitulation vor den Rassisten
Vom Fußball unabhängig
“Schalke 04 ist einfach was Besonderes”
(bob/jb) Es gibt einen Namen, der untrennbar mit dem FC Schalke 04 verbunden ist: Karl-Heinz “Charly” Neumann. Obwohl er nie Spieler oder Präsident war, verkörpert er Schalke wie kein anderer. SCHALKE UNSER sprach mit dem “personifizierten Schalke” auf Schloss Berge über gute Zeiten, schlechte Zeiten.
SCHALKE UNSER:
Charly, Schalke hat sich in den letzten Jahren unheimlich verändert. Du bist immer noch da und hast alle Veränderungen hautnah miterlebt. Wir kommen gerade von der Schalker Geschäftsstelle, es ist ja wirklich fantastisch, was sich da alles getan hat.
CHARLY NEUMANN:
Ja, das ist Wahnsinn. Ich sag schon öfters mal, dass das heute gar nicht mehr mein Schalke ist. Das ist aber darauf zurückzuführen, dass es früher alles etwas gemütlicher und persönlicher war. Das war wirklich eine große Familie. Jeder kannte jeden. So hat jede Zeit auch ihre schönen Seiten. Mittlerweile ist Schalke ein Industrieunternehmen geworden. Das musste aber so kommen, sonst würde Schalke irgendwo in der dritten Liga spielen. Aber jeder, der mal etwas auf Schalke zu sagen hatte, wollte aus seiner Sicht immer nur das Beste für Schalke. Ich hasse es, wenn man im Nachhinein draufhaut und sagt, der und der war eine Pflaume. Dem einen gelang es, dem anderen eben nicht.
SCHALKE UNSER:
Heute schimpfen viele Fans immer noch auf Günter Eichberg.
CHARLY NEUMANN:
Als der Günter Eichberg zu uns kam, war der Verein mal wieder pleite. Da haben wir alle offene Türen gemacht, und wir waren am Anfang auch froh, dass wir ihn hatten. Und zu Beginn hat er ja auch gehörig Geld in den Verein rein gesteckt. Nachher ist ihm alles ein wenig zu Kopf gestiegen, dann war er der “Sonnenkönig”. Der hat nur noch eine Plattform gesucht, um sich zu präsentieren. Ich sag immer: “Das beste, was Eichberg für uns getan hat, war, dass er noch den Rudi Assauer geholt hat”. Da gab es damals Fan-Proteste, der Schmitz ist aus dem Vorstand zurückgetreten und die Fans, die ihn heute auf den Schultern tragen, haben damals Unterschriften gegen den Rudi gesammelt. Da war die Hölle los. Aber der Eichberg hat damals gesagt: “Ihr könnt mir jetzt erzählen, was ihr wollt, den hol ich”, weil ihm da schon das Wasser bis Unterkante Oberlippe stand. Ja, und dann kam der Rudi und es ging bergauf.
SCHALKE UNSER:
Was war das Geheimnis seines Erfolges?
CHARLY NEUMANN:
Rudi hatte einen Riesenvorteil: Er kannte Schalke aus dem Eff-Eff. Er wusste genau, wo er die Hebel anzusetzen hatte, um den Verein wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Seine Verpflichtungen sind fast alle eingeschlagen, er hat auch an Huub Stevens festgehalten, das zahlt sich nun alles aus. Rudi hatte zu den Spielern immer ein super Verhältnis, die haben sich für ihn immer den Arsch aufgerissen. Er ist einer, wenn der seinen Spielern was gesagt hat, dann saß das auch.
SCHALKE UNSER:
Am Anfang warst du aber auch nicht der große Assauer-Freund.
CHARLY NEUMANN:
Das stimmt, das lag daran, dass er mich abgesägt hatte. Unter Siebert und Eichberg war ich immer der Charly, der auch ein bisschen Einfluss hatte, den man zu Rate gezogen hat. Und dann kommt plötzlich der Rudi Assauer und der rasiert mich: “Der Charly Neumann mit seiner großen Schnauze, den können wir nicht mehr gebrauchen.” Dann fängst du erst einmal an, ihn zu hassen. Aber der Rudi hatte vollkommen recht. Und er war ja auch anständig mir gegenüber, er hat gesagt, “Charly, mit dir mach ich nicht mehr weiter. Wie du dich benimmst, das passt nicht mehr zu dem Schalke wie ich mir das vorstelle”. Dann bist du natürlich erst einmal menschlich enttäuscht und damit musst du erst einmal fertig werden.
SCHALKE UNSER:
Aber der Rudi hat ja seine Meinung über dich auch wieder revidiert, schließlich bist du immer noch auf Schalke.
CHARLY NEUMANN:
Das ist ja das, wo ich mich persönlich auch drüber wundere. Ich hab ihn mal gefragt, warum er mich doch noch da behalten hat, da meinte er “Ach, Charly, du bist doch jetzt ein alter Mann, was soll ich dich da noch rausschmeißen? Für viele Sachen kann ich dich doch noch gebrauchen.” Rudi hat seine Meinung ganz geändert. Es gibt zwar viele Leute, die das nicht verstehen können, dass der Charly hier immer noch rumdackelt, aber Rudi weiß schon, was er an mir hat. Auf ihn lasse ich nichts kommen. Und dann das neue Stadion: Er hatte die Idee, er hat das Ganze umgesetzt. Die Arena müsste eigentlich “Rudi-Assauer-Stadion” heißen, der hätte es wirklich verdient. Wenn man zur Arena geht, packt man sich doch an den Kopf und fragt sich: “Das soll mein altes Schalke sein?” Wir waren doch früher ein Skandalclub, denkt mal an unsere Generalversammlungen. Da waren dreißig Fernsehstationen vor Ort und alle im Saal hatten den Arsch voll.
SCHALKE UNSER:
Schalke war sicher die Skandalnudel, aber auch ein Verein, wo gelebt, gelitten und geweint wurde. Dafür bist du auch bekannt.
CHARLY NEUMANN:
Wenn ich daran zurück denke, was der Charly schon alles mitgemacht hat, dann denke ich, “Gott sei Dank, dass diese Zeit vorbei ist”. Früher haben die Leute nur vom “Skandalclub” gesprochen, Traurigkeit und große Freude lagen immer sehr nah beieinander. Heute sprechen die Leute mit Hochachtung über Schalke. Schalke ist aber auch etwas, das von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Der Opa geht mit seinem Enkelkind auf Schalke. Plötzlich sind die Enkelkinder so groß, dass sie selbst Enkelkinder haben. Und trotzdem bleibt der Name “Schalke 04″ da verwurzelt. Schalke 04 ist einfach was besonderes.
SCHALKE UNSER:
Charly, wir haben auch schon viele Leute über Schalke kennen gelernt, aber das war wohl nur ein Bruchteil von denen, die du kennen gelernt hast. Du kennst sie alle.
CHARLY NEUMANN:
Wenn ich überlege, wen ich alles hab’ kommen und gehen sehen, wie viele Trainer wir verabschiedet haben. Die Leute fragen mich immer: “Charly, hast du nie Fußball gespielt?” Nee, dann frag ich mich manchmal schon, wie man so populär sein kann, wenn man nie Fußballer war. Ich hab ja als Zeugwart angefangen, und dass man dann bekannter ist als manch ein Spieler, ist schon erstaunlich. Das ist schon ein Naturwunder: Ich war nie Spieler, nie Präsident, nur einer, der früher die Schuhe geputzt hat. Ich hab immer unheimlich viel Spaß, wenn Leute, die ich gar nicht kenne, auf mich zukommen und sagen: “Charly, wir haben dich schon so oft im Fernsehen gesehen. Wir freuen uns so, dich mal persönlich begrüßen zu dürfen. Wenn wir das unseren Enkelkindern erzählen, dass wir den Charly Neumann getroffen haben.” Da habe ich immer gedacht, die wollen mich verarschen. Mittlerweile weiß ich, dass das Ganze keine Verarscherei ist. Die freuen sich einfach, wenn sie den Charly treffen. Ich bilde mir mittlerweile wirklich ein, dass ich der Mittelsmann zwischen den Fans und dem Verein bin. Wenn ich etwa die Briefe von jungen Leuten lese, in denen sie mich einladen, wenn der Vater 70 Jahre alt wird, dann schreibe ich auch ein paar nette Grüße zurück. Oder wenn andere Einladungen an den Verein kommen, wo sie gerne jemanden vom Verein haben wollen, dann sagt der Rudi immer: “Lass den Charly da hingehen.”
SCHALKE UNSER:
Oskar Siebert ist auch gerade 70 Jahre alt geworden. Ein alter Kämpe, mit dem du seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden bist.
CHARLY NEUMANN:
Ja, der Oskar Siebert war ein Präsident, der auch Ahnung von Fußball hatte, was man wirklich nicht von allen Präsidenten sagen konnte. Ich sag immer, dass der Präsident oder der, der die Verantwortung trägt, einer sein muss, der mit den Spielern auch schon mal unter der Dusche gestanden hat. Und so einer war der Oskar. Es ist mittlerweile so, dass jeder, der auf Gran Canaria Urlaub macht, einmal in Oskar’s Pub gewesen sein muss. Oskar ist da was besonderes, die Leute erzählen voller Stolz, dass sie ihn getroffen haben.
SCHALKE UNSER:
Aus deinem engsten Kreise hört man, dass der Charly einer ist, der niemals schläft. Immer nur Rabotti, Rabotti,…
CHARLY NEUMANN:
Ich stehe jeden Morgen um sieben Uhr auf, und wenn du mehrere Betriebe hast, dann musst du auch überall mal auftauchen. Wenn ich das nicht hätte, wüsste ich auch nicht, was ich machen sollte. Viele meine Freunde sind schon unterm Torf. Das liegt aber daran, dass die in ihrer Rentnerzeit keine Aufgabe mehr haben. Ich muss immer in Bewegung sein. In Gelsenkirchen hab ich mir ja auch als Gastronom einen Namen gemacht. Früher hatte ich die Gaststätte “Vogelhaus”, das Café der tausend Vögel. Nach einer verlorenen Wette ist der Helmut Rahn da mal mit einem Schimmel rein geritten. Unglaubliche Szenen haben sich da abgespielt.
SCHALKE UNSER:
Es gibt da vielleicht eine Sache, die dir die Schalke-Fans nicht so ganz verziehen haben. Nach dem UEFA-Cup-Sieg hast du gesagt, dass du den Borussen den Sieg in der Champions-League gegönnt hast. Hast du die Rivalität zu den Borussen gänzlich abgelegt?
CHARLY NEUMANN:
Nein, die Rivalität zwischen Schalke und Dortmund muss immer bleiben. Da soll auch so bleiben, es darf aber nicht in Hass ausarten, dass sich die Fans anspucken und Bier ins Gesicht schütten. Es kommt ja sogar vor, dass einige unserer Fans, den Dortmunder in Gesängen den Tod wünschen. Soweit darf es natürlich nicht kommen, und ich versuche dann nur, die Spitzen da raus zu nehmen. Und dann meine ich auch, dass wir im Kohlenpott zusammen halten müssen. Dann gönne ich es lieber den Borussen als den Bayern in ihren Lederhosen. Unsere Aufgabe ist es ja, den Hass nicht zu schüren, sondern raus zu nehmen. Aber ein bisschen hassen wollen wir sie schon, die Kartoffelkäfer.
SCHALKE UNSER:
Schalke spielt in dieser Saison so erfolgreich wie lange nicht.
CHARLY NEUMANN:
Dass ich das noch erleben darf, ist wirklich schön. Auf unserer Weihnachtsfeier hab ich gesagt: “Ich werde 70 Jahre alt in diesem Jahr, und mein Traum ist ein Trikot mit der 70 hinten drauf, links im Arm den Pokal, rechts die Schüssel, und dann wird das neue Stadion eröffnet.” Den Pokal haben wir ja schon so ein bisschen an den Ohren. Trainer und Manager sagen ja immer, dass sie mit Platz 4 sehr zufrieden wären, aber, wer weiß, mit ein wenig Glück ist vielleicht noch ein bisschen mehr drin.
SCHALKE UNSER:
Jetzt noch mal zu deinen Diäten. Haben die denn was gebracht?
CHARLY NEUMANN:
Ja klar, für Schalke 300.000 Mark. Der Verein Schalke 04 hatte mit “Figura Fit” einen Vertrag abgeschlossen dafür, dass ich meinen Babbelbauch hingehalten habe: Wenn der Charly es schafft, in den nächsten drei Monaten dreißig Kilo abzunehmen, dann bekommt der Verein das Geld. Ich hab gesagt, ich will da keinen Pfennig von haben, das mache ich für den Verein. Da haben wir im Stadion immer öffentliches Wiegen gemacht.
SCHALKE UNSER:
Das scheint aber auch angehalten zu haben, wenn man dich so anschaut.
CHARLY NEUMANN:
Doch, doch, ich hab eine Menge abgenommen. Obwohl ich immer noch unheimlich gerne esse.
SCHALKE UNSER:
Charly, weiterhin guten Appetit, vielen Dank für das Gespräch, alles Gute und Glückauf.
Ultramania
(com1904) Wer zuletzt das Geschehen im Parkstadion und bei den Auswärtsspielen aufmerksam verfolgt hat, wird es schon gemerkt haben: endlich tut sich etwas in der Schalker Fanszene. Was bei vielen anderen Vereinen schon seit längerer Zeit zum festen Inventar in den Stadien geworden ist, gibt es jetzt auch bei den Spielen unserer Knappen - die sogenannte Ultra-Kultur. Rein optisch äußert sich dies in Papptafel-Choreografien und im Block sichtbaren Doppelhaltern. Dazu gehört auch der akustische Versuch, neue und halbwegs kreative Gesänge zu etablieren. Irgendwo ist es doch ein wenig peinlich für uns Schalker, wenn nach vier Jahren immer noch ständig das alte Lied von “… Valencia, Teneriffa und Inter Mailand… ” gesungen wird.
Der Ursprung der Ultra-Kultur liegt in Südeuropa, vor allem in Italien. Dort ist es schon seit vielen Jahren für die Fans selbstverständlich, durch Choreografien, pryrotechnische Effekte und Gesänge in ihre Stadien ein einzigartiges Flair zu bringen. Wer beim UEFA-Cup-Finale in Mailand dabei war, hat zumindest eine Ahnung davon bekommen, wie das gemeint ist. Die deutsche Ultra-Kultur orientiert sich an diesen Vorbildern, allerdings mit gewissen Abwandlungen. So ist sie im Gegensatz zu so mancher extrem rechts ausgerichteten Gruppierung in Italien unpolitisch und auch die Verwendung pyrotechnischer Erzeugnisse wird hierzulande doch ein wenig anders gehandhabt als in südlichen Gefilden.
Auf Schalke gab es erste Anfänge vor zwei Jahren, als der Supportersclub (www.supportersclub.de) bei einem Spiel gegen Nürnberg die erste größere Choreografie auf dem Oberrang des Parkstadions organisierte. Die erste wichtige Änderung trat dann im Oktober 2000 ein, als eine eingeschworene Gruppe aus “Allesfahrern”, also Leuten, die jedes Spiel besuchen, die bei Heimspielen hauptsächlich auf dem Oberrang des Parkstadions tätige “Radikale Minderheit Gelsenkirchen (RMG)” (www.forza-schalke.de) gründete. Die RMG hat in Kooperation mit dem Supportersclub schon diverse Choreografien organisiert und ist auch auswärts immer präsent. Im November gründete sich eine weitere “ultra-orientierte” Gruppierung auf Schalke, das “Commando 4. Mai 1904″ (www.commando-1904.de), dessen Mitglieder bei Heimspielen im Block 4 unten zu finden sind und bis vor kurzem durch die massive Verwendung von Doppelhaltern auffielen. Im Unterschied zur RMG versteht sich das Commando als offene Ultra-orientierte Gruppe, bei der jeder an dieser Art von Fankultur Interessierte mitwirken kann. Der Name der Gruppierung beruht auf dem Gründungsdatum des Vereins und soll vor allem dokumentieren, dass der VEREIN und kein Vermarkter, kein Sponsor, kein Spieler und keine AG im Mittelpunkt des Interesses steht.
Bisher war dem FC Schalke der optische Support in Form von Doppelhaltern ein Dorn im Auge, mit dem Argument, dass im Schutz dieser Doppelhalter ständig Rauch gezündet worden sei. Sowohl Doppelhalter als auch Fahnen mit über 1,20 Meter Stocklänge wurden verboten. Wie ernst es den Ultra-Gruppierungen hingegen mit dem Erhalt der Fahnen- und Doppelhalterkultur ist, zeigte sich beim Pokal-Halbfinale in Stuttgart: dort verteilten Supportersclub, Commando und RMG sogar selbstproduzierte Flugblätter, in denen die mitgereisten Fans zum Verzicht auf Pyro-Effekte aufgerufen wurden. Das zweite Betätigungsfeld der Ultras neben der eher spaß-orientierten Stadionkultur ist wesentlich ernster: es geht um die Substanz des Selbstverständnisses vom Fan-Sein.
Die Ultras sind gegen die hemmungslose Kommerzialisierung des Fußballs, tragen deshalb auch so gut wie keine offiziellen Fan-Artikel und fahren, wann immer es geht, selbst ins Stadion, anstatt sich die Spiele ihres Vereins im TV anzusehen. Und genau aus diesem Grund ist innerhalb kürzester Zeit die wohl populärste bundesweite Fan-Aktion der letzten Jahre entstanden. Was ganz klein mit einer Diskussion im Forum von www.stadionwelt.de anfing, ist zu einer Lawine geworden, die selbst die auflagenstärksten und mittlerweile auch seriösesten Zeitungen mitgerissen hat: die “Aktion Pro 15:30″ (www.pro1530.de), die am 20. Spieltag erstmals durchgeführt wurde. Bei dieser Aktion wurden in allen Stadien der Profi-Ligen Transparente gezeigt: “Samstag, 15:30 Uhr - sonst nichts”, “Ohne Fans stirbt der Fußball” oder “Der Samstag gehört dem Fußball, der Sonntag der Familie”. Sie haben die Nase voll von zersplitterten Spieltagen, abenteuerlich kurzfristigen Spielansetzungen und von Spielen am Freitag-, Samstag- oder Sonntagabend, die eine Fahrt zu Auswärts- und oft genug zu Heimspielen so gut wie unmöglich machen. Die Forderung ist klar: Um den Fußball attraktiv zu halten, müssen alle Spiele wieder samstags um 15.30 Uhr ausgetragen werden, damit die reisenden Zuschauer Planungssicherheit haben und der womöglich doch nur vor dem Fernseher sitzende Fan ein lebendiges Spiel statt eines halbleeren Stadions zu Gesicht bekommt.
Das Medien-Echo auf die erste Aktion war überwältigend, wie aus dem Nichts und für manchen hemmungslosen Verkäufer unseres Sports wohl auch arg überraschend brach eine Diskussion los, die wohl keiner von den Initiatoren so erwartet hätte: Auf einmal ist der “Fußball ohne Fans” in aller Munde. Deshalb wird es noch im Laufe dieser Saison einen zweiten Protesttag geben, und zwar am 27. Spieltag (31. März), wenn unsere Königsblauen an einem Samstagabend (!!!) im Ulrich-Haberland-Stadion antreten müssen. Alle beim Werksclub in Leverkusen anwesenden Schalker Fans sind aufgerufen, sich an den dort durchgeführten Aktionen zu beteiligen.
Kapitulation vor den Rassisten
Die rassistischen Auswüchse im italienischen Fußball haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Nachdem die Fans von Lazio Rom schon des öfteren mit rassistischen Sprechchören gegen farbige Spieler negativ aufgefallen waren (SCHALKE UNSER berichtete), hat sich nun Hellas Verona selbst ein Armutszeugnis ausgestellt.
Mit Hellas Verona beugte sich erstmals ein Verein dem Willen seiner rechtsradikalen Anhänger. “Einen Farbigen kann ich wegen dieser Fans nicht holen”, erklärte der Präsident des italienischen Erstligisten, Gianbattista Pastorello, als er auf die mögliche Verpflichtung des beim Ligakonkurrenten AC Parma spielenden Nationalspielers Patrick Mboma aus Kamerun angesprochen wurde.
Die Aussagen des Präsidenten lösten in ganz Italien heftige Kritik aus. “Wenn das stimmt, schließen wir das Stadion”, drohte Veronas Bürgermeisterin Michela Sironi Mariotti. Italiens Sportministerin Giovanna Melandri drückte in einem Brief an den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitee Italiens (Coni), Gianni Petrucci, ihre “Missbilligung und Bestürzung aus”. Das Ganze sei “eine Schande”. Pastorello schade den Bemühungen der Regierung und des Fußball-Verbands, den Rassismus in den Stadien zu bekämpfen. Die Fifa setzte nach dem Eklat umgehend eine Anti-Rassismus-Konferenz für den 6. Juli in Buenos Aires an. Hellas Verona gilt neben Lazio Rom als Hochburg rechtsradikaler Fans in Italien. Die Hellas-Anhänger beleidigten im Spiel gegen Parma den französischen Welt- und Europameister Lilian Thuram. Der Vereinskollege Mbomas wurde bei jedem Ballkontakt mit Pfiffen bedacht und musste über die gesamte Spielzeit übelste Schmährufe ertragen.
Besonders makaber waren die Angriffe, nachdem in Verona wie bei allen Spielen in Italien an diesem Wochenende vor dem Anpfiff in Gedenken an die Opfer des Holocaust eine Schweigeminute eingelegt worden war. Die Regierung hatte auf Grund des zunehmenden Rassismus in italienischen Stadien ein Dekret verabschiedet: Sobald auf den Rängen Spruchbänder mit rassistischen Parolen gezeigt werden, ist ein Spielabbruch vorgesehen. Bislang wurde die Maßnahme jedoch noch nie umgesetzt. Allerdings zeigte ausgerechnet Mboma, der mit Kamerun Olympia-Gold in Sydney gewann und Afrikas Fußballer des Jahres ist, mit Blick auf die 5000 Mitglieder starke Ultra-Gruppe Verständnis für den Hellas-Präsidenten: “Er hat nur die Wahrheit gesagt: Verona hat ein gravierendes Rassismus-Problem. Pastorello trifft keine Schuld.”
Weniger mild reagierten andere Spieler. Liliam Thuram fordert bei anhaltenden Anfeindungen eine Unterbrechung oder gar Abbruch. Fabio Liverani, Italo-Somalier vom AC Perugia, droht sogar mit einem unbefristeten Streik. Liverani folgte damit einer Aufforderung des dunkelhäutigen Basketball-Stars Carlton Myers, der bei Olympia in Sydney Italiens Mannschaft als Fahnenträger angeführt hatte. Für die neuerlichen rassistischer Anfeindungen hat der italienische Fußball-Verband Hellas Verona mittlerweile zu einer Geldstrafe von umgerechnet 40.000 Mark verurteilt. Bereits im November vergangenen Jahres hatte Hellas 16.000 Mark zahlen müssen, nachdem seine Anhänger beim Spiel gegen Inter Mailand den niederländischen Mittelfeldstar Clarence Seedorf ausgepfiffen und beleidigt hatten.
Vom Fußball unabhängig
…die Aktie des Börsenspielvereins Borussia. Die Aktie des Börsenspielvereins ist vom spielerischen Erfolg oder Misserfolg unabhängig. Und im Grunde weiß auch keiner so recht etwas mit ihr anzufangen, denn als Wirtschaftsunternehmen ist ein Fußballverein auch nicht wirklich geeignet. Zu diesem Schluss kommen die Diplom-Volkswirte Mirko Dahlke und Armin Rott vom Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik der Universität… naja, eh klar. Denn was auch immer auf dem Platz passiert - auf dem Börsenparkett spielt es nur am Morgen eine Rolle - am Ende des Handelstages nivelliert es sich zur Unkenntlichkeit.
Einzig das Pokalspiel gegen einen gewissen FC Schalke 04, das zum Ausscheiden aus dem DFB-Pokal führte, sei eine Ausnahme gewesen, stellen die Wirtschaftswissenschaftler fest. Denn das schmälere die Gewinnaussichten des Wirtschaftsunternehmens Borussia. Überhaupt sei die Ausgabe der Aktie für die Anleger enttäuschend gewesen: Schon bei der Emission lag sie mit elf Mark an der unteren Grenze dessen, was geplant gewesen sei - und das war noch ihr Rekordhoch gewesen, der Kursverlust liegt bei 27,3 Prozent. Damit liegt der Börsenspielverein aber immerhin im internationalen Trend, wie Dahlke und Rott aufzeigen: Außer Sportclub Manchester United konnte keine der mehr als 20 börsennotierten englischen Vereine mit Kurssteigerungen aufwarten.
Selten genug auch werden die Aktien überhaupt gehandelt, so dass oft der Kurs geschätzt wird - und der Handel bei in Not geratenen englischen Vereinen musste auch schon häufig ausgesetzt werden. Die Autoren der Studie schließen nicht aus, dass die sportlichen Leistungen gegen Saison-Ende doch noch Einfluss nehmen könnten. Schließlich bieten große Wettbewerbe, deren Teilnehmer dann feststehen, Chance auf größere Gewinne des Unternehmens Borussia. Doch für Börsianer bliebe ein Fußballverein grundsätzlich wenig interessant: Zu gering sei der Spielraum, der im Rahmen des DFB-Regelwerks bleibe. Übernahmen sind ausgeschlossen, da der Verein Hauptaktionär bleiben muss - und somit können auch keine Übernahme-Phantasien den Aktienkurs in die Höhe treiben - nur ein Beispiel dafür, dass ein Fußballverein eben nicht handeln kann wie ein Wirtschaftsunternehmen; die Interessen der Aktionäre müssen so wenig berücksichtigt bleiben. Auch die zentrale Vermarktung der Fernsehrechte schränkt den Spielraum ein - und steht somit dem wirtschaftlichen Erfolg im Weg - keine attraktive Aktie insgesamt. Aus wirtschaftspolitischer Sicht, natürlich.

