Nummer 32 - 2001/11

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Attacke: Mehr Transparenz!
Was ziehe ich an? (Aida 2)
Mein erstes Mal: Sprungmutation
Gedanken zu einem Fußballspiel



Attacke: Mehr Transparenz!

Schalkes Gesicht hat sich verändert. Schalke hat ein neues Super-Stadion, es wurden neue Trainingsgelände errichtet und ein Jugendinternat gebaut. Spätestens seit dem UEFA-Cup­Sieg 1997 boomt es rund um die Schalker Geschäftstelle. In der letzten Saison Vizemeister und Pokalsieger, in diesem Jahr Teilnahme an der Champions League - Schalke ist auf dem Weg zu einer Fußball-Großmacht. Und das ist auch gut so.

Gut ist auch, dass Schalke trotz allen Rummels auch immer noch Volksnähe zeigt. Immer wieder betonen die Schalker Verantwortlichen den Kult-Charakter des FC Schalke 04, der sich als „Traditionsverein“ sieht. Als „Verein“ wohlgemerkt. Schalke ist immer noch „e.V.“, doch gleichzeitig auch schon „AG“ - Aktiengesellschaft. Kaum einer hat es richtig wahr genommen, aber seit dem 24.7.2000 gibt es die FC Schalke 04 AG. Anteilseigner und Aufsichtsrat sind dieselben Leute, die auch dem FC Schalke 04 „e.V.“ vorstehen.

Im Oktober flatterte die Mitgliedsausgabe des „Schalker Kreisel“ in unsere Briefkästen. Darin eine Einladung zu einer „außerordentlichen Jahreshauptversammlung“ am 28.11.2001, einziger Tagesordnungspunkt „Änderung des Geschäftsjahres“. „Schon merkwürdig“, dachten wir, „warum ausgerechnet jetzt? Hat da jemand bei der Planung der letzten ordentlichen JHV gepennt? Und warum kann man jetzt nicht einfach bis zur nächsten Jahreshauptversammlung warten und das ganze im Stück abfrühstücken?“.

Im weiteren Text wurde erläutert, man wolle in Zukunft für Schalke 04 AG und Schalke 04 e.V. nur noch einen jährlichen Geschäftsbericht erstellen. „Die Bilanzen vereinheitlichen“, das klingt zwar vernünftig, aber unsere Frage bleibt: Warum muss dafür eine außerordentliche Jahreshauptversammlung einberufen werden?

Dazu passt die Frage, die wir schon im Mai 1998 auf dem Cover zu SCHALKE UNSER 18 stellten: „Wo gehsse Schalke?“. Die Frage scheint aktueller denn je. Geht die Reise dahin, dass der FC Schalke 04 e.V. in die AG eingegliedert werden soll? Ist es so oder ist es nicht so? Die Frage sollte man stellen dürfen.

Dass man uns nicht falsch versteht: In Teilen kann eine Schalke 04 AG wirklich sehr nützlich sein, davon sind auch wir überzeugt. Gewisse Steuervorteile sind da bestimmt nicht zu verachten. Doch wüssten die Fans des FC Schalke 04 und natürlich auch die Mitglieder der Abteilung „Fußball passiv“ des FC Schalke 04 e.V. gerne, wie die Zukunft des „Vereins“ ausschauen soll.

Vielleicht sehen wir ja auch nur Gespenster, aber ein bisschen mehr Transparenz seitens der Verantwortlichen scheint angebracht.


Was ziehe ich an? (Aida 2)

(bob) Die Karten schon vor Monaten gekauft - als Geburtstagsgeschenk für die Schwiegermutter in spe. Vier Stück in der Hoffnung, so auch in den Genuss dieser Einmaligkeit zu kommen. Es ist nicht zu glauben, ich werde von vielen Ballsportanhängern um meine Teilnahme an diesem Spektakel beneidet.

Es ist der 1. September 18 Uhr. „Axe Oriental“ gibt mir das Gefühl, mich der Veranstaltung körperlich zu nähern. Ich stehe nackt vor meinem Kleiderschrank, Zweifel kommen auf und Unbehagen machen sich breit. Wie? Keine Jeans, vielleicht die Knitterbuchse? Straßenschuhe oder die neuen roten? Jackett, Hemd - das von Weihnachten oder das von Hannes Beerdigung? Pin von der Ini oder sogar ein Schal? Es geht ja schließlich auf Schalke! Ich schaue kurz ins Bad, sehe meine Freundin, und alle düsteren Gedanken verflüchtigen sich. Alles Jacke wie Hose. Vernünftig halt, würde meine Mutter sagen.

Wir reihen uns ein in den ruhenden Verkehr. Nichts geht zum Stadion hin. Irgendwie normal für „auf Schalke“. Werde ich wohl ein paar Kumpels treffen? Auf dem Weg zum Stadion eher nicht. Hier dominieren eindeutig Kaschmir, Seidenschals und Chanel No. 5. Ich kriege leuchtende Augen und erkläre meiner Freundin von außen die Arena und schwelge: „Mein Verein“. Wieso Oper? Ach ja, Aida. Eine Bordsteinschwalbe auf ihren Pumps meckert über die schlammigen Abkürzungen, auf der sie sich befindet. Ich versuche sie zu beruhigen: „Sehen Sie uns das nach, dass alles noch nicht so ganz fertig ist.“ Ich lerne, dass man solche Veranstaltungen dann nicht machen darf, wenn noch nicht alles fertig und perfekt ist. Ich wünsche der rheinischen Frohnatur noch einen schönen Abend, und gehe in den Backstagebereich, an die Bierbude.

Anstehen wie „auf Schalke“, aber irgendwie mit Contenance. Endlich bin ich dran, vier Veltins, Knappenkarte o.k. Daumen und Zeigefinger sausen in die Becher. Die Arme hochgerissen - nein, heute ist hier kein Flamenco, sag´ ich mir und unterdrücke auch noch den Ruf „Heiß und fettig“. Das übliche kleine Schwappen unterlasse ich auch, da sich eh schon eine noch nie gesehene Gasse gebildet hat. Irgendwas habe ich falsch gemacht, sagen mir die Blicke. Wir gehen auf unsere Plätze. Während der Aufführung geht mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, wie es wäre, wenn jetzt Rudi mit seiner Zigarre den ganzen Streit da unten ein Ende machen würde. Pause, endlich gibt es eine Chance auf ein Kaltgetränk.

Sabine muss zur Toilette, kommt verzagt zurück mit der Bemerkung, Schlangen bei Frauen bis nach Mitternacht. Ich sag’ nur, „komm“, und steuere auf das M zu. Kurz mal reingeschaut, die Kabinen sind leer. Ich öffne die Toilettentür und schwups den Begleitschutz für die Dame gemimt. Beim Hinaustreten schreckt ein knorriger Mittsechziger zurück und vergewissert sich noch mal des „Männer“ auf dem Schild. Wir feixen und freuen uns über den gelungenen Schachzug.

Bodo Menze, Jugendabteilungsleiter, 20 Meter von mir entfernt mit einem Schalke Schal. Die Auseinandersetzung mit mir beginnt auf ein Neues. Der Gong ertönt schon zum dritten Mal, jetzt heißt es rasch, Aida sterben sehen. Es ist soweit, Applaus setzt ein, die Vorstellung war wohl ein großer Erfolg. „Vieles gelernt“, sag´ ich mir und jetzt nur noch ab nach Hause. Sabine muss noch mal zur Toilette - und wir sagen uns, was einmal geklappt hat, kann wiederholt werden. Ich mache die Herrentoilette auf und schrecke zurück.

Schaue noch mal auf das Schild - tatsächlich für Herren. Zehn Damen waschen dort ihre Hände, eine ruft mir zu: „Komm ruhig rein! Du bist hier richtig, du bist hier „auf Schalke“.


Mein erstes Mal: Sprungmutation

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal Claudius aus Esens. Auch er berichtet von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig ­ dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.

Man darf es ja nicht zu Ende denken, welche Zufälle darüber entscheiden, ob einem ein erfülltes Fanleben im einzig wahren Blau und Weiß zuteil wird oder ob man es an irgendein langweiliges Rotrot oder Grüngrün verliert. Gar nicht zu reden von jenen Geschlagenen, die ihr Fandasein, Leben möchte man ja gar nicht sagen, in einem unansehnlichen, das Auge beleidigenden Schwarz und Gelb verbringen müssen.

Als Pfälzer wurde mir, 1949 geboren, Schalke nicht in die Wiege gelegt. Weder in Gelsenkirchen geboren noch jemals dorthin gezogen, Vater nicht unter Tage, das sah nicht gut aus. Auch bleibt traditionell der Lebenshorizont eines Pfälzers auf die Pfalz beschränkt, so dass mein fußballerischer Teilhorizont als Junge gerade mal bis zur Oberliga Südwest reichte. Vereinsverbundenheit wurde in meinem Elternhaus zudem streng heimatbezogen verstanden, meine Bestimmung wäre also der damals in der Oberliga Südwest spielende und heute in der Bezirksliga versunkene Verein meiner Heimatstadt gewesen. Mit Vereinsnamen aus der Oberliga West oder Nord waren bestenfalls vage geographische Vermutungen verbunden, auch irgendwie Deutschland, aber weit weg.

Dass ich trotz dieser denkbar ungünstigen Voraussetzungen doch noch Schalke verfiel, lag an einer Art Sprungmutation, die mich im Alter von neun Jahren ereilte, am Nachmittag des 18. Mai 1958, zwischen drei und viertel vor fünf. Meine Großeltern besaßen eines der damals noch seltenen Fernsehgeräte, und an diesem Tag war mir erstmals erlaubt worden, das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft anzuschauen.

Zufälligerweise spielte Schalke 04 gegen den Hamburger SV, zufälligerweise hatten schon in den ersten Spielminuten zwei Schalker Spieler meine Aufmerksamkeit und Verbundenheit erregt, da sie mir als Typen spontan sympathisch waren: Torhüter Manfred Orzessek, etwas klein und stämmig geraten und mit tief nach vorne gezogener Kappe, das war Zuneigung auf den ersten Blick, und ein wuseliger, trickreicher Stürmer mit sehr hoher Stirn, Berni Klodt. Nun verbündet sich der Mensch, Kinder zumal, gerne mit dem, der gewinnt. Verlauf und Ergebnis dieses Endspiels sind bekannt: Es passte alles, ich drückte dem kleinen dicken Tormann und dem Stürmer mit der Halbglatze alle Daumen, wollte mit der ganzen Kraft eines Neunjährigen, dass sie gewinnen, und sie taten mir diesen Gefallen mit einem überzeugenden Spiel und einem klaren Sieg, mein Torwart hielt alles, was kam, und mein Rechtsaußen schoss zwei Tore. Ich fühlte mich, als hätte ich selbst gewonnen. Und so wie eine Graugans hinter dem ersten Wesen herläuft, das es nach der Geburt sieht, so folgte ich meinen neuen siegenden Freunden Orzessek und Klodt samt Mannschaftskameraden. Und war forthin, bis heute, auf Schalke geprägt.

Nicht auszudenken, wenn an diesem Tag im Mai 1958 der HSV gewonnen hätte, dann wäre ich vielleicht … aber wie gesagt, man sollte so etwas im Interesse der eigenen psychischen Unversehrtheit nicht zu Ende denken.


Gedanken zu einem Fußballspiel

„Opfer. Das Opfer bezeichnet die Gabe des Menschen an ein Numen (® Gott, ® heilig) oder den mehr oder weniger ritualisierten Akt (® Ritus , Ritual) des Gebens selbst. Opfergabe kann alles werden, was dem Menschen wertvoll und mächtig oder als Ersatz des wertvoll-Mächtigen erscheint.“ (Wörterbuch des Christentums, München 2001, Billigausgabe.)

Die Bilder vom Anschlag auf das World Trade Center brannten sich ab dem späten Nachmittag in die Köpfe der Menschen. Die Sender berichteten fassungslos von den Schauplätzen. Die wenigen echten Informationen stießen auf ein paralysiertes Publikum. Eigentlich gab es nur diese immer wiederkehrenden Bildsequenzen der Katastrophe. Im Fernsehen wie im Kopf. Danach die Bilder winkender Menschen, die Sekunden später tot sein sollten. Würden weitere Anschläge folgen? Den Spekulationen waren zu diesem Zeitpunkt keine Grenzen gesetzt.

Und Schalke spielte an diesem Dienstag erstmalig Championsleague. Die UEFA hatte sich nicht genötigt gesehen, die angesetzten Begegnungen zu verlegen. Die fußballerisch bedeutsamen Fakten sind bekannt, die „Politik“ der UEFA stieß unmittelbar auf weltweite Kritik. Die Wirkung der Terroranschläge auf die Atmosphäre vor Ort wurden nur gelegentlich beschrieben. Das öffentliche Interesse zog mit der „action“ weiter. Trotzdem, keiner der Anwesenden, dessen bin ich mir sicher, wird die Gefühle vergessen, die er am 11.9.2001 rund um dieses „Fußballspiel“ hatte.

Yves Eigenrauch hat sie in seiner taz-Rubrik „leben im funnyland“ für uns geschildert: „ich war naiv: die erste frage, ob das spiel wirklich stattfände, wurde mit nur geringen zweifeln bejaht. und wieder war ich zu beflissen, als ich allen ernstes glaubte, mir unser erstes internationales spiel seit drei jahren anschauen zu können. ein irrglaube. nach fünfzehn minuten musste ich das stadion verlassen. das spiel ließ mich übergeben müssen. das spiel ist nur als ein spiel zu sehen. zu spielen war uns nicht zu mute! (…) man hätte gar nicht anpfeifen dürfen! entscheidungen sind dazu da, getroffen zu werden. manchmal werden nun einmal fehler gemacht. viele kleine und auch einige große. wir, ich, du, sie, es. ach ja, es spielt sich jetzt, schlag auf schlag. arme spieler.“

Diese haben jetzt nämlich einen Eindruck, wie sich Gladiatoren oder Stiere in einer Arena fühlen: Brot und Spiele. Kämpfen zu müssen, ohne es wirklich zu wollen, beschreibt das Gefühl nur sehr unvollständig. Und dann war da noch diese in keiner Wiese zu definierende Atmosphäre, die außerhalb der Arena herrschte.

Ein SCHALKE UNSER-Verkäufer beschreibt es wie folgt: „Das heranströmende Publikum war kaum anders als sonst zusammengesetzt, wenn man von den leicht irritierten griechischen Gästegruppen absah. Die übliche Anmache der Gästefans war weitgehend unterblieben. Gehetzte Unkenntnis, die gelegentlich im Gespräch jähem Entsetzen wich, ließ sich häufig beobachten. Erkennbare Trauer um die unschuldigen Opfer vermischte sich mit dem Gefühl, an geschehender Weltgeschichte teilzunehmen. Teile des griechischen Anhangs erschienen zu diesem Zeitpunkt weniger informiert. Die Top of the Pops der internationalen Friedhofscharts hätten sie allerdings stutzig machen müssen. Solche Musik erklingt bekanntlich selten vor ausverkauften Fußballarenen. Aber vielleicht ist das in Griechenland ganz anders. Wir werden sehen. Zwei Mark bitte.“

In der Nord-Kurve diskutierte das Publikum am Abend weniger die Mannschaftaufstellung als die Ereignisse in Amerika. Die Gefühle lagen bei vielen Menschen bloß. Den Spekulationen war, wie bereits angeführt, Tür und Tor geöffnet.

Sure 5:91, 92: „O die ihr glaubt! Wein und Glückspiel und Götzenbilder und Lospfeile sind ein Gräuel, ein Werk Satans. So meidet sie allesamt, auf dass ihr Erfolg habt. / Satan will durch Wein und Glückspiel nur Feindschaft und Hass zwischen euch erregen, um euch so vom Gedanken an Allah und vom Gebet abzuhalten. Doch werdet ihr euch abhalten lassen?“

„Was mag das in fundamentalistischen Kreisen des Islam bedeuten?, ließ sich in den Augen vieler Menschen Schalker Glaubens ablesen. Wenn ein merkwürdiger Terrorist ein symbolhaftes Ziel für einen Terroranschlag in Europa an diesem Tag gesucht hätte, die Arena wäre - zumindest heute - ein höchst akzeptables Ziel. Für die einen ein wunderbares Beispiel moderner Hallenbaukunst mit leichter Tendenz zu Hassspielen, für andere ein einziges Werk des Satans: das erste und weltweit einzige Stadion der Welt mit Bierkreislauf. Für die einen gilt der Bratwurstverkauf als notwendiger Broterwerb, für die anderen verstößt er gegen das Reinheitsgebot. Die christliche Kapelle im Innenraum und die Ehrenmitgliedschaft von Papst Johannes Paul II. seien nur am Rande erwähnt. - Vernichtet beim sündhaften Glücksspiel unter freiem Himmel. Nur ein Gedankenblitz?“, empfand ein anderer Besucher der Arena.

Die Tatsachen: Einer der mutmaßlichen Attentäter stieg gelegentlich in Bochum ab und hatte in Hamburg seine Selbsthilfegruppe.

Und jetzt stellen Sie sich bitte folgende fiktive Meldung in Fernsehbildern vor: „Das auf dem Dortmunder Flughafen entführte Flugzeug befand sich ständig über dichtbevölkertem Gebiet. Abfangjäger der Bundeswehr erreichten das vollbetankte und vollbesetzte Mittelstreckenflugzeug nicht. Der Jet schlug in die Gelsenkirchener Arena ein. Es war ein Inferno. Das modernste Fußballstadion Europas, in dem sich zur Zeit des Unglücks etwa 50.000 Menschen befanden, wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Es wird auf einzelne Überlebende gehofft. Hilfskräfte sind rund um die Uhr im Einsatz.“

„Es war der Horror. Wir haben uns sogar darüber unterhalten, ob nicht auch ein modernes Stadion in Europa Ziel eines solchen Attentates sein könnte. Da sagten einige dann: Das kann nicht sein. Aber hat man doch bis Dienstag auch beim World Trade Center gedacht.“, formulierte Andy Möller in einem Interview deutlich gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Mit welchen Horrorszenarios im Kopf die Spieler den Platz betreten haben, kann man sich vorstellen. Die allgemeine Stimmung und der Support legen die Vermutung nahe, dass es bei großen Teilen des Publikums nicht anders war. Vielleicht waren es nicht nur das Ergebnis und das schlechte Spiel der Heimmannschaft, was so viele Zuschauer die Partie vorzeitig verlassen ließ.

Panathinaikos hätte bei einer Tragödie Trainer, Vorstand, Mannschaft und einige tausend Fans verloren. Schalke hätte alles verloren: seine Spielstätten, seine gesamten Mannschaften, Mitarbeiter, Mitglieder, Trainer, Manager und große Teile seines treuesten und zahlungskräftigsten Anhangs.

Und jetzt stellen Sie sich vor, als Opfer dabei gewesen zu sein.

Eine Schlagzeile zu diesem Albtraum hätte bestimmt die Worte FOOTBALL und HOLOCAUST enthalten, höchstwahrscheinlich eine japanische BILD-Zeitung. Alle Blätter hätten auf Manchester Uniteds Tragödie von 1958 verwiesen, auf das Heysel-Stadion, auf Hillsborough und andere Katastrophen der Fußballgeschichte. Und alle Journalisten hätten festgestellt, dass die Katastrophe von Gelsenkirchen ein Novum in der Fußballgeschichte gewesen wäre. Ein zweifelhafter Ruhm.

Abschließend bleiben scheinbar belanglose Fragen übrig: die nach dem Schalker Spiel zum Beispiel. Wenn - Andy Möller sei mein Zeuge - die Spieler tief im Hinterkopf mit der Möglichkeit gerechnet haben, mit diesem Spiel vom Rasen ins Jenseits einzugehen, warum haben sie ihr vielleicht letztes Match nicht besser gespielt? Oder die Frage nach der Motivation des Publikums und damit nach individuellen Motiven. War die freiwillige Anwesenheit vor Ort nicht letztendlich Ausdruck von der Bereitschaft, dem Verein ein Opfer zu bringen, im Extremfall sogar die eigene Person darzubringen?

Man nimmt nicht an jedem Tag seines Lebens an einem öffentlichen Opferungsfest teil. Am 11.9.2001 haben es alle Anwesenden getan, und im Gegensatz zum Gottesdienst war bis zuletzt unklar, ob es beim symbolischen Akt des Opferns bleiben würde. Das T-Shirt mit dem Aufdruck „Schalke till I die“ wäre an diesem Tag die angemessene Kleidung für alle Gelegenheiten gewesen. Zufall oder nicht? Ich habe ein anderes Hemd für diese Gelegenheit vorgezogen.


Wir machen Druck