Königsblaue Rolling Stones

Das SCHALKE UNSER wird 50. Wer erinnert sich nicht an die Anfänge im April 1994 – wir schon. Der Verein hörte gerade auf, die Skandalnudel der Liga zu sein und großen sportlichen Erwartungen in schöner Regelmäßigkeit noch größere Enttäuschungen folgen zu lassen.

vom FC Schalke 04

Und das in der Öffentlichkeit lieb gewonnene Klischee – weil es bequem war und es immer wieder Selbstdarsteller gab, welche dieses Bild gern bedienten – von den dummen und damit beliebig manipulierbaren Schalker Anhängern ließ sich nicht länger halten.

Das lag nicht allein am SCHALKE UNSER, aber es war der stimmigste Gegenentwurf. Er gab einem mehrheitsfähigen Standpunkt endlich eine Stimme, so wie es zuvor die Fan-Initiative gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit auf anderer Ebene getan hatte. Es war kein Zufall, dass die handelnden Personen identisch waren.

SCHALKE UNSER, das sind die Rolling Stones in königsblau. Erotikposter, die schönsten Skandale des FC Schalke 04, „Schieß doch Jiri“: Sex, Drugs und Rock‘n Roll, Satisfaction, Jumping Jack Flash und Honky Tonk Women.

Mit Geistesblitzen dieser Art habt Ihr über Jahre das blau-weiße Bewusstsein gerockt und es verändert. Die hohen Auflagenzahlen waren der Klasse der Beiträge und des großen Bedarfes nach einer einfallsreichen, intelligenten und dennoch konstruktiven Auseinandersetzung mit unser aller Lieblingsnebensache geschuldet.

Wir können es nicht beweisen, aber wir behaupten es trotzdem: Nicht zuletzt dem SCHALKE UNSER ist es zu verdanken, dass man von unseren Fans seitdem voller Hochachtung spricht.

Der Witz des Fanzines fand sich in den Sprechchören der Nordkurve wieder – oder war es umgekehrt? Egal. „One nation under a groove“, allein darauf kam es an. Und so sprang der Funke von den Rängen auf den Rasen über, mal war es auch umgekehrt.

Wir wissen nicht genau, wer Euer Mick Jagger und Keith Richards, wer Keith Moon und wer Charlie Watts ist. Aber Ihr habt jahrelang ähnlich aufregend aufgespielt. Da wurde Charly Neumann in dick zum Schalker Airbag, brachte ein Comic die allgemeine Verunsicherung des Namens Ksienzyk auf den Punkt. Für diejenigen, denen die Gnade der späten Geburt zuteil wurde: Eigentlich war’s ganz einfach – „Tschintschik“.

Und man muss eben die Ausgabe Nummer sechs des SCHALKE UNSER in den Händen halten, um ganz sinnlich zu erfahren, dass der Döner-Cup früher einmal Strohhalm-Cup hieß. Auch später habt Ihr nicht nachgelassen. Die Serie „Die schönsten Schalker Skandale“ war eine so gelungene Idee, dass wir freudig mit ins Boot gehüpft sind, als es darum ging, diese als Buch herauszubringen.

Natürlich war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, wenn Fanzine und Club aufeinander trafen. Der Verein musste das große Ganze im Auge haben, Ihr eben nicht. Da kann man schon mal zu verschiedenen Wertungen kommen. Wir werfen an dieser Stelle den Namen Andreas Möller rein und stellen uns jetzt mal zustimmendes Kopfnicken von allen Seiten vor.

Für Euch anfangs die schlimmste Gewissensprüfung, für uns der Spielgestalter, mit dem wir um einen falschen Freistoßpfiff Deutscher Meister geworden wären. Aber ansonsten?

Vielleicht würdet Ihr Euch jetzt gern mit mehr Vorhaltungen brüsten, aber dazu fällt uns einfach nicht mehr ein. Und zwar nicht nur, weil die Rückschau milde stimmt. SCHALKE UNSER war immer ein kritischer, schlagfertiger, aber auch ein fairer Wegbegleiter des Vereins. Siehe etwa Thema Arena.

Tja, und jetzt seid Ihr 50. Und wie die Rolling Stones ein wenig in die Jahre gekommen, obwohl man Euch noch immer gerne liest. Alles wird irgendwann zur Routine, Dinge wiederholen sich, der jugendliche Schwung der Anfangsjahre lässt sich nicht ewig konservieren.

Die Arctic Monkeys sind zwangsläufig die Ultras. „To old to Rock‘n Roll, to young to die“ – damit möchten wir hiermit den Wunsch verbinden, auch in Zeiten des Internets noch mindestens 50 weitere Ausgaben in den Händen halten zu dürfen.

Es muss ja nicht das Spätwerk der Stones sein. Hört Euch mal Johnny Cash auf den von Rick Rubin produzierten American Recordings an. Glückauf!