Fremdgegangen

(pr) SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben. Mitmenschen brechen das Schweigen. Sie berichten von Euphorie und Ekstase, von Abhängigkeit und Sympathie. Aber sie sind nicht allein. Sie sind hörig – dem S04. Aber manchmal gehen sie fremd …

Ja, ich gebe es hiermit zu: Ich habe schon mal im Parkstadion St. Pauli unterstützt. Ich habe mich über einen Pauli-Treffer gefreut, mich über die Gegentore geärgert und war stinksauer, dass St. Pauli im Parkstadion als Verlierer vom Platz gegangen ist. Es ist zwar schon über neun Jahre her, aber erst heute kann ich darüber reden. Warum ich das gemacht habe? Ganz einfach, weil Schalke gar nicht mitspielte.

Cover Sonderausgabe St. Pauli
SCHALKE UNSER – Sonderausgabe St. Pauli

Aber alles der Reihe nach. Vor dem letzten Spieltag der Saison 1990/91 rangierten der Club aus Nürnberg und St. Pauli mit jeweils 27 Punkten auf den Plätzen 15 und 16, der Club hatte eine um vier Treffer bessere Tordifferenz. Hertha BSC und Bayer Uerdingen waren bereits abgestiegen. Schalke kickte zu dieser Zeit in der 2. Liga und sicherte sich bereits frühzeitig mit dem ersten Platz den Aufstieg.

Nürnberg musste am letzten Spieltag in der Wattenscheider Lohrheide antreten und gewann dort durch ein Tor von Hansi Dorfner mit 1:0. St. Pauli verlor im Westfalenstadion mit 2:5. Der Club war gerettet, und das war auch gut so. Platz 16 bedeutete zu dieser Zeit aber nicht den direkten Abstieg, es kam zu zwei Relegationsspielen zwischen dem Drittletzten der Bundesliga und dem Dritten der zweiten Liga, den Stuttgarter Kickers. Da beide Spiele 1:1 endeten, musste zu dieser Zeit ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz her. Und dieser neutrale Platz war das Parkstadion.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur Schalke und den Club aus Nürnberg unterstützt und auf einen Besuch als „neutraler Beobachter“ hatte ich eigentlich gar keine Lust. Aber einmal ist halt immer das erste Mal, und so bequemte ich mich am 29.6.1991 kurz vor dem Anpfiff doch noch in unsere Stadionschüssel.

Kann man ein Relegationsspiel neutral beobachten? Nein, ich musste mich entscheiden: Der Kopf sagte „Blau und Weiß, was sonst“ und wollte mich in den Kickers-Block schicken, der Bauch protestierte heftig gegen diese Entscheidung, die Füße setzten sich automatisch in Richtung Nordkurve in Bewegung und so stand ich zum Anpfiff etwas unwohl inmitten der zahlreich angereisten Pauli-Fans, die die Schalke-Kurve bevölkerten. Aber ich war erstaunlicherweise nicht allein, wie mir etliche blau-weiße Trikots anzeigten. Genutzt hat es allerdings nichts. Stuttgart führte schnell mit 2:0, gewann am Ende mit 3:1 und stieg zusammen mit Schalke und dem MSV Duisburg in die erste Liga auf. St. Pauli musste in der nächsten Saison eine Liga tiefer antreten.

Schalke machte in der Folgesaison wenig Anstalten, die Kickers wieder aus der Liga zu schießen. Einem 1:1 in Stuttgart folgte am 25.4.1992 eine peinliche 1:2-Heimniederlage. Dass es die Stuttgarter Kickers am Saisonende dennoch knapp als Absteiger erwischte, war den Wattenscheidern zu verdanken. Diese lagen am letzten Spieltag der Saison 1991/1992 0:2 in Mönchengladbach zurück, drehten das Spiel noch um, siegten mit 3:2 und verdrängten die Stuttgarter mit diesem dritten Treffer auf einen Abstiegsplatz. Auf die Rückkehr von St. Pauli musste ich noch bis 1995 warten. Als die Kiezkicker am 11.11.1995 im Parkstadion aufliefen, erfreute ich mich an den Toren von Thomas Linke und Uwe Weidemann zum 2:0-Sieg. So weit ging die Pauli-Zuneigung dann doch nicht.

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