Ein Diagramm zeigt die Verteilung der Vorfälle auf Schalke. Erläuterungen im Text.

Viele Meldungen und doch zu wenig

(axt) „Diskriminierung gehört zum Fußball dazu.“ Das sagte einer der Befragten für den Jahresbericht 2023/24 der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball (Medif) NRW. Der Bericht nennt Zahlen und Ursachen, warum sich so wenig ändert.

Gab es für das ganze Jahr 2023 „nur“ 762 Meldungen, waren es 2024 (Daten erfasst bis zum 10. Dezember 2024) 971 Meldungen. Die Mitarbeiter der Medif NRW sind sich, so der Bericht, bewusst, „dass es sich hierbei nur um eine (kleine) Spitze des Eisbergs“ handele, und nennen mehrere Gründe: „Allein an einem Wochenende finden im Fußballland NRW in den unterschiedlichen Spielklassen mehrere tausend Paarungen statt. Im ‚Land der tausend Derbys‘ werden die Rivalitäten der Fans und Ultras mehr denn je auch in den Onlinewelten ausgetragen, in denen Enthemmung, Menschenverachtung und Diskriminierung aufgrund der niederschwelligen Zugänglichkeit, einer fehlenden Interventionsbereitschaft von Seiten der Betreiber und einer Verschiebung der Grenzen des Sagbaren an der Tagesordnung sind.“

„Ich war überrascht über die sichtbaren Entwicklungen hin zu nationalistischen und rassistischen Positionierungen rund um die Europameisterschaft 2024”, schildert Patrick Arnold von der Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte NRW e.V. und einer der Autoren der Studie. „Es war deutlich, dass das Geschäft im Vordergrund stand, die Vorkommnisse rund um die Spiele der türkischen Nationalmannschaft in Dortmund wurden trotz vielfacher Hinweise im Vorfeld vom DFB als Veranstalter wegignoriert.”

Hohe Dunkelziffer

Warum die Opfer sich oft nicht an die Meldestellen wenden, dazu nennt der Bericht verschiedene Gründe: Am häufigsten wurde Resignation als Ursache genannt, denn eine Meldung ändere wenig: Alltagsdiskriminierung sei zu tief in der Gesellschaft verankert, werde häufig als „Kneipenhumor“ wahrgenommen und finde so oft statt, dass man „jede Woche etwas melden“ müsste. Viel Kritik gab es auch am Verfahren: Man müsse wissen, welches die neun Diskriminierungsvarianten sind, wenn man einen Vorfall melden will. Überhaupt sei das Meldeformular umständlich und lang, so dass es viel Zeit erfordert, die man aufbringen muss und müssen will. Für Fans, „die das Fußballgeschehen im Stadion verfolgen, stellt die kurzzeitige Abwendung vom Geschehen auf dem grünen Rasen keine Option dar“, heißt es. Und danach ist der Vorfall schnell vergessen. Viele befürchten auch negative Auswirkungen auf sich selbst, den Verein oder den Täter. Niemand will sich als „Denunziant“ empfinden oder so wahrgenommen werden. Andere halten die Meldung für nicht erforderlich, weil sie selbst oder andere selbst aktiv einge-
schritten sind.

Andere relativieren die Vorkommnisse: „Fußball ist sehr emotional, es sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden“, „Alle sollten etwas weniger empfindlich sein“ und „Ich befürchte, dass aus Mücken Elefanten gemacht werden“, gab es als Antworten in den Umfragen. „Empathie, Respekt und eine solidarische Haltung gegenüber marginalisierten Menschen sind nicht zu erkennen“, so die Autoren des Berichts. „Folgerichtig drängt sich bei der Auswertung die Schlussfolgerung auf, dass die oben aufgeführten Antworten mutmaßlich von Personen stammen, die in den Interaktionsräumen des Fußballs privilegierte und weiß-deutsche Dominanzpositionen einnehmen.“

Auf Schalke

Ereignisse auf Schalke machten dabei 7,1 Prozent aus (in 2024, Vorjahr 6,8 Prozent). Wobei die Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, so Arnold. Durch seine Verbindungen auf Schalke und das gute Netzwerk könnten die Meldungen überbetont sein: „Auf Schalke ist es nicht schlimmer als anderswo.” Schalke 04 engagiert sich aktiv gegen Diskriminierung. Zum Weltfrauentag 2024 startete der Verein gemeinsam mit der LAG Fanprojekte NRW, dem Schalker Fanprojekt und der Schalker Fan-Initiative eine Kampagne gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt beim Fußball. Ziel ist es, insbesondere weiblichen Fans ein sicheres Stadionerlebnis zu ermöglichen – auch auf dem Weg mit dem ÖPNV. Die #STEHTAUF-Anlaufstelle an Heimspieltagen bietet Betroffenen Unterstützung und die Möglichkeit, Vorfälle anonym zu melden: Männliche Fans sind Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung. Anlaufstellen in Stadien gibt es neben Schalke in Bielefeld, Lüdenscheid-Nord, beim 1. FC Köln, Preußen Münster, Bochum, Leverkusen und Düsseldorf. Begriffe wie „asozial“ oder „Ruhrpottkanaken“ waren ursprünglich als Beleidigung gedacht, doch haben Teile der Fanszene sie sich zurückgeholt: So entstand das Projekt „Unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“, bei dem Merchandise verkauft und der Erlös an Obdachlose gespendet wurde.

Ein Kreisdiagramm zeigt diskriminierende Vorfälle im Profifußball. Zahlen auch im Text.
Diskriminierende Vorfälle im Profifußball

Nackte Zahlen

2024 entfielen 43,9 Prozent auf den Profibereich (Vorjahr: 56,6 Prozent). In absoluten Zahlen: 1002 Meldungen in 2024 stehen 765 aus 2023 entgegen. Dabei veränderten sich die Meldungen aus dem Profibereich kaum (440 versus 433). „Insgesamt sind mehr Meldungen eingegangen, weil Medif NRW sicher bekannter geworden ist und wir natürlich auch landeweit unser Netzwerk vergrößert haben, dennoch bleibt es ein (kleiner) Ausschnitt”, erklärt Arnold. „Grundsätzlich betrei-
ben wir mit MeDiF-NRW eine Hellfeldforschung, das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches höher.”

Den Großteil machen Meldungen zu sexistischen Vorfällen aus (2024: 53,4 Prozent, Vorjahr 52,7 Prozent). „Dass Sexismus auf Platz 1 unserer Erhebungen liegt, hat mehrere Ursachen”, so Arnold. „Zum einen ist Sexismus im männlich geprägten Fußball nach wie vor ein großes Problem, zum anderen hat ein Learning stattgefunden. Das heißt, dass Menschen Sexismus als eben diesen wahrnehmen und auch nicht gewillt sind, diesen weiter hinzunehmen, was wiederum andere nicht davon abhält, sich sexistisch zu äußern oder zu verhalten.”

In der Statistik folgen rassistische Vorfälle (2024 13 Prozent, Vorjahr 13,6 Prozent). Patrick Arnold betrachtet den erstarkenden Rechtsextremismus in der Gesellschaft als große Herausforderung, die auch vor den Fußballstadien keinen Halt mache. „Dank einer sensiblen Fanszene, der langjährigen Arbeit von Fan-Ini, Fanbetreuung und Fanprojekt sowie der Satzung und dem handlungsweisenden Leitbild haben rechtsextreme Personen auf Schalke einen schweren Stand“, sagt Arnold. „Aber es gibt sie. Wir haben vermehrt Sticker aus rechten Versandhäusern und rechte Schmierereien gemeldet bekommen, darüber hinaus beobachten wir, dass extrem rechte Akteure der Kleinstpartei ,die Heimat’ den Stadionbesuch auf Schalke in den sozialen Medien dokumentieren, um ihre Anwesenheit bei solchen Veranstaltungen zu normalisieren.” Diesbezüglich bedürfe es gemeinsamen Agierens aller Akteure, um solchen Entwicklungen frühzeitig Einhalt zu gebieten.

Andere Kategorien sind:

  • Queerfeindlichkeit (2024: 10,2 / Vorjahr 12,2 Prozent)
  • Sonstiges (9,6; 3,2)
  • Ableismus (3,9 / 5,1)
  • Antisemitismus (3,9 / 7,4)
  • Türkischer Ultranationalismus (2024 2,5 / 2023 nicht erfasst)
  • Antiziganismus (1,8 / 3,5)
  • Klassismus (0,7 / 1,9)

Rund zwei Drittel (2023: 65 Prozent, 2024: 62 Prozent) betreffen Meldungen zu Vorfällen im Stadion und im Stadionumfeld am Spieltag. 47 Prozent der Meldungen sind Angaben der Form „ich habe etwas beobachtet / bezeugt“, gehen also nicht zwingend auf die von diskriminierenden Handlungen Betroffenen zurück. „Insgesamt haben wir das Gefühl, dass die Stimmung in den letzten zwei bis drei Jahren hinsichtlich diskriminierender Vorfälle sowie Ausschlussmechanismen eher rauer geworden ist, was auch daran festzustellen ist, dass Personen, die sich für Vielfalt im Fußball engagieren, als ,links’ oder ,woke’ gelabelt werden”, so Arnold.

Biotope für Nazis

Die Nazis infiltrieren die Kurve, stellen die Autoren des Berichts fest: Alemannia Aachen sei das „markanteste Beispiel“, denn „der fußballerische Erfolg dieser Saison brachte aber eine Rückkehr der rechten Hooligans mit sich. Der Verein selbst scheint nicht willens zu sein, wirklich etwas gegen die rechtsextremen Fans in der eigenen Kurve zu tun und die Posse um die Postings bezüglich Teilnahme an Demos gegen Rechts sowie die engen Kontakte ins rechte Milieu von Teilen der Vereinsführung runden diesen Eindruck ab.“ Demgegenüber kam eine Studie von Alemannia Aachen selbst 2024 zu dem Schluss, es gebe bei ihnen keine rechten Netzwerke. Doch „insgesamt bleibt die Objektivität hier allerdings fraglich und viele Ereignisse deuten auf erhebliche Raumaneignungen durch Rechtsextreme bei Alemannia Aachen.“

Bei Westfalia Herne konnten die Fanprojektler Personen „mit offen rechtsextremen Tattoos und Kleidung“ beobachten und hörten immer wieder den Schlachtruf: „SS, SA, Westfalia“. Das fand schon im Medif-Bericht 2022 Erwähnung, passiert ist offensichtlich nichts. Weitere Blicke richten sich zur „Brigade Bocholt“ und die „Alte Garde Erkenschwick“. Ebenfalls eine „Alte Garde“ gibt es in Essen, die gemeinsam mit „Ruhrpottkanacken Essen“ und der „Brigade Essen“ das „Gewaltmonopol im Stadion“ innehaben. Sie „unterbinden jegliche ‚politische‘ Meinungsäußerung, wobei hiermit antirassistische Positionen gemeint sind. Zwar versuche der Verein, dagegen vorzugehen, Erfolg habe er damit nicht gehabt.
Enthemmung online

31 Prozent (über den Berichtszeitraum) sind Meldungen aus dem Online-Bereich wie Kommentare, Beiträge oder Posts aus den „sozialen“ Medien. Dabei treten unter den 555 Meldungen hier besonders Queerfeindlichkeit (156), Rassismus (131), Sexismus (126) und Antisemitismus (93) hervor. „Eine Zäsur stellte der 7. Oktober 2023 dar, weil im zeitlichen Nachgang des Terrorangriffs der Hamas auf die zivile Bevölkerung im Süden Israels eine Polarisierung von statten ging, so dass ein gesamtgesellschaftlicher Anstieg von antisemitischen Vorfällen in Deutschland zu verzeichnen war.“ Das habe auch die Hemmschwelle in Foren, Chats oder „sozialen“ Medien gesenkt.

GruppaOF

Dafür ist „GruppaOF“ ein gutes Beispiel. Hier finden sich Videos vor allem von kämpfenden Gruppierungen. Die Betreiber beschreiben sich selbst als unpolitisch. Zu diesem Ergebnis kam auch die Bundesregierung nach einer kleinen Anfrage der Fraktion von „Bündnis 90 / Die Grünen“: „Bei der Hooligan-Plattform GruppaOF handelt es sich um eine Plattform, die von Nutzern insbesondere zur martialischen Selbstinszenierung durch die Darstellung von Hooligangewalt, überwiegend solcher ohne politischen Bezug, genutzt wird.“ Anders sieht es in den Kommentaren aus. Gerade Gruppierungen, die sich selbst als antifaschistisch bezeichnen, bekommen antisemitische, queerfeindliche, sexistische und rassistische Kommentare. Und auch die Betreiber können gelegentlich von Desinformation nicht lassen. Hier wie überall empfiehlt die Medif, solche Kommentare den Plattformbetreibern zu melden – eine Moderation der Inhalte durch die Betreiber selbst sei „nicht zu erwarten“. Nur wenige Nutzer sorgen für viele Hasskommentare. Und man solle Gegenrede betreiben. Je mehr, desto besser.

Graues Wolfsrudel

Die Rubrik „türkischer Ultranationalismus“ (Stichwort: „Graue Wölfe“) ist 2024 neu in die Statistik aufgenommen worden. Hier existiere eine Forschungslücke, die die Meldestelle für Fußball in NRW nunmehr aufarbeiten möchte. Das Wissen soll aufbereitet und Funktionären, Sozialarbeitern und Interessierten zur Verfügung gestellt werden. Mit dieser Handreichung sollen diese nicht zuletzt auch entsprechende Symbole in Stadien erkennen können.

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