Während des Vortrags wird ein Bild der Vortragenden auf eine Leinwand 1projiziert.

Der Vorhof der Hölle

(mg) Als eines von 132 Kindern hat Thomas Gabelin das Nazi-Durchgangslager Theresienstadt im heutigen Terezin überlebt. Auf Schalke schilderte er die Geschichte seiner Familie.

Anlässlich der mittlerweile jährlich stattfindenden Gedenkstättenfahrt des FC Schalke 04 gab es am 3. Oktober zum „Einstieg” einen Zeitzeugenbericht von Thomas Gabelin, überlebender des Durchgangslagers Theresienstadt. Zusammen mit Louis Pawellek, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die NS-Zeit und die Grausamkeiten der Nazis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat er hundert Schalkern die Geschichte von Thomas Gabelin und dem Durchgangslager Theresienstadt näher-
gebracht.

Während des Vortrags wird ein Bild der jungen Familie auf eine Leinwand projiziert.

Louis hat in jungen Jahren eine ältere Dame kennengelernt und sich schnell mit ihr angefreundet. Im Laufe der Zeit erfuhr er ihre Geschichte und dass sie die Gräuel der Nazis miterleben musste. Seitdem versucht er das Thema in den Vordergrund zu rücken und den Menschen von dieser schlimmen Zeit zu Berichten. Insgesamt hat er schon mit mehr als zwei Dutzend Überlebenden zusammengearbeitet und ist häufig unterwegs, um diese Geschichten zu erzählen. Häufig auch mit einem bzw. einer Überlebenden. Im ersten Teil des Vortrags erzählt Louis über die Geschichte des KZ Theresienstadt. Eine Luftaufnahme des KZ lässt viele für einen Augenblick erschauern, da das Lager aussieht wie ein riesiger Judenstern. Doch das ist mehr Zufall als alles andere, da die Stadt als alte Garnisonsstadt errichtet wurde. Das Lager oder viel eher Ghetto liegt zwischen zwei Städten und wurde am 10. Oktober 1941 durch Adolf Eichmann errichtet. Es „beherbergte” mehr als 141.000 Juden, was im Vergleich zu den 8000 Einwohnern von Terezín eine aberwitzige Zahl ist. Normale Bürger wurden verscheucht und da das Lager weit weg von den großen Städten war, bekam so gut wie niemand etwas vom Treiben im Lager mit.

Das Lager diente als eine Art Zwischenhalt bis Ausschwitz, weshalb es auch den Titel „Vorhof zur Hölle” bekam. In dem Lager gab es besonders viele Kinder und von diesen hat nur ein kleiner Bruchteil überlebt. Den deportierten Juden wurde vor der Abreise nach Theresienstadt noch gesagt, was sie mitbringen durften. Den älteren Menschen wurde das Lager sogar als Alterssitz verkauft. Obwohl es keine Tattoos gab und die Juden nach der Ankunft nur eine Kennung auf einer Karte erhielten, waren sie doch nicht mehr als bloße Nummern im System der Nazis.

Neben dem Lager für Juden gab es noch ein kleineres Lager, welches als Gestapo-Gefängnis für politische Gefangene diente. Die Men­-
schen hatten in dem Ghetto keine richtigen Gebäude, sondern mussten eher unter der Erde schlafen. Gegen Ende des Krieges hatte sich schon herumgesprochen, was in Ausschwitz zu erwarten war und dementsprechend wuchs die Angst von Tag zu Tag, dass nicht auch in Theresienstadt aus den Wasserhähnen kein Wasser, sondern Gas kommt.

Besonders perfide sind die diversen Promis, die in dem Lager vorbeischauten und dabei gefilmt wurden. Es sollte ein toller Ort gezeigt werden, obwohl dort die Menschen litten. Auch ein Besuch des internationalen Roten Kreuzes half den Menschen nicht. Kurzerhand erfanden die Nazis eine eigene Währung für das Ghetto, um den Anschein einer funktionierenden Stadt zu erwecken. Einen Wert hatte die Währung natürlich nicht.

Im zweiten Teil der Veranstaltung begann Thomas die Geschichte seiner Familie zu erläutern. Zu Beginn schildert er die Geschichte seiner Großeltern. Die Eltern seiner Mutter, die auch aus Krefeld stammten, verloren ihre Jobs und hatten es schwer in Krefeld. Obwohl sein Opa nur mit einer Jüdin verheiratet war und selbst katholisch war, wurde ihm die Konzession als Elektromeister entzogen und er musste danach als Hilfsarbeiter bei Krupp arbeiten.

Thomas Mutter und ihre Schwester waren ebenfalls Jüdinnen. Während seine Tante auf eine jüdische Schule ging, musste seine Mutter auf eine katholische Volksschule, in welcher sie aufgrund ihrer Herkunft gemobbt wurde und schlussendlich von der Schule genommen werden musste. Eine Ausbildung konnte seine Mutter aufgrund der Herkunft ebenfalls nicht bestreiten. Thomas’ Tante musste sogar einen Judenstern tragen, weshalb es große Diskussionen in der Familie gab. Trotz diverser Beschwerden änderte sich nichts zum Positiven und schlussendlich musste sogar die ganze Familie den Stern tragen. Auch der katholische Vater.

Thomas’ Vater arbeitete als Kaufmann. Als er eines Tages ein Bild von Adolf Hitler aus seinem Büro entfernte, wurde er verpfiffen und anschließend gefeuert. Zum Glück konnte er einen Job als Kraftfahrer ergattern und lernte so seine spätere Frau kennen. Da Thomas’ Mutter mit seinem Bruder schwanger wurde, mussten die Eltern 1942 heiraten. Aufgrund ihrer Herkunft war es nahezu unmöglich, eine Wohnung zu finden. Doch wieder half der Chef von Thomas’ Vater der jungen Familie und vermittelte einen Kontakt zu einer älteren Dame, die die Familie aufnehmen wollte.

Am 17. September 1944 wurden Thomas’ Eltern verhaftet und zum Sammelplatz für den Zugtransport gebracht. Da jedoch der Sohn der beiden, Richard, nicht auf der Liste stand, kümmerte sich Thomas’ Opa um seinen Verbleib bei einer Bekannten. Auf dem Weg zum Bahnhof wurde der Marsch von diversen Passanten verfolgt. Wer sagt, er habe von den ganzen Machenschaften der Nazis nicht gewusst, hat gelogen. Da Thomas’ Mutter mit ihm schwanger war, wollte sie bei ihrem Mann bleiben, doch Männer und Frauen mussten getrennt voneinander nach Theresienstadt fahren. Letztendlich wurde es ihr dennoch mit den Worten „sterben müsst ihr ja eh” gestattet.

Das Leben in Theresienstadt war für Thomas’ Eltern schlimmer als man sich vorstellen kann. Sein Vater musste Baracken bauen und seine Mutter beim Abbau des Minerals Glimmer helfen. Als Thomas zur Welt kam, gab es kein fließendes Wasser und so wurde der Schnee über einem Ofen erhitzt und den inhaftierten Ärzten zur Verfügung gestellt.

Nachdem die Ostfront immer näherkam, wurden 30.000 Beutel mit Asche in den Fluss Elsa geworfen – die Asche der Gestorbenen in Theresienstadt. Durch die Zustände und die diversen Toten, die mit den Waggons ankamen, breitete sich kurz vor der Befreiung Typhus aus, wodurch auch Thomas’ Großmutter starb, die sich freiwillig als Pflegekraft gemeldet hatte. Nachdem die Quarantäne in dem Lager beendet war, ging Thomas’ Familie zurück nach Krefeld. Insgesamt wurden 65 Menschen aus Thomas’ Familie von den Nazis ermordet.

Seine Erläuterungen beendet Thomas Gabelin eindrucksvoll mit den Worten: „Vielen Dank an alle hier auf Schalke – ich hoffe, ich habe hier Mitkämpfer gegen Rechts!”

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