(mg) Der letzte Halt vorm Tod ist ein schöner Park, der für Spaziergänge oder Hunderunden genutzt wird. Es ist nicht mehr viel übrig vom einstigen Durchgangslager Westerbork. Dennoch bot der FC Schalke in Zusammenarbeit mit dem Schalker Fanprojekt einen Tagesausflug in jenes ehemalige Durchgangslager in den Niederlanden an.
Nachdem Schalke auf seiner Homepage bekannt gab, erneut eine Gedenkstättenfahrt anzubieten, war für mich schnell klar, dass ich endlich auch einmal an dieser teilnehmen möchte. Bei den letzten Fahrten konnte ich aus verschiedenen Gründen leider nicht teilnehmen. Die Gedenkstättenfahrt wurde von zwei Dutzend 25 Schalkern angetreten, die sich gegen 9.04 Uhr per Bus auf in die Niederlande machten. Die Fahrt gestaltete sich sehr kurzweilig und verging wie im Flug.

Gegen 12 Uhr erreichten wir unseren Zielort, das Museum des Durchgangslagers Westerbork. Vergeblich suchten wir das eigentliche Lager, das nicht wie erwartet direkt am Museum war, sondern wenige Kilometer entfernt. Für uns stand erst einmal ein Besuch im Museum mit anschließendem Vortrag von Thomas Spiegel zur Schalker Vergangenheit in der NS-Zeit an. Die Zeit für den Besuch im Museum war leider etwas knapp bemessen, sodass man nicht alle Exponate in Ruhe anzuschauen konnte. Man fühlte sich getrieben. Im Museum waren alle Texte auf Niederländisch, weshalb wir ein kleines Buch bekamen, in dem zu jedem Text die Übersetzung auf Deutsch abgedruckt war. Dennoch war es mehr als besonders die vielen Exponate aus der Zeit zu sehen.
In diversen Audioaufnahmen von ehemaligen Insassen des Durchgangslagers schilderten diese eindrucksvoll, wie es damals gewesen ist. Eine Frau erzählt von der in Westerbork vorhanden Bühne für Künstler, die jeden Abend mit etwas anderem bespielt wurde. Mal waren es Kabarettisten, mal Sängerinnen oder auch mal Maler, welche die anderen belustigen und so bei Laune halten sollten. Die Bühne war im gleichen Raum, in dem morgens die Transportlisten für Auschwitz verlesen wurden. Morgens werden deine Freunde nach Auschwitz geschickt und am Abend sollst du fröhlich lachend die Show genießen. Makaber.
Neben den diversen Audioaufnahmen gab es auch etliche Videoaufnahmen zu sehen. Die vielen Zeitungsberichte aus der Zeit rundeten den medialen Rundumschlag aus der Zeit gut ab. Daneben gab es noch viele Koffer und persönliche Gegenstände der „Inhaftierten“ zu sehen. So gab es neben vielen Tassen und Kleidungsstücken sogar ein paar Fußballschuhe zu begutachten.
Speziell der Nachbau einer Baracke mit entsprechender Inneneinrichtung blieb mir im Gedächtnis. Es gab keine Matratzen oder sonstige Annehmlichkeiten. Geschlafen wurde in Hochbetten auf drei Etagen, wobei jede Etage nur aus ein paar Holzbrettern bestand. Wie die Menschen darauf schlafen konnten, bleibt für mich ein Rätsel, wenn sie denn überhaupt geschlafen haben. Auch der Nachbau des gesamten Lagers Westerbork im Miniaturformat war sehr beeindruckend. Noch mehr allerdings, wenn man das zuvor in Miniatur gesehene danach in „echt“ sieht.
Nachdem wir das Museum erkundet hatten, wurden wir von unserer Fanbetreuung gebeten, zum Vortrag von Thomas Spiegel in einen extra für uns bereitgestellten Raum zu gehen. In dem Vortrag bekamen wir einen guten Einblick auf den FC Schalke in der NS-Zeit. Schon direkt nach der Machtergreifung durch die Nazis kam es in ganz Deutschland dazu, dass Juden schlecht behandelt wurden und als minderwertig angesehen wurden. Auch bei Schalke war dies nicht anders. Noch bevor die Juden offiziell durch das NS-Regime nicht mehr in Sportvereinen geduldet waren, hatte Schalke diverse jüdische Mitglieder und Funktionäre aus dem Verein ausgeschlossen. Dies war in sehr vielen Sportvereinen in Deutschland zu der Zeit üblich.

Bei Schalke durften so unter anderem Jugendspieler Ernst Alexander und der zweite Vorsitzende Paul Eichengrün nicht mehr im Verein tätig sein bzw. für diesen spielen. Eichengrün kümmerte sich um die erste Mannschaft und fungierte als Bindeglied zwischen Mannschaft und Verein. Schalke 04 galt während der NS-Zeit als Nazi-Verein, unter anderem weil der Verein in dieser Zeit so oft wie kein anderer Verein ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft einzog und somit auch von den Nazis für Propagandazwecke ausgenutzt wurde. Diversen Spielern wurden Wörter in den Mund gelegt, die sie so niemals gesagt haben sollen. Während des Vortrags stand besonders Ernst Alexander im Fokus, der nach der Reichspogromnacht in die Niederlande flüchtete. Über das Durchgangslager Westerbork wurde Ernst Alexander schließlich dennoch nach Auschwitz deportiert und dort durch die Nazis ermordet.
Im Anschluss an den Vortrag stand der eigentliche Besuch des ehemaligen Durchgangslagers Westerbork an. Per Bus-Shuttle wurden wir zum ehemaligen Lager gefahren. Das Museum befindet sich nicht in direkter Nähe zum Lager, weil das Lager im Laufe der Jahre unter anderem für Sternenbeobachtungen genutzt wird. Das Museum wäre da störend gewesen. Mittlerweile nutzen viele Niederländer das Lager, um spazieren oder um mit Ihren Hunden Gassi zu gehen. Das wird diesem historischen Ort nicht gerecht.
Im Lager bekamen wir durch eine nette deutschsprechende Frau eine Führung zu den wichtigsten Orten im Lager. Das unter einer Glaskuppel gestellte Haus des Lagerkommandanten machte dabei den Anfang. Es ist das einzige noch verbliebene Gebäude des gesamten Lagers. Uns wurde berichtet, dass das Durchgangslager nicht immer für die Deportation von Juden benutzt wurde. Bei seinem Bau 1939 diente das Lager vor allem dazu, die Juden in den Niederlanden zu schützen und ihnen eine Fluchtmöglichkeit zu geben. 800 Flüchtlinge verbrachten hier ihr Leben und halfen den Ort aufzubauen. Im April 1940 wurde dann ein Evakuierungsplan erarbeitet. Die Juden sollten per Zug und anschließend per Schiff nach England transportiert werden.
Durch den Einmarsch der Nazis konnte dieser Plan aber nie wirklich in die Tat umgesetzt werden und die schon auf dem Weg nach England befindlichen Juden wurden zurück nach Westerbork geschickt. Uns wurde bei dem Rundgang erklärt, dass es im Durchgangslager alles gab: eine Schule für Kinder und auch ein sehr großes Krankenhaus mit knapp 1700 Betten. Das war auch das Ziel von vielen der „Inhaftierten“ dort Arbeit zu finden. Dies gelang nur den wenigsten. Besonders beeindruckend waren die beiden Waggons, die für den Transport der Menschen nach Auschwitz genutzt wurden. Normalerweise wurden diese Waggons für den Transport von Vieh benutzt. Bis zu 70 Leute wurden in einen Waggon eingesperrt. Ohne Essen, ohne Trinken und ohne die Möglichkeit aufs Klo zu gehen. Auch schlafen war nicht möglich. Durch die große Anzahl an Personen pro Waggon konnte man nur stehen. Uns blieb allen ein bisschen die Luft weg, als wir uns vorstellten, wie es sein muss, in einem dieser Waggons eingesperrt nach Auschwitz transportiert zu werden. Ein abscheuliches Gefühl.

Zum Abschluss der Führung wurden uns noch zwei Denkmäler gezeigt, die an die Verstorbenen bzw. Deportierten erinnern sollen. Zum einen das Denkmal der 102.000 Steine. Jeder Stein symbolisiert dabei einen „Inhaftierten“ des Lagers Westerbork. Eine surreale Anzahl. Jeder Stein ist dabei unterschiedlich hoch. Das soll die Individualität jedes einzelnen „Bewohners“ symbolisieren. Ein sehr schönes kleines Detail wie ich finde. Die Steine sind so angeordnet, dass sie die Form der Niederlande darstellen. Auf jedem Stein ist weiterhin ein Symbol abgebildet. Ein Stern steht für jüdischen „Bewohner“, ein Kreis für die im Lager lebenden Sinti und Roma und wenn der Stein kein Symbol hat, steht dies für die Widerständler.
Das zweite Denkmal besteht aus Eisenbahnschienen, die auf 97 Schwellen liegen. Die 97 Schwellen symbolisieren die 97 Transporte aus dem Lager Westerbork in die Vernichtungslager der Nazis. Die Kiesel unter den Schwellen sind schwarz, was für die Jüdische Bevölkerung stehen soll und weiß, was für alle anderen stehen soll. Die Mauer hinter dem Rammbock am Ende der Schienen symbolisiert die Mauer der Menschen im Lager, die nicht nach draußen konnten. Vom Fanprojekt bekam jeder von uns einen weißen Kiesel, den wir mit in das Denkmal legen konnten. Ein ergreifender Moment für uns.
Nachdem wir alle die weißen Kiesel abgelegt hatten, ging es per Bus zurück ins Museum. Zur Führung muss man sagen, dass es ein bisschen den Eindruck machte, als sehen sich die Niederländer als unschuldig an und nur die Deutschen hätten die Juden deportiert. Auch die Niederländer haben dabei mitgemacht. Zurück im Museum trafen wir uns noch einmal im Besprechungsraum und jeder hatte die Möglichkeit sich noch einmal zu dem Gesehenen zu äußern. Uns wurde versichert, dass niemand mit dem Thema allein sein muss und wir uns jederzeit auch an den FC Schalke wenden können, um darüber zu sprechen. Danach ging es mit dem Bus zurück nach Gelsenkirchen.
Es war ein insgesamt sehr interessanter Tag, an dem wir viel Neues über das Durchgangslager und den Bezug von Schalke durch Ernst Alexander zu dem Lager gelernt haben. Der Altersdurchschnitt war für mich überraschend niedrig, was mich aber sehr erfreut hat. Ansonsten wäre es bei einer weiteren Fahrt besser, wenn man etwas mehr Zeit einplanen würde. Man fühlte sich immer unter Zeitdruck und konnte sich nicht in Ruhe alles angucken.

