Nummer 27 - 2000/09

Auszüge aus dieser Ausgabe:

“Das 04 kann man streichen” - Interview mit Paul Matzkowski
Lieber Andy Möller
Mein erstes Mal
Von A2 über B5 nach C3



“Das 04 kann man streichen”

(fr/bob/axt) In drei Monaten wird er 80 Jahre alt - “wenn ich das noch erlebe”, so der rüstige Fußball-Rentner nonchalant. Paul Matzkowski, Schalkes Altinternationaler, der aber im sogenannten “3. Reich” nicht zum Einsatz kam: 40 reisten zur Auswahl an, 39 durften spielen - nur Paul Matzkowski nicht, denn er war in keinem der Verbände, in denen man als “strammer Deutscher” hätte sein müssen. SCHALKE UNSER sprach mit ihm über Macht, Möller und Moneten.

SCHALKE UNSER:
Paul Matzkowski, als alter Schalker Knappe haben Sie die Entwicklung des FC Schalke 04 jahrelang verfolgt. Was würden Sie Schalke heute raten?

PAUL MATZKOWSKI:
Man kann sich heute gar nicht ausmalen, was sich da im Augenblick zusammen ballt. Nach meinem Dafürhalten kann das Wichtigste - und das kann man dem Rudi und allen, die etwas zu sagen haben, nur zurufen - nur die Mannschaft sein. Auf die muss man sein Augenmerk richten. Wenn das nicht klappt, dann tun die mir jetzt schon leid. Ich kann mir da auch kein Bild machen, aber wenn ich über die Finanzen nachdenke: Wo sind die Gelder hergekommen? Wenn das schief geht, werden sich einige warm anziehen müssen, dann sind die weg. Der Fan wird die Mannschaft nur so lange unterstützen, wie die Erfolge da sind. Schalke ist zum Erfolg verdammt. Es wäre eine Schande, wenn Schalke 04 seinen Nimbus verliert, aufhört, Schalke 04 zu sein.

SCHALKE UNSER:
Sie waren jahrelang Kapitän, haben Sie noch Kontakt zu anderen Spielern aus ihrer Zeit?

PAUL MATZKOWSKI:
Weniger. Manchmal mit dem Heinz Kersting und dem Walter Klimmek, hin und wieder gibt es Treffen. Ich lade ja eigentlich nicht offiziell ein, aber der ein oder andere wird auch sicher zu meinem 80. Geburtstag kommen.

SCHALKE UNSER:
Wir schreiben das Datum besser nicht rein, sonst ist die Hütte voll. Haben Sie denn noch Kontakte zur jetzigen Geschäftsführung?

PAUL MATZKOWSKI:
Nein, vor zwei Jahren hatte ich noch eine Ehrenkarte. Da bekam ich einen Anruf von der Geschäftsstelle, “Herr Matzkowski, sind Sie damit einverstanden, einen anderen Platz zu bekommen? Wir brauchen Ihren für einen Sponsoren.” - “Für einen Sponsor immer”, habe ich großzügig gesagt. Und ein Jahr später habe ich gar keine mehr bekommen.

SCHALKE UNSER:
Geht Ihnen denn Schalke 04 immer noch nah?

PAUL MATZKOWSKI:
Ja, immer noch. Man hat mich damals schon zu meiner Zeit wecken können, “der Verein wartet auf Dich, sonst gibt es kein Geld.” Und dann habe ich Nachtspiele gemacht und bin direkt danach mit dem Zug zurück gefahren, um nur ja pünktlich zur Arbeit zu fahren.

SCHALKE UNSER:
Würden Sie denn heute etwas anders machen?

PAUL MATZKOWSKI:
Nein, ich war ja verrückt. Das war als Kind schon so: Wenn ein Spiel Straße gegen Straße war, dann war ich weg, da konnte Mutter mich suchen. Ich bin in einer Siedlung groß geworden: eine Mauer da und eine Mauer dort, da wurden Kopfbälle geübt. Das sieht man heute doch gar nicht mehr. Wo ist denn noch eine Sandkuhle, wo Sprungkraft geübt wird? Heute läuft man nur und läuft und läuft. Damals war das noch schwerer, was hatten wir denn für Schuhe an, die waren Kilos schwer! Damals, ich war noch bei Westfalia, spielten wir gegen die englische Mannschaft. Der Commandeur aus Newcastle kam nach dem Spiel zu mir und wollte meine Entlassungspapiere von der Wehrmacht sehen. Als ich die zeigte, sagte er nur “schade!” - denn der hätte mich ohne Papiere glatt nach England mitgenommen. Aber dafür hat er mir Schuhe geschenkt. Das war rotes Leder, knochenhart.

SCHALKE UNSER:
Haben Sie die noch?

PAUL MATZKOWSKI:
Nein, man hätte das verwahren sollen. Aber in meiner Wohnung habe ich keine Erinnerungsstücke mehr an Schalke. Ich kriege ja übrigens auch von Schalke keine Rente: Manchen haben sie Rentenbeiträge gezahlt, aber für die meisten war kein Pfennig in der Rentenkasse da. Und wir haben uns so bemüht, bis nach Münster bin ich gegangen, und dort hat man uns gesagt: Die Schalker haben eine Rentenkasse gehabt, aber die ist aufgebraucht. Für uns ist nichts bezahlt worden; das macht für mich 300, 400 Mark aus, die ich nicht habe. Ich bin ohne Schulden ausgekommen. Wenn mich heute einer fragt “Warum gehst Du nicht zum Platz”, dann kann ich sagen: “Das kann ich mir nicht leisten, dann ist eine Monatsrente weg.”

SCHALKE UNSER:
Sind sie denn heute noch sonst irgendwie in den Verein integriert?

PAUL MATZKOWSKI:
Nein, gar nicht. Bis 1995 war ich noch im Ehrenrat tätig, 21 Jahre bis dahin. Das ist allerdings auch für mich abgeschlossen. Damals, 1995, gab es die Geschichte mit Kremers und Assauer, diese Querelen. Ich habe damals mit Kremers und Konsorten gesprochen, die sollten aus dem Verein ausgeschlossen werden. Ich habe es nicht eingesehen, schließlich haben sie einiges für den Verein geleistet. Und so ist auch im Ehrenrat entschieden worden: Dass sie bleiben. Und ich sage heute: Nie wieder setze ich mich in ein Gremium, aus dem wir rausgehen, wenn eine Entscheidung gefallen ist und zwei Leute krakeelen hinterher herum. Übrigens zwei, die noch heute im Aufsichtsrat beziehungsweise im Ehrenrat sitzen. Nie wieder!

SCHALKE UNSER:
Was ist denn damals passiert?

PAUL MATZKOWSKI:
Die haben damals erklärt: “Wir waren dagegen, dass Kremers und Co. nicht aus dem Verein ausgeschlossen werden” - die Niederlage war ja da, drei zu zwei ist eine klare Entscheidung. Aber sie haben sich reingewaschen gegenüber der Öffentlichkeit. Und dann wurde ja auch die Satzung geändert. Ich meinte dazu: “Die Satzungsänderung ist doch wie geschaffen für einen Vorstand.” Da ist der Vorstand, da ist der Aufsichtsrat, und wenn heute einer in den Aufsichtsrat hinein will, der muss über ein Gremium namens “Wahlausschuss”. Das befürwortet oder lehnt ab - und nur so kommt man in den Vorstand hinein oder hinaus. Und das Mitglied kann nur über die Kandidaten abstimmen, die der Wahlausschuss vorschlägt. Das ist die einzige Möglichkeit. An den Vorstand selbst kommt man nicht heran.

SCHALKE UNSER:
Der Aufsichtsrat ist in der Wirtschaft ja eine Kontrollinstanz für den Vorstand. Meinen Sie, dass das auf Schalke so ist?

PAUL MATZKOWSKI:
Um die Entscheidung nachvollziehen zu können, muss man schon mittendrin sein; die Gründe dringen ja nicht nach außen. Auf Schalke entscheiden ohnehin wenige, meist einer. Das ist eigentlich ein Ein-Mann-Betrieb.

SCHALKE UNSER:
Das ist auch die Angst, die wir als Fans haben, dass dieser Verein sich so langsam überlebt. Auf uns kommt die Aktiengesellschaft zu. Wird das noch der Verein sein, dem wir früher einmal beigetreten sind?

PAUL MATZKOWSKI:
Nein, überhaupt nicht. Die Aktiengesellschaft kommt ohne weiteres dazu, ja. Das “04″ kann man streichen. Das ist eine Tatsache, damit muss man sich abfinden. Das ist genau wie bei Bayer Leverkusen: Wenn die da oben sagen “halt, stop!”, dann wird gehalten und gestoppt, dann läuft bei Bayer Leverkusen gar nichts.

SCHALKE UNSER:
Apropos Stoppen: Zu ihrer Zeit wurden Sie als einer der besten Stopper der Liga gehandelt. Damals sollen Ihnen sogar die Spieler aus Dortmund Respekt gezollt haben.

PAUL MATZKOWSKI:
Nicht nur das, sie waren auch bei mir in der Wohnung.

SCHALKE UNSER:
…und wollten Sie kaufen?

PAUL MATZKOWSKI:
Was heißt kaufen? Die haben mir hier Geldscheine auf den Tisch gelegt, da konnte ich nur von träumen. Da bin ich zum Vorstand gegangen und habe gesagt, dass ich ein schönes Angebot habe, und da hat mir der Fritz Szepan Gott-was-weiß-ich-nicht-alles in die Hand versprochen. So einen Lügenbold hatte ich vorher noch nie kennen gelernt. Ich bin trotzdem geblieben, wir waren hier ja familiär gebunden. Meine Frau hat auch gesagt: “Wenn Du den Koffer noch einmal packst, dann ist für uns Sabbat.”

SCHALKE UNSER:
War das damals auch für Sie eine gewisse Art von Vereinstreue?

PAUL MATZKOWSKI:
Doch ja, zumindestens ist man nicht so leicht gegangen. Da war ja auch noch das Zwischenmenschliche. Es fing an in den Jahren 1954/55: Da wurden in der Oberliga Spieler miteinander und gegeneinander verkauft - der Wechsel innerhalb der Vereine begann. Heute geht es oft nur noch um’s Geld, und ich verstehe das auch, wenn ein Spieler aus dem, was er kann, auch etwas machen möchte. Aber ich weiß auch nicht, was das auf gewisse Zeit hinaus bedeuten wird: eine Million, zwei Millionen - das ist mit dem Mpenza heute das gleiche: Für 17 wollen wir ihn nicht hergeben, für 18 oder 19 vielleicht. Der Rudi ist ja auch hinter dem Geld her, und wenn er 25 oder 30 Millionen für den kriegt, dann ist der morgen weg.

SCHALKE UNSER:
Unter welchen Umständen haben Sie den Fußball in ihrer Zeit auf Schalke erlebt?

PAUL MATZKOWSKI:
Ich bin 1948 zu Schalke gekommen und war erst ab September spielberechtigt; damals galten noch die Amateur-Statuten. Ich habe allerdings schon vorher mit den Schalkern zusammen gespielt, da waren wir mit der Westfalen-Mannschaft unterwegs und haben gegen die Braunschweiger Auswahl und gegen Bielefeld gespielt. Und bevor die Meisterschaft anfing, waren wir ja auf Tournee - und in Süddeutschland bekam ich eine böse Verletzung, als der Lehmann mir mit seinen Zähnen ins Knie reingehauen ist. Und statt mich ins Krankenhaus zu bringen und die Wunde auszuwaschen, bin ich nach Hause und habe mich hingelegt - und mein Hausarzt musste nach acht Tagen feststellen, dass ich eine regelrechte Vergiftung im Knie hatte. Ich bin dann ins Krankenhaus gekommen und wurde operiert - Gott sei Dank, denn 14 Tage später hätte ich das steif gehabt.

SCHALKE UNSER:
Eine richtige medizinische Abteilung gab es damals nicht?

PAUL MATZKOWSKI:
Wir hatten zwar einen Arzt, aber eine medizinische Abteilung haben wir erst aufgebaut, als die Tribüne in der Glückauf-Kampfbahn errichtet wurde, da gab es Platz für die Räume. Damals ging auch das Fieber wieder los, obwohl wir eigentlich abgestiegen waren; der Abstieg stand ja schon fest. Aber dadurch, dass wir die Aufstiegsrunde kriegten und in Wuppertal 9:0 siegten, blieben wir in der Oberliga. Das war für Schalke beinahe so etwas wie eine Meisterschaft, da begann wieder der Aufschwung.

SCHALKE UNSER:
Für uns als Fans hat Schalke ja nicht nur etwas mit Geld oder Macht zu tun, sondern da stehen die Mannschaft und die Erfolge im Vordergrund.

PAUL MATZKOWSKI:
Die haben ja auch was erreicht, als sie im UEFA-Cup waren. Im nächsten Jahr sind sie nicht so weit gekommen, aber noch erfolgreich genug. Aber danach folgt die Lücke - wie jedesmal: Sie wurden 1958 deutscher Meister, und dann folgte lange nichts. Dann kam Klaus Fischer, sie wurden Pokalsieger. Es gab damals schon tolle Leute wie Fischer und Abramczik: Abramczik gab die guten Flanken, und Klaus war der Mittelstürmer, der entsprechend reagieren konnte. Der wusste, wo er stand, und das macht heutzutage einen guten Stürmer aus. Den Strafraum muss ein Stürmer blind kennen. Genauso mit dem Max. Der war ein Spieler, der eingesetzt werden muss, der hat nur eines nicht verstanden: Der blieb immer in der Mitte und ging nie raus. Und es ist für einen Abwehrspieler leicht, sich darauf einzustellen. Ich war jahrelang Mittelstürmer und bin hinterher zum Mittelläufer geworden. Es war für mich leicht, mich gegenüber dem Gegner einzustellen, ich war schnell und wendig genug, auch wenn es manchmal schwer war. Wenn es gegen Ottmar Walter ging, da konnte ich vorher ruhig schlafen. Aber wenn ich schon den Namen Bubi Hetzel hörte. Wenn der in Form war, war der kaum zu halten. Aber bei Sepp Herberger bekam der nie die Chance. Er hat geraucht, und das hat der Sepp Herberger nie gern gesehen.

SCHALKE UNSER:
Kinder von Traurigkeit waren sie aber alle nicht?

PAUL MATZKOWSKI:
Oh, das kann ich so nicht sagen. Ein Beispiel: Wir haben 1956 ein Spiel gegen Kaiserslautern gehabt. Die Bude war danach voll und die Fans hingen einem am Hals und sagten: “Trink doch einen!”. Wenn man das nicht machte, dann hieß das, man sei arrogant. Aber es ging nicht: Man hatte morgens seine letzte Suppe gehabt, man konnte nichts trinken. Das konnten die Fans oft nicht einsehen. Aber später doch, wenn sie den einen oder anderen vollgekotzt von der Toilette kommen sahen. Die Spieler selbst haben nach jedem Spiel zusammen gesessen und das Spiel analysiert - was war gut, was schlecht? Das ist heute nicht mehr so, aber das kann ich auch verstehen: Wenn man die ganze Woche unterwegs ist, dann möchte die Familie doch wenigstens am Wochenende etwas von einem haben.

SCHALKE UNSER:
Hat sich denn im Spiel auch etwas verändert?

PAUL MATZKOWSKI:
Oh ja, früher spielte jeder gegen jeden. Und wenn man Schwachpunkte in der Mannschaft hatte, musste ein anderer dementsprechend mehr leisten und ein anderer entsprechend weniger. Und in der Abwehr war der letzte Mann dann eben auch der letzte; der musste auf der Hut sein. Wenn heute die Viererkette einmal gesprengt ist durch einen schnellen Mann, dann ist sie ausgespielt. Beim WM-System war es so, dass ich immer hinten in der Mitte bleiben musste - ging mein Gegner an den Flügel, dann nahm ich den nächsten, und mein Mitspieler musste an den ran.

SCHALKE UNSER:
Moderner Fußball ist also heute technischer geworden?

PAUL MATZKOWSKI:
Technischer, nun ja, es ist für den einzelnen vielleicht leichter geworden. Wenn ich Nemec sehe, der bekommt den Ball und kann 30 Meter marschieren, das sieht dann gut aus. Aber wenn er dann noch einen umspielen kann und beim zweiten bleibt er hängen, sieht das wieder schlecht aus. Mich hat in der letzten Zeit einer beeindruckt: Eijkelkamp. Der Mann stand meist immer in der Abseitsstellung, und wenn er angespielt wurde, stand er zwei Meter vom Gegner weg. Der war in der Ballannahme stark und hat viel Übersicht gehabt. Entscheidend ist das, was im Kopf ist, nicht in den Beinen. Bevor ich an den Ball komme, muss ich wissen, was ich mit dem Ball mache. Heute laufen einige 40 oder 50 Meter mit dem Ball, rennen auf den Gegner auf und wissen gar nicht, wo sie stehen. Das kann man lernen oder sich selbst beibringen, das wird meiner Meinung nach heute viel zu wenig trainiert. Wenn ich heute sehe, wie steif die Leute manchmal herumhampeln, dann meine ich, das gehört heute in die Jugend als Grundausbildung: Übungen, um die Leute beweglich zu machen. Ich muss meinen Körper doch biegen können. Ich wundere mich nur, wenn heute einer gefoult wird, dann stirbt der unterwegs, dreht sich fünf- bis sechsmal in der Luft - und dann steht er auf nach einer gewissen Zeit und läuft weiter. Das provoziert auch manches, einiges eben auch nach außen hin.

SCHALKE UNSER:
Apropos “Sterbender Schwan”: Wir haben ja jetzt auch einen. Wie stehen Sie denn zu den aktuellen Entwicklungen im Verein?

PAUL MATZKOWSKI:
Das hat natürlich für Unruhe gesorgt. Für den Schalke-Fan ist Möller sicherlich ein rotes Tuch; der hat sich ja auch nicht immer anständig benommen. Und der Fan sieht das natürlich mit anderen Augen, wenn er in der Kurve gestikuliert. Ich habe es zu meiner Zeit, als ich hier ankam, auch nicht leicht gehabt. Es hat hier auch Spieler gegeben, die von sich so eingenommen waren und sich als die Könige betrachtet haben. Aber ich habe denen gezeigt, was ‘ne Harke ist. Ich wusste, wer ich war, ich wusste, was ich konnte. Man soll das aber auch ein bisschen so stehen lassen: Der Möller spielt jetzt hier, hat er Erfolg, dann wird er genau so angenommen wie jeder andere Spieler auch. Wird er das nicht bringen, und tätigt er genau die gleichen Bewegungen, die er auch zuletzt in Dortmund getan hat, dann ist er so schnell verschwunden wie kein anderer. Das wird nicht leicht; Jens Lehmann hat es selbst in Dortmund erfahren: Das geht so schnell, knüppeldick wird dann drauf gehauen.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch, viel Gesundheit für die nächsten 80 Jahre und Glückauf.

Paul Matzkowski ist im Dezember 1920 geboren worden und war von 1948 bis zur Saison 1957/58 aktiver Schalker Spieler: Zunächst als Mittelläufer, dann Mittelstürmer, Torjäger und Frei- und Strafstoßspezialist. 1950 war er Ersatzspieler beim ersten Nachkriegs-Länderspiel gegen die Schweiz (1:0) in Stuttgart, ein halbes Jahr später beim B-Länderspiel gegen die Schweiz (0:2) in Karlsruhe kam er zum Einsatz. Seine Laufbahn beendete der langjährige Kapitän mit dem Endspiel in Hannover gegen den HSV (3:0) mit 38 Jahren. Er ist aus dem VfB Lohberg hervorgegangen, dann kam er über den VfB Marathon Remscheid und Westfalia Herne auf Schalke. Nach seiner aktiven Zeit trainierte er sechs Jahre die Schalker Amateure. Der kaufmännische Angestellte a.D. lebt noch heute in Gelsenkirchen-Buer.


Lieber Andy Möller,

es kursieren immer wieder Diskussionen, wer oder was ein Schalker sei, wer ein richtiger Fan ist und welche Ansichten man vertreten muss, um kein Erfolgsfan zu sein. Meine Antwort: Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur eines - was der große und ruhmreiche FC Schalke 04 für mich und mein Leben bedeutet: Schalke ist für mich ein ganz großes Stück Lebensqualität. Nicht nur, wenn die unsrigen mal einen Lauf haben, wenn wir tolle Spiele und überraschende Siege feiern können, wenn wir den Pott ins Revier holen oder die Erzrivalen schlagen. Natürlich gehe ich dann ganz auf in meiner Passion, nerve meine komplette Umgebung mit meinem ständigen “Schalke-Gelaber” und bin supernervös schon zwei Tage vor dem nächsten Spiel.

Nein - auch wenn (wie es in meiner aktiven Zeit als Fan meistens) “Schalker sein” bedeutet “Leiden ertragen”. Jetzt ist es mal wieder so weit: Seit zwei Jahren ein ständiges Wechselbad zwischen euphorischem Hoffen und ständigen Tiefschlägen, gepaart mit meist unterschwelligem Pessimismus. Vermutlich Angst. Und dann wieder hoffen, hoffen, hoffen… Häufig fragt man sich, wieso man sich in diesen Zeiten diesen Verein eigentlich noch antut. Andere fragen einen das auch, und ich habe auch hier keine Antwort. Aber vermutlich - ich bin kein Psychoanalytiker - ist es die fast schon melancholische Sehnsucht nach einer Identifikation mit etwas, das man für sich selbst als “gut” und “liebenswert” bewertet hat. Eine Identifikation, die einem die Gefühle in alle Richtungen so richtig aufwühlt. Die einem das Leben schlicht interessanter macht. Ein Stück Lebensqualität eben.

Und zu dieser positiven Verbundenheit gehört halt auch immer die negative Antipode. Nur “Gut” und “Schlecht” machen einen Film spannend. Und dieser Gegenpol ist eben für viele der BVB. Und hat ein Gesicht: Für viele bist Du das, Andy Möller. Für andere ist es eher Bayern, Leverkusen, die Nationalmannschaft oder Uli Hoeneß. Ich gehöre auch eher zu jenen, denen Du, Andy Möller, als Feindbild Nummer 1 dientest. Und Dich setzt man uns nun zum Bejubeln vor. Als ich das las, war es, nachdem sich die Ungläubigkeit legte, wie ein tiefer Stich in meine Schalke-Seele. Es tat fast physisch weh. Scheiße! Diese Reaktion ist, ich weiß es wohl, rational nicht zu begründen. Sachlich kann die Kritik an Möller heißen: Der ist zu alt, der verdient zu viel, der zerstört das Mannschaftsgefüge. Okay. Dann kommen andere Meinungen, ebenso sachlich: Ein mutiger Schritt, der kann uns spielerisch weiterbringen, der will es noch mal wissen. Wieder okay. Nur muss auch Rudi Assauer verstehen: Rational ist dem Phänomen “Schalke” nicht beizukommen. Wären wir rational denkende Menschen, trügen wir nicht jedes Jahr Unsummen an die Kassenhäuschen und in die Fan-Shops.

Mag sein, dass ich mich an den Schalker Spieler Möller gewöhnen werde. Mag sein, dass ich mich über Deine Tore freuen werde - mag alles sein. Tatsache bleibt, dass mich Deine Verpflichtung tierisch aufgewühlt hat. Aber ich denke inzwischen, dass sich auch diese Episode unauslöschlich in meine Erinnerung einbrennen wird, wie der erste Abstieg, der Weggang von Klaus Fischer, die Wiederaufstiege, die drohenden Lizenzentzüge, Bent Christensen, Dieter Schatzschneider und natürlich die tollen Tage des UEFA-Cups 96-98. All das gehört zu “meinem persönlich erlebten Schalke”. Und all das ist integraler Bestandteil meiner komplexen Beziehung zu diesem Verein. Und ganz ehrlich: Eigentlich möchte ich nichts davon missen. Bin wohl, wie die meisten von Euch, leicht masochistisch veranlagt. Erst das dauernde Leiden macht die Höhepunkte so schön.

Und mir treten immer noch die Tränen in die Augen, wenn ich von San Siro erzähle. Lennart Johannson übergibt den Cup an unseren Kapitän, an Olaf Thon. Und diese Erinnerung, dieses Glück, das kein Bayern-Fan je geschmeckt hat, das ist für mich echte Lebensqualität, etwas, um dessen Fehlen willen ich jeden Nicht-Fussballfan nur bedauern kann!

Das ist meine Antwort darauf, was es heißt, ein Schalker zu sein. Ich werde weiterhin alles aufsaugen, was mit Schalke zu tun hat, werde auch in dreißig Jahren noch jedes Wochenende den Ergebnissen im Stadion, in der Zeitung, im ran-ticker oder Fernsehen entgegen fiebern, völlig egal, wer da spielt und in welcher Liga.

Ich werde mich auch weiterhin über konstruktive wie emotionale Kritik freuen, werde weiter schimpfen und nörgeln, jubeln und übertreiben, kurz: Ich werde immer ein Schalker bleiben - verbunden mit Euch anderen Schalkern, egal ob Ihr intellektuelle Analytiker oder einfache Gefühlsfans seid, egal ob Ihr seit zwanzig Jahren eine Dauerkarte habt oder nicht, egal, ob Ihr auch schon mal während des Spiels pfeift oder in kritikloser Euphorie jeden unterstützt, trägt er nur das königsblaue Hemd. Die Schicksalsgemeinschaft, die uns alle verbindet; das Ausgeliefertsein den Entscheidungen des Vorstands und der Lust und dem Können der gerade verpflichteten Kicker - dieser Wahnsinn macht uns alle zu “echten Schalkern”. Verdammte Scheisse - ich liebe halt einfach diesen Verein!

Königsblaue Grüße


Mein erstes Mal

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal Dirk. Auch er berichtet von Euphorie und Ekstase, von Abhängigkeit und Sympathie. Er ist hörig - dem S04. Aber er ist nicht allein. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal.

(ds) Meine allererste Begegnung mit dem Parkstadion fand an einem Sonntagmorgen zu Beginn der 80er Jahre statt, als mein Vater die Erhebung der Gegengerade für hoch genug hielt, mir hier endlich das Fahrrad fahren beizubringen. Die Fahrversuche wurden jedoch durch mein Misstrauen zu Bremsen und Gestell schnell gestoppt, so dass die Zeit bis zum sonntäglichen Mittagessen mit Erklärungen meines Vaters über den Bau der Tribüne und die Erdaufschüttungen für die Gegengerade gefüllt wurde. Das Parkstadion war gerade sieben Jahre alt (so wie ich) und noch ´ne ganze Ecke grauer und lebloser als heute. Keine orangefarbenen Markierungen der Aufgänge, keine farbigen Tribünendächer und ­wände, graue Zäune und Wellenbrecher sowie eine Anzeigetafel, deren “Grafik” schlimmer war als die von Atari.

Mein erstes Spiel war im Oktober 1982 gegen Fortuna Düsseldorf. Mein Vater nahm mich, meine Schwester und deren Freundin mit auf die Gegengerade. Der Ordner war ein Arbeitskollege meiner Mutter, so dass wir vier umsonst reinkamen. Späteren Statistiken entnahm ich, dass es sich um das letzte Spiel von Norbert Nigbur gehandelt hat: Das Spiel endete 3:3, wobei Fortuna in den letzten zehn Minuten noch ein 3:1 aufholte und das Gemecker entsprechend groß war. Mehr ist mir allerdings nicht in Erinnerung. Später sind mein Vater und ich dann wieder mit dem Rad zum Stadion gefahren - mein Misstrauen den Bremsen gegenüber hatte sich mittlerweile gelegt - wo vor Block 5 mit Farbe auf den Asphalt geschrieben stand: “Junghans raus!” und “Wir wollen keinen Bayern-Depp, wir fordern Sandhofe!”

Auch wenn ich wusste, dass hier die Nordkurve war, ließ mich die Wut und die Enttäuschung, mit der die Beschriftung offenbar gemacht wurde, wissen, dass hier das Zentrum der damals “berühmt-berüchtigten” Schalke-Fans sein musste, der “bösen” Fans, die Bier trinken, pöbeln und stinken und bei deren Anblick Mütter mit Kindern die Straßenseite wechselten. Das Ganze war, wie ich später feststellte, wohl direkt nach der 1:2 Heimniederlage gegen den B*B, als Walter Junghans sich die Krönung seiner Fehlgriffe leistete. Den Rest der Saison verfolgte ich im Radio, wobei ich mich insbesondere an das Saisonfinale gegen den HSV erinnern kann, wo es für Schalke um den Klassenerhalt und für Hamburg um die Meisterschaft ging. Ich hatte die Konferenzschaltung im Radio damals sogar aufgenommen und bis in die 90er Jahre aufgehoben, doch dann aus unerfindlichen Gründen gelöscht.

In der Zweitligasaison 83/84 war ich dann mit meiner Schwester beim Spiel gegen RW Oberhausen. Das Spiel endete 3:0 und der damals 17 Jahre alte Olaf Thon machte ein schönes Tor aus 20 Metern in den Winkel. Entgegen anderslautenden Behauptungen des Kicker-Sonderheftes hat Olaf das Fußballspielen noch vor seiner Zeit bei STV Horst-Emscher bei Beckhausen 05 gelernt. Das 3:0 ist das Spiel, das ich als wirklich erstes Schalke-Spiel in Erinnerung habe. Auch wegen der Ereignisse nach dem Spiel: Meine Schwester und ich wollten uns nach dem Spiel noch eine Bratwurst holen und kamen an zwei Würstchenbuden. Die eine voll, die andere leer. Wir sind natürlich an die leere Bude, was ich am Abend, als ich brechend über der Kloschüssel hing, noch bereuen sollte. Durchfall hatte ich auch noch. Der Hausarzt schickte mich am nächsten Morgen sofort ins Krankenhaus, wo ich die nächsten zwei Wochen mit Salmonellenverdacht bleiben sollte. Das bestätigte sich zum Glück nicht; es war lediglich eine Magenverstimmung von der total verbrannten Fett-Bratwurst. Ich denke mal, dass es solch Bratwürste in der Arena nicht geben wird! Aber wird sie auch einen Radweg haben?


Von A2 über B5 nach C3

(pr) Sports World, Superzeitlupe, Top-Spiel der Woche, Wiederholung des Jubels der Präsidentengattin, Gewinnspiele, digitale Tricks zur Messung des Abstand der Mauer - jedes Jahr dreht sich die Medienschraube schneller. Der Fußball selbst rückt immer mehr in den Hintergrund, das Ereignis ist die Übertragung, nicht das Spiel selbst. Das war auch mal anders.

Viele kennen Sie noch, die Samstagnachmittage vor dem Radio. Um halb fünf begann die Konferenzschaltung, und bis viertel nach fünf war ein jeder von den Reportern in den Stadien abhängig. Die Tonlage des Schreis “Tor auf Schalke” lieferte bereits erste Hinweise, ob die Blauen getroffen hatten oder den Ball mal wieder aus dem eigenen Netz fischen mussten.

Ein Rundfunkjuwel glückte den WDR2-Machern mit der Konferenzschaltung des letzten Spieltags der Saison 1998/1999. Der Abstiegskampf zwischen fünf Mannschaften, ständig wechselnde mögliche Absteiger und Änderungen im Minutentakt bescherten so manchem ein “Boah ey”-Erlebnis. Borussia Mönchengladbach und der VfL Bochum sind vor diesem letzten Spieltag bereits abgestiegen. Eintracht Frankfurt, Hansa Rostock, VfB Stuttgart, SC Freiburg und der 1. FC Nürnberg müssen den dritten Abstieger unter sich ausmachen. Am Ende erwischte es leider den Club aus Nürnberg, der vor dem Spiel die beste Ausgangslage als Zwölfter hatte, aber sein Heimspiel gegen den SC Freiburg verlor. Punkt­ und Torgleichheit gegenüber Eintracht Frankfurt, nur weil der Frankfurter Fjörtoft in der Schlußminute traf. Da gewann Schalke bei 1860 München mit 5:4, Hami Mandirali schoss zwei Tore, auch Jiri Nemec trug sich in die Torschützenliste ein und die Reporter hatten noch nicht einmal die nötige Zeit, die jeweiligen Zwischenstände aus dem Münchner Olympiastadion an die Hörerschaft durchzugeben. War aber auch sowieso egal.

Von Herbert Zimmermanns Reportage aus dem Berner Wankdorf-Stadion 1954 wurde in Westdeutschland immer wieder geschwärmt; etwas in Vergessenheit geraten ist, dass Wolfgang Hempel den deutschen 3:2­Sieg im Endspiel der WM 1954 gegen Ungarn für den Osten des Landes kommentierte. In den 50er Jahren hatten Reporter sachlich zu sein. Wer jemals die Endspielreportage von Herbert Zimmermann gehört hat, weiß, dass Zimmermann in dieser Sternstunde sämtliche Regeln über Bord warf, sich bei den Hörern für seine überschäumenden Emotionen entschuldigte und anschließend genauso weitermachte.

1924 begann die Geschichte der Fußballübertragungen im Rundfunk. In einer Zeit, als Rudern, Tennis und Motorsport bereits übertragen wurden, fristete der Fußball ein Schattendasein. Er galt nicht als gesellschaftliches Ereignis, und Probleme bereitete den Rundfunkpionieren die Frage, wie man denn ein Fußballspiel überhaupt übertragen könne. Wie sollte man dem Hörer klar machen, wo sich gerade der Ball genau befand und was auf der anderen Seite des Platzes passierte? Alfred Braun, damals 36 Jahre alter Schauspieler und Literat, hatte die Idee, das Spielfeld in Planquadrate aufzuteilen, entsprechende Pläne unters Volk zu bringen und dem Zuhörer dann live zu verkünden, dass der Spieler X soeben den Ball aus dem Planquadrat A2 zum Spieler Y in das Planquadrat B3 weitergeleitet hätte. Doch spätestens mit der Flanke von A5 nach C2 und dem langen Pass nach E8 hatte jeder (außer Alfred Braun) den Überblick verloren. Das Experiment scheiterte, aber die Lösung war ganz einfach. Alfred Braun schilderte in späteren Übertragungen einfach das, was er sah, und hatte damit einen Riesenerfolg.

Alfred Brauns Reportagen hatten in den 20er Jahren etwas Besonderes. Fußballübertragungen, Gymnastikstunden, eine Liveübertragung von einer Ankunft nach einer Atlantiküberquerung, die Übertragung der Trauerfeier für Gustav Stresemann, die Verleihung des Literaturnobelpreises an Thomas Mann - Alfred Braun wagte immer neue Rundfunkexperimente.

1933 wurde er verhaftet und kam ins Konzentrationslager Oranienburg. Nach seiner Emigration lehrte Braun in Ankara und kehrte 1939 nach Berlin zurück. Bis 1945 war er als Kriegsberichterstatter tätig und arbeitete an diversen NS-Propagandafilmen mit, obwohl er nie Mitglied der NSDAP war. 1947 begann er zusammen mit sowjetischen Kulturfunktionären die Rundfunkaufbauarbeit im Ostteil Berlins und 1950 wurde er trotz des politischen Zickzack-Kurses in seiner Vergangenheit erster Intendant des Sender Freies Berlin.

Viele Ältere schwärmen noch heute von seinen Reportagen, auch Herbert Zimmermann ist unvergessen. An Rudi Michel und Dietmar Schott denkt man gerne zurück, Manni Breuckmann, Günter Koch und Werner Hansch gehören zu den letzten, die eine Fußballübertragung im Radio zu einem echten Ereignis machen können. Sat1, Premiere, DSF und andere Sender glauben, dass sie den Fußball ständig neu erfinden müssten. Wer wird sich in 50 Jahren noch an die Namen dieser auswechselbaren Kommentatoren erinnern können?


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