Nummer 58 - 2008/05
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Attacke - Premiere
“Nichts als die Wahrheit” - Interview mit Jermaine Jones
Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04
Do you do Voodoo?
Lieber Franz Josef Wagner
Attacke - Premiere
Sehr geehrter Herr Premiere,
mit Befremden haben wir Ihre neue Arena-Werbung zur Kenntnis genommen. Da zeigen Sie uns doch allen Ernstes die durch eine temporale Diskontinuität im Raum-Zeit-Kontinuum verschollene Vier-Minuten-Meisterschaft. Wenn wir nicht jederzeit Meister werden könnten, wenn wir das wollten - wir wollen aber nicht, sondern dachten uns, das Jubiläum zum 50. wäre geeigneter -, hätte uns das tief getroffen.
Das Lustige daran ist ja, dass ausgerechnet einer Ihrer Mitarbeiter bei der ausgefallenen Meisterfeier von 2001 eine unrühmliche Rolle gespielt haben soll - ja, der Legende zufolge war es Ihr Mitarbeiter Rollo Fuhrmann, der seinerzeit das Gerücht in die Welt gesetzt haben soll, das Spiel in Hamburg sei beendet und man könne das Feuerwerk zünden.
Das wäre ja nun ein Grund mehr, Werbung mit diesen Szenen nicht zu zeigen. Dass Sie keine Kunden haben, wissen wir. Dass Sie aber auch eigentlich keine wollen, war uns neu. Da hätten Sie ja gar nicht so ein Gewese mit Arena machen müssen. Wirklich, wenn wir Sie nicht schwarz sehen würden, würden wir rot sehen und unser Abo kündigen. Wir überlegen uns schon, ob wir unseren Codehack wieder an das Internet zurückgeben können. Aber wir fürchten, Sie brauchen dringend das Geld der Abonnenten. Dass Sie sich nur die Moderatoren-Kreisliga leisten können, haben wir ja gemerkt. Dass bei Ihnen Thomas Wark Kommentatoren-Coach spielen muss und dafür nur einen weichen Keks bekommt, ist offensichtlich.
Aber wirklich: Wenn Sie ein echter Fernsehsender wären, dann könnten Sie es sich leisten, für 18 Stadien 18 verschiedene und auf den Gusto des Publikums abgestimmte Spots zu schneiden. Das wäre gar nicht mal teuer. Sollten Sie aber sich diesen dreistelligen Eurobetrag wirklich nicht leisten können, weil ihre Bilanz fatale Ähnlichkeit mit dem Perspektivpapier des Grünflächenamts der Sahara besitzt, dann haben wir noch einen Tipp: Einfach einmal zum Offenen Kanal Rommerskirchen gehen. Dort kann man gratis schneiden und hätte sogar noch einen Sendeplatz. Vielleicht bekommen Sie da ja sogar noch einen Kunden. Sie werden ihn brauchen, denn auf Schalke kriegen Sie so nämlich keinen.
Herzlich,
Ihre Schwarzseher vom SCHALKE UNSER
“Nichts als die Wahrheit”
(il/dol/th) Seine Lehrjahre hat Jermaine Jones in seiner Geburtsstadt verbracht, wo ihm die Herzen der Frankfurt-Fans lange nur so zugeflogen sind - trotz oder wegen seines „Bad Boy“-Images, gepaart mit einer gehörigem Portion Talent. Der plötzliche Abgang zu Schalke sorgte bei den Eintrachtlern für viel Irritation. Weniger die Tatsache eines Vereinswechsels hatte die Gemüter erzürnt, sondern die Art und Weise des Geschehens. Der Mut des Jermaine Jones, sich neben den Fragen des SCHALKE UNSER auch den Fragen des FAN GEHT VOR zu stellen, ist beachtenswert, schließlich begleitet dieses Fanzine die Eintracht aus Frankfurt seit 163 Ausgaben und kennt - fast - jedes Detail. An dem Sonntagmittag vor dem Rückspiel gegen Barcelona eröffneten die Hessen nach fast drei Stunden Wartezeit das erste Fanzine-übergreifende Spieler-Interview der Liga, das parallel in zwei Fanzines veröffentlicht wird.
FAN GEHT VOR:
Warum, meinst du, sind die Eintracht-Fans sauer auf dich?
JERMAINE JONES:
Mir wird nachgesagt, dass ich in gewissen Situationen nicht korrekt gehandelt hätte. Sie sehen es so, ich sehe es anders, und deswegen ist es mir im Endeffekt wurst, ob sie sauer sind.

FAN GEHT VOR:
Weißt du auch, warum viele Eintracht-Fans dich nicht mehr „Jermaine Jones“, sondern „NADW“ nennen?
JERMAINE JONES:
„Nichts Als Die Wahrheit“ - das war damals im Internet-Forum meine Thread-Überschrift und das war die Wahrheit. Ich hatte das erste Gespräch mit Frankfurt mit Herrn Bruchhagen. Es gab keine Verhandlungen mit anderen Vereinen und keinen Vorvertrag mit Schalke. Im Sommer hatte ich gar keinen Vertrag, war vertragsfrei und habe erst kurz vor Saisonbeginn unterschrieben, nachdem die medizinische Abteilung von Schalke mir die Bundesliga-Tauglichkeit attestiert hatte.
FAN GEHT VOR:
Wie würdest du dein Verhältnis zu den anderen Spielern der Eintracht in deiner Zeit am Main beschreiben? Das Hinrundenspiel zwischen der Eintracht und Schalke im letzten Dezember war ja eine sehr hitzige Angelegenheit - bezogen auf die Spieler.
JERMAINE JONES:
Ich hatte ein gutes Verhältnis zu den meisten Spielern. Nicht die Spieler, sondern der Frankfurter Fanbeauftragte hat die Stimmung in den Medien angeheizt. Es ist klar, dass ich jetzt versuche, die Punkte für Schalke zu holen, die Frankfurter für Frankfurt, und da gerät man schon mal aneinander.
FAN GEHT VOR:
(lächelnd) Das lassen wir jetzt mal so stehen …
SCHALKE UNSER:
Auf Schalke ist dein Verhältnis zu den Fans - hoffentlich auch dauerhaft - besser. Du kommst als Typ gut an und spielst so, als ob du dich sehr wohl fühlen würdest.
JERMAINE JONES:
Klar, ich fühle mich wohl, bin gut aufgenommen worden. Am Anfang war noch Skepsis dabei wegen der vielen Verletzungen, aber ich bin jetzt so topfit wie ich noch niemals war, und das sieht man auch auf dem Platz.
SCHALKE UNSER:
In der Presse hieß es, du habest „Glasknochen“. Daher rührten die vielen Knochenverletzungen. Was ist denn da der aktuelle Stand?
JERMAINE JONES:
Das ist ein Thema, das über die Medien gekommen ist. Wer sich mit Glasknochen auskennt, weiß, dass ich damit nicht Fußball spielen würde. Hier habe ich Zeit bekommen, meine Verletzungen auszukurieren, musste halt nicht wieder ruckzuck auf den Platz. Das war ein Fehler, den ich in Frankfurt oft gemacht habe. Ich möchte nicht sagen, dass die medizinische Abteilung in Frankfurt schlecht war, aber hier sind die Möglichkeiten einfach besser. Jeder kümmert sich noch professioneller um mich und ich bekomme die Zeit, die ich brauche. Die Folge ist, dass ich so lange gesund geblieben bin.
SCHALKE UNSER:
Du kommst aus Frankfurt, ursprünglich auch nicht aus der besten Ecke der Stadt. Gelsenkirchen ist damit in bestimmten Punkten vergleichbar. Was bekommst du von der Stadt und der Stimmung hier mit, hattest du Stadtführungen?
JERMAINE JONES:
Führungen hatte ich nicht, aber am Anfang, als meine Familie noch im Taunus lebte, war ich häufiger in Gelsenkirchen und bin sehr freundlich aufgenommen worden. Mir ist hier noch nichts Negatives aufgefallen. Jetzt lebe ich mit meiner Familie etwas außerhalb in Schermbeck und wir fühlen uns pudelwohl.
SCHALKE UNSER:
Hast du Rassismus im Alltag erlebt, sei es in deiner Frankfurter Zeit oder hier, obwohl du natürlich inzwischen bekannt bist?
JERMAINE JONES:
Hier nicht und in Frankfurt auch nicht. Dort hast du einen sehr hohen Anteil von Ausländern, viele aus Eritrea. Allein in der Siedlung, in der ich aufgewachsen bin, lebten fast nur Farbige. Wir hatten nie Probleme, vor allem nicht, wenn wir in einer Gruppe von sechs, sieben Leuten unterwegs waren.
SCHALKE UNSER:
Kriegst du als alter Hip Hop-Fan die Szene hier im Ruhrgebiet mit? Gehst du ab und zu auf unsere Konzerte?
JERMAINE JONES:
Hier schaffe ich das kaum. In Frankfurt war ich häufiger auf Konzerten. Wenn ich mich hier informiere, dann meistens über Christian Pander, der wesentlich mehr mit Musikern zu tun hat.
SCHALKE UNSER:
Du hast eine Werbung gemacht, in der du dich als Dosen-Kicker darstellst und bei der man ein Training mit dir gewinnen kann. Hast du mal darüber nachgedacht, dich sozial oder ehrenamtlich zu engagieren, zum Beispiel beim Streetkick oder der Förderung von Talenten, die auch aus kleinen Verhältnissen stammen?
JERMAINE JONES:
Das könnte in der Zukunft irgendwann mal passieren, aber jetzt versuche erst mal, mich auf den Fußball zu konzentrieren. In der Vergangenheit war ich zu häufig verletzt, um mir darüber Gedanken zu machen. Zwar hatte man mir auch die Mitarbeit in der Frankfurter Fußballschule vom Uwe Bindewald angeboten, aber da war ich vom Kopf her nicht so frei.
SCHALKE UNSER:
Du bist jetzt 26. Hast du schon Vorstellungen entwickelt, was du später tun willst? Dein Traum wäre es, mal für einen englischen Verein zu spielen, habe ich gelesen.
JERMAINE JONES:
Das war schon immer so. An England reizt mich vor allem das schnelle Spiel, das Niemals-aufgeben und das Kämpferische. Spanien wäre auch sehr reizvoll, man weiß nie was kommt. Aber jetzt fühle ich mich hier sehr wohl und wir müssen schauen, dass wir weiter in der Champions League bleiben. Gegen Ende der Karriere würde ich gerne nach Amerika gehen, dort noch zwei Jahre spielen und mir mit der Familie dort etwas aufbauen. Konkrete Vorstellungen habe ich noch nicht entwickelt.
SCHALKE UNSER:
Apropos Amerika. Hast du inzwischen Kontakt zu deinem Vater?
JERMAINE JONES:
Wir haben seit letzten November wieder Kontakt. Am Anfang war’s ein bisschen schwierig. Wir haben über Computertelefon miteinander gesprochen und uns nach fast zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder gesehen. Im Winterurlaub haben wir uns dann in Miami getroffen, er kam aus Kalifornien angereist. Er ist älter geworden, ich bin älter geworden. Seitdem ist der Kontakt zwischen uns wieder ganz gut.
SCHALKE UNSER:
Ist er stolz auf dich? Fußball ist für Amerikaner doch nur ein „Mädchensport“.
JERMAINE JONES:
Ja, das er hat am Anfang auch gesagt. Wenn ich damals mit nach Amerika gegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich Football oder Baseball gespielt. Demnächst wird er allerdings vorbeikommen und will sich unbedingt ein Spiel anschauen.
SCHALKE UNSER:
Du hast nach sehr kurzer Zeit den Spitznamen „Kampfschwein“ bekommen, den schon jemand anders getragen hat. Empfindest du das als Ehre oder wie denkst du darüber?
JERMAINE JONES:
Am Anfang war es ungewohnt für mich, damit umzugehen, aber dann haben Mannschaftskollegen mich aufgeklärt, wie sich Marc Wilmots seinen Spitznamen erarbeitet hat. Respekt. Ich weiß natürlich auch, dass der Name mit einer Verpflichtung verbunden ist. Am Anfang war es ein bisschen komisch, mittlerweile bin ich extrem froh darüber und versuche, das bei den Spielen zurückzugeben.
SCHALKE UNSER:
Wie fühlt man sich, wenn man den entscheidenden Elfmeter verwandeln will und genau weiß, dass man im nächsten Spiel nicht dabei ist? Spielt das eine Rolle?
JERMAINE JONES:
Nein, du gehst zu dem Elfmeter hin, bist ganz in deinem Element und versuchst, den Ball reinzumachen. Die Unterlatte war natürlich nicht beabsichtigt.
SCHALKE UNSER:
Wir bedanken uns für deine Zeit und deine Offenheit. Glück Auf!
Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04
(gk) Am Stichtag 18. Januar 2004 wurde auf der Homepage „100 Schalker Jahre“ daran erinnert, dass vor elf Jahren Helmut Schulte Udo Lattek ablöste. Es war wieder der 18. Januar, dieses Mal 2007, als der sportliche Leiter der Schalker Nachwuchsabteilung Helmut Schulte, bei dem Orkan Kyrill durch einen umstürzenden Baum lebensgefährlich verletzt wurde.
Eher unüblich begann seine Trainerlaufbahn, denn durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bekam Helmut Schulte 1984 die Stelle als Jugendtrainer beim FC St. Pauli, wurde dann bald Co-Trainer bei der ersten Mannschaft und von November 1987 bis Februar 1991 deren Trainer. Ein Jahr lang trainierte er dann Dynamo Dresden, um anschließend als Co-Kommentator bei Sat 1 zu landen.
Die Brocken hingeworfen
Auf Schalke regierte zu dieser Zeit Günter Eichberg. Nach der verunglückten Liaison mit Aleksandr Ristic war er auf die skurrile Idee gekommen, „Altmeister“ Udo Lattek zu verpflichten. Klaus Fischer, der nach Ristic die Mannschaft übernommen hatte und voller Vorfreude die Saisonvorbereitung aufnahm, musste zurück ins zweite Glied. Der „erfolgreichste Vereinstrainer der Welt“ (Lattek über Lattek) war zuvor in Köln als Sportlicher Direktor („blauer Pullover“) kläglich gescheitert.
Mit neuen Millionen-Investitionen und undurchsichtigen Finanzierungsmodellen versuchte Präsident Eichberg, den FC Schalke 04 endlich wieder auf internationales Parkett zu bringen. Doch das erwies sich schnell als Fehlkalkulation, auch Lattek brachte die Königsblauen sportlich nicht weiter. Dass seine Verpflichtung ein Flop war, gab Udo Lattek hinterher zu: „Ich war es nicht mehr gewohnt, täglich auf dem Trainingsplatz zu stehen. Es machte keinen Spaß mehr.“
Unter Lattek holten die Königsblauen in der Bundesliga-Hinrunde 92/93 nur 16:18 Punkte. Von einer UEFA-Cup-Teilnahme waren die Schalker somit weit entfernt. Auch im DFB-Pokal blamierte man sich nach Kräften mit dem Aus in der zweiten Runde bei RotWeiß Essen. Es verstärkte sich das Gerücht, dass Lattek seinen bis Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern und die „Brocken hinwerfen“ werde. Im Freundeskreis hatte Lattek zuletzt immer häufiger darauf hingewiesen, dass er sich auf Schalke quasi um jede Kleinigkeit im sportlichen Bereich selbst kümmern müsse. Außerdem habe sein Duz-Freund Günter Eichberg auf Grund eigener Probleme fast nie mehr Zeit für ihn. Derweil machten auch Gerüchte die Runde, der Schuldenberg würde bis zum Saisonende auf 15 Millionen Mark anwachsen.
Die Medienspekulationen um den Schalker Trainerposten hatten am 18. Januar 1993 ein Ende: Helmut Schulte übernahm bei den Königsblauen die sportliche Verantwortung, was bei dem gebürtigen Sauerländer Euphorie hervorrief: „Schalke ist Schalke, einmalig einfach“, schwärmte er. „Die Verrücktheit der Zuschauer, die Möglichkeiten des Vereins, positiv wie negativ. Hier will ich was bewegen.“ Bei seinem Amtsantritt ging Helmut Schulte gleich forsch zur Sache: „Ich habe das alleinige sportliche Sagen. Das Gute an Ratschlägen ist, dass man sie nicht befolgen muss.“ Ein deutlicher Hinweis an etwaige Berater und Funktionäre.
Sparschwein
Ohne einschneidende Sparmaßnahmen war die sportliche Zukunft des FC Schalke 04 stark gefährdet. Unter dem Druck der angespannten Finanzlage und mit Blick auf die im März beim DFB einzureichenden Unterlagen für die neue Lizenz schienen die Verantwortlichen dies begriffen zu haben: Die Trennung von den „Millionären“ Christensen und Mihajlovic war beschlossene Sache. Zudem wurde beschlossen, die Marketing-GmbH zum 30. Juni 2003 aufzulösen. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte die GmbH von Eichberg in einen schuldenfreien Zustand versetzt werden. Woher die Millionen kommen sollten, das wusste wohl niemand.
Nun gab es zwar die ersten Tore unter Schultes Regie, aber dennoch nur einen Punkt: zu Hause gegen Saarbrücken lediglich ein 2:2. Und es wurde nicht besser: in Bremen folgte eine 2:0-Niederlage nach katastrophaler erster Halbzeit mit Eigentor durch Hendrik Herzog. Die Lage war ernst, Schalke war bedenklich nah an die Abstiegsränge heran gerutscht. Und so hörte man gleich mehrere Steine vom Herzen des Helmut Schulte fallen, als Ingo Anderbrügge den 1:0-Siegtreffer gegen den VfB Stuttgart erzielte. Negativer Höhepunkt dieses Spiels: Als Mihajlovic nach schwacher Ballannahme Pfiffe von den Rängen erhielt, weil er dem ins Aus rollenden Ball nicht nachsetzte, applaudierte er höhnisch in Richtung der Fans. Es war damit klar, dass „Mihajlovic raus“-Rufe folgten. Trainer Schulte wurde gleich miteinbezogen („Schulte raus“).
Nach dem sensationell klaren 1:4-Sieg beim 1. FC Nürnberg war die Abstiegsgefahr gebannt. Das „Sahnehäubchen“ war das Tor zum 1:4 von Mike Büskens: Sascha Borodjuks Pass in den freien Raum schoss Büskens aus vollem Lauf so hart in den Winkel, dass Köpke nie und nimmer eine Chance gehabt hätte, diesen zu halten. Werner Hansch ließ sich dabei zu seinem Kommentar „ein geiles Tor“ hinreißen.

Das Comeback des Jahres
Auch gegen Leverkusen gewann Schalke mit 2:1, was aber durch die Vorstellung des neuen Managers Rudi Assauer in den Hintergrund rückte. „Wir haben mit Assauer einen Einjahresvertrag vereinbart“, erklärte Eichberg in einer eigens anberaumten Pressekonferenz. Vize Schmitz war weiter gegen diese Entscheidung und sah in der Verpflichtung eine Zerreißprobe für den Verein und hat daher seinen Rücktritt angekündigt, der aber erst zur Jahreshauptversammlung im Herbst erfolgen sollte. Auch die Fans waren nicht gerade angetan von Assauers Verpflichtung. Transparente wie „Wenn Assauer kommt, gehen wir“ waren im Parkstadion zu sehen. So mancher von ihnen dürfte dies in der Folge bereut haben.
Durch die dreifache Siegesserie blühten auf Schalke wieder zarte Träume vom UEFA-Cup-Platz, die aber nach dem Spiel gegen den VfL Bochum schnell ausgeträumt waren. Der sensationell deutliche 0:3-Erfolg der Bochumer auf Schalke ließ die Schalker Fans fluchtartig das Stadion verlassen. Auch gegen den HSV (0:0) und in Uerdingen wurde es nicht besser: eine 4:2-Niederlage, für die sich Helmut Schulte sogar schämte. „Für die erste Halbzeit möchte ich mich bei den Fans in aller Form entschuldigen.“ Das altbekannte „Wir sind Schalker, und ihr nicht“, hallte durch die Grotenburg.
Die Saison war nun praktisch abgehakt; Schulte forderte lediglich Wiedergutmachung für die zuletzt sieglose Durststrecke. Schon vor dem Spiel gegen Kaiserslautern, das deutlich mit 4:0 gewonnen wurde, gab es eine positive Meldung: „Wir werden die Lizenz erhalten“, erklärte Rudi Assauer. Der DFB hatte die „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“ der Schalker für die kommende Saison als gegeben angesehen, er machte jedoch Auflagen. Außerdem brummte der DFB Schalke eine Strafe von 190.000 Mark auf, weil der Club in der Vergangenheit gegen Auflagen verstoßen hatte.
Die Auflagen sahen vor, dass Schalke die Ablösesumme für den zum BVB wechselnden Steffen Freund in Höhe von 3,25 Millionen Mark nicht für Neueinkäufe nutzen durfte. „Die Auflagen zu erfüllen ist schwer, aber wir werden es schaffen“, gab sich Assauer überzeugt, gleichwenn der Satz auch durchblicken ließ, dass der DFB wohl auch noch weitere Bürgschaften forderte. Schalke musste in der kommenden Saison kleinere Brötchen backen, soviel war klar.
Doch die Saison 1992/93 war noch nicht zu Ende. In Frankfurt gewann Schalke (0:3) wie zu Hause gegen Schultes alten Club Dynamo Dresden (2:0). Doch in Köln folgte wieder eine Niederlage (2:1). Alles war nun gespannt auf das spannende Bundesliga-Finale, bei dem Bayern München im Parkstadion im Fernduell mit Werder Bremen anzutreten hatte. Mit dem 3:3 verdarb Schalke vor 70.000 Zuschauern im seit Monaten ausverkauften Stadion dem Münchener Star-Ensemble die Meisterschaftshoffnungen und stand damit Pate beim Titelgewinn von Werder Bremen.
Youri und Jiri
Wegen der DFB-Lizenzauflagen suchte Schalke nun Spieler für kleines Geld. Marinus Bester wurde von Werder Bremen ausgeliehen, zudem bewiesen Helmut Schulte und Rudi Assauer glückliche Händchen bei der Verpflichtung zweier Spieler, die die Spielkultur des FC Schalke 04 noch lange beherrschen sollten: Youri Mulder und Jiri Nemec. Mulder wurde von Helmut Schulte per Video gesichtet und kam für eine Ablösesumme von 1,2 Millionen Mark vom Ehrendivisionär Twente Enschede. Jiri Nemec, damals 21-facher tschechischer Nationalspieler, kam für 800.000 Mark von Sparta Prag.
Schon vor Beginn der Saison hatte Manager Assauer gewarnt: „Das wird eine harte und schwere Saison“. Doch noch niemand ahnte wohl, wie schwierig sie werden sollte. Schon im ersten Spiel verlor Schalke gegen Wattenscheid mit 3:0. Das war wie eine Ohrfeige, doch im nächsten Spiel - dem Spiel der Spiele - gegen den BVB konnte die Mannschaft wieder alles wett machen. Ausgerechnet Youri Mulder war es, der Stefan Klos düpierte und den 1:0-Siegtreffer erzielte. Die Welt schien wieder in Ordnung, die 1,7 Millionen Mark Zuschauereinnahmen bedeuteten Vereinsrekord.
Doch gleich im nächsten Match wieder ein Einbruch. Mit Fußball hatte die 4:1-Niederlage beim Hamburger SV wenig zu tun. Valdas Ivanauskas erledigte die Königsblauen fast im Alleingang. Mit Lugingers Sonntagsschuss (1:0 gegen den VfL Bochum) gelang zumindest der Einzug in die zweite Pokalrunde. Doch in der Liga bot Schalke nur magere Fußballkost: 1:2-Heimniederlage gegen Köln, in Gladbach 3:2 verloren, zu Hause gegen Frankfurt 1:3, vor gerade mal noch 24.300 Zuschauern. Das war Minusrekord seit Wiederaufstieg.
Schalke hatte zudem enormes Verletzungspech. Als dann auch noch Peter Sendscheid lange Zeit ausfiel, folgte ein Überraschungscoup: Dieter Eckstein, Stürmer des 1. FC Nürnberg, sollte ab sofort den Kader verstärken. Der Transfer sorgte beim Schlusslicht Nürnberg für Ärger, auch der Stürmer selbst zeigte sich empört über die Nacht- und Nebelaktion von Präsident Gerhard Noack. Von seinem Wechsel hatte Eckstein aus der Presse erfahren, er wusste nicht einmal davon, dass er zum Kauf angeboten wurde. Eckstein stimmte dennoch der Auflösung seines bis 1995 laufenden Vertrages zu und unterschrieb für denselben Zeitraum bei Schalke. „Obwohl es mir leid tut um die Mannschaft und die tollen Fans, hatte ich keine andere Möglichkeit“, begründete er seinen Schritt.
In der zweiten Pokalrunde kam es zum Knaller: Schalke erwartete Bayern München. In der regulären Spielzeit fehlen den Schalkern ganze vier Minuten zum großen Wurf. Dann unterlief Jens Lehmann eine Flanke von Bayerns Ziege, die Kreuzer zum nicht mehr erwarteten Ausgleich einköpfte. Die Verlängerung, die zunächst nur dahinplätscherte, wurde am Ende dramatisch. Nach einer tollen Kombination über Borodjuk und Mulder brachte letzterer seine Elf erneut in Führung (114. Minute) - Bayern lag am Boden. Doch postwendend erfolgte der Ausgleich. Eine Minute vor dem Abpfiff setzte Ziege sich mit einem Pressball durch und ließ die Bayern als äußerst glückliche Sieger vom Platz gehen. Helmut Schulte war zum Weinen zumute. „Gegen Bayern kann man verlieren, aber gegen Nürnberg muss man gewinnen“, hatte Präsident Eichberg schon den nächsten Gegner im Kopf. Doch auch das misslang (1:2). Schalke war nun tief im Keller, Tabellenletzter, und es brach die große Ratlosigkeit aus. 1:11-Punkte in Folge, die dritte Heimniederlage hintereinander - das sprach Bände. Bekannt war, dass aus den vorhandenen Spielern scheinbar kein Trainer der Welt eine konstante Mannschaft formen konnte. Neururer war zu kumpelhaft, Ristic zu autoritär, Lattek hatte seinen Zenit überschritten.
Auf die harte Tour
Helmut Schulte versuchte es nun auf die harte Tour und suspendierte vor dem Spiel in Karlsruhe (0:0) Kapitän Günter Güttler, der angeblich Interna ausgeplaudert haben sollte. Michael Prus wurde als Übergangslibero eingesetzt und machte seine Sache gut. Doch die Spieler und der Mannschaftsrat sprachen sich für die Rückkehr von Güttler aus und forderte seinen „Freispruch“. In der Woche drauf durfte er wieder mittrainieren. Im Kampf gegen die „rote Laterne“ empfing Schalke den punktgleichen SC Freiburg, und nach der 1:3-Schlappe herrschte absolute Ratlosigkeit und Alarmstufe Rot. Konzeptionslos, ohne Selbstvertrauen und vor allem ohne die nötige kämpferische Leistung traten die Schalker an.
„Ich schließe gar nichts mehr aus“, ließ Eichberg verlautbaren und nährte damit weitere Spekulationen um einen erneuten Trainer-Rausschmiss und seinen eigenen Rücktritt. Wie aber sollte es weiter gehen? Rudi Assauer wusch seinen Spielern den Kopf. Dem Donnergrollen folgte der Rausschmiss von Helmut Schulte. Eine Überraschung war dies freilich nicht, hatte Schulte doch schon lange im Kreuzfeuer der Kritik gestanden. Neuer Chef-Trainer wurde Jörg Berger, der beim 1. FC Köln entlassen worden war. Wieder bewies Rudi Assauer ein glückliches Händchen, wie sich noch zeigen sollte. Jörg Berger erhielt einen Vertrag bis zum 30.6.1994 - so lange war eigentlich auch Schulte an den Verein gebunden.
Neue Herausforderungen
Während Jörg Berger als „Feuerwehrmann“ die Knappen vor dem Abstieg rettete, entdeckte Schulte ein neues Aufgabenfeld: Er wurde Manager, erst beim VfB Lübeck, dann bei St. Pauli. 1998 schließlich kehrte er ins Ruhrgebiet zurück. Rudi Assauer installierte ihn als Sportlichen Leiter der Nachwuchsabteilung. Hier bildete er gemeinsam mit Bodo Menze als Organisatorischem Leiter eine „Doppelspitze“ in der Nachwuchsförderung. Die Früchte ihrer Arbeit können sich sehen lassen: Deutscher Meister der A-Junioren 2006 und B-Junioren 2002, Deutscher Pokalsieger der A-Junioren 2002 und 2005. Schalkes „Unterbau“ führte darüber hinaus gerade in den letzten Jahren eine Vielzahl von Spielern dem Profikader zu, darunter etwa Manuel Neuer, Benni Höwedes, Christian Pander, Mesut Özil, Mike Hanke, Sebastian Boenisch, Filip Trojan, Michael Delura, Fabian Lamotte, Christofer Heimeroth und Thomas Kläsener.
Am 18. Januar 2007, zurück von einer DFB-Tagung in Frankfurt/Main, war Helmut Schulte mit dem Auto vom Essener Hauptbahnhof auf dem Weg nach Hause, als er durch einen vom Orkan Kyrill entwurzelten Baum fast erschlagen wurde. „Der Hauptstamm hatte eine Gabel mit zwei kräftigen Ästen. Einer bretterte auf meine Motorhaube, der andere auf meinen Rücksitz. Dazwischen war ich und auf mir das Dach“. Er weiß das nur aus den Erzählungen der Feuerwehrmänner, die ihn mit Kettensägen aus seinem Autowrack befreiten. Der zweite Halswirbel war gebrochen, das Rückenmark aber unbeschädigt. Zwölf Wochen musste Schulte einen Halo-Fixateur, der vierfach in den Schädelknochen gebohrt wurde, tragen.
„Mehr Glück als Verstand“ habe er gehabt „Mir ist damals der Himmel auf den Kopf gefallen, ich wurde regelrecht aus dem Leben gebrettert“, erinnert sich Schulte, der sich nach künstlichem Koma mehreren Operationen und anstrengenden Rehamaßnahmen unterziehen musste. „In so einer Phase tut jede Unterstützung gut“, meint Helmut Schulte, der etliche Genesungswünsche von Schalker Anhängern erhielt. Einiges habe sich in seinem Leben geändert. „Durch eine solche Erfahrung bekommen viele Dinge einen anderen Stellenwert. Ich beobachte mich und meine Entscheidungen viel intensiver“, sagt Schulte, der glaubt, dass er gelassener und achtsamer geworden ist: „Das Gefühl, dass es von heute auf morgen zu Ende sein kann, ist eine Chance. Etwas, dass mich stärker gemacht hat.“
Die Pressemitteilung, dass Helmut Schulte ab März 2008 nicht mehr Sportlicher Leiter der Schalker Nachwuchsabteilung sei, kam überraschend. Andreas Müller: „Wir hatten zuletzt leider unterschiedliche Auffassungen über die Weiterentwicklung der Nachwuchsförderung, die letzten Endes zu der Trennung führten.“ Helmut Schulte kommentierte dies in der Reviersport so: „Der Zeitpunkt der Trennung mitten in der Saison hat mich selbst überrascht. Ich bin auch der Meinung, dass ich nicht großartig etwas falsch gemacht hätte. Als ich vor zehn Jahren mit meiner Tätigkeit auf Schalke angefangen habe, spielte die Nachwuchsarbeit gar keine Rolle. Inzwischen haben wir in Deutschland mit die besten Voraussetzungen, was sowohl die Infrastruktur, die der Verein zur Verfügung gestellt hat, als auch die sportlichen Erfolge betrifft.“
Back to the roots
Als neuer Sportchef des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli hat er unlängst einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben. Die Position des Sportdirektors übernimmt Schulte von Teamchef Holger Stanislawski, der die Stelle seit Mitte 2006 inne hatte und fast eineinhalb Jahre lang in Doppelfunktion fungierte. Schultes Aufgaben umfassen künftig die Planungen rund um die Profimannschaft, das Scouting und den Aufbau des Nachwuchsbereichs. Präsident Corny Littmann verbindet denn auch große Hoffnungen mit dem neuen Mann: „Mit dem Trainerteam, dem Nachwuchsverantwortlichen und Schulte als ‚Geschäftsführer Sport’ haben wir die perfekte Kombination gefunden. In Zukunft wird es kaum eine bessere Adresse für junge Spieler in Deutschland geben.“
Außer Schalke vielleicht.
Do you do Voodoo?
Wie ich neulich mal das Derby gewonnen habe!
(dol) Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen Religion und Magie? Der ist so ähnlich wie der zwischen Sieg und Niederlage im Derby. Während der religiöse Mensch sich von einer personalen Macht abhängig weiß, deren Zuwendung er im Gebet erflehen kann, versucht der magische Mensch auf diese einzuwirken und sie zum eigenen Nutzen oder zum Schaden anderer zu manipulieren. Die einen beten zu Gott und hoffen, die anderen praktizieren spezielle Rituale und gewinnen, wenn sie alles richtig gemacht haben.
Alles verstanden? Auch gut. So jedenfalls unterscheidet der Religionswissenschaftler spitzfindig. Für den Ausgang eines Fußballspiels zu beten bringt jedenfalls nichts. Das lehrt schon die Erfahrung. In der Regel befinden sich auf der Gegenseite ebenfalls einige Beter, die exakt für das Gegenteil beten.
Sorry, Ihr Geralds und Marcelos, Gott lehnt Anliegen wie „Derbysieg“ oder „Deutsche Meisterschaft“ ab. Er betrachtet sich als nicht zuständig. Was ist also zu tun, wenn man sich weder auf Spieler und Trainer, noch auf Gott immer verlassen kann? „Baby, do the Voodoo!“, lautete die praktische Antwort an dem fraglichen Sonntagnachmittag.
Dass bei allen fußballerischen Belangen, insbesondere bei Derby-Angelegenheiten allein der Fußballgott zuständig ist, das gilt in orthodoxen neo-gnostischen Kreisen längst als Binsenweisheit. Er gilt als höchst eifersüchtig, launisch und ungerecht. Glücklicherweise soll er bestechlich sein. In der Fachliteratur wird er oft als „Handwerkergott“ oder „Demiurg“ bezeichnet. Papyrus sei Dank!
Was liegt also näher, als dieses angelesene Wissen für ein kleines Experiment zu nutzen - für das Gute, gegen das Böse? Würde es mit Hilfe obskurer Praktiken gelingen, den Schalkern die drei Punkte aus Doofmund zu holen? So schwierig konnte es doch nicht sein, ein kleines, unwiderstehliches Ritual zu erfinden - zum Gefallen des Fußballgottes und zur Bezwingung der Fehlfarbenen. Soviel Aberglaube muss sein.

Es folgen einige Details der Durchführung des Experiments nebst Erläuterungen:
- Der Fußballgott fordert unweigerlich Opfer, damit man ihm seinen Respekt erweise. Das erste große Opfer bestand darin, auf den Ausflug in die Nähe von Lüdenscheid zu verzichten. Entsagung und Verzicht unterstreichen immer die Ernsthaftigkeit eines Anliegens.
- Als nächstes galt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die den Fußballgott geneigt macht, weitere Opfergaben gnädig anzunehmen. Hierzu wählte ich das häusliche Arbeitszimmer als „Labor“ und traditionellen Weihrauch katholischer Herkunft als Duft aus, der dem Stadionräucherwerk die Eigenschaft voraus hat, nachweislich THC zu enthalten. Das garantiert seit Menschengedenken gelöste Stimmung und gelegentliche Hustenattacken, auch bei Göttern.
- Die schwierigste Aufgabe war die Auswahl von angemessenen Opfergaben. Welche Gabe mag der Größe des Wunsches entsprechen? Für einen Sieg bei den Fehlfarbenen müssten nach allgemeinen Voodoo-Standards vier Zigaretten plus zwei Flaschen süßlich riechender Flüssigkeit, eine davon Parfüm, die andere Sinalco, ausreichen, mutmaßte ich nach der Führung im Essener Voodoo-Museum.
Andererseits, bedachte man die Leistungsbereitschaft der Mannschaft im letzten frühsommerlichen Aufeinandertreffen, könnte man möglicherweise doch auf ganz Nummer Sicher gehen müssen. Die Antike empfahl in solchen Fällen grundsätzlich das Menschenopfer. Logisch, man opfert vom Wertvollsten, was man hat, notfalls die eigene Brut. Siehe Abraham.
Inzwischen hat der größte Teil der Menschheit die Stufe der Menschenopfer, oberflächlich betrachtet, überwunden. Also blieben auf Gelsenkirchener Grund nur zwei Möglichkeiten übrig. Die eine war eine symbolische Opferung, wie wir sie aus dem Ritus diversester Gemeinschaften und Kirchen kennen, die andere eine reale Opferung, in Gestalt eines Meerschweinchens der freundlichen Nachbarin zum Beispiel. Die blutige Variante stellte ich aus praktisch-persönlichen Gründen zurück, obwohl die Recherche ergeben hatte, dass gebackene Meerschweinchen seit jeher die Speisekarten in Peru und in Bolivien bereichern, und meine kulinarische Neugier geweckt war. Diese hätte allerdings der Fußballgott unzweifelhaft als unlautere Absicht erkennen und abstrafen können.
So wählte ich sicherheitshalber die Form der „Ähnlichkeitsmagie“. Bei dieser Variante der Zauberei geht man davon aus, dass sich das eigene Handeln im Handeln der überlegenen Macht fortsetzt. Die Nadel, fachkundig vom Zauberlehrling in die Leberregion der Voodoo-Puppe gestochen, findet ihre Fortsetzung in einer Gelbsucht-Erkrankung des Patienten.

Das ist ein klassisches Beispiel für schwarze Magie aus der Karibik, die Akupunktur eins für weiße Magie. Die alt- und neu-mexikanische Hexerei zieht den Stoff-Püppchen solche aus Papier vor, weil diese eine höhere magische Qualität aufweisen … Und damit stand meine Opfergabe an die Fußballgottheit fest: junges Borussenhirn allerlei Geschlechts in ausgequetschter Form, dargereicht auf heimischem Not-Altar, mit frischem blauem Blut dekoriert und mit Mint-Soße symbolisch abgeschmeckt - welcher Gott könnte diesem Angebot widerstehen? Hirn statt Herz, Masse in Klasse - oder was sagt man in Pädagogenkreisen zu korrigierten Klausuropfern?
Ja, ich gestehe, ich habe Radio gehört und während des gesamten Spiels geistige Produkte von jungen Borussen, die ich ihnen zuvor zwei Stunden lang im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit abgepresst habe, bewertet, gewichtet, beurteilt, korrigiert. Die Auguren im alten Rom lasen aus den Innereien von Opfertieren die Zukunft des Imperium Romanum; der kleine symbolische Eingriff in exakt neun verschiedene menschliche Gehirnwindungen zum Thema „Sünde, Schuld und Tod“, von einem Schalker real mit hochwertiger blauer Tinte an leicht vergilbtem Papier vorgenommen, sollte für den Derby-Sieg jedenfalls reichen. Das Notfallpaket, bestehend aus einer kleinen Flasche Coca Cola plus zwei Zigaretten, kam nicht zum Einsatz.
Das Ergebnis des Experiments war verblüffend! Nur ein paar klärende Worte, und der Fußballgott hatte angebissen. Die metallische Feder kratzte über das Papier, hochwertige Tinte floss in Strömen, die Schalker dominierten das Spiel und machten Buden. Heute ist das Tintenfischblut königsblau, dachte ich und behielt recht. Die Borussia wurde erwartungsgemäß souverän bezwungen. Die beiden Gegentore fielen übrigens, als ich die Opferungen unterbrach, um einen Tee zuzubereiten bzw. die Toilette aufzusuchen. Letzteres diene den Zweiflern als Antwort, die von „Zufall“ sprechen und behaupten möchten, keinen Schreibtisch auf dem Spielfeld gesehen zu haben. Das war kein Zufall, das war Magie - ich habe das Derby gewonnen! Beweist mir doch das Gegenteil.
Brief an die Bild-Zeitung
„Redaktion“ Bild
per Mail: fjwagner@bild.de
Lieber Franz Josef Wagner,
Menschen kommen und gehen wie Schatten, doch Sie scheinen wir nie loszuwerden. Gerüchte, es gebe Zusammenhänge zwischen der Titelstory, nämlich der Aufdeckung des Kokainkonsums des Herrn Schill, und Ihrem Artikel nur eine Seite weiter, unterstellen wir mal nicht - aus journalistischer Redlichkeit (ja, so etwas gibt es!).
Doch warum geben Sie sich nicht ganz Ihrem Exzess hin? Mal ehrlich, Sie haben doch nicht nur die Vögel in den Bäumen zwitschern hören. Durch Manuel Neuer hörten Sie Schmetterlinge vor Glück weinen, sahen Farben in den hellsten Tönen und die Geigen begleiteten die Menschen dieser Erde, die von der Sonne über die Flüsse gelenkt zum großen Delirium aller Lebewesen aufbrachen. Bilden wir eine Kette aller Menschen, zusammengefunden durch Ihren Artikel - denn der ist ja klebrig und schleimig genug.
Sie haben uns gezeigt, wie man seine eigenen Schandtaten innerhalb von Sekunden vergessen kann. War es doch Ihr Blatt, das nur wenige Wochen zuvor Manuel Neuer als „Flutschfinger“ bezeichnete und all seine Fehler für eine großen Kampagne mühsam zusammensuchte. Dank Ihnen wissen wir auch, warum wir Fans keine Regenschirme dabei haben, die Spieler haben ja auch keine. Somit wären auch die Fragen beantwortet, warum wir nicht mit Strapsen, mit Schwimmflügeln und Sombrero auf dem Kopf ins Stadion gehen. Die Spieler tun es ja auch nicht - zumindest auf dem Spielfeld.
Billig versuchen Sie, eine Geschichte um Manuel Neuer zu konstruieren, die selbst für amerikanische Kitschfilme zu plump wäre. Wir vermissen in Ihrer vor gespielter Unterwürfigkeit schreiende Glorifizierung weitere „klassische“ Biografie-Ausschmückungen wie: Er musste sich sein Geld zusammenbetteln für seine ersten Torwarthandschuhe und hat auf der Straße die Härte des Lebens kennen gelernt. Ein Artikel, nach dem die Papiercontainer lechzen, der die Blumen verwelken und jeden Zeitungsstand volltriefen lässt.
Mit unfreundlichen Grüßen
Ihre Drachentöter aus Porto
Lieber Manuel Neuer,
Menschen kommen und gehen wie Schatten. Von Ihnen jedoch wird man auf Schalke noch in 100 Jahren reden. Von dem kleinen Jungen, der neben dem alten Schalker Parkstadion in Gelsenkirchen-Buer aufwuchs, mit 4 Jahren Mitglied wurde bei Schalke. Bei Wind und Wetter, niemals im Regenmantel oder Mütze, stand dieser kleine Junge in der Fankurve. Gegenüber den Launen des Klimas zeigen sich die echten Fans gleichgültig. Die Spieler unten spielen ja auch nicht mit Regenschirm.
Wir müssen uns einen Jungen vorstellen, dessen Eltern sich scheiden ließen und dessen einzige Konstante Schalke war. Er spielte in der Pampers League. Er spielte bei den Schülern. Er wuchs zu 1,92 m.
Im Champions League-Spiel gegen Porto war er so genial - wie Picasso, wie Michelangelo, wie Dürer. Er war der beste Torwart, den die Welt je gesehen hat. Er war ein Mensch, von dem die Vögel in den Büschen flüstern. Er war perfekt, fehlerfrei, ein Genie, großartig, wunderbar. Er war ein Mensch, wie wir alle sein möchten. Ein Held.
Herzlichst
Ihr Franz Josef Wagner

