„Man muss Dinge nicht schön finden, sondern akzeptieren können.“

(mac/um) Museumscafé Buer, Mittwochmittag, vor dem Training: YVES EIGENRAUCH, in gewohnt unkonventionellem Outfit, hatte diesen Ort für das SCHALKE UNSER-Interview vorgeschlagen. Kein Zufall. Fußballprofi ist für ihn ein privilegierter Beruf. Punkt. So richtig ins Schwärmen aber gerät er bei Gropius und Kandinsky. Zwischen Strammem Max und heißer Schokolade gab Yves uns einen Einblick in Lebensphilosphie und Leidenschaften.

SCHALKE UNSER:
Im Januar ist Dein Buch ´Schalke 94 – Zwischendurch´ erschienen. Wie ist die Resonanz?

YVES EIGENRAUCH:
Von der 2000er Auflage sind bisher 500 verkauft. Bis Juli, hoffe ich, sind alle weg.

SCHALKE UNSER:
Bist Du zufrieden mit Deinem Werk?

YVES EIGENRAUCH:
Die Bilder habe ich eigentlich nur für private Zwecke gemacht. Dann wollte ich eine zehnseitige Broschüre für ein paar Freunde gestalten. Zum Schluß ist ein richtiges Buch daraus entstanden, dessen Erlös der Westfälischen Schule für Körperbehinderte in Gelsenirchen-Hassel zukommen soll. Das Buch ist binnen 4 Monaten entstanden. Wenn ich es mir jetzt so anschaue, sehe ich schon ein paar Schwächen. Zum Beispiel hätte ich gern das richtige Schalke-Blau gehabt. Auch manche Fotos hätten mehr Tiefe vertragen können. Zugegeben, an manchen Stellen wirkt es etwas platt, aber das liegt auch daran, daß ich am Computer noch nicht soviel Erfahrung habe.

SCHALKE UNSER:
War es schwierig, die Mannschaftskollegen und Trainer für das Projekt zu gewinnen?
Yves portraitiert Yves. Fotografieren ist eine seiner Leidenschaften

YVES EIGENRAUCH:
Nein. Im Gegenteil. Waldi Ksienzyk zum Beispiel regte an, noch Beiträge von Spielern und Betreuern hinzuzunehmen. Nur so ist es kein reiner Bildband geworden. Auch der Trainer hat sich eher positiv zum Buch geäußert. Ich mußte allerdings die Fotos genau auswählen und die abgelichteten Spieler um Zustimmung fragen. Etwa das Foto mit Olaf und Jörg, die am Tropf hängen: Wenn dem Betrachter die nötigen Fachkenntnisse fehlen, kann er es auch falsch interpretieren.

SCHALKE UNSER:
War ´Zwischendurch´ das erste von mehreren Eigenrauch-Büchern?

YVES EIGENRAUCH:
Ich werde bestimmt kein Sportbuch mehr machen. Das war eine einmalige Sache. Aber eine Buchproduktion im fotografischen oder künstlerischen Bereich kann ich mir auch in Zukunft vorstellen.

SCHALKE UNSER:
Ist Fußballprofi nicht Dein Traumberuf?

YVES EIGENRAUCH:
(überlegt lange) Objektiv ist es ein sehr guter Beruf. Man verdient verhältnismäßig viel Geld und hat verhältnismäßig viel Zeit. Nicht jedes Spiel und jedes Training machen Spaß.
Aber natürlich ist es ein privilegierter Beruf, sonst hätten ja mehr die Chance, ihn auszuüben. Ich plane gerade, mir einen Grafikcomputer zu kaufen. Andere müssen da lange überlegen, ob sie es sich leisten können. Ich aber kann es einfach tun. Das ist nicht selbstverständlich.

SCHALKE UNSER:
Hast Du keine Angst, daß das schlagartig vorbei ist? Daß Du wie Peter Sendscheid Sportinvalide werden könntest?

YVES EIGENRAUCH:
So einen hohen Stellenwert hat der Fußball nicht. Ich könnte auch ohne Fußball leben. Ich denke ja auch nicht daran, daß ich morgen vor ein Auto laufen könnte. Als Berufsfußballer hat man es selbst in der Hand, die Freizeit zwischen den Trainingseinheiten und Spielen sinnvoll zu füllen. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten bringen einen zwar nicht gerade auf dumme Gedanken, verführen aber oft zur Lethargie. Man muß die Trägheit nach dem Training überwinden, darf nicht vor sich hinvegetieren. Für mich als Profi gibt es neben dem Sport noch etwas Anderes.

SCHALKE UNSER:
Zum Beispiel Kunst, Design, Werbung, Fotografie. Wie bist Du dazu gekommen?

YVES EIGENRAUCH:
Im Kunst-Leistungskurs in der Schule hatte ich zum ersten Mal konkreter mit Fotografie zu tun. Seither gehe ich immer mal mit der Kamera raus und mache Abzüge in meinem Badezimmerlabor. Da muß ich dann immer alles auf- und abbauen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein richtiges Labor mit kleiner Dunkelkammer. Gelegentlich besuche ich Kunstausstellungen.

SCHALKE UNSER:
Allgemeines Interesse oder hast Du Vorlieben?

YVES EIGENRAUCH:
(es sprüht aus ihm heraus) Ich habe einen absoluten Bauhaus-Faible – vom Erscheinen her eher konservativ, aber vom Denken her phänomenal. Die Ideen des Bauhaus wirken bis heute. Kandinskys Abhandlung ´Über das Geistige in der Kunst´ etwa ist eine brillante Theorie, auch wenn ich nicht alles davon verstehe. Wenn ich vor einem Gebäude von Georg Muche oder Farkas Molnar stehe, hauen mich die Schlichtheit und Funktionalität um. Dann bekomme ich eine Gänsehaut. Für mich muß Kunst auf Anhieb schön sein.

SCHALKE UNSER:
Gilt das auch für Dein Interesse an der Werbung?

YVES EIGENRAUCH:
Bei Werbung ist mir das eigentliche Handeln wichtiger als das bloße Schauen. Werbepsychologie finde ich spannend. Meine Freundin hat mir dazu gerade ein Buch geschenkt. Ich finde es z.B. interessant, ob eine Kampagne auch die Zielgruppe trifft oder wie ein neues Image geschaffen wird. C&A ist mit aufwendigen Spots mit Spielfilmhandlung vom biederen Ruf weggekommen. Oder die Renault-Twingo-Werbung. Die Großstadtkulisse ist zeichnerisch klasse umgesetzt und verbreitet eine Fröhlichkeit, die Interesse weckt.

SCHALKE UNSER:
Würdest Du Dir deswegen einen Twingo kaufen?

YVES EIGENRAUCH:
Nein, erst nach positiven Testberichten. Aber durch die Werbung finde ich ihn gut. Grundsätzlich sind Werbung, Kunst und Fotografie faszinierend, weil man sich und seine Ideen darin verwirklichen kann. Mich würde es reizen, solche Postkarten zu entwerfen, die in Kneipen kostenlos ausliegen. Es ist bestimmt ein schönes Gefühl sagen zu können: „Das finde ich gut. Das habe ich gemacht.“

SCHALKE UNSER:
Hast Du Dich deshalb geweigert, die Texte in Deinem Buch Korrektur lesen zu lassen?

YVES EIGENRAUCH:
Ja, es sollte ein eigenständiges Buch sein. Warum soll ich nicht zu meinen Schwächen in Grammatik und Zeichensetzung stehen? Ich wollte mich nicht mir fremden Lorbeeren schmücken.

SCHALKE UNSER:
Dein Buch beginnt mit dem Satz: „Im Glauben an den menschlichen Verstand; für Toleranz.“ Ist das Dein Anspruch?

YVES EIGENRAUCH:
Wenn mich was wirklich aufregt, dann ist das Intoleranz. Da werde ich richtig wütend. Man muß Dinge ja nicht immer schön finden, sondern sie akzeptieren können. Das gilt für Kunst genauso wie für ungewöhnliche Hobbies. Wenn meinetwegen ein 40jähriger Mann noch gerne mit Puppen spielt: Warum sollte er es nicht tun? (erregt sich) Besonders massiv tritt Intoleranz in der Gruppe auf. Es ist doch merkwürdig, wenn sich Menschen in der Gruppe anders geben, als wenn sie einzeln auftreten. Sich alleine betrinken oder üble Sprüche gegenüber Frauen anbringen, das macht kaum einer. Für mich zählen noch Normen und Werte aus der Vergangenheit: Korrektes Verhalten und Höflichkeit.

SCHALKE UNSER:
Ist Dir das bei Deiner Premiere im Kreis der Nationalmannschaft begegnet?

YVES EIGENRAUCH:
Ich habe es mir unangenehmer vorgestellt und war deshalb positiv überrascht. Ich bin ganz normal aufgenommen worden. Aber generell tue ich mich schwer in Situationen, in denen ich mich einer größeren Gruppe vorstellen muß.

SCHALKE UNSER:
Ging Dir das auch so bei Deinem Auftritt als Eddy in der Rocky Horror Show?

YVES EIGENRAUCH:
Ja, das hat mich schon Überwindung gekostet. Vor zwei Jahren wäre ich dazu noch zu verkappt gewesen. Man muß sich aber ab und zu selbst überwinden. Davon kann man viel mitnehmen.

SCHALKE UNSER:
Hast Du Dir die Rolle des Eddy ausgesucht?

YVES EIGENRAUCH:
Der Eddy muß ja in dem Musical mit dem Motorrad eine Treppe hochfahren. Aus dem Kreis der Mannschaft bin ich der Einzige, der damit fahren kann. Tatsächlich fahre ich aber auch ziemlich gerne Motorrad. Mein Traum ist eine Harley 883 Sportster mit Stummellenker.
Ein Motorrad muß sowenig Plastik wie möglich haben und vor allem eines: ordentlich knattern.

SCHALKE UNSER:
Nach der klassischen Rolle in Aida nun ein wilderer Auftritt. Welche musikalische Welt liegt Dir näher?

YVES EIGENRAUCH:
Der Softpop der 80er à la Human League und Duran Duran begeisterte mich schon immer total. Auf mich hat das eine Wirkung von großer Reinheit. Andererseits höre ich auch gerne die alten Heavy-Sachen von den Who und Hendrix. Die vermitteln mir ein Lebensgefühl, das leider in Vergessenheit geraten ist: Einfach leben und frei sein, frei von Konventionen.

SCHALKE UNSER:
Danke Yves, Glückauf!

YVES EIGENRAUCH ÜBER …

… Kleidung
Ich habe gar keinen 70er-Jahre-Tick. Aber hellblau auf gelb-orange ist toll. Und Spitzkragen – das muß einfach sein.

…Kommerz im Fußball
Ursprünglich war Fußball Spaß für Otto Normalverbraucher oder noch darunter. Jeder sieht: Das ist nicht mehr so. Ich habe mich als Profi damit abzufinden. Aber ich brauche es auch nach außen nicht zu vertreten.

… Kollegen in der Mannschaft
Es läuft harmonisch ab. Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft, die gut funktioniert.

… Kinder
Erst mit 28 oder 29. Ich fühle mich noch nicht fähig, ein Kind zu erziehen. Die Erfahrung fehlt.

… Kurven-Beliebtheit
Die Yyyyves-Rufe geben mir einen Motivationsschub. Warum ich, frage ich mich manchmal. Aber die Fans mögen wohl meinen Ehrgeiz und Laufstil und merken, daß ich 90 Minuten alles geben will.