„Rivalität ist doch etwas ganz Wichtiges im Fußball“

(um/rk) Nach der EM ist vor der Saison. Zwischen Arztbesuch und Akupunktur sprach SCHALKE UNSER mit dem anerkanntesten Förderer der deutsch-niederländischen Freundschaft: YOURI MULDER ist ein Mann mit klarer Meinung zu internationalen Konflikten wie Holland contra Surinam, Moffen contra Käsköppe oder Schalke contra Lüdenscheid.

SCHALKE UNSER:

Nur zwei viel zu kurze Einsätze in England. Youri, wir haben Dich vermißt.

YOURI MULDER:

Ich war auch schon ziemlich enttäuscht, daß ich nicht öfters reingekommen bin. Aber hinterher war ich sogar froh, daß ich überhaupt noch gespielt habe. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, daß ich nach Kluivert zweiter Stürmer werde. Mein Pech war, daß der Patrick halb verletzt und halb fit war, und so konnte er zwar eingewechselt werden, aber für ein ganzes Spiel reichte es nicht. Warum der Trainer immer ihn gebracht hat anstatt mich, war mir nicht klar, denn ich fand, ich habe im Training über den ganzen Monat die besseren Leistungen gezeigt.

SCHALKE UNSER:

Im deutschen Fernsehen hat Johan Neeskens die Spiele der holländischen Nationalmannschaft analysiert. Auch er konnte nicht verstehen, warum Du nicht eingesetzt wurdest.

YOURI MULDER:

Ja, das stimmt, das haben mehrere Leute gesagt. Auch die holländischen Journalisten, die jeden Tag beim Training waren, sagten immer, ich sollte doch mehr eingesetzt werden. Und beim Spiel gegen Frankreich hat man es dann auch gesehen, daß mit mir sofort mehr Motivation und Biß ins Spiel kam. Auch innerhalb der Mannschaft hatte ich dieses Gefühl, denn der Bergkamp war auch die ersten beiden Spiele grauenhaft. Allerdings ist auch er einer, der wenigstens noch kämpft – gebracht hat es leider alles nichts.

SCHALKE UNSER:

Nun war der Grund für das Ausscheiden sicher nicht nur der, daß Youri Mulder nicht oder nur kaum gespielt hat. Es gab ja doch ganz massive Streitigkeiten innerhalb der Mannschaft.

YOURI MULDER:

Ich habe mich eigentlich aus dem ganzen ziemlich rausgehalten, obwohl ich mit Patrick Kluivert auf einem Zimmer war. Doch der Patrick war auch nicht so extrem wie die anderen Jungs, wie Reiziger, Davids oder Seedorf. Das waren alles Probleme, die noch aus der Ajax-Zeit stammen. Da geht es um Gehälter: Die dunklen Jungs denken, daß sie zu schlecht bezahlt werden, was aber auch stimmt. Deswegen gibt es auch jetzt schon wieder Probleme bei Ajax mit Kanu und Finidi. Aber andererseits finde ich auch, daß jeder für sich selbst verantwortlich ist. Und in dem Augenblick, in dem man einen Vertrag unterschreibt, soll man auch damit zufrieden sein und nicht hinterher sagen „Weil wir schwarz sind, werden wir schlechter bezahlt“. Das muß man vorher abklären.

Aber das sind alles Probleme, die schon drei, vier Jahre alt sind. Blind und Seedorf haben sich nie sonderlich verstanden. Bei der EM ist es dann zu einer zweistündigen Aussprache vor der gesamten Mannschaft gekommen. Und da hat man schon gemerkt, daß Seedorf schon in der Vergangenheit große Probleme mit Blind gehabt haben muß. Aber ob das Gespräch was gebracht hat, kann ich wirklich nicht sagen. Und so ist es nach dem Gespräch auch wieder weitergegangen mit dieser offensichtlichen Spannung zwischen den beiden.

SCHALKE UNSER:

Die Öffentlichkeit sah ganz klar einen „Schwarz-Weiß-Konflikt“. Hattest Du das Gefühl, daß dadurch auch bei den Fans eine Spaltung hervorgerufen wurde?

YOURI MULDER:

Also ich weiß wirklich nicht, wie die Medien darauf gekommen sind. Ich glaube die Gazetta dello Sport hat damit angefangen zu schreiben, daß sich die dunklen Jungs in der Mannschaft unterbewertet fühlen, daß sie nichts zu sagen haben und daß sie nur das machen sollen, was ihnen die weißen Jungs sagen. Aber das stimmt absolut nicht. Natürlich gab es eine Trennung zwischen diesen Gruppen, das ist schon richtig, aber auch normal.

Wir hatten fünf surinamische Jungs dabei, die kennen sich schon seit 15 Jahren aus den Straßen von Amsterdam. O.k., daß sie ein bißchen zueinanderziehen, das ist doch normal. Die haben auch ab und zu etwas anderes gegessen, etwas Surinamisches, aber das finde ich auch überhaupt nicht schlimm. Aber was ich halt nicht so gut fand, war, daß sie auch Surinamisch sprachen. Das war schlecht für das Mannschaftsgefühl, was wir ihnen auch sagten: „Vielleicht hat jemand das Gefühl, daß Ihr über ihn redet und wir können Euch nicht verstehen.“ Sie haben daraufhin auch damit aufgehört.

Das ganze war aber vielleicht auch eher ein Generationskonflikt. Die „Alten“ Blind, die Gebrüder De Boer auf der einen Seite und die „Jungen“ Seedorf, Reiziger, Davids auf der anderen. Die „Jungen“ wollten sich auf keinen Fall unterordnen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Eine Spaltung bei den Fans haben diese Konflikte jedenfalls nicht ausgelöst.

SCHALKE UNSER:

Überhaupt holländische Fans. Bei der EM haben sie den Preis der UEFA für die beste Unterstützung bekommen. Vor allem Eure Blaskapelle heizte immer ordentlich ein.

YOURI MULDER:

Die Kapelle war echt super. Normalerweise finde ich ja, daß Kapellen immer so etwas Bürgerliches an sich haben, was ich nicht so mag. Aber diese Kapelle, sie kam aus Amsterdam, die hat super Lieder draufgehabt und zwar ohne jede Wiederholung.

SCHALKE UNSER:

Neben diesen Fans gibt es aber auch gerade in Holland noch die andere Kategorie, wie die Hooligans von Feyenoord.

YOURI MULDER:

Man kann gut zwischen Nationalmannschaft- und Clubfans unterscheiden. Bei der Nationalmannschaft sind es mehr so Sponsorfans: Eher etwas bürgerlich, kein richtiges Fußballvolk, eher Golfspieler als Fußballfans. Deshalb sieht man bei der holländischen Nationalmannschaft auch nur sehr selten Krawalle. Die Hooligans findet man nur bei den Clubs selbst. Aber das sind auch Fans. O.k., da gibt es ab und zu Ärger, und wenn es zu viel Ärger gibt, ist das natürlich schlecht.

SCHALKE UNSER:

Wie sollte man denn gegen solche Krawallmacher vorgehen?

YOURI MULDER:

Hart, denke ich. Aber die Polizei sollte nicht schon vor dem Spiel, wenn überhaupt noch nichts los ist, sagen „wenn nur einmal etwas geschieht, dann hauen wir sofort drauf“. In Deutschland macht die Polizei das eigentlich ganz gut, die sind nicht so auffällig. Wenn Feyenoord irgendwo hinkommt, dann sind da entweder zu wenig Polizisten oder die zeigen sofort ganz massiv ihre Präsenz. Und damit löst man natürlich Aggressivität aus.

SCHALKE UNSER:

Ja, wenn man Fans wie Tiere behandelt, dann benehmen sie sich auch so. Das ist das gleiche wie mit den Zäunen in den Stadien. Wie hast Du es denn empfunden, in einem Stadion ohne Zäune zu spielen?

YOURI MULDER:

Ich habe in Birmingham und Liverpool gespielt – und es war einfach traumhaft. Auch unsere Ersatzbank war unten auf der Tribüne, man ist nur ein paar Meter vom Spielfeldrand entfernt, das ist sehr schön. Ich hatte auch überhaupt keine Angst, daß da etwas passieren könnte. Die Security hatte alles im Griff. Auch auf Schalke könnte ich mir so ein zaunloses Stadion gut vorstellen.

SCHALKE UNSER:

Wie siehst Du denn das gespannte Verhältnis der beiden Nachbarn Holland und Deutschland?

YOURI MULDER:

Mein Vater (Anm. d. Red.: Ex-Nationalspieler und heute Journalist) meinte mal in einem Interview, daß die „Feindschaft“ der beiden Länder aus dem Weltmeisterschafts-Endspiel ’74 herrührt. Das steckt wirklich unheimlich tief bei den Holländern – vielleicht sogar mehr als der Krieg und die Besatzung. Da sind zwar 100 000 Leute gestorben, aber die Schwalbe von Hölzenbein steckt viel, viel tiefer. Das ist wirklich unglaublich, aber es scheint so zu sein.

SCHALKE UNSER:

Den Haß, den es von deutscher Seite gegenüber den Holländern früher gegeben haben mag, gibt es heute bei den Schalkern sicher nicht mehr. In den letzten Jahren finden auch immer mehr Holländer den Weg ins Parkstadion. Es wurde sogar schon mal gesagt, Youri Mulder hätte mehr für die deutsch-holländische Freundschaft getan als jeder Politiker.

YOURI MULDER:

Nein, glaube ich nicht. Aber vielleicht spiele ich auch deshalb auf Schalke, um das politische Gleichgewicht in Europa zu erhalten. Naja, ich weiß nicht…

SCHALKE UNSER:

Aber gerade wegen des besonderen deutsch-niederländischen Verhältnisses können wir nicht verstehen, warum zum Beispiel die Twente-Fans ihren deutschen Trainer mit „Hansi Meyer – unser Führer“-Chören feiern oder Ajax Amsterdam von den Gegnern mit „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ beschimpft wird.

YOURI MULDER:

In Twente hat das sicherlich keinen faschistischen Hintergrund. Der Hans Meyer ist einfach unheimlich populär in Enschede, und die Fans wollten ihm ein Kompliment aussprechen – dabei haben sie aber sicher die falschen Worte gewählt. Und Ajax ist halt der Judenclub in Holland. Oder glaubt Ihr ernsthaft, daß die gegnerischen Fans wirklich wollen, daß Juden vergast werden sollen?

SCHALKE UNSER:

Oft ist es vom Denken zum Tun nur ein kleiner Schritt. Vor gar nicht allzu langer Zeit haben wir auch ein paar Schalker gehört, die davon sprachen, einen Molotow-Cocktail auf das am Parkstadion angrenzende Asylheim zu werfen.

YOURI MULDER:

Ja, aber ich finde, man darf alles denken. Das wäre ja gerade totalitär und faschistisch, Gedanken zu verbieten. Ich darf Euch doch nicht verbieten, irgendetwas zu denken. Und wenn einer so denkt, ist das auch nicht mein Denken, aber jeder soll denken können, was er will.

SCHALKE UNSER:

Rein theoretisch hört sich das ja ganz gut an …

YOURI MULDER:

Nun gut, wenn dann einer wirklich so etwas tut, also gewalttätig wird, dann finde ich das natürlich auch sehr schlimm. Wie schon gesagt: Dagegen muß dann hart vorgegangen werden.

SCHALKE UNSER:

Bleiben wir bei Feindseligkeiten: Schalke – BVB. Du outest Dich in Interviews immer wieder auch als „BVB-Hasser“. Es gibt kaum einen Profi, der sich mit seinen Sprüchen so weit aus dem Fenster lehnt.

YOURI MULDER:

Wißt Ihr, was ich gar nicht mag in letzter Zeit ist dieses gegenseitige Geschleime. Jörg Berger mit Ottmar Hitzfeld, Rudi Assauer mit Dortmund und immer sagen sie „wir sind jetzt Freunde“ – nur Geschleim, Geschleim, Geschleim! (er würgt heftigst) Berger ist der beste Freund von Hitzfeld? Das geht doch nicht! Die sollen sich trennen! (lacht). Nee, so eine Rivalität ist doch etwas ganz Wichtiges im Fußball. Und schließlich passiert bei diesen Spielen eigentlich kaum noch was zwischen den Fans.

SCHALKE UNSER:

Angenommen, Du hättest in der Bundesliga beim BVB angefangen. Würdest Du genauso schlecht über Schalke reden?

YOURI MULDER:

Ja, natürlich. In dem Augenblick, in dem du das blaue Trikot anziehst, haßt du gelb-schwarz und umgekehrt. Bereits den ersten Tag als ich auf Schalke war, wurde nur über Dortmund und die Rivalität geredet. Und deshalb nochmal: Keine Schleimerei mit Dortmund mehr!

SCHALKE UNSER:

Von den Offiziellen zu den Fans. Siehst Du auch Kritikpunkte an den Schalker Fans?

YOURI MULDER:

Wenn wir hinten liegen, dann sollten sie vielleicht etwas mehr Feuer geben. Wir spielen manchmal aber auch zu dämlich zu Hause, so als ob wir Schildkröten- oder Schneckenfutter bekommen hätten. Aber gerade dann sollten sie uns unbedingt ein bißchen mehr aufwecken. Denn im Parkstadion ist es ja leider oft so: Wenn wir auf dem Platz einschlafen, dann schläft auch das Publikum ein. Aber wir müssen dann aufgeweckt werden. Guckt‘ mal nach Kaiserslautern, dort hatte jede Mannschaft Angst anzutreten. So sollte es in Schalke auch sein!

SCHALKE UNSER:

Aber liegt das nicht vielleicht auch an der miesen Akustik im Parkstadion? Wird es nicht Zeit, daß wir ein neues Stadion bekommen?

YOURI MULDER:

Ich weiß nicht, denn dann kriegst Du fast nur Sitzplätze. Das ist jetzt der Fall bei Ajax Amsterdam. Die haben ein wunderschönes neues Stadion gebaut, 45 000 Zuschauer, schon jetzt auf zwei Jahre ausverkauft. Aber welche Leute haben da die Karten gekauft? Das sind Immobilienmakler, Versicherungsverkäufer – das wird dann eine Art Opernpublikum.

Das ist die große Gefahr, wenn man ein neues Stadion baut – und so etwas paßt überhaupt nicht nach Schalke. Von der Kohle her ist das zwar gut, aber wenn die Erfolge mal ausbleiben, ist von diesen Leuten keiner mehr da. Und wer soll dann die teuren Karten kaufen?

SCHALKE UNSER:

Bei der EM hieß es immer „der Star ist die Mannschaft“. Das kann man ja bei Schalke in der letzten Saison nur unterstreichen. Aber nun sollst Du ja nicht ganz unbeteiligt an der Verpflichtung von Johan De Kock gewesen sein.

YOURI MULDER:

Eigentlich war ich überhaupt nicht daran beteiligt. Der Manager hat mich nur im Urlaub auf dem Segelboot angerufen und gefragt, was De Kock für ein Spieler ist. „Ja“, habe ich gesagt, „er ist ein Verteidiger“. „Ja“, meinte Rudi, „so weit war ich auch schon. Und was ist er für ein Typ?“. „Er ist ein Riesenarschloch“, meinte ich.

Nee, Spaß beiseite, „er ist ein ganz netter Kerl und der würde gut zu uns passen und trotz seines doch recht hohen Alters ist er einer der schnellsten der holländischen Liga“. Ein paar Tage später kam schon wieder ein Anruf vom Manager „Ja, alles klar, Du hast einen neuen Kollegen, möchtest Du ihn mal sprechen?“. Ich sagte „Klar, immer her damit.“ Ja, und dann haben wir so Sachen geredet wie „Hallo Johan, hallo Youri, alles klar, nächstes Jahr werden wir Deutscher Meister…“.

So war das, und nicht wie es in manchen Zeitungen stand: Ich hätte monatelang einen Transfer vorbereitet, womöglich sogar noch Geld dafür in die eigene Tasche gesteckt. Aber ich weiß schon, warum der Rudi Assauer sowas sagt, denn wenn der Johan wirklich mal ein paar schlechte Spiele hintereinander macht, dann habe ich nämlich den Schwarzen Peter.

SCHALKE UNSER:

Ein neuer Star auf Schalke. Was heißt das für das Mannschaftsgefüge? Yves Eigenrauch sagte uns einmal, daß das Schalker Team lange Zeit nur eine „gutfunktionierende Interessengemeinschaft“ war.

YOURI MULDER:

Das war mal so, da hat Yves recht. In meinen drei Jahren hier auf Schalke hat sich das aber weitestgehend geändert. Ich bin jetzt mit einigen Spielern auch freundschaftlich verbunden. Jens Lehmann und Uwe Scherr haben mich ja gerade erst in England bei der Europameisterschaft besucht.

Es ist natürlich nicht so, daß ich da jetzt jeden Tag bei denen auf dem Sofa sitze, aber ich rufe schon mal an und frage „Was machst Du heute abend? Sollen wir uns heute nacht bis fünf Uhr morgens in einem Sex-Club vergnügen?“ (lacht) Vor zwei Jahren war das noch ganz anders: Wir haben zwar immer gut harmoniert, aber es gab nur Fußball und danach ging’s ab nach Hause.

SCHALKE UNSER:

Du bist auch so etwas wie ein Frauenschwarm auf Schalke. Gibt es denn im Fußball eine Groupie-Szene?

YOURI MULDER:

Nein, schade eigentlich. (Packt Ulla ans Knie) Oder bist Du etwa ein Groupie?

SCHALKE UNSER:

Fünf Mark in die Chauvi-Kasse und vielen Dank für das Gespräch. Glückauf für die neue Saison!