„Ich bin eher einer, der Fußball arbeitet.“

(sr/mj) Im Pokalspiel gegen Emile Mpenza hatte er offensichtlich Eindruck auf Rudi Assauer und Huub Stevens gemacht, denn seit Anfang der Saison gehört Marcel Rozgonyi zum Schalker Profi-Kader. Doch im Gegensatz zu Neuzugängen wie Agali oder Vermant steht der ehemalige Magdeburger zur Zeit weniger im Licht der Öffentlichkeit. SCHALKE UNSER sprach mit ihm über Betriebssportgemeinschaften, das Essen von Kiwis und Haare am Sack.

SCHALKE UNSER:
Über dich weiß man eigentlich recht wenig. Was hast du vor deiner Zeit bei Schalke so gemacht?

MARCEL ROZGONYI:
Ich bin 1976 in Hoyerswerda geboren und dort aufgewachsen. Die Stadt war damals eine typische DDR-Industriestadt in Plattenbauweise mit 80.000 Einwohnern, von denen heute nur noch 30.000 übrig geblieben sind. Ich bin trotzdem immer wieder gern dort; das ist meine Stadt. Der größte Arbeitgeber war damals das Gaskombinat „Schwarze Pumpe“ mit 55.000 Beschäftigten, wo ich in meiner Jugendzeit ein Schulpraktikum absolvierte. Mit Fußball habe ich bei der Betriebssportgemeinschaft „Aktivist Schwarze Pumpe“ angefangen. Anschließend habe ich für Energie Cottbus gespielt. Später bin ich zur Polizei gegangen und habe für sechs Jahre mit dem Fußball aufgehört. 1998 habe ich den Polizeidienst quittiert. Dann habe ich wieder in Hoyerswerda gespielt und schließlich für Magdeburg. Dort habe ich dann im Pokal gegen Köln gekickt und gegen Bayern, wo ich den Elber abgemeldet habe, gegen den KSC und schließlich gegen Schalke. Dabei ist man auf mich aufmerksam geworden, und von den verschiedenen Angeboten habe ich mich schließlich für Schalke 04 entschieden, weil ich denke, dass das einer der Vereine ist, zu denen ich mit meiner Mentalität am besten passe.

SCHALKE UNSER:
Welche Angebote hattest du denn noch?

MARCEL ROZGONYI:
Frankfurt und Stuttgart waren im Gespräch, ebenso der HSV. Ich habe mich für Schalke entschieden und sitze jetzt hier auf der Tribüne (lacht). Wenn ich schon nicht spielen kann, würde ich lieber in der Nordkurve stehen, aber dafür bekommen wir Spieler leider keine Karten. Zum Spiel gehört ‚n Bier und ’ne Bockwurst und kein Kaviar.

SCHALKE UNSER:
Den Wechsel von Magdeburg nach Schalke, also von der Ober- in die Bundesliga, stellen wir uns schon heftig vor. Der Wechsel von Hoyerswerda zu einem Traditionsverein wie Magdeburg war aber bestimmt auch schon groß.

MARCEL ROZGONYI:
Das stimmt. In Hoyerswerda haben wir nur drei mal in der Woche trainiert und vor 500 Zuschauern gespielt. Das ist natürlich ein Riesenunterschied zu Magdeburg, wo auch mal 30.000 Leute zu den Pokalspielen gekommen sind. Dort habe ich zum ersten Mal meine Trainingsklamotten gewaschen und die Schuhe gestellt bekommen. Die Masseure und der Mannschaftsbus waren für mich auch neu. Der Wechsel nach Schalke ist dann noch ein anderes Level. Wenn ich jetzt zum Fußballspiel fahre, ist das einzige, was ich mitnehme, meine Waschtasche. Wir haben hier praktisch eine Rundumbetreuung. Der Unterschied von der Oberliga zur Bundesliga ist natürlich groß. Vielleicht nicht vom Körperlichen und von der Fitness; ich denke schon, dass ich sehr gut im Stoff bin. Viel macht man halt mit dem Auge. Guckt euch mal den Hajto an. Er macht alles mit dem Auge, ein Superfußballer! Er ist zwar nicht schnell, aber er hat für mich die beste Hinrunde hier gespielt, er und Olli Reck. Schaut mal, wen habe ich da alles auf meiner Position: Hajto, Waldoch, Oude-Kamphuis – alles Nationalspieler. Das sieht natürlich schlecht aus für mich; da müssten sich schon alle drei verletzen.

SCHALKE UNSER:
Du könntest ja mal beim Training die Blutgrätsche ansetzen.

MARCEL ROZGONYI:
Das ist nicht meine Art. Ich habe bei Schalke angefangen, um erst mal zu lernen. Es ist natürlich für einen Sportler keine Motivation, wenn man erst mal nicht dabei ist und nur lernt. Trotzdem finde ich das richtig. Stellt euch mal vor, man hätte mich sofort spielen lassen und ich hätte dann gespielt wie ’ne Bratwurst. Dann hätte ich nach Hause gehen können.

SCHALKE UNSER:
Habt ihr Spieler schon Kontakt mit Frank Neubarth gehabt?

MARCEL ROZGONYI:
Ich habe ihn fast an der Geschäftsstelle mit dem Auto überfahren, aber ich glaube, er hat das gar nicht mitbekommen. Persönlich kennen gelernt habe ich ihn noch nicht. Ich kenne ihn natürlich als Spieler aus dem Westfernsehen.

SCHALKE UNSER:
Apropos Westfernsehen. Als die Mauer fiel, warst du 13.

MARCEL ROZGONYI:
Ich war gerade als Fußballer bei der DDR-Spartakiade. Ich habe eigentlich nichts mitgekriegt und mir war das damals auch egal, ob die Mauer fällt oder nicht. Ich kannte zum Beispiel keine Kiwis und mir war das beim ersten mal auch ein Rätsel, wie man die isst.

SCHALKE UNSER:
Du hast früher auch andere Sportarten betrieben.

MARCEL ROZGONYI:
Das war während meiner Zeit beim Bundesgrenzschutz. Dort habe ich „Polizei-Siebenkampf“ gemacht. Schwimmen, Schiessen, 3000 m Geländelauf, 100 m, Hürdenlauf, Kugelstoßen und Speerwerfen waren die Disziplinen. Und natürlich wurde im Training auch Fußball gespielt.

SCHALKE UNSER:
Du siehst dich als Vollprofi, mit Wässerchen trinken und zeitiger Bettruhe?

MARCEL ROZGONYI:
Ich bin zu hundert Prozent Profi und so hartgesotten, dass ich dem alles unterordne. Wenn man die richtige Einstellung hat und den Ehrgeiz, kann das relativ schnell gehen. Ich bin persönlich kein sehr guter Fußballer. Ich bin eher einer, der Fußball arbeitet. Ich kann den Ball jetzt nicht 500 mal jonglieren oder andere Tricks. Aber viele, die große Talente gewesen sind und technisch, links wie rechts, viel drauf hatten, gerade in der DDR, wo sehr viel Wert auf die Technik gelegt worden war, sind abgerutscht. Die haben Kopfprobleme bekommen, angefangen zu saufen und sind abgesackt. Die hätten es viel, viel weiter bringen können als ich. In der Jugend hat man gesagt: „Nationalspieler, der zweite Beckenbauer.“ Da haste gerade die ersten Haare am Sack gekriegt und Weiber kennen gelernt und dann war´s vorbei. Dann ging es statt zum Training in die Disco.

SCHALKE UNSER:
Statt in die Disco bist du mit 16 zum Bundesgrenzschutz gegangen.

MARCEL ROZGONYI:
Ja, aber nach sechs Jahren konnte ich dort nicht mehr arbeiten. Wegen des Bürokratentums und wegen der Engstirnigkeit meines Vorgesetzten. Der war über sechzig, und wer weiß, wo der schon gedient hatte. Zum anderen muss man sich vorstellen, dass man an der Grenze Leute aufgeschnappt und nach zwei, drei Tagen wieder nach Polen abgeschoben hat. Die sagen dir offen ins Gesicht: „In einer Woche bin ich wieder da.“ Und, ich schwör´s euch, eine Woche später war der tatsächlich wieder da. Was will man den Leuten auch vorwerfen? Wenn ich in Rumänien leben müsste, ich würde zusehen, dass ich meine Sachen packe und meine Familie da unterbringe, wo es uns besser ginge. Dann bekommt man noch Disziplinarverfahren am Hals wegen Körperverletzung im Amt. Andererseits hat man dann wirklich Sadisten bei der Polizei. Das war nicht mein Ding. Das habe ich sechs Jahre lang toleriert und dann war für mich Schluss.

SCHALKE UNSER:
Einen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben ist ganz schön mutig.

MARCEL ROZGONYI:
Meine Mutter ist fast zusammengebrochen und sah mich schon als Sozialfall auf der Straße enden. Meine Familie wohnt mittlerweile in Berlin. Irgendjemand hat sie angerufen und ihr gesagt, dass ich asozial wäre und auf der Straße leben würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch Polizist.

SCHALKE UNSER:
Wir haben gehört, dass du nebenbei auch studiert hast, und zwar Print- und Mediendesign.

MARCEL ROZGONYI:
Das war nach meiner Zeit beim Bundesgrenzschutz. Zuerst habe ich in Cottbus und dann in Magdeburg studiert, wo ich das Studium letztes Jahr abgeschlossen habe. Jetzt kann ich mit dem Studium auch nichts mehr anfangen, weil ich da längst wieder ´raus bin. Die ganze Sache ist sehr innovativ und schnelllebig.

SCHALKE UNSER:
Kannst du dir vorstellen, nach deiner Karriere wieder in diesen Beruf einzusteigen?

MARCEL ROZGONYI:
Wenn es nicht anders geht. Im Moment mach ich mir gar keine Gedanken darüber; erst, wenn es soweit ist. Jetzt konzentriere ich mich erst mal ganz auf den Sport.

SCHALKE UNSER:
Eine Frage, die vor allem unsere weiblichen Leser interessieren wird: Hast du überhaupt Zeit für eine Freundin?

MARCEL ROZGONYI:
Meine Freundin schließt gerade ihr Studium in Cottbus ab. Sie war vor kurzem noch für ein halbes Jahr in Kapstadt. Die Umstellung von Südafrika auf das winterliche Ruhrgebiet fällt ihr im Moment etwas schwer, vor allem, weil sie hier noch niemanden kennt. Aber das wird schon.

SCHALKE UNSER:
Wie schmeckt dir das Ruhrgebiet, besonders Gelsenkirchen?

MARCEL ROZGONYI:
Ehrlich gesagt, ich war noch nie in der Gelsenkirchener Innenstadt. In Buer war ich schon mal, bei Saturn. Da hab´ ich mich mit einem Verkäufer herumgestritten, weil der mir eine falsche Navigations-CD verkauft hat. Ich wohne auch nicht in Gelsenkirchen, sondern in Marl. Im Osten gibt es so schöne Einkaufszentren, aber so etwas wie den „Marler Stern“ hab´ ich noch nie gesehen. Das ist doch kein Einkaufszentrum. Das Ding sieht aus wie ´ne U-Bahnstation.

SCHALKE UNSER:
Vom Westen zurück in den Osten. Wie erklärst du dir den dortigen Rechtsruck bei vielen Jugendlichen?

MARCEL ROZGONYI:
Keine Ahnung. Viele sagen, es gibt zu wenig Jugendclubs. Ich war noch nie in einem Jugendclub und bin kein Faschist geworden. Andere sagen „Zugehörigkeitsgefühle“; was weiß ich. Für mich sind das alles nur Ausreden: „Ich habe Ausländer verdroschen, weil ich ´ne schwere Kindheit hatte.“ Die Strafen dafür sind viel zu niedrig. Überhaupt das Strafgesetz in der Bundesrepublik. Da fährt man einmal besoffen um den Block und das ganze Leben ist im Arsch. Andere vergewaltigen kleine Kinder und machen schwer auf psychisch geschädigt oder begründen es damit, dass ihre Eltern sich haben scheiden lassen.

SCHALKE UNSER:
Was erwartest du von der Rückrunde? Wie erlebt die Mannschaft diese Umbruchsituation?

MARCEL ROZGONYI:
Es geht weiter. Ich weiß nicht, wie die anderen es sehen, aber ich finde es schade, dass Huub Stevens aufhört. Andererseits ist jetzt klar, dass er geht, und das bringt bestimmt noch einmal Unruhe in die Mannschaft. Fußballspielen ist ja immer auch eine Kopfangelegenheit, vielleicht platzt jetzt endlich der Knoten. Die Chemie in der Truppe passt, die Charaktere sind gut. In den ganzen Vorbereitungsspielen haben wir kaum Gegentore kassiert, und Chancen hatten wir in der Hinrunde zuhauf.

SCHALKE UNSER:
Hast du noch eine Botschaft an das Publikum?

MARCEL ROZGONYI:
Feuert die Jungs an und macht ordentlich Stoff! Buh-Rufe helfen nicht weiter, wenn es mal nicht so gut läuft.

SCHALKE UNSER:
Wir bedanken uns für das Gespräch. Glück auf.