Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 21

(rk) Deutschland war soeben in Rom Fußball-Weltmeister geworden, die deutsche Einheit nahte und Günter Eichberg schwang nun sein Zepter auf Schalke. Trainer Peter Neururer hauchte der Mannschaft neues Leben ein, der Klassenerhalt in der zweiten Liga war erkämpft. Für die neue Saison gab es nun nur noch ein Ziel: den Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga.

Ehrgeizige Ziele

Zur neuen Saison 90/91 hatte Günter Eichberg noch einmal in seine Schatzschatulle gegriffen und mehrere neue Spieler verpflichtet, die den Aufstieg bewirken sollten. Libero Günter Güttler (SV Waldhof Mannheim) sollte die Abwehr organisieren, Kroninger (Kickers Offenbach), Mademann (VfB Langenfeld) und Yves Eigenrauch (Arminia Bielefeld) verstärkten die Königsblauen. Zudem hatte Schalke noch starkes Interesse an dem ablösefreien Karl-Heinz Förster sowie Costa Ricas WM-Star Hernan Medford (lief die 100 Meter in 10,9 Sekunden, Ablöse 800.000 Mark). Beide Transfers zerschlugen sich allerdings.

Indes rollte neues Unheil ins Haus des FC Schalke 04: Günter Eichberg lag im Clinch mit dem DFB, der dem Verein „wiederholtes Fehlverhalten“ beim Lizenzierungsverfahren vorwarf. Hintergrund war die vom Liga-Ausschuss gemachte Auflage, eine Bankbürgschaft über 2,6 Millionen Mark zu hinterlegen. Nachdem Schalke 04 den DFB auf einen „Berechnungsfehler“ hinweisen konnte – langfristige Verpflichtungen waren dem Liquiditätsbedarf des neuen Spieljahres zugerechnet worden – forderte Eichberg von DFB-Präsident Neuberger eine öffentliche Richtigstellung.

Wir werden Meister!

Peter Neururer hatte sich selbst vor der Saison enormen Druck auferlegt: „Wir werden Meister der 2. Liga“ ließ er verlauten, und genauso sahen es auch die anderen Trainer: Schalke war der riesengroße Favorit, zumal die Königsblauen mit Sascha Borodjuk einen exzellenten Spielmacher in ihren Reihen hatten. Aber der Druck auf Neururer schien schon fast übermächtig, Günter Eichberg verhandelte sogar parallel mit Eduard Geyer („Schalke ist mein Traum“), dem letzten Trainer der DDR-Auswahl, der nach der sich anbahnenden Einheit erst einmal arbeitslos war und sich im heimischen Garten die Zeit mit Rasenmähen vertrieb.

Zum ersten Ligaspiel gegen Schlappis 1. FC Saarbrücken pilgerten 50.000 Fans ins Parkstadion, die einen 3:1-Erfolg der Knappen bewundern konnten. Dank Ingo Anderbrügge und Peter Sendscheid (2) war auf Schalke der Himmel schon wieder königsblau. Und auch in der ersten Runde des DFB-Pokals ließ Günter Schlipper mit seinem Treffer zum 1:0-Sieg bei der SpVgg Unterhaching die Schalke-Fans jubeln.

Bei dem ersten Pflichtspiel einer Profimannschaft des DFB außerhalb des Verbandsgebietes traf Schalke im Ost-Berliner Jahn-Sportpark auf Blau-Weiß 90 Berlin. Das Spiel (1:1, Tor durch Yves Eigenrauch) an sich war eher unspektakulär, die „dritte Halbzeit“ hatte es aber in sich. Bis nach Mitternacht prügelten sich Schalker, Hertha-Fans und Volkspolizei mit Eisenstangen und Pflastersteinen. Fensterscheiben und Türen gingen zu Bruch, Autos wurden demoliert.
Auch bei den nächsten Spielen hielt Schalkes Vormarsch an: Braunschweig (2:1), VfL Osnabrück (3:0), TSV Havelse (3:0), Schweinfurt 05 (1:0) hatten allesamt keine Chance. Schalke legte mit 11:1 Punkten einen Traumstart hin und Günter Eichberg bekam leuchtende Augen: „So rechnen wir für das Spitzenspiel gegen den MSV Duisburg mit 60.000 Zuschauern.“

Spitzenspiel

Seit Wochenbeginn herrschte Hochbetrieb auf der Geschäftsstelle, die Telefondrähte liefen heiß. Vor tatsächlich 60.000 Zuschauern sahen die Zuschauer ein absolutes Spitzenspiel mit Rasse und Klasse, Spannung und Dramatik und letztlich einen verdienten 1:0-Sieg (Peter Sendscheid) der Schalker. Jens Lehmann hielt sein Gehäuse bereits 380 Minuten sauber. Schalke-Herz, was willst du mehr? Getrübt wurde das Fußballfest nur von anschließenden Ausschreitungen zwischen Schalkern und Meiderichern. Und selbst beim ärgsten Verfolger Waldhof Mannheim beeindruckten die Königsblauen durch ein 3:1 trotz des Platzverweises von Günter Güttler. Günter Eichberg war so froh, dass er sofort die Prämien um 1000 Mark pro Spieler anhob. Ausgerechnet beim SV Meppen sollte die Siegesserie reißen: In einem kampfbetonten Spiel fügten die Emsländer den Schalkern die erste Niederlage zu (0:2), wobei sich besonders das Fehlen von Libero Günter Güttler als nachteilig erwies. Und nun sah beim SV Meppen auch noch Jürgen Luginger den roten Karton. Kein Glanz und Gloria dann beim nächsten Heimspiel gegen die Stuttgarter Kickers, eher wohl ein hart erkämpfter Arbeitssieg (2:1). Immerhin war Schalke nun ein Jahr ohne Heimniederlage.

Erste Trainergerüchte

Eduard Geyer, der in der Presse bereits als neuer Chef-Trainer an Stelle von Peter Neururer im Gespräch war, wurde von Eichberg tatsächlich nach Gelsenkirchen geholt. Allerdings nur als Jugend-Trainer und Nachfolger von Holger Osieck, der dem Ruf seines Ex-Teamchefs Franz Beckenbauer (bei dem er Assistent der Nationalelf zur WM 90 war) zu Olympique Marseille folgte.

Beim folgenden Spiel in Homburg wurde den Schalke-Fans übel mitgespielt. Als der Himmel an der Saar seine Schleusen öffnete, „ertrank“ das Spiel in den Wassermassen. Schiedsrichter Wittke, der die Begegnung in der 26. Minute zunächst für zehn Minuten unterbrochen hatte, musste das Spiel endgültig absagen.

Peter Neururer hatte seinen Humor aber nicht verloren: „Wir wollten als Tabellenführer an- und abreisen, das haben wir geschafft“, schmunzelte er in die Kameras. Günter Eichberg hatte doppelt Pech: Sein BMW blieb beim Wolkenbruch auf dem Parkplatz in einer Sandgrube stecken und musste von einem Kranwagen aus dem Schlamm gezogen werden. „900 Kilometer für die Katz“, ein schwacher Trost für die Fans, dass sie auf Vereinskosten am folgenden Dienstag wieder nach Homburg gebracht wurden, um dort die 2:1-Niederlage mit anzusehen. Das 3:1 gegen Preußen Münster sorgte für ruhiges Fahrwasser für die Jahreshauptversammlung, die so ruhig wie lange nicht verlief. Steigende Zuschauerzahlen, ein Mitgliederzuwachs von 31 Prozent, dazu Investitionen in Höhe von 6,6 Millionen Mark, Eichberg konnte stolz auf seine erste Bilanz sein.

Doch mitten in der größten Erfolgsserie knallte es auf Schalke, ein hausgemachter Krach im Trainer-Theater um Düsseldorfs Coach Aleksander Ristic. Peter Neururer drohte mit Kündigung, wenn sein Vertrag nicht verlängert würde. Die Spieler solidarisierten sich und die Fans gingen auf die Barrikaden. Doch die Männer, die das Sagen hatten, waren im Urlaub: Manager Kremers sonnte sich auf Sylt, Eichberg weilte mit Schatzmeister Rüdiger Höffken zur Schrotkur. Dabei hatte Eichberg mit seinen vorschnellen Äußerungen („Ristic ist mein Lieblingstrainer“) das Theater eröffnet.

Gegen Hannover 96 gab es wieder „Russisches Roulette“. Sascha Borodjuk und Wladimir Ljuty sorgten für den schmeichelhaften 2:0-Sieg gegen die schwächelnde Elf von der Leine. Es gab sogar erste Pfiffe von den Tribünen für eine wirklich schwache Leistung der Schalker. Und als ob das Trainergerücht die Mannschaft verunsichert hätte, verloren die Schalker beim Spitzenspiel in Freiburg mit 0:3 und entgingen nur knapp einem Debakel. Und wieder drehten die Schalke-Fans durch, brachen Zäune ein, sorgten nach dem Platzverweis für Didi Schacht fast für einen Spielabbruch.

Schalke war nicht gerade üppig mit Stürmern ausgestattet, und als nach Jens Lehmann (Bänderriss am linken Knöchel) auch noch Peter Sendscheid an der Leiste operiert werden musste, forderte Neururer Verstärkungen von Manager Kremers. Marek Lesniak von Bayer 04 Leverkusen war im Gespräch, doch auch hier wurde nichts draus. Schalke musste nun mit einem klassischen Stürmer Wladimir Ljuty die weiteren Spiele bestreiten.

Birlenbach, Birlenbach!

Es folgte ein legendäres DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Braunschweig. Legendär deshalb, weil der „Unparteiische“ Dieter Birlenbach nahezu jede Aktion pro Schalke pfiff. Bereits nach vier Minuten zeigte er auf den Elfmeterpunkt; ein Strafstoß, den man wahrlich nicht jeden Tag zugesprochen bekommt. Es ging so weiter, es folgte noch eine unberechtigte Rote Karte gegen Braunschweig, am Ende hieß es 4:0 für Schalke und auch der Abgang von Birlenbach konnte sich sehen lassen: Noch lange nach dem Abpfiff gab der Schiri Autogramme für die wartenden Schalke-Fans und machte auch noch Witze über Braunschweig. Schade, dass man nicht öfter solche „Unparteiischen“ zu Gast hat.

Hier kommt Aleks!

Die Gerüchteküche um den Düsseldorfer Coach Ristic wollte nicht verstummen. Günter Eichberg war auch schon lange nicht mehr mit den Leistungen seiner Elf zufrieden, vor allem auswärts. Immer wieder stellte sich der Schlendrian ein. Als sich dann wieder so ein schwaches Spiel bei Fortuna Köln (1:1) einreihte und Schalke nun gerade mal einen Punkt aus den letzten vier Auswärtsspielen holen konnte, beurlaubte Günter Eichberg kurzerhand seinen Trainer Neururer. Das war insofern überraschend, als dass Schalke immer noch zusammen mit Homburg und dem MSV Duisburg die Tabelle der 2. Liga anführte. Die Chancen zum Aufstieg waren also absolut noch da und die Winterpause war noch gar nicht erreicht. Andy Müller: „Mit dieser Entwicklung konnte niemand rechnen. Das ist ein Schlag für die Mannschaft, den wir erst einmal verdauen müssen.“

Doch Eichberg wollte einen Trainer, der eine Aufstiegsgarantie mitbrachte, und da schien Ristic der ideale Coach zu sein. Als Ernst Happel-Schüler brachte er auch die entsprechende Schlitzohrigkeit mit. Zudem hatte er bei den Medien einen guten Ruf, war er doch immer für einen lockeren Spruch auf seinem Pattex-Stuhl bei der Fortuna in Düsseldorf zu haben. Die Schalker Fans aber waren richtig sauer und empfingen ihren Präsidenten mit Schimpftiraden à la „Wir sind Schalker, Eichberg nicht.“

Die Vertragsverhandlungen zogen sich hin und wurden in der Presse breit getreten. Ristic dementierte sogar zunächst Meldungen, nach denen er zukünftig auf der Schalker Trainerbank Platz nehmen sollte. Co-Trainer Klaus Fischer übernahm zusammen mit Manager Helmut Kremers für kurze Zeit das Training. Beim nächsten Heimspiel gegen Rot-Weiß Essen wurde Block 5 zum Anpfiff boykottiert, die Ränge blieben aus Protest gähnend leer. Schon vor dem Spiel gingen Morddrohungen auf der Geschäftsstelle ein. Doch die Mannschaft zeigte sich unbeeindruckt und siegte mit 3:1.

Schalke-Terror

Mit 41 Bussen waren die Anhänger nach Bremen gereist, das hieß „Alarmstufe 1“. Eichberg hatte zu einer „Pokal-Tour“ eingeladen, und die blau-weiße Karawane verwandelte die A1 in eine A04. „Ich habe wirklich Angst gehabt“, bekannte Willi Lemke nach dem Spiel leichenblass. Und dass nicht wegen des Spiels, das die Hanseaten zwar mühsam, aber am Ende doch verdient mit 3:1 gewannen, sondern wegen der randalierenden Schalke-Fans. 10.000 Schalker stürmten die Westkurve des Weserstadions, besetzten danach die Sitzplätze. Willi Lemke konnte sich nur permanent entschuldigen, die Kosten wurden später auf beide Vereine aufgeteilt. Die letzten drei Spiele der Hinrunde gestaltete man unentschieden gegen Darmstadt (2:2), Saarbrücken (1:1) und Blau-Weiß 90 Berlin (1:1), letzteres war der erste Punktverlust im heimischen Parkstadion.

Endlich neue Spieler

Kurz vor Weihnachten spielte Günter Eichberg Weihnachtsmann und legte den Schalke-Fans das „Geschenk“ Aleks Ristic unter den Christbaum. „An Fortuna haben wir 200.000 Mark Ablöse gezahlt“, ließ Eichberg verlautbaren. Die Fans waren wieder versöhnt, zumal Ristic schon davon sprach, Schalke in den Uefa-Cup zu führen. Als Willkommensgruß versprach Günter Eichberg seinem neuen Coach weitere Stürmer. Dabei musste Eichberg ein weiteres Mal tief in sein Portemonnaie greifen, denn diesmal sollte es etwas besonderes werden. Roger Milla, Kameruns 38 Jahre alter Torjäger der WM in Italien war ablösefrei und sollte der nächste Coup werden. Eichberg machte sich auf den Weg zum Sponsor Adidas nach Herzogenaurach zur Vertragsunterzeichnung, doch zurück kam er ohne Unterschrift. Milla ließ ihn einfach sitzen, angeblich hatte er Angst vorm Fliegen wegen des Golfkriegs.

Genial oder größenwahnsinnig?

Die Schalker Verantwortlichen machten sich erneut auf die Suche nach einem Stürmer, diesmal sollte es der 26-malige jugoslawische Nationalspieler Radmilo Mihajlovic, Sturmpartner von Allen McInally bei Bayern München, werden. Mit Bayern war man sich schnell einig (2,5 Millionen Mark Ablöse). Kein Wunder, denn die wollten den Bosnier schon länger loswerden. Uli Hoeneß lacht sich wahrscheinlich noch heute über diesen Deal ins Fäustchen. Eichberg hatte sich total verkalkuliert. Er konnte vielleicht noch nicht ahnen, dass Mihajlovic nicht einschlagen würde, aber die Praxis, mit der er Mihajlovic transferierte, ließ stark an seinem Verstand zweifeln. Eichberg unterzeichnete einen Blankovertrag und sagte zu ihm: „Ich gehe jetzt aus dem Zimmer und du trägst deine Gehaltsvorstellungen in den Vertrag ein.“ Eichberg kam nach fünf Minuten zurück und Mihajlovic hatte 600.000 Mark in den Vertrag geschrieben, eine Summe, die jeden auf Schalke bisher dagewesenen Rahmen sprengte.

Eichberg schien größenwahnsinnig zu werden. Die Bundesliga zitterte vor Eichbergs Bankkonto (geschätztes Vermögen 20 Millionen Mark). Er hatte sich soeben das feudale Schloss Abtsee bei Bad Reichenhall gekauft, wo er seine siebte Krampfader-Klinik eröffnen wollte. Und schon kündigte er an, Olaf Thon an den Schalker Markt zurückzuholen.

Aufstiegsraketen und blau-weißer Jubel im Berger Feld, mehr als 70.000 Zuschauer bejubeln die Königsblauen in der 2. Liga. Schalke sprengt alle Rekorde. Mit Vollgas geht es ins Fußball-Oberhaus. Doch schon bald verliert Günter Eichberg jedes Maß. Dieses und vieles mehr in der nächsten Ausgabe des SCHALKE UNSER.