Do you do Voodoo?

Wie ich neulich mal das Derby gewonnen habe!

(dol) Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen Religion und Magie? Der ist so ähnlich wie der zwischen Sieg und Niederlage im Derby. Während der religiöse Mensch sich von einer personalen Macht abhängig weiß, deren Zuwendung er im Gebet erflehen kann, versucht der magische Mensch auf diese einzuwirken und sie zum eigenen Nutzen oder zum Schaden anderer zu manipulieren. Die einen beten zu Gott und hoffen, die anderen praktizieren spezielle Rituale und gewinnen, wenn sie alles richtig gemacht haben.

Alles verstanden? Auch gut. So jedenfalls unterscheidet der Religionswissenschaftler spitzfindig. Für den Ausgang eines Fußballspiels zu beten bringt jedenfalls nichts. Das lehrt schon die Erfahrung. In der Regel befinden sich auf der Gegenseite ebenfalls einige Beter, die exakt für das Gegenteil beten.

Sorry, Ihr Geralds und Marcelos, Gott lehnt Anliegen wie „Derbysieg“ oder „Deutsche Meisterschaft“ ab. Er betrachtet sich als nicht zuständig. Was ist also zu tun, wenn man sich weder auf Spieler und Trainer, noch auf Gott immer verlassen kann? „Baby, do the Voodoo!“, lautete die praktische Antwort an dem fraglichen Sonntagnachmittag.

Dass bei allen fußballerischen Belangen, insbesondere bei Derby-Angelegenheiten allein der Fußballgott zuständig ist, das gilt in orthodoxen neo-gnostischen Kreisen längst als Binsenweisheit. Er gilt als höchst eifersüchtig, launisch und ungerecht. Glücklicherweise soll er bestechlich sein. In der Fachliteratur wird er oft als „Handwerkergott“ oder „Demiurg“ bezeichnet. Papyrus sei Dank!

Was liegt also näher, als dieses angelesene Wissen für ein kleines Experiment zu nutzen – für das Gute, gegen das Böse? Würde es mit Hilfe obskurer Praktiken gelingen, den Schalkern die drei Punkte aus Doofmund zu holen? So schwierig konnte es doch nicht sein, ein kleines, unwiderstehliches Ritual zu erfinden – zum Gefallen des Fußballgottes und zur Bezwingung der Fehlfarbenen. Soviel Aberglaube muss sein.

Es folgen einige Details der Durchführung des Experiments nebst Erläuterungen:

– Der Fußballgott fordert unweigerlich Opfer, damit man ihm seinen Respekt erweise. Das erste große Opfer bestand darin, auf den Ausflug in die Nähe von Lüdenscheid zu verzichten. Entsagung und Verzicht unterstreichen immer die Ernsthaftigkeit eines Anliegens.

– Als nächstes galt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die den Fußballgott geneigt macht, weitere Opfergaben gnädig anzunehmen. Hierzu wählte ich das häusliche Arbeitszimmer als „Labor“ und traditionellen Weihrauch katholischer Herkunft als Duft aus, der dem Stadionräucherwerk die Eigenschaft voraus hat, nachweislich THC zu enthalten. Das garantiert seit Menschengedenken gelöste Stimmung und gelegentliche Hustenattacken, auch bei Göttern.

– Die schwierigste Aufgabe war die Auswahl von angemessenen Opfergaben. Welche Gabe mag der Größe des Wunsches entsprechen? Für einen Sieg bei den Fehlfarbenen müssten nach allgemeinen Voodoo-Standards vier Zigaretten plus zwei Flaschen süßlich riechender Flüssigkeit, eine davon Parfüm, die andere Sinalco, ausreichen, mutmaßte ich nach der Führung im Essener Voodoo-Museum.

Andererseits, bedachte man die Leistungsbereitschaft der Mannschaft im letzten frühsommerlichen Aufeinandertreffen, könnte man möglicherweise doch auf ganz Nummer Sicher gehen müssen. Die Antike empfahl in solchen Fällen grundsätzlich das Menschenopfer. Logisch, man opfert vom Wertvollsten, was man hat, notfalls die eigene Brut. Siehe Abraham.

Inzwischen hat der größte Teil der Menschheit die Stufe der Menschenopfer, oberflächlich betrachtet, überwunden. Also blieben auf Gelsenkirchener Grund nur zwei Möglichkeiten übrig. Die eine war eine symbolische Opferung, wie wir sie aus dem Ritus diversester Gemeinschaften und Kirchen kennen, die andere eine reale Opferung, in Gestalt eines Meerschweinchens der freundlichen Nachbarin zum Beispiel. Die blutige Variante stellte ich aus praktisch-persönlichen Gründen zurück, obwohl die Recherche ergeben hatte, dass gebackene Meerschweinchen seit jeher die Speisekarten in Peru und in Bolivien bereichern, und meine kulinarische Neugier geweckt war. Diese hätte allerdings der Fußballgott unzweifelhaft als unlautere Absicht erkennen und abstrafen können.

So wählte ich sicherheitshalber die Form der „Ähnlichkeitsmagie“. Bei dieser Variante der Zauberei geht man davon aus, dass sich das eigene Handeln im Handeln der überlegenen Macht fortsetzt. Die Nadel, fachkundig vom Zauberlehrling in die Leberregion der Voodoo-Puppe gestochen, findet ihre Fortsetzung in einer Gelbsucht-Erkrankung des Patienten.

Das ist ein klassisches Beispiel für schwarze Magie aus der Karibik, die Akupunktur eins für weiße Magie. Die alt- und neu-mexikanische Hexerei zieht den Stoff-Püppchen solche aus Papier vor, weil diese eine höhere magische Qualität aufweisen … Und damit stand meine Opfergabe an die Fußballgottheit fest: junges Borussenhirn allerlei Geschlechts in ausgequetschter Form, dargereicht auf heimischem Not-Altar, mit frischem blauem Blut dekoriert und mit Mint-Soße symbolisch abgeschmeckt – welcher Gott könnte diesem Angebot widerstehen? Hirn statt Herz, Masse in Klasse – oder was sagt man in Pädagogenkreisen zu korrigierten Klausuropfern?

Ja, ich gestehe, ich habe Radio gehört und während des gesamten Spiels geistige Produkte von jungen Borussen, die ich ihnen zuvor zwei Stunden lang im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit abgepresst habe, bewertet, gewichtet, beurteilt, korrigiert. Die Auguren im alten Rom lasen aus den Innereien von Opfertieren die Zukunft des Imperium Romanum; der kleine symbolische Eingriff in exakt neun verschiedene menschliche Gehirnwindungen zum Thema „Sünde, Schuld und Tod“, von einem Schalker real mit hochwertiger blauer Tinte an leicht vergilbtem Papier vorgenommen, sollte für den Derby-Sieg jedenfalls reichen. Das Notfallpaket, bestehend aus einer kleinen Flasche Coca Cola plus zwei Zigaretten, kam nicht zum Einsatz.

Das Ergebnis des Experiments war verblüffend! Nur ein paar klärende Worte, und der Fußballgott hatte angebissen. Die metallische Feder kratzte über das Papier, hochwertige Tinte floss in Strömen, die Schalker dominierten das Spiel und machten Buden. Heute ist das Tintenfischblut königsblau, dachte ich und behielt recht. Die Borussia wurde erwartungsgemäß souverän bezwungen. Die beiden Gegentore fielen übrigens, als ich die Opferungen unterbrach, um einen Tee zuzubereiten bzw. die Toilette aufzusuchen. Letzteres diene den Zweiflern als Antwort, die von „Zufall“ sprechen und behaupten möchten, keinen Schreibtisch auf dem Spielfeld gesehen zu haben. Das war kein Zufall, das war Magie – ich habe das Derby gewonnen! Beweist mir doch das Gegenteil.