Randgruppenecke – Diesmal: Fußball-Wissenschaftler

Berti konnte doch schwimmen! 

oder:

Marc Wilmots musste ihn nicht durchstecken!

(ru) Es ist ein bisschen so wie bei der Bestellung bei „Subways“. Man kriegt tausend Fragen gestellt, zur Wahl des Brotes, der Soße, des Belags, des Grads des Toastens, der Länge des Baguettes und wahrscheinlich zur ei­genen Schuhgröße. Und am Ende erhält man das Gegenteil von dem, was man eigentlich essen wollte. Einfache Dinge werden plötzlich kompliziert, weil einer, der sich womöglich „Personal Service Encounter for Individual Food Assistance Teaching“ nennt, das für zeitgemäß hält.

Doch nicht nur Bütterchen machen wird zur Technologie hochstilisiert, auch Fußball. „Wenn ich übers Wasser laufen könnte, würden die Leute sagen: Nicht mal schwimmen kann er.“ Gesagt hat das einer, der ansonsten jeder Verdächtigung von Humorfreude aus dem Weg geht: Bördi Vogts. Er hat nämlich noch etwas gesagt. Mitte der Neunziger sprach Berti Vogts von der „ballorientierten Raumdeckung“ und Fußball-Deutschland klopfte sich die Schenkel wund. Nicht mal schwimmen kann er.

Wenig später bemalte Ralf Rangnick Flipcharts des ZDF-Sportstudios. Eine Begebenheit, die die „Bild“ noch Jahre später nutzen wollte, um Rangnick aus aussichtsreichen Jobs herauszuschreiben. „Passt der Professor in den Kohlenpott?“, titelte sie nach der Ernennung Rangnicks zum neuen Schalke-Trainer. Der Unterschied zwischen Vogts und Rangnick zu heutigen Trainern: Ihr Fabulieren wurde nicht ernst genommen.

Heute kann man keine Sportsendung einschalten ohne mit Fachbegriffen hochgejazzten Spielberichten angesabbert zu werden. Die „ballorientierte Raumdeckung“, das Vogtsche Wortmonstrum, ist nichts anderes als die heute überall kopierte Redewendung „gegen den Ball arbeiten“. Was soll jene von Jürgen Klopp kultivierte Spinnerei? „Gegen den Ball arbeiten“ kannte man früher als Ball aufpumpen. Warum kann man denn nicht sagen, dass man sich verschiebt? Dass man dem Gegner wenig Raum lässt?

Trainer halten sich für die Speerspitze der Taktiker, wenn sie sagen: „Das Spiel ohne Ball wurde vernachlässigt“. Was ist denn da los? Die Herren Fußballer spielen nicht etwa zu wenig an sich herum oder versuchen sich in „Blinde Kuh“, nein, sie haben sich einfach nur zu wenig bewegt. Aber wer nimmt einen mit so einem Satz schon noch ernst? Die geglätteten Perückenständer von „Sky“ plappern so etwas doch nicht nach. Stattdessen dröhnen LSD-schwangere Bemerkungen wie „Doppel-Sechs“, „Tannenbaum-System“, „flache Vier“, „Raute“ und „Aggressiv-Leader“ durch die Mikrofone.

Dass das alles sinnlos wie aufgedunsen ist, interessiert keinen. „Das taktische Foul“ hat ja auch Schule gemacht, jene Formel, in der Spieler für ein Foul gelobt werden. Diese Konstruktionen können sich weiß Gott nur Halbgötter im „Puma-Jogger“ mit aufgenähtem Werbeemblem ausdenken, die im Restaurant jeden Salzstreuer zur Taktikbesprechung missbrauchen müssen. So ist derzeit die Rede davon, die Spieler sollen auf dem Platz „Dreiecke bilden“ – eine Beschreibung dafür, Anspielstationen zu schaffen. Aber bitte, bildet Dreiecke, Trapeze, Kurvendiagramme auf dem Platz und behaltet auch eure Förmchen im Auge!

Zu guter Letzt natürlich die Mär von der argumentstützenden Statistik. Mittlerweile dürfte sich bis nach Grönland herumgesprochen haben, dass „acht Prozent mehr Ballbesitz“ auch nicht helfen, um eine 0:3-Niederlage schönzureden. Der Luftikus, der einen Fußballplatz in Zonen gliedert, hat Hochkonjunktur. Er lässt seine Spieler an sich spielen, Bälle aufpumpen und schickt sie dann mit Gummibändern durch Dreiecke im Tannebaum-System. Nebenbei tobt er seine intimsten Phantasien in der Rede von „Doppel-Sechs“, „kreuzen“ und „Bälle durchstecken“ (sehr beliebt anstelle von „in den Raum spielen“) aus. Und die Kerners dieser Welt staunen. Da gelobt man sich doch Marc Wilmots, der einmal gebeten wurde, ein Tor zu schildern: „Ich krieg den Ball, bumm, Tor!“ Fußball kann so herrlich einfach sein.