Interview Jefferson Farfan und Carlos Zambrano: „Das Leben auf Schalke ist gut für Alles.“

(aj/dol) Nicht erst seit wir eine eigene peruanische Fraktion in unserem Kader haben, interessiert sich das SCHALKE UNSER für das südamerikanische Land, das fast viermal so groß ist wie die Bundesrepublik und Fußballplätze in ungewohnten Höhenlagen besitzt. Jefferson Agustín Farfán Guadalupe und Carlos Augusto Zambrano Ochandarte stammen aus der Hauptstadt Lima bzw. der benachbarten Hafenstadt Callao und sprachen mit dem SCHALKE UNSER über Fußball, Essen und das Leben in Europa und Peru.

SCHALKE UNSER:
Hallo Jefferson, hallo Carlos, sollen wir das Interview lieber auf Deutsch oder auf Spanisch führen?

CARLOS AUGUSTO ZAMBRANO OCHANDARTE:
(grinst) Lieber auf Spanisch.

SCHALKE UNSER:
Bevor wir mit dem eigentlichen Interview beginnen, wollen wir uns kurz vorstellen: Kennt Ihr das SCHALKE UNSER?

JEFFERSON AGUSTÍN FARFÁN GUADALUPE und CARLOS AUGUSTO ZAMBRANO OCHANDARTE:
Nein, das sehen wir zum ersten Mal.

SCHALKE UNSER:
Wir wollten Euch beide interviewen, da wir etwas über Eure Heimat Peru und die Unterschiede im Leben der beiden Länder erfahren möchten. Beginnen wir doch mit dem Naheliegenden: Ihr kommt gerade vom Mittagessen, wie war es denn?

CARLOS ZAMBRANO:
Ganz gut.

SCHALKE UNSER:
Welches ist denn Euer Lieblingsessen?

CARLOS ZAMBRANO:
Die deutsche Küche hat ja ihre guten Seiten und ist auch ganz lecker, aber jeder ist doch an die Rezepte seines Heimatlandes gewöhnt, und die peruanische Küche ist sehr vielfältig. Wir mögen sie beide lieber, weil sie eine große Auswahl bietet. Als erstes fällt einem Ceviche ein (berühmtes peruanisches Gericht aus kleingeschnittenem marinierten Fisch), ich mag auch sehr gerne Ají de Gallina (pikantes Hähnchengericht).

JEFFERSON FARFÁN:
Ich esse am liebsten Arroz con Pollo (Reisgericht mit Hähnchen).

SCHALKE UNSER:
Wir interessieren uns natürlich für die exotischen Gerichte. Wie findet Ihr denn Meerschweinchen? (Beide gucken sich verständnislos an.) Oder isst man das nur im Andenhochland?

JEFFERSON FARFÁN:
Meerschweinchen isst man nur in einer Provinz von Lima, in der Hauptstadt selbst ist das nicht üblich.

SCHALKE UNSER:
Und was ist mit Alpakafleisch? Das hat doch hervorragende Eiweiß- und Eisenwerte, ist fettarm und gesund.

JEFFERSON FARFÁN und CARLOS ZAMBRANO:
Nein, nein. Das wird bei uns nicht gegessen.

SCHALKE UNSER:
Für das Ceviche braucht man ja frischen Fisch, den bekommt man hier nicht so leicht. War das in Holland einfacher?

JEFFERSON FARFÁN:
Nein, genauso wie hier. Also wir essen eben, was man zurzeit am besten bekommt.

SCHALKE UNSER:
Ihr habt beide Söhne. Wie oft seht Ihr Eure Kinder?

CARLOS ZAMBRANO:
Nur einmal im Jahr. Die Winterpause ist schnell vergangen, da war gar keine Gelegenheit.

JEFFERSON FARFÁN:
Meine Frau und mein Sohn sind seit einem Monat hier und bleiben auch bis zum Ende der Saison. Meine Tochter aus einer früheren Beziehung ist in Peru bei ihrer Mutter und fast immer, wenn ich dort im Urlaub bin, kann ich sie sehen.

SCHALKE UNSER:
Und Deine Familie, Carlos?

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, sie kommen auch hierher. Vor zwei Wochen sind sie fast alle angereist und die Zeit mit ihnen ist sehr schön.

SCHALKE UNSER:
Wir haben gelesen, dass Du Jefferson sprachlich geholfen hast, als er auf Schalke ankam?

CARLOS ZAMBRANO:
Nein, das stimmt nicht so ganz. Es war mehr eine kleine Unterstützung, da er ja die Sprache noch nicht konnte und die Mentalität hier anders ist. Ich war zwar noch sehr jung, aber ich hatte ja schon vorher hier angefangen.

SCHALKE UNSER:
Macht Ihr denn privat viel zusammen?

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, wenn es möglich ist, ab und zu mit der Familie.

SCHALKE UNSER:
Was macht Ihr dann so in Eurer Freizeit?

JEFFERSON FARFÁN: 
Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie, ansonsten spazieren gehen oder shoppen.

SCHALKE UNSER:
In Gelsenkirchen oder in Buer?

JEFFERSON FARFÁN:
Nein, eher in Düsseldorf.

SCHALKE UNSER:
Gibt es einen großen Unterschied zwischen Eindhoven und Gelsenkirchen?

JEFFERSON FARFÁN:
Na ja, hier ist es etwas größer, es gibt mehr Einwohner. Ich habe mich hier eingewöhnt und es ist ja auch nicht weit bis nach Eindhoven, nur anderthalb Stunden. Da besuche ich manchmal Freunde.

SCHALKE UNSER:
Für Dich, Carlos, war es doch etwas anders, als Du nach Gelsenkirchen gekommen bist: Du warst gerade 17 und hast in der A-Jugend angefangen.

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, es war sehr schwierig. Ich bin praktisch ohne alles gekommen, beherrschte die Sprache nicht, alles war anders, das Essen, die Familie war nicht da. Aber Gott sei Dank ist diese Zeit ja vorbei.

SCHALKE UNSER:
Als Du hier ankamst, bist Du noch zur Schule gegangen?

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, sie haben mich zur Schule geschickt, ich hatte damals ein Studentenvisum.

SCHALKE UNSER:
Hast Du noch Freunde aus der A-Jugend-Zeit?

CARLOS ZAMBRANO:
Na klar. Ich habe immer Kontakt zu ihnen gehalten und wir sehen uns ab und zu.

SCHALKE UNSER:
Natürlich seid Ihr beide auf Schalke, um Euch weiterzuentwickeln und Ihr habt Euch bewusst dafür entschieden, weil Schalke einer der großen deutschen Vereine ist. Da steht selbstverständlich Schalke im Moment bei Euch im Vordergrund, aber bei unserer Recherche haben wir gelesen, dass Du, Carlos, ein Fan von Alianza Lima bist (übrigens auch mit blau-weißen Vereinsfarben). Dort spielte früher Jefferson.

JEFFERSON FARFÁN:
(grinst) Na klar, eigentlich ist er ein Fan von MIR!

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, ich bin immer noch ein Fan von Alianza und verfolge auch, was dort passiert.

SCHALKE UNSER:
Außerdem fanden wir es interessant, dass Du bei den europäischen Vereinen neben Liverpool den spanischen Club Sevilla gut findest, und nicht Real Madrid oder FC Barcelona nennst.

CARLOS ZAMBRANO:
Sevilla ist für mich ein großer Verein, der auch immer oben mitgespielt hat, gegen Madrid oder Barça, ähnlich wie Schalke in Deutschland.

SCHALKE UNSER:
Ist es in Peru nicht sehr schwierig, in der Liga Fußball zu spielen, aufgrund der extremen Klima- und Höhenunterschiede im Andenhochland?

JEFFERSON FARFÁN:
Ich musste in meiner Zeit bei Alianza Lima nicht im Hochland spielen. Ich war, glaube ich, nur einmal in Cuzco (auf ca. 3400 Metern Höhe). Da war ich noch sehr jung, ich war noch in der Jugendmannschaft. Das war sehr hart, aber ich habe mich dann daran gewöhnt.

SCHALKE UNSER:
In Eurem Heimatland gibt es Regionen (ebenfalls im Andenhochland), in denen durchaus an Hexerei geglaubt wird. Ebenso sind ja viele Fußballfans sehr abergläubisch. Wie ist das denn bei Euch, seid Ihr abergläubisch?

CARLOS ZAMBRANO: 
Nein, überhaupt nicht.

SCHALKE UNSER:
Wie unterscheidet sich denn eigentlich die Fußballkultur in Lima von der hier? Ist Fußball dort sehr wichtig?

JEFFERSON FARFÁN:
Na ja, im Bereich der Jugendarbeit ist er schon wichtig und bietet Möglichkeiten der Unterstützung für Jugendliche, gerade weil es wenig gute Arbeit gibt. In Europa werden junge Fußballer anders gefördert, es gibt Jugendturniere und Wettbewerbe, Jugendnationalmannschaften, große Turniere z.B. in Barcelona und Madrid. Das gibt es alles nicht in Peru. Es gibt nur kleine Turniere auf Provinzniveau und wenig Entwicklungsmöglichkeiten, es gibt nur wenige größere Vereine wie Alianza Lima.

SCHALKE UNSER:
Was ist mit der Fankultur?

JEFFERSON FARFÁN:
Die großen Vereine haben natürlich ihre Fans, die zu allen Spielen kommen, aber auch das ist ganz anders, sie sind wirklich sehr fanatisch.

SCHALKE UNSER:
Wie viele Leute kommen zu einem Spiel?

JEFFERSON FARFÁN:
Zum Derby? Das ist immer voll (45.000 Plätze).

SCHALKE UNSER:
Was ist jetzt mit der peruanischen Nationalmannschaft? Ihr spielt nicht mit bei der WM. Wird sich jetzt etwas verändern? Wird es personelle Veränderungen geben?

CARLOS ZAMBRANO:
Im Moment ist alles offen. Es gibt keine neuen Entwicklungen, solange wir keinen festen Trainer haben. Bis dahin, wird nichts passieren. In Südamerika bei den Turnieren, die wir gespielt haben, war die Situation durch das Fehlen der vier gesperrten Spieler sehr schwierig. Mal sehen, was in Zukunft aus der Mannschaft wird.

SCHALKE UNSER:
Zurück zur Kultur: Bekommt Ihr etwas mit von Ruhr 2010, der europäischen Kulturhauptstadt ?

JEFFERSON FARFÁN:
Nein. Gar nichts.

SCHALKE UNSER:
Da das SCHALKE UNSER auch gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kämpft, möchten wir gerne noch etwas über Eure Erfahrungen in dieser Beziehung hören. Habt Ihr hier bisher Probleme gehabt?

JEFFERSON FARFÁN:
(überlegt kurz) Nein, ich habe keine Schwierigkeiten gehabt.

CARLOS ZAMBRANO:
Ich auch nicht.

SCHALKE UNSER:
In der peruanischen Presse findet man viel über Dein Privatleben, in der deutschen wird nur über Sportliches berichtet. Führst Du hier ein anderes Leben oder ist nur die Presse anders?

JEFFERSON FARFÁN:
In Peru ist die Presse anders. Sie interessieren sich für alles im Leben eines Spielers: Familie, Privatleben, sie folgen dir auf Schritt und Tritt. Hier habe ich fast nie solche Probleme. Du kannst auch mal ausgehen, ohne dass dich jemand anspricht. (Anmerkung: Im Hintergrund drängeln sich die ganze Zeit mindestens 20 Kinder und Erwachsene, die unbedingt Autogramme und Fotos haben wollen und zunehmend unruhiger werden.)

SCHALKE UNSER:
Also ist Dein Leben hier …

JEFFERSON FARFÁN:
… sehr ruhig.

SCHALKE UNSER:
Und gut für Deinen Ruf.

JEFFERSON FARFÁN:
Gut für alles!

SCHALKE UNSER:
Und bei Dir, Carlos, schreibt die peruanische Presse auch viel über Dein Privatleben?

CARLOS ZAMBRANO:
In Peru bin ich noch nicht so bekannt, da habe ich nicht solche Probleme. Ich lebe ein sehr ruhiges Leben, aber man muss auch vorsichtig sein, manche Leute suchen ständig nach Fehlern, die man macht, die dann übertrieben dargestellt werden.

SCHALKE UNSER:
Eure Fans werden unruhig, da geben wir Euch doch für die Autogrammjäger frei. Vielen Dank für das Interview und Glückauf.

Was sie uns alles nicht erzählen mussten …

(aj/dol) Welche Fragen stellt man Jefferson Agustín Farfán Guadalupe und Carlos Augusto Zambrano Ochandarte? Soll man in Fußballerinterviews immer das gleiche fragen? Wenn man Fremdsprachen beherrscht – übrigens eine sehr nützliche Fertigkeit – und mit dem Internet umgehen kann, braucht man eigentlich überhaupt kein eigenes Interview. Fußballfragen und alles Offensichtliche zu „La Foquita“ Farfán – der Spitzname „Kleine Robbe“ geht zurück auf seinen Onkel, der ebenfalls als Profifußballer beim Torjubel Bewegungen einer Robbe imitierte – findet man bereits im News-Archiv (11./12.07.2008) von www.schalke04.de. 

Natürlich könnte man selbst zu diesem ausführlichen Interview noch einiges aktualisieren, z.B. dass Jefferson seitdem nicht mehr in der Nationalmannschaft eingesetzt wurde und Peru die WM-Qualifikation trotz einiger erfolgreicher Auftritte von Carlos Zambrano auf dem letzten Platz der Südamerika-Gruppe abgeschlossen hat.

Ein nettes Interview mit Carlos Zambrano findet sich auf www.spox.com. Dass beide sich hier auf Schalke wohlfühlen, ist auch selbstverständlich, man merkt es doch schon an ihrem Auftreten auf dem Platz. Außerdem gibt es eine Menge Fragen, die kein aktiver Fußballer ehrlich beantworten kann, oder glaubt Ihr, dass Jefferson Farfán die Frage nach dem Vergleich zwischen Hiddink und Magath ehrlich beantworten kann? Kann er sich wahrheitsgemäß zur peruanischen Nationalmannschaft äußern, ohne seine eigene Zukunft in ihr zu gefährden? Das wollten wir auf keinen Fall riskieren.

Mit spezifisch peruanischen Kulturfragen z.B. nach Chachacoma, Alpaka, Los Saicos, Los fucking Sombreros outet man junge Fußballmigranten als wenig informiert. Dieses Schicksal teilen sie allerdings mit den meisten Fußballprofis, und nicht nur mit denen.