Glück auf Schalkers, herzlich willkommen zu unserer Premiere im „SCHALKE UNSER“! Mit dieser neuen Kolumne wollen wir euch in dieser und hoffentlich auch kommenden Ausgaben unsere Sichtweisen und einen kleinen Denkimpuls mit auf den Weg geben und danken der Redaktion schon jetzt dafür, dass sie an uns gedacht und die entsprechenden Seiten eingeräumt hat.

Gleich unseren ersten Beitrag liefern wir mit einer amtlichen Verspätung ein. Die abgelaufene Spielzeit war einfach nur kräftezehrend und der nun hinter uns liegende Saisonbeginn äußerst ereignisreich.Es blieb also ohnehin nicht viel Zeit und auch nicht viel Energie, um sich noch zusätzliche Aufgaben aufzuladen und zudem band eines unserer Herzensprojekte jede noch freie, nicht versoffene Gehirnzelle: der „Jugendliche Gedankenaustausch“, unser Gruppenheft, in dem wir nun schon zum achten Mal auf die Spielzeit unseres S04 zurückblicken. Zum Ruhrpott-Klassiker gegen Bochum haben wir unsere neueste Ausgabe auf den Schalker Fanzine-Markt geschmissen und halten das für einen schönes Anlass, um mal über dieses analoge Medium in einer immer digitaler werdenden Zeit zu sprechen. Manchmal, so könnte man meinen, wirkt das Fanzine doch wie ein Relikt alter Tage. Schaut man in die Zeitungsregale der Supermärkte oder Buden unserer Stadt, wird man feststellen, dass das Angebot eher schrumpft als wächst. Viele Tageszeitungen nagen am Hungertuch, Magazine werden ganz eingestellt oder andere Printerzeugnisse komplett zu Online-Angeboten umgewandelt. Schaut man auf den Fußball und die Fanszenen dieses Landes, könnte man im ersten Reflex zu einem ähnlichen Schluss kommen.
Oberflächlichste Social-Media-Kanäle und Youtube-Videos bestimmen unseren Diskurs. Eine Choreo ist noch gar nicht ganz beendet, da findet man schon Fotos auf der erstbesten Insta-Seite. Auch seriösere und reflektierter eingeordnete Meinungen finden sich, zum Beispiel in Form von Podcasts oder Blogs, zunehmend im Internet. Und gewiss hat das einige Vorteile, liefert es doch das, was einen wirklich interessiert, bequem aufs Handy. Es vereinfacht also den Zugang zu Themen, die uns wichtig sind, und schafft in manchen Belangen eine höhere Aufmerksamkeit. Doch es fördert auch die Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit von Fankultur, denn auch die imposanteste Choreo wird nach dem zehnten Foto im Social-Media-Feed langweilig und muss von einer neuen abgelöst werden. Während sie früher Seiten in Heften füllten, sind sie heute vermeintlich nur ein Wisch auf dem Smartphone.
Das stellt die Wertigkeit dessen aus unserer Sicht massiv in Frage: Ist es einem Otto-Normalbürger so schon kaum begreiflich zu machen, wie viel Kohle und wie viele Stunden Planung, Organisation und Arbeit zum Beispiel für eine Choreo draufgehen, die am Ende wenige Minuten zu sehen ist, wird das ganze vollends verrückt, wenn dies auf ein Foto reduziert wird, das in unseren ohnehin überreizten Hirnen in Sekunden vom nächsten abgelöst wird. Gleiches gilt natürlich auch für andere Aspekte der Fankultur: Ein Blockbild, über dass sich tagelang der Kopf zerbrochen wird, Lieder, die – aufwendig recherchiert – umgedichtet werden oder auch Gewaltaktionen, für die trainiert und Pläne geschmiedet werden. All das wird auf einen kurzen Reiz heruntergebrochen, vereinfacht und macht es letztlich verlockend, ein schnelles, überhebliches Urteil zu fällen.
An dieser Stelle kommen Fanzines ins Spiel, ermöglichen sie doch einen Blick hinter die Kulissen und liefern Einblick in Hintergründe, Motive und Werte einer Fanszene oder ihres Handelns. Gleichzeitig schafft das Fanzine damit schon eine Wertigkeit an sich, indem zum Beispiel Aktionen durchdacht und detailliert beschrieben und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. Auch hochwertige Fotos können einem Mehrwert bieten, den es so im Internet nicht gibt und der eine Wertigkeit vermittelt. Letztere vermittelt unser Medium an sich allein schon dadurch, dass darin viel Arbeit und vor allem Herzblut stecken. Auch die Tatsache, dass es Geld kostet, macht in einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft ein Stück des Wertes aus.

Dabei ist uns persönlich gar nicht am Preis an sich gelegen. Im Gegenteil versuchen wir, durch die Beschränkung des Preises auf die Deckung der Herstellungskosten nicht noch eine zusätzliche Hürde zu erschaffen. Es geht eher darum, dass es sich beim Kauf eines Druckerzeugnisses um eine bewusste Entscheidung handelt. Es ist eben nichts, was einem zufällig in den Feed gespült wird. Man muss sich aktiv darum bemühen, die Augen offen halten, Leute ansprechen, zum Stand kommen und ja, auch den ein oder anderen Oiro in die Büchsen werfen.
Auch wenn oder gerade weil all das zu Lasten der Zugänglichkeit geht, bestimmt es doch den Wert eines Heftes, seiner Inhalte und der Lebensweise, die es transportieren soll. Neben anderen ist auch das ein Grund, warum wir unser Heft nicht öffentlich und fast ausschließlich szeneintern verkaufen und wir wissen gleichzeitig, dass wir damit das Risiko eingehen, Menschen nicht zu erreichen, die dafür offen und an unseren Sichtweisen interessiert sind. Als Fanzine-Macher bewegen wir uns da immer auf einem schmalen Grat zwischen einem vermeintlichen Beliebig-Werden und dem Verschließen vor anderen.
Die Gefahr ist groß, so wenig von sich Preis zu geben und so verschlossen und exklusiv dabei zu sein, dass man Interessierte auf der Suche nach Informationen und Hintergründen automatisch in die falsche, weil leichter zugängliche Richtung drängt. Wenn wir uns verschließen, werden Fakten und gute Meinungen keiner breiten Masse mehr zugänglich, sie werden nicht mehr von den Richtigen beeinflusst, sondern nur noch von „Gruppa OF“ und anderen Scheiß-Seiten, die selbst komplexeste Sachverhalte in ein – häufig menschenverachtendes und rassistisches – Schwarz-Weiß-Schema einordnen.
Eine Herausforderung, die aus unserer Sicht gerade innerhalb der Schalker Fanszene aktuell sehr gut gemeistert wird. Neben unserem nicht öffentlich verkauften Heft vertreiben die Hugos ihr halbjährlich erscheinendes „Backenfutter“ frei im Stadion und der umfangreiche Spieltagsflyer „Blauer Brief“ ist sowohl im Stadion wie auch online problemlos zu bekommen. Daneben gibt es einige kleine Hefte, für die man einfach Glück haben oder in den richtigen Kreisen unterwegs sein muss, sowie das nicht allzu schwer zu bekommende, aber nicht weniger geile Groundhopping-Heft „¡A la Cancha!“. Nicht zu vergessen ist natürlich das „SCHALKE UNSER“, das ihr logischerweise gerade in den Händen haltet und das als traditionsreichstes Fanzine unserer Fanszene nochmal aus einer anderen Perspektive berichtet.
Ihr merkt, auf Schalke gibt es einen sehr breiten und bunten Meinungskorridor, der sich auch in den vielen individuellen Fanzines widerspiegelt. Ein Abstecher in die Historie der Schalker Hefte würde jetzt wahrlich den Rahmen sprengen, aber es ist sicher nicht gelogen, wenn man sagt, dass das in den letzten zehn, fünfzehn Jahren nicht immer der Fall war. Es ist Zeichen einer positiven Entwicklung, die – möglicherweise bestärkt durch Folgen und Erkenntnisse der Corona-Pandemie – für die meisten Fanszenen des Landes gilt: Es gibt mehr Auswärtsfahrer, es ist lauter, es gibt schönere Choreos, ansehnlichere Blöcke und ja, es knallt auch häufiger. Eine Gesamtentwicklung, die häufig allein auf den letztgenannten Aspekt reduziert und in einen vermeintlichen Gewaltfetisch umgedeutet wird. Dass das jedoch in der Form nicht richtig ist, merkt man eben nicht, wenn man sich auf „Hooligan-Seiten“ bewegt oder die Boulevardpresse liest, sondern vor allem dann, wenn man die Fanzines in die Hand nimmt, von denen es so viele gibt wie selten zuvor!
Öffnet eure Augen, eure Köpfe und lest mehr Fanzines!

