Die Sitzen-ist-für-den-Arsch-Karte

(hs/bob/mac) Wieder mal Schwarzer Peter. Damit ist nicht der gleichnamige SCHALKE UNSER-Computerheld gemeint, sondern das Spiel mit der berühmten Arschkarte. Am Spieltisch sitzen weiterhin DFB, UEFA und Fußballfans. Der Spieleinsatz ist bekannt hoch: Es geht immer noch um den Erhalt der Stehplätze in den Stadien. Die vorerst letzte Runde wurde Ende September in Genf gespielt.

Unglaublich Elitär Für´n Arsch – UEFA

Immerhin knapp 60 Fans von 16 Vereinen wollten mitspielen – viel, wenn man bedenkt, daß erstens Genf nich gerade umme Ecke liecht und zweitens der Termin mitten inne Woche nich zum Kartenspielen anregen tut.

Und dennoch war der Termin gut gewählt. Am gleichen Tag fand die Auslosung zur zweiten Europapokal-Runde statt. Auch der Ort stimmte. Schließlich sitzt in Genf die selbstherrliche UEFA und wer, wie die 60 Fans, ein wichtiges Spiel zu spielen hat, der muß eben auch weit weg auswärts antreten. Erwartet etwa jemand, daß die UEFA sich von ihren teuren Sitzen erhebt und den Fans entgegenkommt? Wohl kaum.

Fan-Demo in Genf, spektakulärer Kampf gegen die Versitzplatzung, die zweite. Das wichtigste Ergebnis vorweg: Wieder wurde der Schwarze Peter weitergereicht, diesmal an die Politik. Diese Variante kannten die Teilnehmer schon vom letztjährigen Spiel vor der DFB-Zentrale in Frankfurt. Man nennt sie, in Anlehnung an den DFB-Generalsekretär, die Schmidtsche Eröffnung.

War es damals noch Horst Schmidt, der auf die Gesetze der Sportpolitik verwies („Wir können die Position der Fans echt total gut verstehen, aber – schade, schade – wir sind – leider, leider – machtlos. Das ist Sache der UEFA und da haben wir – blöd, blöd – nur eine Stimme, genauso wie Moldawien.“), so war es diesmal UEFA-Boß Lennart Johansson, der im Genfer Hotel („Nova Hilton“, nicht „Beau Rivage“) auf die Landesgesetze der jeweiligen Mitgliedsstaaten aufmerksam machte. Alter Schwede, das kam den Mitgereisten aber bekannt vor!

Dabei ist der Lennart eigentlich echt in Ordnung. Spendiert prima Limo und Würstchen, kann die Fans richtig verstehen mit ihren Nöten und Sorgen, will sogar – kaum zu glauben – am liebsten zu den Stehplatz-Ursprüngen zurück. Aber, so ein Pech, auch der Lenny ist machtlos, kann da leider gar nichts machen. Seit den Katastrophen von Heysel und Hillsborough nämlich, vertraute er den Fans in Genf an, gebe es so Regierungsbeschlüsse, die das hehre Ziel verhinderten. Daß der Lenny nicht verstand, daß britische Gesetze mit deutschen Gesetzen so viel gar nicht zu tun haben und daß organisierte Randale („Der Hool sitzt“) meist nicht von Stehplätzen ausgeht, tat der menschlichen Wertschätzung nicht den geringsten Abbruch. Man will ja beim ersten Rendezvous nicht anmaßend sein.

Bitterer Ernst beiseite. Immerhin gab es rund um die Demo in Genf auch viel Erfreuliches. Dazu gehören zum Beispiel die Gespräche mit Genfer Passanten, die – angelockt von Trommeln und Transparenten – den Fans viel Glück für die Aktion wünschten. Ohnehin muß betont werden, daß die Schweizer Stadt massiv kulturell bereichert wurde. Wann zuvor hat es eine Fahrt mit dem „Mini Train Geneve“ gegeben, aus dessen Fenstern lautstark „You‘ll never walk alone“ erschallte? Englische Gesänge, deutsches Bier, viersprachige Flugblätter: Die Fans hatten sich dem multikulturellen und kosmopolitischen Genf angepaßt.

Schon die Busfahrt in die Schweizer Metropole war ein einziges Weltbürger-Festival. Fans aus Schalke, Bochum, Erstliga-Köln, Düsseldorf, St. Pauli, Kaiserslautern (dazu übrigens Extra-Artikel „Mach Sitz“ in dieser Ausgabe) und

Dortmund haben miteinander gesungen, getrunken und gelacht (teilweise andere Reihenfolge). So muß man sich den Weltfrieden vorstellen. Zwar waren 120 Telefonate nötig, um den Harmonie-Bus zu chartern, aber was tut man nicht alles für solche Erlebnisse.

Vier Tage vor Fahrtbeginn übrigens kam vom FC Schalke 04 die Zusage, sich mit 1 500 Mark zu beteiligen. STANDING ovations also für Rolf Rojek, Andreas Steininger und Rudi Assauer. Schön, den Verein zumindest bei diesem Kartenspiel auf der eigenen Seite zu wissen.