Mann mit Bierflasche gibt am Laptop eine Fußballwette ab

„Alles auf Horst“

(cm) Unsere Spiele sind ja selten genug ein entspannter Spaziergang für die Fan-Seele. Und doch garniert manch einer den Spieltag sogar noch mit zusätzlichem Nervenkitzel in Form von Wetten. Das kostet! Fingernägel, Geld und manchmal sogar die ungetrübte Freude an der „Wahrheit auf dem Platz“.

Im Kultfilm „Bang Boom Bang“ gelang es, das Desaster rund um eine riskante Sportwette amüsant auf die Spitze zu treiben: Filmfigur „Keek” setzt auf der Pferderennbahn so zuverlässig auf die falschen Pferde wie Werner Hansch im richtigen Leben. Ihm wird zwar versichert, der 40:1-Außenseiter mit dem klangvollen Namen „Horst“ sei ein brandheißer Geheimtipp, aber die waghalsige Verzweiflungstat, „alles auf Horst“ zu setzen, scheitert erbarmungslos an dessen schlechter Tagesform. Eine Wette, 25.000 verzockt.

Cover SCHALKE UNSER 107
SCHALKE UNSER 107

In der Sportwetten-Realität dagegen läuft der Totalverlust, auch ohne Kalle Grabowski im Nacken, notorisch humorfrei ab. Man nimmt nur fast nie Notiz davon. Schließlich ist man äußerst selten „live“ dabei, wenn die wahr werdende Angst vor verspielten Einsätzen im Gemüt gestresster Wettspieler einschlägt.

Beim Heimspiel gegen Bochum war das ausnahmsweise mal anders. Da zog nämlich ein Nordkurvenbesucher die Aufmerksamkeit einiger Umstehender auf sich, als er kurz vor der Halbzeit unter wildem „das-gibt-es-nicht“-Geschrei auf einen veritablen Nervenzusammenbruch zuzusteuern schien. Das Spielgeschehen gab den cholerischen Ausbruch bei Führung Schalke eigentlich nicht her. Und sogar Henning Matriciani schlug sich zu wacker, um als Auslöser infrage zu kommen.

Einige leicht irritierte Blicke anderer Schalker, quittierte ein Begleiter des Mannes mit: „Verliert wohl gerade ordentlich Kohle.“ Die schrillen Tiraden des Mannes in Richtung Spielfeld gingen demnach auf eine Wette zurück, die wegen ausbleibender Tore platzte.

Eine Zahl zum verlorenen Einsatz mochte der nervös zwischen zwei Stufen pendelnde Fan seinen Begleitern nicht nennen. Sein Zorn auf die Tücken der Wahrscheinlichkeit traf nun ersatzweise die Akteure auf dem Rasen. Für einen Moment wirkte es, als würde ihm in der wachsenden Verzweiflung immer egaler, welches Team denn nun trifft. Hauptsache Tor. Als Schalker in der Nordkurve! Skurrile Situation. Hier hatte jemand ziemlich offensichtlich deutlich mehr „auf Horst“ gesetzt, als gut für ihn war. Als der Halbzeitpfiff ertönte, verlegte er sich auf apathisches Starren. Die „Scheißversager“ hatten nicht oft genug getroffen. Für ihn unerklärlich und inakzeptabel. Seine Wette wusste er in guten Händen. Und dort blieb sie dann auch.

Du verlierst nie allein
Die Auswirkungen verlorener Sportwetten betreffen beileibe nicht nur die aktuell bis zu 1,38 Millionen Menschen mit problematischem Spielverhalten oder Spielsucht. Oft werden die Angehörigen vergessen, die nichtsahnend und unverschuldet mit in den sozialen und finanziellen Abgrund gerissen werden. Wer es aus erster Hand erfahren möchte: In seinem Buch „Für immer Blau-Weiß Teil II – Schalke, Spielsucht, vianogo“ gestattet der Schalker Stefan Barta einen beklemmenden Einblick in seine Lebensepisode als Leidtragender. Er schildert, wie er einst völlig unvorbereitet mit der im Verborgenen ablaufenden Spielsucht einer Familienangehörigen konfrontiert wurde.

Jeder, bei dem eine verlorene Sportwette eine derartige Schneise der Verwüstung im Nervenkostüm anzurichten vermag, darf sich die Frage stellen, ob mit den Sportwetten nicht längst viel mehr aufs Spiel gesetzt wird als der Spaß am Stadionerlebnis. Dabei ist es gar nicht von alleiniger Bedeutung, ob und wie nachhaltig man sich im Einzelfall finanziell mit einer Wette vergaloppiert hat. Selbst wenn man sich das Zocken auf Sportereignisse (vorläufig noch) leisten kann: Spielt man wirklich noch zum Spaß?

Man könnte sich als Schalker vielleicht ohnehin fragen, warum zur Hölle man sich mit zusätzlichem Stress noch ein paar Jahre mehr von der Uhr nehmen sollte, als es der S04 alleine schon schafft. Aber für viele gehört der Wettschein zum Spiel trotzdem längst dazu.

Es macht den Anschein, als sei diese schleichende Verschmelzung von Sport und Wetten ganz im Sinne der Sportwetten-Industrie. Die eilte, nach kleiner Corona-Delle, im vergangenen Jahr zu einem neuerlichen Umsatzrekord in Deutschland – 9,4 Milliarden Euro! Und damit das auch so bleibt, wird sehr zielgruppengenau Werbung im direkten Sportumfeld geschaltet. Omnipräsente Werbung!

Alleine Tipico, einer der Platzhirsche, brachte es bereits im Jahr 2018 auf ein Werbebudget von 162 Millionen Euro. Unentwegt vermitteln uns die Anbieter ein Bild davon, wie siegesgewisse Gewinnertypen aussehen. Und die sind natürlich „Teil des Spiels“, weil sie „mitspielen“.

Mal verliert man, mal gewinnen die anderen
Sportwetten etablieren sich als harmloser Spaß für etwas zusätzlichen Nervenkitzel bei kleinen Einsätzen. 60 Prozent der Umsätze stammen allerdings von Sportwettern mit problematischem Spielverhalten. 74% der Branchenumsätze im Bereich Glücksspiel werden laut einer Studie von 3,7% der Intensivspieler generiert. Schwer zu glauben, dass die Branche auf die nicht unerheblichen Umsatzanteile aus unverantwortlichem Spiel verzichten möchte. Die Mitglieder des Deutschen Sportwettenverbandes, die nach eigenen Angaben zwischen 80 und 90 Prozent der Steuern zahlenden Marktteilnehmer repräsentieren, sehen sich mehr als ausreichend reguliert, wenden sich strikt gegen Werbeverbote und klagen gegen plattformübergreifende Einzahlungslimits. Sie führen für sich ins Feld, als Dialogpartner maßgeblich an Verbesserungen zur Spielsuchtprävention mitgewirkt zu haben. Laut Bundesministerium der Finanzen haben die Anbieter im Jahr 2021 rund 470 Millionen Sportwettsteuern abgeführt. Verena Küpperbusch (Leiterin der Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW) ist dagegen überzeugt, dass die gesellschaftlichen Folgekosten des Glücksspiels erheblich höher zu beziffern sind.

Hier und da schaffen sie es sogar in die Realität, diese Gewinner. Dann sieht man sie triumphierend durch den Fanbus laufen, weil ihr „untrügliches Gespür“ ihnen eine gewonnene Kombiwette eingebracht hat. Selbstgewissheit inszeniert sich gern. Und dann könnte man denken: Einige Leute haben offenbar Ahnung, worauf man setzen muss, um zu gewinnen. Die sind einfach schlauer als die Buchmacher und bessern mal eben ihre Urlaubskasse auf. Einen Blick auf ihre Spiel- und Einzahlungshistorie gewähren jedoch die wenigsten dieser Spieler. Verloren wird im Zweifel zwar häufiger und folgenreicher als gewonnen, aber dafür mit ganz wenig Tamtam. Faustregel: Über Verluste wird gerne gelogen. Verloren wird fast immer anonym.

Übrigens: Als Polters Kopfballtor endgültig die Punktlandung zum ersehnten Dreier gegen Bochum besiegelte, war der glücklose Schalker mit dem geplatzten Wettschein noch immer nicht uneingeschränkt in das Heimsieg-Happy-End involvierbar. Seine Niederlage bestand nämlich fort. Und das merkte man auch seinem Jubel beim Treffer zum 3:1 noch deutlich an, als er freudlos in die allgemeine Erleichterung brüllte: „Jetzt auf einmal!“ Im Sieg verloren.

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    Bild: kohle-weg.de

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