Nummer 11 - 1996/08
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Vorspiel - Mehr Geld
“Rivalität ist doch etwas ganz Wichtiges im Fußball” - Interview mit Youri Mulder
Unter gleichen Farben
Der finale Torschuss: Brot und Spiele für alle? / Die FIFA auf dem Strich
Vorspiel - Mehr Geld
Also äährlich,
Benzin, Bratwurst, Bundesliga-Rechte: Alles wird teurer. Leider auch SCHALKE UNSER. Lange, zu lange, haben wir versucht, unseren bescheidenen Beitrag zur Pressevielfalt zum Dumpingpreis von 0,99 Deutschen Mark anzubieten und sind dafür von nicht wenigen Käufern mitleidig belächelt worden. Das Kopfschütteln über unsere Billigpreispolitik hätten wir ja noch ausgehalten - nicht aber die gestiegenen Papier- und Druckkosten, das suboptimale Anzeigenaufkommen oder das Sparpaket der Bundesregierung.
Im Ernst: Wir kommen mit dem alten Preis nicht mehr über die Runden. Gerade die letzte Ausgabe hat ein ziemliches Loch hinterlassen und damit den Trend der letzten Nummern rot unterstrichen. Und so sehr sind wir nicht Freunde der Selbstausbeutung, daß wir über die ohnehin unbezahlte Arbeitszeit hinaus auch noch unsere privaten Konten plündern wollen (wäre eh nicht viel zu holen). Im Klartext: Ohne deftige Preiserhöhung hätte es schon diese Nummer nicht mehr geben können.
Aber ein Leben ohne SCHALKE UNSER? Das kann keiner wollen, auch wir nicht. Deshalb haben wir getagt und gerechnet. Wir haben geguckt, was manche besser kalkulierenden Kollegen so verlangen. Wir haben festgestellt, daß unsere erste Ausgabe mit ihren schlappen 28 und die letzte mit ihren prima 68 Seiten gleich wenig kosteten. Wir haben unterstellt, daß wir nicht schlechter geworden sind. Also, lange Rede, kurzer Griff in Euer Portemonnaie: SCHALKE UNSER kostet jetzt 1,50 Mark. Der Preis fürs Abo bleibt vorerst unverändert, Mitglieder der Schalker Fan-Initiative bekommen es bei gleichen Beiträgen weiterhin umsonst zugeschickt. Den hoffentlich wenigen Kritikern möchten wir lieber gleich vorrechnen, daß das eine Erhöhung von über 50 Prozent ist. Den hoffentlich aber weiterhin vielen treuen Käufern wollen wir danken, daß ihnen unser Fanzine auch diesen Preis wert ist.
Äährlich
“Rivalität ist doch etwas ganz Wichtiges im Fußball”
(um/rk) Nach der EM ist vor der Saison. Zwischen Arztbesuch und Akupunktur sprach SCHALKE UNSER mit dem anerkanntesten Förderer der deutsch-niederländischen Freundschaft: YOURI MULDER ist ein Mann mit klarer Meinung zu internationalen Konflikten wie Holland contra Surinam, Moffen contra Käsköppe oder Schalke contra Lüdenscheid.
SCHALKE UNSER:
Nur zwei viel zu kurze Einsätze in England. Youri, wir haben Dich vermißt.
YOURI MULDER:
Ich war auch schon ziemlich enttäuscht, daß ich nicht öfters reingekommen bin. Aber hinterher war ich sogar froh, daß ich überhaupt noch gespielt habe. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, daß ich nach Kluivert zweiter Stürmer werde. Mein Pech war, daß der Patrick halb verletzt und halb fit war, und so konnte er zwar eingewechselt werden, aber für ein ganzes Spiel reichte es nicht. Warum der Trainer immer ihn gebracht hat anstatt mich, war mir nicht klar, denn ich fand, ich habe im Training über den ganzen Monat die besseren Leistungen gezeigt.
SCHALKE UNSER:
Im deutschen Fernsehen hat Johan Neeskens die Spiele der holländischen Nationalmannschaft analysiert. Auch er konnte nicht verstehen, warum Du nicht eingesetzt wurdest.
YOURI MULDER:
Ja, das stimmt, das haben mehrere Leute gesagt. Auch die holländischen Journalisten, die jeden Tag beim Training waren, sagten immer, ich sollte doch mehr eingesetzt werden. Und beim Spiel gegen Frankreich hat man es dann auch gesehen, daß mit mir sofort mehr Motivation und Biß ins Spiel kam. Auch innerhalb der Mannschaft hatte ich dieses Gefühl, denn der Bergkamp war auch die ersten beiden Spiele grauenhaft. Allerdings ist auch er einer, der wenigstens noch kämpft - gebracht hat es leider alles nichts.
SCHALKE UNSER:
Nun war der Grund für das Ausscheiden sicher nicht nur der, daß Youri Mulder nicht oder nur kaum gespielt hat. Es gab ja doch ganz massive Streitigkeiten innerhalb der Mannschaft.
YOURI MULDER:
Ich habe mich eigentlich aus dem ganzen ziemlich rausgehalten, obwohl ich mit Patrick Kluivert auf einem Zimmer war. Doch der Patrick war auch nicht so extrem wie die anderen Jungs, wie Reiziger, Davids oder Seedorf. Das waren alles Probleme, die noch aus der Ajax-Zeit stammen. Da geht es um Gehälter: Die dunklen Jungs denken, daß sie zu schlecht bezahlt werden, was aber auch stimmt. Deswegen gibt es auch jetzt schon wieder Probleme bei Ajax mit Kanu und Finidi. Aber andererseits finde ich auch, daß jeder für sich selbst verantwortlich ist. Und in dem Augenblick, in dem man einen Vertrag unterschreibt, soll man auch damit zufrieden sein und nicht hinterher sagen “Weil wir schwarz sind, werden wir schlechter bezahlt”. Das muß man vorher abklären.
Aber das sind alles Probleme, die schon drei, vier Jahre alt sind. Blind und Seedorf haben sich nie sonderlich verstanden. Bei der EM ist es dann zu einer zweistündigen Aussprache vor der gesamten Mannschaft gekommen. Und da hat man schon gemerkt, daß Seedorf schon in der Vergangenheit große Probleme mit Blind gehabt haben muß. Aber ob das Gespräch was gebracht hat, kann ich wirklich nicht sagen. Und so ist es nach dem Gespräch auch wieder weitergegangen mit dieser offensichtlichen Spannung zwischen den beiden.
SCHALKE UNSER:
Die Öffentlichkeit sah ganz klar einen “Schwarz-Weiß-Konflikt”. Hattest Du das Gefühl, daß dadurch auch bei den Fans eine Spaltung hervorgerufen wurde?

YOURI MULDER:
Also ich weiß wirklich nicht, wie die Medien darauf gekommen sind. Ich glaube die Gazetta dello Sport hat damit angefangen zu schreiben, daß sich die dunklen Jungs in der Mannschaft unterbewertet fühlen, daß sie nichts zu sagen haben und daß sie nur das machen sollen, was ihnen die weißen Jungs sagen. Aber das stimmt absolut nicht. Natürlich gab es eine Trennung zwischen diesen Gruppen, das ist schon richtig, aber auch normal.
Wir hatten fünf surinamische Jungs dabei, die kennen sich schon seit 15 Jahren aus den Straßen von Amsterdam. O.k., daß sie ein bißchen zueinanderziehen, das ist doch normal. Die haben auch ab und zu etwas anderes gegessen, etwas Surinamisches, aber das finde ich auch überhaupt nicht schlimm. Aber was ich halt nicht so gut fand, war, daß sie auch Surinamisch sprachen. Das war schlecht für das Mannschaftsgefühl, was wir ihnen auch sagten: “Vielleicht hat jemand das Gefühl, daß Ihr über ihn redet und wir können Euch nicht verstehen.” Sie haben daraufhin auch damit aufgehört.
Das ganze war aber vielleicht auch eher ein Generationskonflikt. Die “Alten” Blind, die Gebrüder De Boer auf der einen Seite und die “Jungen” Seedorf, Reiziger, Davids auf der anderen. Die “Jungen” wollten sich auf keinen Fall unterordnen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Eine Spaltung bei den Fans haben diese Konflikte jedenfalls nicht ausgelöst.
SCHALKE UNSER:
Überhaupt holländische Fans. Bei der EM haben sie den Preis der UEFA für die beste Unterstützung bekommen. Vor allem Eure Blaskapelle heizte immer ordentlich ein.
YOURI MULDER:
Die Kapelle war echt super. Normalerweise finde ich ja, daß Kapellen immer so etwas Bürgerliches an sich haben, was ich nicht so mag. Aber diese Kapelle, sie kam aus Amsterdam, die hat super Lieder draufgehabt und zwar ohne jede Wiederholung.
SCHALKE UNSER:
Neben diesen Fans gibt es aber auch gerade in Holland noch die andere Kategorie, wie die Hooligans von Feyenoord.
YOURI MULDER:
Man kann gut zwischen Nationalmannschaft- und Clubfans unterscheiden. Bei der Nationalmannschaft sind es mehr so Sponsorfans: Eher etwas bürgerlich, kein richtiges Fußballvolk, eher Golfspieler als Fußballfans. Deshalb sieht man bei der holländischen Nationalmannschaft auch nur sehr selten Krawalle. Die Hooligans findet man nur bei den Clubs selbst. Aber das sind auch Fans. O.k., da gibt es ab und zu Ärger, und wenn es zu viel Ärger gibt, ist das natürlich schlecht.
SCHALKE UNSER:
Wie sollte man denn gegen solche Krawallmacher vorgehen?
YOURI MULDER:
Hart, denke ich. Aber die Polizei sollte nicht schon vor dem Spiel, wenn überhaupt noch nichts los ist, sagen “wenn nur einmal etwas geschieht, dann hauen wir sofort drauf”. In Deutschland macht die Polizei das eigentlich ganz gut, die sind nicht so auffällig. Wenn Feyenoord irgendwo hinkommt, dann sind da entweder zu wenig Polizisten oder die zeigen sofort ganz massiv ihre Präsenz. Und damit löst man natürlich Aggressivität aus.
SCHALKE UNSER:
Ja, wenn man Fans wie Tiere behandelt, dann benehmen sie sich auch so. Das ist das gleiche wie mit den Zäunen in den Stadien. Wie hast Du es denn empfunden, in einem Stadion ohne Zäune zu spielen?
YOURI MULDER:
Ich habe in Birmingham und Liverpool gespielt - und es war einfach traumhaft. Auch unsere Ersatzbank war unten auf der Tribüne, man ist nur ein paar Meter vom Spielfeldrand entfernt, das ist sehr schön. Ich hatte auch überhaupt keine Angst, daß da etwas passieren könnte. Die Security hatte alles im Griff. Auch auf Schalke könnte ich mir so ein zaunloses Stadion gut vorstellen.
SCHALKE UNSER:
Wie siehst Du denn das gespannte Verhältnis der beiden Nachbarn Holland und Deutschland?
YOURI MULDER:
Mein Vater (Anm. d. Red.: Ex-Nationalspieler und heute Journalist) meinte mal in einem Interview, daß die “Feindschaft” der beiden Länder aus dem Weltmeisterschafts-Endspiel ‘74 herrührt. Das steckt wirklich unheimlich tief bei den Holländern - vielleicht sogar mehr als der Krieg und die Besatzung. Da sind zwar 100 000 Leute gestorben, aber die Schwalbe von Hölzenbein steckt viel, viel tiefer. Das ist wirklich unglaublich, aber es scheint so zu sein.
SCHALKE UNSER:
Den Haß, den es von deutscher Seite gegenüber den Holländern früher gegeben haben mag, gibt es heute bei den Schalkern sicher nicht mehr. In den letzten Jahren finden auch immer mehr Holländer den Weg ins Parkstadion. Es wurde sogar schon mal gesagt, Youri Mulder hätte mehr für die deutsch-holländische Freundschaft getan als jeder Politiker.
YOURI MULDER:
Nein, glaube ich nicht. Aber vielleicht spiele ich auch deshalb auf Schalke, um das politische Gleichgewicht in Europa zu erhalten. Naja, ich weiß nicht…
SCHALKE UNSER:
Aber gerade wegen des besonderen deutsch-niederländischen Verhältnisses können wir nicht verstehen, warum zum Beispiel die Twente-Fans ihren deutschen Trainer mit “Hansi Meyer - unser Führer”-Chören feiern oder Ajax Amsterdam von den Gegnern mit “Hamas, Hamas, Juden ins Gas” beschimpft wird.
YOURI MULDER:
In Twente hat das sicherlich keinen faschistischen Hintergrund. Der Hans Meyer ist einfach unheimlich populär in Enschede, und die Fans wollten ihm ein Kompliment aussprechen - dabei haben sie aber sicher die falschen Worte gewählt. Und Ajax ist halt der Judenclub in Holland. Oder glaubt Ihr ernsthaft, daß die gegnerischen Fans wirklich wollen, daß Juden vergast werden sollen?
SCHALKE UNSER:
Oft ist es vom Denken zum Tun nur ein kleiner Schritt. Vor gar nicht allzu langer Zeit haben wir auch ein paar Schalker gehört, die davon sprachen, einen Molotow-Cocktail auf das am Parkstadion angrenzende Asylheim zu werfen.
YOURI MULDER:
Ja, aber ich finde, man darf alles denken. Das wäre ja gerade totalitär und faschistisch, Gedanken zu verbieten. Ich darf Euch doch nicht verbieten, irgendetwas zu denken. Und wenn einer so denkt, ist das auch nicht mein Denken, aber jeder soll denken können, was er will.
SCHALKE UNSER:
Rein theoretisch hört sich das ja ganz gut an …
YOURI MULDER:
Nun gut, wenn dann einer wirklich so etwas tut, also gewalttätig wird, dann finde ich das natürlich auch sehr schlimm. Wie schon gesagt: Dagegen muß dann hart vorgegangen werden.
SCHALKE UNSER:
Bleiben wir bei Feindseligkeiten: Schalke - BVB. Du outest Dich in Interviews immer wieder auch als “BVB-Hasser”. Es gibt kaum einen Profi, der sich mit seinen Sprüchen so weit aus dem Fenster lehnt.
YOURI MULDER:
Wißt Ihr, was ich gar nicht mag in letzter Zeit ist dieses gegenseitige Geschleime. Jörg Berger mit Ottmar Hitzfeld, Rudi Assauer mit Dortmund und immer sagen sie “wir sind jetzt Freunde” - nur Geschleim, Geschleim, Geschleim! (er würgt heftigst) Berger ist der beste Freund von Hitzfeld? Das geht doch nicht! Die sollen sich trennen! (lacht). Nee, so eine Rivalität ist doch etwas ganz Wichtiges im Fußball. Und schließlich passiert bei diesen Spielen eigentlich kaum noch was zwischen den Fans.
SCHALKE UNSER:
Angenommen, Du hättest in der Bundesliga beim BVB angefangen. Würdest Du genauso schlecht über Schalke reden?
YOURI MULDER:
Ja, natürlich. In dem Augenblick, in dem du das blaue Trikot anziehst, haßt du gelb-schwarz und umgekehrt. Bereits den ersten Tag als ich auf Schalke war, wurde nur über Dortmund und die Rivalität geredet. Und deshalb nochmal: Keine Schleimerei mit Dortmund mehr!
SCHALKE UNSER:
Von den Offiziellen zu den Fans. Siehst Du auch Kritikpunkte an den Schalker Fans?
YOURI MULDER:
Wenn wir hinten liegen, dann sollten sie vielleicht etwas mehr Feuer geben. Wir spielen manchmal aber auch zu dämlich zu Hause, so als ob wir Schildkröten- oder Schneckenfutter bekommen hätten. Aber gerade dann sollten sie uns unbedingt ein bißchen mehr aufwecken. Denn im Parkstadion ist es ja leider oft so: Wenn wir auf dem Platz einschlafen, dann schläft auch das Publikum ein. Aber wir müssen dann aufgeweckt werden. Guckt’ mal nach Kaiserslautern, dort hatte jede Mannschaft Angst anzutreten. So sollte es in Schalke auch sein!
SCHALKE UNSER:
Aber liegt das nicht vielleicht auch an der miesen Akustik im Parkstadion? Wird es nicht Zeit, daß wir ein neues Stadion bekommen?
YOURI MULDER:
Ich weiß nicht, denn dann kriegst Du fast nur Sitzplätze. Das ist jetzt der Fall bei Ajax Amsterdam. Die haben ein wunderschönes neues Stadion gebaut, 45 000 Zuschauer, schon jetzt auf zwei Jahre ausverkauft. Aber welche Leute haben da die Karten gekauft? Das sind Immobilienmakler, Versicherungsverkäufer - das wird dann eine Art Opernpublikum.
Das ist die große Gefahr, wenn man ein neues Stadion baut - und so etwas paßt überhaupt nicht nach Schalke. Von der Kohle her ist das zwar gut, aber wenn die Erfolge mal ausbleiben, ist von diesen Leuten keiner mehr da. Und wer soll dann die teuren Karten kaufen?
SCHALKE UNSER:
Bei der EM hieß es immer “der Star ist die Mannschaft”. Das kann man ja bei Schalke in der letzten Saison nur unterstreichen. Aber nun sollst Du ja nicht ganz unbeteiligt an der Verpflichtung von Johan De Kock gewesen sein.
YOURI MULDER:
Eigentlich war ich überhaupt nicht daran beteiligt. Der Manager hat mich nur im Urlaub auf dem Segelboot angerufen und gefragt, was De Kock für ein Spieler ist. “Ja”, habe ich gesagt, “er ist ein Verteidiger”. “Ja”, meinte Rudi, “so weit war ich auch schon. Und was ist er für ein Typ?”. “Er ist ein Riesenarschloch”, meinte ich.
Nee, Spaß beiseite, “er ist ein ganz netter Kerl und der würde gut zu uns passen und trotz seines doch recht hohen Alters ist er einer der schnellsten der holländischen Liga”. Ein paar Tage später kam schon wieder ein Anruf vom Manager “Ja, alles klar, Du hast einen neuen Kollegen, möchtest Du ihn mal sprechen?”. Ich sagte “Klar, immer her damit.” Ja, und dann haben wir so Sachen geredet wie “Hallo Johan, hallo Youri, alles klar, nächstes Jahr werden wir Deutscher Meister…”.
So war das, und nicht wie es in manchen Zeitungen stand: Ich hätte monatelang einen Transfer vorbereitet, womöglich sogar noch Geld dafür in die eigene Tasche gesteckt. Aber ich weiß schon, warum der Rudi Assauer sowas sagt, denn wenn der Johan wirklich mal ein paar schlechte Spiele hintereinander macht, dann habe ich nämlich den Schwarzen Peter.
SCHALKE UNSER:
Ein neuer Star auf Schalke. Was heißt das für das Mannschaftsgefüge? Yves Eigenrauch sagte uns einmal, daß das Schalker Team lange Zeit nur eine “gutfunktionierende Interessengemeinschaft” war.
YOURI MULDER:
Das war mal so, da hat Yves recht. In meinen drei Jahren hier auf Schalke hat sich das aber weitestgehend geändert. Ich bin jetzt mit einigen Spielern auch freundschaftlich verbunden. Jens Lehmann und Uwe Scherr haben mich ja gerade erst in England bei der Europameisterschaft besucht.
Es ist natürlich nicht so, daß ich da jetzt jeden Tag bei denen auf dem Sofa sitze, aber ich rufe schon mal an und frage “Was machst Du heute abend? Sollen wir uns heute nacht bis fünf Uhr morgens in einem Sex-Club vergnügen?” (lacht) Vor zwei Jahren war das noch ganz anders: Wir haben zwar immer gut harmoniert, aber es gab nur Fußball und danach ging’s ab nach Hause.
SCHALKE UNSER:
Du bist auch so etwas wie ein Frauenschwarm auf Schalke. Gibt es denn im Fußball eine Groupie-Szene?
YOURI MULDER:
Nein, schade eigentlich. (Packt Ulla ans Knie) Oder bist Du etwa ein Groupie?
SCHALKE UNSER:
Fünf Mark in die Chauvi-Kasse und vielen Dank für das Gespräch. Glückauf für die neue Saison!
Unter gleichen Farben
(bw) “Unter gleichen Farben”, so heißt ein Fußball-Fan-Projekt, das die Schalker Fan-Initiative zusammen mit dem deutsch-polnischen Projekt “Grenzenlos-Bez Granic” im Herbst dieses Jahres durchführen wird. Ein Jugendaustausch zwischen Fans von Schalke und Lech Posen soll dabei im Mittelpunkt stehen.
Im Juni trat das Projekt Grenzenlos-Bez Granic aus Frankfurt/Oder an uns heran, einen gemeinsamen Jugendaustausch zu starten. Da das SCHALKE UNSER auch an der polnischen Grenze als gern gelesene Lektüre gilt, erkor man uns als Wunschpartner für diese Aktion aus. Als polnischer Partner für dieses Projekt war mit Lech Posen schnell ein Kandidat gefunden.
Lech Posen ist einer der bekanntesten Vereine der polnischen Extraklasse (so heißt dort die 1.Liga). Lech ist mehrfacher Meister, Pokalsieger und UEFA-Cup-Teilnehmer. Und, wie der S04, ein traditionsreicher Verein, der auch seine Wurzeln im Arbeitersport besitzt und zudem die blau-weißen Farben trägt. Paßt also wie die Faust auf`s Auge! Genauso wie der Termin für den Besuch der Lech-Fans in Gelsenkirchen. Vom 30.10 bis zum 3.11.1996 werden sie hier gastieren, gerade rechtzeitig zum Revierderby gegen Lüdenscheid.
In dieser Zeit sind neben dem Stadionbesuch weitere Aktionen geplant. So werden wir uns gegenseitig die Geschichte und die Gegenwart der beiden Vereine vorstellen,
die Auswirkungen der Wirtschaftsreformen in Polen auf den dortigen Sport diskutieren und Schalker Spieler von damals und heute interviewen. Da in Posen ein hohes Gewaltpotential in der Fanszene existiert, werden auch die Themen Randale, Hools und Rassismus zur Debatte stehen.
Der Rückbesuch der Schalker in Posen wird dann im kommenden Frühling in Posen stattfinden. Die Ergebnisse dieser Aktion werden danach sowohl im SCHALKE UNSER als auch in der deutsch-polnischen Zeitung von Grenzenlos-Bez Granic dokumentiert. Mit dieser Initiative wollen wir bewußt an die traditionsreichen Bindungen zwischen Polen und dem Ruhrgebiet anknüpfen. Wer an diesem Jugendaustausch (Altersbegrenzung 16-26 Jahre) teilnehmen oder nähere Informationen zu dem Projekt erhalten möchte, wende sich bitte an unsere Postadresse (siehe Impressum)
GRENZENLOS-BEZ GRANIC
Dieses deutsch-polnische Jugendprojekt gibt es nun seit 1993. Die Idee stammte noch aus der Zeit unmittelbar nach dem Fall der Mauer verbunden mit der Hoffnung auf ein gemeinsames Europa.
Sie geht zurück auf die Initiative der beiden Gewerkschaften Solidarnosc und ÖTV, womit ein positives Zeichen gegen den damals aufflammenden Ausländerhaß gesetzt werden sollte. Das ursprünglich als schlichte Zeitungswerkstatt gedachte Projekt mauserte sich zu einem grenzüberschreitenden, transnationalen Medienprojekt.
Heute beinhaltet es ein gleichnamiges zweisprachiges Jugendmagazin, einen Fotoworkshop, sowie zahlreiche Seminare in deren Mittelpunkt die Begegnung und der Austausch von deutschen und polnischen Jugendlichen stehen.
Das Magazin läßt sich gegen Rückporto kostenlos unter folgender Adresse beziehen: BEZ GRANIC-GRENZENLOS, Franz-Mehring-Str.20, 15230 Frankfurt/Oder
Der finale Torschuss: Brot und Spiele für alle? / Die FIFA auf dem Strich
(mac) Das Phantom hat wieder zugeschlagen. Für schlappe 3,4 Milliarden Mark hat Leo Kirch zusammen mit der Schweizer Agentur ISL die weltweiten TV-Übertragungsrechte für die Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 gekauft. Das öffentliche Entsetzen darüber ist so groß wie geheuchelt. Denn jahrelang haben die Parteien diesem Mann eine schöne Gesetzes-Vorlage nach der anderen vor die Füße gespielt. Nun aber, da er zum finalen Torschuß ansetzt, herrscht angebliche Ratlosigkeit. Ein Gefühl, das sich bei den Fans tatsächlich einstellen dürfte. Bald müssen sie für Live-Übertragungen kräftig löhnen. SCHALKE UNSER in allen Einzelheiten über den sudden death des Fernseh-Fußballs.
Außer dem Kanzler und seinen Geschäftspartnern, sagt man, kennt ihn kaum einer, diesen Leo Kirch. Das ist wahrscheinlich auch besser so. Denn Verdienste erwarb er sich keine - es sei denn, man hält skrupellose Machtgier oder das bloße Handeln mit gefüllten Filmdosen und Sportrechten für Verdienste. Genau damit aber hat es dieser Kirch weit gebracht. Kirchs Unternehmensgruppe ist Mehrheitsgesellschafter bei SAT1 und darüberhinaus an den TV-Sendern DSF und Premiere sowie mit über einem Drittel am Springer-Verlag (Bild, Sport-Bild) beteiligt.
Zudem besitzt er die Internationale Sportrechte-Agentur ISPR und über sie die Übertragungsrechte an der Fußball-Bundesliga bis zur Jahrtausendwende. Mit anderen Worten: Dieser Mann kleckert nicht, der geht richtig ran. Er kontrolliert einen Großteil der veröffentlichten Meinung, wenigstens im Sport, auf alle Fälle aber im Fußball.
Insgesamt 3,4 Milliarden Mark (in Zahlen: 3 400 000 000 DM) hat Kirch für die beiden Weltmeisterschaften 2002 (in Japan und Südkorea) und 2006 (vielleicht in Deutschland) der allzeit bereiten FIFA besorgt. Zum Vergleich: Die Senderechte für die drei Weltmeisterschaften 1990, 1994 und 1998 (in Frankreich) kosteten die öffentlich-rechtlichen Sender Europas damals 408 Millionen Mark - gerade mal ein Achtel.
Eine solch hohe Investition - da sind sich alle Experten einig - läßt sich nicht durch Werbespots refinanzieren, vermutlich selbst dann nicht, wenn die Dauer der Werbeblöcke die Dauer des eigentlichen Fußballspiels übersteigen würde. Andere Vermarktungsformen müssen also her. Und da paßt es ganz hervorragend, daß Kirchs unscheinbares Imperium genau daran längst bastelt.
Die Zauberworte heißen “Pay-TV” (Bezahlen für einen ganzen TV-Kanal - Beispiel Premiere) und “Pay-per-view” (Bezahlen für eine einzelne Sendung zusätzlich zur Monatsgebühr). Es ist nur zu offensichtlich, daß Kirch seinem digitalen TV-Projekt DF 1 (Investitionen laut Kirch-Gruppe: gut eine Milliarde Mark) auch mit solch exklusiven Sportrechten zum Durchbruch verhelfen will, koste es, was es wolle. Zehn digitale Kanäle soll DF 1 zunächst umfassen - zum Preis von mindestens 60 Mark im Monat. Um die attraktiv zu füllen, braucht der Dealer heiße Ware. Und was wäre heißer, als eine Fußball-WM?
Kein Problem für Kirch, denn die FIFA war wieder mal bereit, auf den Geldstrich zu gehen. Der Fußball hat damit endgültig seine Unschuld verloren. Kirchs golden goal ist gleichbedeutend mit dem sudden death für den Fußball der Fans. Denn wenn der Plan des zwar fast blinden, aber leider dennoch geschäftlich weitsichtigen Kirch aufgeht, darf der sich freuen - aber viele von uns sitzen in der allerletzten Reihe.
Zwar, sagt ein Kirch-Sprecher, werde jedes WM-Spiel “im Free-TV zu empfangen sein”. Er sagt aber nicht, in welcher Länge, ob live oder als Aufzeichnung womöglich vier Wochen später. Zwar sagt FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter, daß die Rechtevergabe das Pay-per-view-Fernsehen ausschließe. Gegenüber der ARD-Sendung “Monitor” aber gestand Blatter, daß Pay-TV nicht ausgeschlossen sei.
Die Redaktion von “Monitor” hatte interne Papiere der FIFA einsehen können und stellte fest, daß Kirch sich zu gar nichts in Sachen “freies Fernsehen” verpflichtet hat. Mit anderen Worten: Zustände wie beim UEFA-Cup-Spiel Barcelona - Bayern im April könnten die ganze Weltmeisterschaft durchaus herrschen. Zur Erinnerung: Die Begegnung war seinerzeit nur für löhnende Premiere-Kunden live zu sehen.
Von wegen also WM-Kick ohne Extra-Kosten! Außerdem weiß Blatter, daß bis zum Eröffnungsspiel der WM 2002 noch sechs Jahre ins Land gehen. Zeit genug also für einen Platzverweis in ganz kleinen Schritten. Denn was sind sechs lange Jahre, wenn die FIFA schon mal binnen sechs Monaten ihre Meinung komplett ändert. Noch im Februar etwa log Weltfußball-Präsident Joao Havelange: “Mit privaten Rechteverwertern verhandele ich nicht.” (siehe Heuchel-Hitliste).
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Viele Varianten des Fernseh-Fußballs kommen künftig in Frage, und allen ist gemeinsam, daß sie zur Verschlechterung aus Fan-Sicht beitragen werden. Die Fans werden schlicht ausgenommen. Beispiel eins: Besonders wichtige Spiele (möglicherweise auch die der deutschen Mannschaft, sollte sie sich qualifizieren) werden live und in voller Länge nur gegen Extra-Bezahlung zu haben sein - sei es nun, indem man für einen ganzen Sender oder für einen Sender und zusätzlich noch für das jeweilige Spiel abdrückt. Umsonst und live gäbe es dann nur die Krümel der WM, sprich die potentiellen Langweiler-Begegnungen.
Oder aber so: Alle deutschen Spiele sind zwar - Kirch, wir danken Dir - live und ganz auf SAT1 zu sehen, andere quotenträchtige Begegnungen dafür aber wieder nur gegen Bares. Im Gespräch sind dabei übrigens Preise von gut und gerne 30 Mark pro Partie.
Oder, sozusagen der Super-GAU: Live wird die komplette WM vom Eröffnungsspiel bis zum Finale nur im Abo-Fernsehen ausgestrahlt, andere Sender dürfen grundsätzlich nur Konserven zeigen. Gleich, welche Variante sich Kirch ausdenkt: Das Live-Erlebnis wird nicht so billig sein wie etwa “Premiere” (das übrigens ab September über Satellit 47,80 Mark und über Kabel 49,80 Mark pro Monat kosten wird und - höre und staune - erste Schritte in Sachen Pay-per-view unternimmt). Alleine der Decoder für Kirchs DF 1-Projekt wird 1 000 Mark (in Worten: tausend) kosten. Kurzum: Die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 werden höchstwahrscheinlich ein verdammt teures Vergnügen.
Was aber sagt der sich immer so volksnah und großherzig gebende DFB dazu? Die Antwort: Nichts. Rechtsaußen Gerhard Mayer-Vorfelder, ohnehin ein Mann der größten Peinlichkeiten, war bei der Abstimmung über die Vergabe der TV-Rechte überhaupt nicht anwesend. Sein Stuhl blieb einfach leer, Deutschland mit dem weltweit größten Fußballverband damit ohne Stimme. Na, wenn das mal ein Zufall ist…der deutsche Verband fehlt, während die Rechte ein Deutscher bekommt. Auf alle Fälle ist es eine elegante Art, die Entscheidung mitzutragen und trotzdem nicht verantwortlich zu sein.
Daß Mayer-Vorfelder nach Abpfiff noch einmal neu verhandeln wollte, zeigt seinen ganzen widerlichen Populismus. Die Rechte-Frage ist eben auch eine einigermaßen rechte Frage. Schließlich gehören weder Mayer-Vorfelder noch Braun, Vogts, der Kanzler und Kirch zu den progressiven Kräften im Lande. Und mehr noch: Der DFB will ja auch die WM 2006 ausrichten. Sich öffentlich für die Interessen der Fans und damit gegen das größtmögliche Geld einzusetzen, hätte Deutschlands Chancen gewiß nicht erhöht.
Andere Nationen sind offenbar bei der Betrachtung des Fußballs etwas weiter. So gehören für das britische Parlament große Turniere zweifellos zum “großen europäischen Erbe”. Die italienische Volksvertretung hat Fußball sogar zum Menschenrecht erklärt. Alle sollen sehen dürfen, was da so schön und wichtig ist. Brot und Spiele eben.
Nun denken sogar einige deutsche Politiker darüber nach, ob man nicht per Gesetz ein Recht auf große Spiele ohne Extrakosten für alle durchsetzen könne. Bayern-Fan und Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) appelliert an die “gesellschaftliche Verantwortung der Veranstalter”, allerdings ohne einen Schritt von CSU-Kirch zu weichen. Freizeitkicker und Grünen-Fraktionschef Joschka Fischer hält die freie Übertragung wichtiger Spiele für “ein Grundbedürfnis der Gesellschaft”. Und der rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident Kurt Beck empfindet Kirchs Projekte als “Horrorvision”. Genau das wird es bleiben. Denn es gibt kein Grundrecht auf Live-Fußball. Medienforscher und Verfassungsrechtler betonen, daß es allenfalls ein Grundrecht auf Information gibt, nicht aber eines auf kostenlose Direktübertragung. Völlig zurecht entlarven sie die erschrockenen Polit- Äußerungen nicht nur von Stoiber als stimmenheischende Heuchelei. Denn die Politiker wußten natürlich, was sie tun, als sie das Fernsehsystem dem freien Markt öffneten.
Noch aus einem anderen Grund wird es keinen Fußball mehr für alle geben. Wann immer der brutale Zocker Kirch in den letzten Jahren am Rande des Ruins stand (und das war oft), eilte die politische Seilschaft zu Hilfe und ließ den Mann nicht hängen, wo er hingehört. Eine Seilschaft der besonderen Art: Schwarze Stutzen statt roter Socken.
Die Heuchel-Hitliste
1. “Durch den großen Kampf zwischen dem Privat-Fernsehen und den öffentlich-rechtlichen Sendern um Übertragungsrechte steht unser Spiel im Mittelpunkt der Finanzen. Und das gefällt mir nicht so gut, denn wir dürfen uns nicht blenden lassen von den großen Summen, die da herumgehen.”
(Joseph Blatter vor der Rechte-Vergabe an Kirch)2. “Unsere Partner sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten.”
(Joao Havelange vor der Rechte-Vergabe an Kirch)3. “Unser Ziel ist die flächendeckende Ausstrahlung der Weltmeisterschaft, nicht die Geldmaximierung”
(Joseph Blatter nach der Rechte-Vergabe an Kirch)
So gibt es also theoretisch nur einen, der den Kirch im Dorf lassen kann - der Fußball-Profi selbst. Man stelle sich vor: Halbfinale 2002 in Tokyo oder Seoul. Alle großen Mannschaften sind ‘raus. Die Faröer-Inseln, die sich überraschend qualifiziert haben, gewinnen gegen Moldawien und treffen im Endspiel auf den Sieger aus der Partie Liechtenstein gegen Benin. Was für ein Finale! Aus Verzweiflung über die mangelnde Nachfrage bietet Kirch das Spiel kostenlos in SAT1 an. Trotzdem guckt kein Schwein hin. In der Halbzeit gibt es nur einen Werbespot für norddänischen Weichkäse und ganz Fußball-Deutschland zieht sich im Ersten den Zusammenschnitt der schönsten WM-Szenen des vergangenen Jahrhunderts rein. Träumerei. Gerne würden wir dafür die Daumen drücken. Wir fürchten nur, es hilft nichts. Zu viel Geld ist im Spiel, als daß es dazu kommen könnte. Wer alleine die Champions-League betrachtet und die Versuche, finanzstarke Fußballnationen stärker in diesen unsäglichen Wettbewerb zu hieven, der weiß, daß der Fußball eine alte Hure geworden ist.
Nein, das Szenario sieht anders aus: Zwei Außenseiter werden im Finale nie aufeinandertreffen. Gelbe Karten und Einwechslungen werden 2002 präsentiert von Krombacher. Auszeiten und werbefreundliche Drittel statt Halbzeiten werden Realität. Und es müßte schon gut laufen für uns Fans, wenn es dabei bliebe…

