Nummer 22 - 1999/05
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Von 70.000 Zuschauern auf einmal zu 50 Kühen” - Interview mit Rene Eijkelkamp
SCHALKE bleibt UNSER - der FC Schalke 04 darf keine Aktiengesellschaft werden!
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 3
Alle Länder sind gleich
Schalker helfen Honduras
“Von 70.000 Zuschauern auf einmal zu 50 Kühen”
(jb/pk/rk) Bedankt, Rene! Es war schon unglaublich, in welch kurzer Zeit sich René Eijkelkamp in die Herzen der Schalker Fans spielte. Nun zwang ihn eine AchillessehnenVerletzung zum Ende seiner ProfiKarriere. Ganz klar, daß die SCHALKE UNSER-Redaktion ihn noch einmal in seiner Heimat, in Hoonhorst bei Zwolle, besuchte und mit ihm über seine Landsleute, seine Zukunft und seine Nase redete.
SCHALKE UNSER:
René, von wem hast du eigentlich diese Nase geerbt?
RENÉ EIJKELKAMP:
(lacht) Ich habe mir meine Nase zweimal gebrochen: Einmal wollte ich eine Sonnenmarkise an der Wand befestigen, doch plötzlich löste sie sich aus der Verankerung und flog mir auf die Nase. Das andere mal habe ich sie mir beim Fußball gebrochen. Aber das liegt auch in der Familie - mein Opa hat auch eine solche Nase, genauso schlimm wie meine. Aber die Frauen sagen, daß es gut aussehe.
SCHALKE UNSER:
Hast du denn schon mal das Nasenpflaster von Ingo Anderbrügge ausprobiert?
RENÉ EIJKELKAMP:
Ach was, das würde doch gar nicht über meine Nase passen.
SCHALKE UNSER:
Vielleicht, wenn du zwei aneinanderklebst. Aber Nase beiseite: René, bei dir hatte man immer das Gefühl, daß du dich voll und ganz mit dem Verein identifiziert hast.
RENÉ EIJKELKAMP:
Das fing alles mit dem Gespräch mit Manager Assauer an. Der hat mir erzählt, daß Schalke ein super Verein mit super Fans wäre. Das sagt dir zwar jeder Manager, mit dem du über einen Vertrag sprichst, und darum wollte ich mir das lieber erst einmal selbst anschauen. Ich habe mir dann ein Spiel in der Vorbereitung angesehen, vorher hatte ich noch kein Spiel von Schalke live geguckt. Und das war einfach unglaublich, wie viele Fans da waren. Dann bin ich auf der Geschäftsstelle gewesen, und die Stimmung war einfach großartig - klar nach dem Europacup-Erfolg. Ich hatte sofort ein super Gefühl, und das ist - im positiven Sinne - immer schlimmer geworden. Ich habe mich auch fußballerisch sofort wohl gefühlt, und da habe ich gedacht: “Hier ist es gut, das ist dein Verein!” Ich hab’ bloß im ersten Jahr zu wenig Tore geschossen; in diesem Jahr lief das erst ganz gut, doch dann kam jetzt die Verletzung dazwischen. Sonst hätte ich vielleicht noch ein Jahr drangehängt.
SCHALKE UNSER:
Hattest du denn schon vor deiner Verpflichtung etwas von Schalke gehört?
RENÉ EIJKELKAMP:
Ich habe die UEFA-Cup-Spiele gesehen: Ab dem Viertelfinale wurden die auch im holländischen Fernsehen gezeigt. Ich habe hier kein deutsches Fernsehen, und so mußte ich bis zum Viertelfinale warten. Nach Mailand hat mich Huub angerufen, ob ich nicht interessiert sei. PSV Eindhoven wollte mich nicht mehr haben, weil ich gerade erst von einer Operation genesen war. Huub hat sehr positiv über Schalke gesprochen. Er hat einen sehr guten Namen in Holland, ich selbst habe ja sogar noch gegen ihn gespielt. Dann habe ich noch kurz mit Youri Mulder telefoniert und darauf “Ja” gesagt.
SCHALKE UNSER:
Wie war denn der Huub so als Gegenspieler?
RENÉ EIJKELKAMP:
Er war wirklich hart, hat immer draufgehauen und nur geredet. Er hat immer versucht, seine Gegenspieler einzuschüchtern. Er hat alles versucht, um zu gewinnen. Aber damit habe ich keine Probleme, das mach ich selber ja auch. Wenn ich nicht gewinnen kann, dann wird’s schlimm. Dann versucht man alles, um das Spiel noch zu kippen, damit man noch ein paar Punkte holen kann.
SCHALKE UNSER:
Was war denn so der größte Unterschied zwischen Schalke und deinen anderen Profi-Stationen?
RENÉ EIJKELKAMP:
Die Fans stehen bei Schalke unheimlich in der Nähe von Spielern, Trainer und Manager. Wir haben immer Autogrammstunden gemacht, sowas kennen wir in Holland gar nicht. Hier gibt es nur gedruckte Autogramme, Bälle und Trikots. Selbst beim PSV, der ja auch ein großer Verein ist, gab es das nicht. Wir haben mit Schalke ein Trainingslager an der tschechischen Grenze gemacht. Du kommst an, und da steht ein Fan-Artikelstand von Schalke, und unheimlich viele Familien haben dort Urlaub gemacht, um in unserer Nähe zu sein. Als ich noch bei Brügge gespielt habe, hatten wir ein Trainingslager hier in Holland: Da waren gerade mal vier Fans mit. Bei Schalke weiß ich nicht, wie viele; aber es sind sehr viele, die da mitkommen. Schau doch mal in den Schalker Kreisel: Fotos von Schalke-Fans in Indonesien, auf den Malediven, in Brasilien… Für uns Holländer ist das unglaublich. Zudem hat Schalke eine wirklich gute Organisation, der Manager ist super. Der ist zwar hart, aber auch ehrlich. Und wenn du alles für den Verein gibst, bekommst du auch viel zurück.
SCHALKE UNSER:
Es war ja auch mal im Gespräch, daß du nach Lüdenscheid wechseln solltest.
RENÉ EIJKELKAMP:
Das ist aber schon lange her. Ich habe damals bei Brügge gespielt. Da hat PSV mich bei einem Auswärtsspiel beobachtet, Luc Nilis war dort verletzt. Und da haben sie einen Ersatz gesucht. Bei dem Spiel war auch der damalige BVBCo-Trainer Michael Henke, anwesend. Beide Vereine wollten mich haben, aber da habe ich gefühlsmäßig gesagt, daß ich in Eindhoven unterschreibe. Hätte nur der BVB angefragt, hätte ich wohl dort angefangen. Aber wie ich jetzt erfahren habe, sind dort doch sehr viele Einzelgänger in der Mannschaft, der Zusammenhalt ist nicht so da.
SCHALKE UNSER:
In Eindhoven hast du Seite an Seite mit Ronaldo gespielt. Was hast du dem denn alles beigebracht?
RENÉ EIJKELKAMP:
Wie er mit Geld umgehen muß (lacht). Er war damals noch sehr jung. Er hatte Phasen, da hat er ein Spiel alleine entschieden - und danach wieder drei Spiele gar nichts gebracht. Wenn er keine Lust hatte, hat er auch einige Spiele geschlafen. Und das geht nicht, du mußt in jeden Spiel alles für deinen Verein geben.
SCHALKE UNSER:
Bist du eigentlich ein Spätzünder gewesen?
RENÉ EIJKELKAMP:
In den 18 Jahren habe ich sechsmal in der Nationalmannschaft gespielt, aber ich bin in denselben Jahren geboren wie die Generation von Ruud Gullit und Marco van Basten. Ich war immer direkt dahinter und kam nur zum Zuge, wenn sich einer der beiden verletzt hatte. So war ich dann immer nur der vierte oder fünfte Stürmer. Dann bin ich auch noch fünf Jahre nach Belgien gegangen, und man hat mich vergessen. Erst als ich zurück in Eindhoven war, rückte ich wieder ins Rampenlicht. In Eindhoven war es auch einfacher, weil wir dort eine gute Truppe hatten.
SCHALKE UNSER:
Du hast auch in Schalke auf einem ziemlich hohen Niveau gespielt, stehst selbst in der Kicker-Rangliste immer noch auf dem achten Platz. Manchmal wirkte es so, als ob deine Mitspieler deine Ideen teilweise gar nicht verstehen konnten.
RENÉ EIJKELKAMP:
Du mußt immer einen Paß nach vorne denken. Wenn ich den Ball bekomme, muß ich schon wissen, wo ich den Ball als nächstes hinpassen werde. Das hat auf Schalke ein bißchen gedauert. Wenn die mir einen Ball in die Tiefe gespielt haben, bin ich bekloppt geworden. Das kann nicht sein. Am Ende haben die das auch nicht mehr gemacht. Ich war immer anspielbar, meine Mitspieler wußten genau, wie ich den Ball haben wollte. Aber da kommt man nur durch viel Training und Reden hin.
SCHALKE UNSER:
Mittlerweile gibt es auch schon ein Lied über dich auf CD. Die Band “Messerscharf” hat den Song “Goodbye René Eijkelkamp” eingespielt.
RENÉ EIJKELKAMP:
Das ist einfach unglaublich. Am Samstag kamen auch wieder drei Schalke-Fans zu mir, die ein Transparent für mich gemalt hatten. Das ist wirklich unglaublich, da weiß ich überhaupt nicht, was ich sagen soll. Die ganzen E-mails, die ich von den Fans bekommen habe und die mich zum Weitermachen überreden wollten, waren auch unglaublich. Ich glaube, 200 habe ich zu Hause liegen. Da waren welche dabei, die haben gesagt, daß sie mit vier Leuten kommen und bei mir so viel Holz hacken wollten, daß ich für den ganzen Winter nichts mehr hacken müßte. Einfach super.
SCHALKE UNSER:
René, du bist jetzt 35 Jahre alt, was ist das denn für ein Gefühl, nach so vielen Jahren, die Fußballstiefel an den Nagel hängen zu müssen?
RENÉ EIJKELKAMP:
Wenn ich hier in Hoonhorst bei meiner Familie bin, dann ist es gut, aber wenn ich beim Training bin, dann ist es schlecht. Der Fußball fehlt mir einfach. Die ersten Wochen waren ganz schlimm. Da war so schönes Wetter, um 10 Uhr fing das Training an, und ich saß hier mit meiner Frau beim Kaffeetrinken. Das bin ich einfach nicht gewohnt. Ich bin 18 Jahre lang jeden Morgen zum Training gegangen, und jetzt ist das vorbei.
Auf der anderen Seite habe ich viel mehr Zeit für meine Kinder. Ich brauche nicht mehr ins Trainingslager zu gehen: So war ich immer freitags und samstags weg, am Sonntag war auch noch Training… das war nicht so schön für die Familie. Aber auch das gehört in Deutschland dazu. In Holland macht keiner ein Trainingslager, in England auch nicht. Manchester United kommt bei einem Europacup-Spiel drei Stunden vorher zusammen, die essen was und dann hauen sie ihre Gegner weg. Das gefällt mir eigentlich auch besser.
SCHALKE UNSER:
Hättest du dir vorstellen können, auch mal nach Spanien oder Italien zu wechseln?
RENÉ EIJKELKAMP:
Nein, ich bin ein sehr familiärer Mensch. Brügge und Mechelen waren schon weit genug entfernt. Da sind wir immer einmal im Monat hierher zurückgekehrt und haben unsere Familien besucht, die alle hier in der Umgebung wohnen. Aber der Fußball fehlt trotzdem. Und im Augenblick komme ich nur zum Spiel, weil ich ja noch dazugehöre. Eigentlich hasse ich das, weil ich eben nicht mehr helfen kann. Aber das ist jetzt vorbei.
SCHALKE UNSER:
Und wie geht’s bei dir weiter?
RENÉ EIJKELKAMP:
Das weiß ich auch noch nicht. Ich muß nochmal mit Rudi Assauer sprechen, vielleicht werde ich für Schalke als Spielerbeobachter und Talentspäher eingesetzt. Dann hätte ich auch noch weiter Verbindung mit dem Verein, was ich sehr schön fände. Ich habe aber auch ein Angebot von einem holländischen Erstligisten, für den ich als Stürmertrainer arbeiten soll. Das ist auch eine schöne Arbeit, aber ich kann nicht beides machen, da werde ich mich entscheiden müssen.
Irgendwann, wenn meine Verletzung in zwei oder drei Jahren ausgeheilt ist, möchte ich auch wieder ein wenig Fußballspielen. Nur zum Hobby: Mein Bruder spielt hier in einer Hallenfußballgruppe, da würde ich später auch gerne mitkicken. Aber momentan weiß ich noch gar nichts genaues, erst einmal mit der Familie Urlaub machen.
SCHALKE UNSER:
Schalke hat wieder einen holländischen Spieler verpflichtet.
RENÉ EIJKELKAMP:
Ja, den Niels Oude Kamphuis. Ein junger, talentierter Spieler, der zusammen mit dem Stürmer Jan Vennegoor of Hesselink aus der Jugend von Twente Enschede hochgekommen ist und nun in der Jonge Oranje, der holländischen U21, spielt. Aber so viel habe ich noch nicht von ihm gesehen, da ich mir im Fernsehen eigentlich immer nur die Zusammenfassungen angucke. Er soll ein gutes Laufpensum haben.
SCHALKE UNSER:
Viele Fans sagen aber auch, “schon wieder ein Holländer”. Gut, der Trainer ist selbst auch Holländer und kennt sich hier wohl auch am besten aus. Gibt es aber vielleicht auch noch andere Gründe dafür, daß so viele Holländer nach Schalke wechseln?
RENÉ EIJKELKAMP:
Der Manager mag die Holländer. Das liegt wohl daran, daß wir vielleicht etwas freier im Denken sind als Spieler anderer Nationen. Wir sind auch nicht ganz so ernst: Guck dir den Youri an, der wirkt auch nicht so verbissen. Wir sind immer locker, haben Spaß, und das gefällt auch dem Manager. Der meint auch, daß man den Fußball nicht so ernst nehmen sollte, eigentlich ist der Fußball nur ein Spiel.
Jedes Land hat seine eigene Kultur, und der Manager kommt mit der holländischen Mentalität sehr gut klar. Aber zu viele Holländer dürfen es auch nicht sein. Wir spielen in Deutschland, nicht in Holland.
Solange der Verein erfolgreich spielt, geht das alles gut. Schau nur mal nach Barcelona. Der Trainer van Gaal hat sich dort die halbe Mannschaft von Ajax Amsterdam nach Barcelona transferiert. Barca hat großen Erfolg, sie stehen an der Spitze, und wenn sie Spanischer Meister werden, dann werden die 120.000 Zuschauer sehr zufrieden sein. Doch wenn es nicht läuft, dann wird es kompliziert.
SCHALKE UNSER:
Wir haben diese Erfahrungen auch machen müssen. In Zeiten, als es Schalke sportlich besonders schlecht ging, waren es auch die ausländischen Spieler, die als erste üble Sprüche von den Rängen zu hören bekamen.
RENÉ EIJKELKAMP:
In Holland gab es das Problem auch. Die dunklen Spieler hatten mehr Probleme in den Stadien und mußten sich Sprüche anhören wie “Nigger” oder “Bananenfresser”. In Holland ist das aber auch besser geworden. Frank Rijkaard ist nun Bondscoach. Das ist auch gut, dann werden die dunklen Spieler eher akzeptiert, was ja eigentlich auch normal ist.
SCHALKE UNSER:
Trotzdem war auch schon in Zeitungen das Gerücht zu lesen, daß Huub Stevens auf die Holland-Connection setzt und lieber seine Landsleute spielen läßt.
RENÉ EIJKELKAMP:
Das ist wohl immer so, wenn es nicht rund läuft. Die Leute brauchen dann etwas, über das sie reden können. Das ist wirklich einfach zu sagen, daß der Huub nur Holländer aufstellt. Jeder Trainer versucht, die Mannschaft aufzustellen, von der er meint, daß es die beste ist. Da wird er bestimmt nicht auf irgendwelche Nationalitäten achten. Aber wenn der Manager mal das Gefühl haben sollte, daß ein Holländer immer schlecht spielt und doch immer wieder aufgestellt wird, dann hätte er schon längst etwas gesagt.
SCHALKE UNSER:
Was waren denn deine schönsten Spiele mit Schalke?
RENÉ EIJKELKAMP:
In Split war es schön, da hab ich zwei Tore gemacht. In Bochum war es super, ach, da waren so viele schöne Spiele dabei.
SCHALKE UNSER:
Du warst auch beim zweiten Spiel in Mailand dabei. Hattest du schon vorher mal in einem solch großen Stadion gespielt?
RENÉ EIJKELKAMP:
Mit PSV Eindhoven haben wir mal in Barcelona gespielt. Im Viertelfinale sind wir ausgeschieden, so eine Scheiße! Das ärgert mich noch heute. Auswärts hatten wir 2:2 gespielt, zu Hause 0:2 zurückgelegen, 2:2 aufgeholt, da haben wir die wirklich im Sack gehabt, und am Ende haben die durch einen dummen Konter tatsächlich noch 3:2 gewonnen. Das war wirklich schade.
SCHALKE UNSER:
René, in deiner Zeit bei Schalke war Jiri Nemec dein Zimmernachbar. Waren das dann eigentlich immer ruhige Abende?
RENÉ EIJKELKAMP:
Ja, es war schon ruhig, aber wir haben einander immer gut verstanden. Wenn man zu irgend jemanden “Profi” sagen kann, dann zu ihm. Er war wirklich sehr ordnungsliebend. Ich habe nach dem Training meine Sachen immer links und rechts in die Ecke geschmissen, aber beim Jiri war immer alles tip top aufgeräumt. Aber Probleme hat das nie gegeben.
SCHALKE UNSER:
René, du lebst ja hier wirklich buchstäblich auf dem Land und besitzt einen Bauernhof.
RENÉ EIJKELKAMP:
Ich fühle mich hier richtig wohl, meine gesamte Verwandtschaft wohnt hier, auch noch ein holländischer Schauspieler und ein berühmter Eisschnelläufer. Hoonhorst ist ein sehr ruhiges Plätzchen, hier findet dich keiner. Die Kinder können auf den Straßen spielen, es gibt keine Kriminalität. An dieser Straße hier kommen mehr Traktoren vorbei als Autos. Vielleicht auch noch mal ein paar Fahrradfahrer. In Holland haben die Fahrradfahrer immer Vorfahrt vor allen anderen Fahrzeugen. Ich bewege mich hier fast nur auf dem Fahrrad. Wenn ich zu dem Ort möchte, wo ich geboren wurde, fahre ich von hier aus vier Kilometer, nach Zwolle fahre ich acht Kilometer. Wenn es möglich ist, mache ich alles mit dem Fahrrad.
SCHALKE UNSER:
Diese Idylle hört sich ganz nach dem Gegenteil von Gelsenkirchen an.
RENÉ EIJKELKAMP:
Das war aber auch immer schön, wenn wir samstags Heimspiel hatten, dann waren im Parkstadion 70.000 Leute. Nach dem Spiel bin ich zurück gefahren, und als ich dann hier durch Hoonhorst gefahren bin, war hier kein Mensch auf den Straßen. Von 70.000 Zuschauern auf einmal zu 50 Kühen, das ist ein super Erlebnis.
SCHALKE UNSER:
Ist denn hier in Hoonhorst Schalke ein Begriff?
RENÉ EIJKELKAMP:
Eigentlich weniger. Von hier aus fahren zwar auch immer Busse nach Gelsenkirchen zu den Spielen. Es weiß auch jeder, daß ich für Schalke spiele, aber wenn ich hier bin, sprechen wir nicht darüber. Dann heißt es nur kurz “Wie habt ihr gespielt?”. In dieser Saison mußte ich dann meistens antworten: “Wir haben verloren”, und damit war die Sache erledigt. Das Fußballspielen wird hier gesehen wie jede andere Arbeit auch.
SCHALKE UNSER:
René, vielen Dank für das Interview. Bedankt und Glückauf.
SCHALKE bleibt UNSER - der FC Schalke 04 darf keine Aktiengesellschaft werden!
(bm/mc) Die Redaktion SCHALKE UNSER und der FC Schalke 04 Supporters Club e.V. sehen die Gefahr, daß der Verein in einer Nacht- und Nebelaktion auf einer der nächsten Jahreshauptversammlungen den Gang an die Börse wegen plötzlich aufkommender Finanznöte, z.B. beim Stadionneubau, beschließt. Die Mitglieder “müssen” dann, wegen einer “alles oder nichts”-Situation, dem Gang an die Börse zustimmen.
Angeblich plant der jetzige Aufsichtsrat schon seit geraumer Zeit dieses Vorhaben, verschleiert dies jedoch, damit im Vorfeld überhaupt keine Diskussion über die Frage aufkommt, ob der Börsengang wirklich im Interesse des Vereins und der Mitglieder ist. Wir fordern daher hiermit den Verein auf, detailliert über das Pro und Contra zu diesem Thema zu informieren. Die Mitglieder haben ein Recht zu wissen, was mit ihrem Verein geschehen soll und vermutlich auch wird.
Warum sind wir gegen eine Umwandlung des FC Schalke 04 in eine Aktiengesellschaft?
1. Der FC Schalke 04 e.V. lebt von seinen rund 18.000 Mitgliedern, seinen Fans, dem Umfeld, dem Ruhm und der Volksnähe. Schon immer verkörpert Schalke 04 ein Wir-Gefühl in einer Region, die diesen Verein als Aushängeschild hat. Wenn der Verein FC Schalke 04 e.V., bei dem die Mitgliedschaft mehr mit Glauben zu tun hat und eigentlich eher StatusSymbol ist, sich in die Hände unberechenbarer Aktionäre gibt, wären Vereinsliebe, Leidenschaft und Vereinstreue, wie sie bis dato existieren, in einer “FC Schalke 04 AG” bedeutungslos. Auch wenn beim FC Schalke 04 die Umsätze durch die sportlichen Erfolge beträchtlich gestiegen sind, darf man nicht vergessen, was diesen Verein für Medien und potentielle neue Fans so interessant macht. Es sind wir, die Schalker, die heute noch eine Mischpopulation aus allen gesellschaftlichen Schichten darstellen. Es wäre schon merkwürdig, eine Kapitalgesellschaft in einem Fußballstadion lautstark und mit Emotionen zu unterstützen und zu lieben. Schließlich soll es sich samstags um 15.30 Uhr immer noch um ein Fußballspiel handeln, bei dem man abschalten kann, fernab von Kurseinbrüchen und Dividenden. Der FC Schalke 04 e.V. und seine Mitglieder und Fans gewinnen keine Meisterschaften und Pokale mehr. Kapitalgesellschaften und deren Aktionäre werden die Gewinner sein.
2. Der FC Schalke 04 e.V. müßte seine gesamten Rechte (Vermarktungsrechte, TV, Sponsoring, Merchandising, Stadionnutzung) an die Fußball AG abtreten. Die Aktiengesellschaft bestimmt fortan alles vom Vereinsemblem bis über zu den Stadionpreisen. Durch Mitspracherechte der Großaktionäre wird der FC Schalke 04 dann maßgeblich von Nichtvereinsmitgliedern und Fußballverstandlosen beeinflußt und die Spieler, der Altverein, die Vereinsmitglieder und die Fans zum Spielball der Aktionäre und anderer Kapitalunternehmen (Banken, Versicherungen, Konkurrenzunternehmen).
3. Abstieg, Niederlagen, Verletzungen und Formschwäche einer Lizenzspieler-Abteilung können zu prekärem Kursverfall und starken Umsatzeinbußen, sogar Konkurs, führen. Siehe die Entscheidung in England, den Medienzar Murdoch nicht als Käufer von Manchester United zuzulassen.
4. Aktionäre haben bedeutende Rechte und Einfluß auf die Stadioneinrichtungen (Logen, Märkte, etc.) in der Fußball AG , die die Plätze und Anliegen der Fans verdrängen. Schon heute fordern Aktionäre und Bänker (DG Bank) wegen höherer Ertragsmöglichkeiten die totale Versitzplatzung!
5. Die Bundesliga ist sportlich einigermaßen ausgeglichen. Es gab in fast jedem Jahr zahlreiche Beispiele dafür, daß Erfolg nicht käuflich ist. Aufgrund der größeren Marktanteile im Bereich Freizeit, Sport und Unterhaltung ist der Aktienkurs bei Bayern München (165,2 Millionen Mark in 97/98) weniger vom sportlichen Erfolg abhängig als bei einem Verein wie dem VfL Wolfsburg, der einen Umsatz von acht Millionen Mark in 97/98 erzielte. Traurig, aber wahr: Seit dem 23. April ist Wolfsburg auch Aktiengesellschaft - 51 Prozent gehören Volkswagen.
6. Fußball muß Volkssport bleiben. Der Fußballfan, der seinen Verein im Stadion unterstützt, verliert durch eine von Aktionären geplante und bestimmte Fußball AG an Mitsprache und Emotionen. Das Geschäft mit den Aktien ist immer noch das einer Minderheit. Diese Minderheit hat natürlich bis heute nichts mit Fußball zu tun und wittert jetzt ein Geschäft in Milliardenhöhe. Dem DFB und den Vereinen wird es finanziell so reizvoll gemacht, daß diese bereit sind, sich dazu im Prinzip selbst aufzulösen, ohne die Mitglieder und Vereinsfans zu hören. Die Kapitalgesellschaften würden dann zu einem bloßen Markennamen. Wenn das auch der letzte wahre Fußballfan begriffen hat, schwinden mit dem Zuschauerinteresse das Interesse des Fernsehens, der Sponsoren und die Märkte des Merchandising.
7. Der FC Schalke 04 e.V. verfügt nicht mehr über eine Profiabteilung im Bereich Fußball (somit bleiben Schach, Basketball, Handball, Tischtennis, Jugendabteilungen und etc. übrig).
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 3
(rk) In der letzten Ausgabe berichteten wir über den zweiten großen Skandal in der Schalker Vereinsgeschichte. Schalke hatte groß investiert, um den Sprung von der Oberliga in die neu gegründete Bundesliga zu schaffen. Zuviel, wie sich herausstellte. Um die hohen Ablösesummen bezahlen zu können, griff Schalke zu allen - auch illegalen - Mitteln. Schließlich mußte sich Schalkes Präsident Dr. Georg König wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten. In dieser Ausgabe berichten wir aber mal über einen Skandal, der sich positiv für Schalke auswirkte.
Die Bundesliga ist da
103:26 lautete das Ergebnis, als am 28. Juli 1962 der DFB-Bundestag über die Einführung einer Bundesliga abstimmte. Schalke gehörte zu den acht “Gesetzten”, bei denen von Anfang an feststand, daß sie in der neuen Eliteliga kicken durften. Trainer Georg Gawliczek trat mit einem Kader von insgesamt zwanzig Spielern an. Folgende Elf bildete die erste Garnitur: Horst Mühlmann (aus Brambauer), Hans Nowak (von Eintracht Gelsenkirchen, bis dahin neun Länderspiele), Friedel Rausch (aus Meiderich), Willy Schulz (aus Günnigfeld, 15 Länderspiele), Egon Horst (aus Aschaffenburg), Manfred Kreuz (aus Buer, als Steuerbeamter brauchte er eine Sondergenehmigung zum Abschluß eines Lizenzvertrages), Willi Koslowski (Schalker Eigengewächs, Teilnehmer der WM 1962 in Chile), Günter Herrmann (aus Karlsruhe, sieben Länderspiele), Klaus Matischak (stammt aus Bottrop, kam aus Köln), Waldemar Gerhardt und Reinhard “Stan” Libuda (beides Schalker Eigengewächse).
Der Absturz
Das war schon eine starke Mannschaft, und in den ersten Spielen der Bundesliga lief auch alles nach Plan. Bis Dezember verlor die Mannschaft nur gegen Bremen und Frankfurt. Man schlug sogar den 1. FC Nürnberg auf dessen Platz. Aber dann kam der Einbruch. Während in Essen beim Prozeß mit Dr. Georg König (siehe SCHALKE UNSER 21) schmutzige Schalker Vorstandswäsche gewaschen wurde, ging es auch mit der Mannschaft bergab. Nur noch vier Siege gab es in der Rückrunde und ein Unentschieden. Tiefpunkt war das 1:7 bei 1860 München kurz vor Schluß der Saison. Bei der Endabrechnung landete Schalke gerade mal auf dem achten Tabellenplatz. Die Elf war noch lange nicht in sich geschlossen, und wie das immer so geht, schuld war der Trainer. “Schorsch” Gawliczek, Schalker Spieler in der Nachkriegszeit, 1961 geholt, warf man nun seine häufigen Besuche auf der Rennbahn und zu lasche Trainingsmethoden vor. Gawliczek hatte sowieso in den damaligen Vorstandsintrigen einen schweren Stand. Ernst Kuzorra mischte sich oft genug in die Mannschaftsaufstellung und die Traineranweisungen ein, es gab Krach mit den Spielern, und außerdem rückte auch schon das nächste Skandälchen an.
Lizenzbetrug?
Dr. Hubert Claessen, Rechtsanwalt aus Bonn und Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses, von jeher kein großer Schalke-Anhänger, wollte festgestellt haben, daß Schalke bei dem Aufnahmeantrag zur Bundesliga gemogelt habe. Jeder Verein, der sich für die Bundesliga bewarb, mußte ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 35.000 Zuschauern, ein Stammkapital von 200.000 Mark und einen Umsatz von 300.000 Mark vorweisen. Nun hieß es, Schalke hätte bei der Präsentation der Lizenzunterlagen nicht die ganze Wahrheit auf den Tisch gelegt. Von 250.000 Mark Schulden, die Schalke verschwiegen haben sollte, war die Rede. Das verlangte Vermögen sei auch nicht vorhanden gewesen. Am Schalker Markt bangte man um die Lizenz für die nächste Saison. Erst im Juni 1964 wurde das Verfahren vom DFB-Kontrollausschuß eingestellt, weil “keine arglistige Täuschung” vorlag. Die Vorwürfe konnten entkräftet werden. Das trug aber nicht dazu bei, daß Ruhe in die Mannschaft einkehrte. Besonders der Karlsruher Neueinkauf Günter Herrmann war unzufrieden. Er behauptete immer wieder, der Verein wäre seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Er wurde ausgesprochen widerspenstig und kümmerte sich mehr um sein Espresso-Cafe in Moers als um das Training. Matischak war mit 18 Treffern (in nur 22 Spielen) interner Torschützenkönig der Knappen geworden. Aber in der nächsten Saison ist das “Zick-Zack-Matischak” in der Glückauf-Kampfbahn nicht mehr zu hören gewesen. Schon während der Saison hatte es, als es in der Tabelle immer weiter abwärts ging, Abwanderungsgerüchte gegeben. Und nachdem es in Matischaks Schuhladen, den er mit seinem Mitspieler Manfred Berz betrieb, bereits “Totalausverkauf” gegeben hatte, verkaufte Klaus Matischak auch sich selbst nach Bremen.
Für `n Appel und `n Ei
Aber es gab auch noch Nachwehen des Skandals. Dr. Georg König, als Vorsitzender des FC Schalke 04 nach dem Prozeß wiedergewählt und rehabilitiert, war sich über eines im klaren: Die finanziellen Belastungen mußten endlich ausgeräumt werden. Die teure Glückauf-Kampfbahn war einer der Gründe gewesen, warum der Verein auf gewisse “Zusatzeinnahmen” nicht verzichten konnte. Die Stadt Gelsenkirchen entschloß sich zu einem entscheidenden Schritt: Man kaufte dem Verein das Stadion ab. Für 850.000 Mark wechselte das Stadion nach der ersten Bundesliga-Saison den Besitzer - für die alten Schalker nur “‘n Appel und ‘n Ei”, für realistische Betrachter jedoch ein mehr als angemessener Preis. Dabei muß man wissen, daß das Gelände einem großen Industrie-Konzern gehörte. Die Stadt erwarb also nur Tribünen, Umkleideräume und die Mauern ringsum. Es war ein wahrhaft großzügiges Angebot, und die Stadt hätte mit keinem anderen Kontrahenten ein solches Geschäft abschließen können, ohne mächtigen Ärger zu bekommen. Mit Schalke 04 - nun, das war ja wohl selbstverständlich. Die Stadt knüpfte eine Bedingung an diesen Kauf: Der gesamte Vorstand tritt zurück, ein neuer Vorstand sei zu wählen. Man darf annehmen, daß hinter diesem eigentlich recht anmaßenden Angebot auch Dr. König stand, denn er wußte zu genau, daß Schalke genau drei Dinge brauchte: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Dazu gehörte neben der Sanierung auch ein Vorstand, der wenigstens innerlich einig war. Der Vertrag wurde geschlossen, Dr. König trat zurück. Auf der Suche nach einem Mann, der den Neuanfang symbolisieren sollte, erinnerte man sich an Fritz Szepan. Es sprach für ihn, daß es einige Überredung kostete, bis er widerwillig zustimmte, das Amt zu übernehmen. Denn der erste und einzige Schalker, der Spieler, Trainer und Präsident war, war für dieses Amt nicht vorbereitet. Im Grunde war seine Amtszeit ein Rückfall in unprofessionelle Zeiten. Denn so viele Verdienste Szepan auch haben mochte - er zählte nicht zu den Fachleuten, die der Verein nun brauchte.
Der “Feldwebel” kommt
Es kam die schlimme Saison 1964/65 und mit ihr ein “harter Hund” als Trainer. Fritz Langner, der wegen seiner Kriegsvergangenheit nur der “Feldwebel” genannt wurde, sollte wieder für Disziplin und Ordnung sorgen. Langner vertrat den Standpunkt, daß man Berufsspieler - wie in Italien - ordentlich an die Kandarre kriegen muß, damit sie für ihr vieles Geld auch etwas leisten. Der Standpunkt war vielleicht richtig, aber Langner konnte sich damit nicht durchsetzen. Mit seiner Anweisung im Training, “Ihr fünf spielt jetzt vier gegen drei”, machte er sich aber zumindest im Schalker Anekdotenschatz unsterblich. Durchaus guter Hoffnung ging die Schalker Mannschaft - gespickt mit fünf Nationalspielern - in die neue Saison 1964/65. Aber schon nach wenigen Spieltagen fand sich Schalke am Tabellenende wieder. Zwei Unentschieden, vier Niederlagen zum Auftakt. Und dann gegen Dortmund ein 2:6! Schon zur Halbzeit hatten die Dortmunder 6:0 geführt, und später gab der Dortmunder Trainer Eppenhoff zu, daß nur dank seines Schalker Herzens die Niederlage nicht noch höher ausgefallen war. In der WAZ vom 28.9.1964 war “prophetenhaft” zu lesen, daß sich Schalke nicht darauf verlassen sollte, daß am Ende auch die Bundesliga aufgestockt werde. Gerade siebenmal konnte Schalke in der gesamten Saison gewinnen. Und so stand Schalke am Schluß des zweiten Bundesligajahres an letzter Stelle der Tabelle und sollte zusammen mit Karlsruhe absteigen.
Spieler kommen, Spieler geh’n
In Schalke herrschte blankes Entsetzen, zum Teil auch Wut gegen die Spieler, die es so weit hatten kommen lassen. Die Kanonen kündigten allesamt, und es ging das Gerücht um, viele Spieler hätten bewußt auf Abstieg gespielt, weil auf diese Weise ihre Verträge gelöst wurden, da sie schon längst bessere mit anderen Vereinen in der Tasche hätten. Willy Schulz ging unter sagenhaft guten Bedingungen nach Hamburg. Als dies bekannt wurde, setzten sich einige Schalker Anhänger demonstrativ auf Stühlen vor seine Kneipe in Günnigfeld und tranken das Bier, das sie ebenso demonstrativ in einer gegenüber liegenden Trinkhalle gekauft hatten. Willy Schulz dazu: “Dat wa mich egal. Die Trinkhalle gehörte mich auch.” Egon Horst ging ebenfalls zum HSV, Hans Nowak wechselte zu den Bayern, Stan Libuda sogar nach Dortmund.
Standing Ovations
Aber nun kam unter den vielen, fast traditionellen Skandalen einer, der sich zum Segen Schalkes auswirkte. Hertha BSC, durch das Fassungsvermögen des Olympiastadions plötzlich einer der reichsten deutschen Vereine geworden, hatte so unverschämt hohe Summen (auch verbotene Handgelder) beim Einkauf der Spieler gezahlt, daß der DFB sich verpflichtet fühlte einzugreifen. Hertha wurde mit einem Zwangsabstieg bestraft, und es gab wieder einen der berühmten DFB-Eiertänze, wie man die Bundesliga durch die Hertha-Lücke auffüllen konnte. Wie zwiespältig hierbei wieder das Verhalten des DFB war, bewies die Tatsache, daß den Enthüllungen der Berliner, die Verstöße auch bei allen anderen Bundesligisten öffentlich machten, nicht einmal nachgegangen wurde. Der Tabellenfünfzehnte, der Karlsruher SC, war natürlich gerne bereit, den Platz der Berliner zu übernehmen - was dieser auch genehmigte. Doch nun protestierte Schalke: Wenn der sportliche Abstieg nicht zählte, so müßte auch Schalke in der Liga bleiben.
Zu Hilfe kam den Schalkern dabei Ministerialrat Dr. Klein vom Westdeutschen Spielverband. Zwar war der Mann kein Schalke-Fan, aber im DFB-Gerangel der Länder vertrat er den Standpunkt des Westens in einer glänzenden Rede: Eine Bevorzugung der Badener wäre ungerecht. Und weil eine Bundesliga ohne Schalke eben doch nur die Hälfte wert wäre, überzeugte er den DFB-Bundestag in Barsinghausen, der sich nach der eigenen Entscheidung minutenlang selbst beklatschte. In Schalke feierte man die “Rückkehr” wie die achte Meisterschaft.
Zittersaison 65/66
Die Bundesliga wurde auf 18 Vereine aufgestockt, und für Hertha BSC wurde die Berliner Tasmania neben den beiden regulären Neulingen Bayern München und Borussia Mönchengladbach aufgenommen. Im Zeitalter der Berlin-Sondermarken, kurz nach dem Mauerbau, mußte aus “politischen” Gründen eine Berliner Mannschaft dabei sein. Die Tasmania-Spieler wurden sechs Wochen vor Beginn der Saison aus dem Urlaub zurückgeholt. Selbst das Radio beteiligte sich an der Rückrufaktion. Viel besser als die Tasmanen, die mit ihrem Negativrekord von 8:60 Punkten Bundesligageschichte schrieben, waren allerdings auch die Schalker nicht gerüstet. Manfred Kreuz und Günter Herrmann waren die einzigen Routiniers, die geblieben waren. Rausch und Becher bildeten in der Abwehr noch etwas Rückhalt, alle anderen waren neu und gerade noch Amateure gewesen. Fichtel, Neuser, Pyka, Pliska hießen die Unbekannten. Niemand wußte, wie dieser zusammengewürfelte Haufen, immer noch trainiert von Fritz Langner, den Klassenerhalt schaffen sollte. Nur Ernst Kuzorra glaubte an den Erfolg: “Ich bin froh, daß die Stars aus unserer Mannschaft heraus sind. Während früher nur auf’s Geld geschaut wurde, kommt es unseren jungen Leuten in der Hauptsache auf das Fußballspielen an. Ich halte unsere jetzige Mannschaft kämpferisch und moralisch sogar für stärker.”
Er sollte recht behalten. Die Mannschaft kämpfte, aber trotzdem gab es erst im achten Spiel den ersten Sieg gegen den HSV. In der Rückrunde mußte Schalke sogar eine 0:7-Niederlage gegen den Erzfeind aus Dortmund hinnehmen - die höchste in der Geschichte des Derbys. Bis zum 32. Spieltag war die Abstiegsgefahr nicht gebannt. Aber die Schalker Fans verließen ihre Mannschaft nicht. Wieder einmal bewährte sich das beharrliche “Trotzdem” der Anhänger. Die Atmosphäre in der Glückauf-Kampfbahn war mit der heutigen Plastik-Bundesliga nicht zu vergleichen. Es gab keine bösen Sprechchöre gegen den Gegner, keine Pfiffe, wenn mal ein Fehlpaß gespielt wurde. Die Gesänge “Aber eins, aber eins, das bleibt besteh’n, der FC Schalke wird nie untergeh’n” verursachten 90 Minuten Gänsehaut. Mit 508.000 Zuschauern, über 30.000 im Schnitt, war die Zuschauerzahl die höchste in der Bundesliga bis zur Errichtung des Parkstadions. Nicht einmal in der erfolgreichen Saison 1971/72 waren es mehr. Und das obwohl (oder weil?) die Menschen in Gelsenkirchen eigentlich andere Sorgen hatten: Die größte Zeche der Stadt, “Graf Bismarck”, wurde geschlossen. Auch der Gang zur Glückauf-Kampfbahn war eine Form von Protest.
Das Entscheidungsspiel fand am drittletzten Spieltag gegen den direkten Konkurrenten Borussia Neunkirchen statt. Erstmals fuhr die Mannschaft in ein Trainingslager, in die Sportschule Kaiserau. Und am 15. Mai 1966 war es geschafft: Mit 2:0 besiegte Schalke Borussia Neunkirchen. Bechmann und Kreuz waren die Torschützen. Noch lange nach dem Schlußpfiff sangen die Schalker Anhänger “…dann wird der FC Schalke niemals untergeh’n”. Auch wenn die tausend Feuer in Gelsenkirchen langsam verloschen…
Alle Länder sind gleich
(axt) Dies ist keine Randgruppen-Ecke: Nicht schon wieder Blatter, denkt man sich, warum sollte man den denn schon wieder in die Ecke stellen? Schämen wird der sich sowieso nicht.
Nun ist Joseph Blatter ja auch nicht mehr der jüngste, und so mag man es ihm verzeihen, daß ihm die Tage seiner Jugend in Erinnerung geblieben sind, als er mit dem Holzschwert zum Sturm auf die Bastille zog und dabei “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” rief. Und da mit dem Alter das Gedächtnis nachläßt, bleibt eben nur das mittlere Wort in Erinnerung, schließlich ist Mittelmäßigkeit im internationalen Fußball grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen. Peinlich wird es da nur, wenn die Reform des Pflegeversicherungsgesetzes greift und einem eben der Zivi nicht mehr jeden Tag die Zeitung vorliest. Sonst nämlich hätte man mitbekommen müssen, daß es mit der Gleichheit nicht immer klappt. Erich Honecker hätte da manches zu erzählen - aber wer holt sich schon seine Tips von einem jungen Hüpfer?
Daß sich verschiedene Länder nicht voneinander unterscheiden, weiß jeder, der schon einmal in Badehose in Lappland stand. Apropos Lappen: Joseph Blatter sponn also weiter. Alle nationalen Ligen nur noch mit 16 Mannschaften, also 30 Spieltage, die einheitlich von Februar bis November terminiert - wobei im Februar auch noch der Saisonauftakt liegen soll. Da Joseph Blatter im Wahn allerdings konsequent ist, sollten im Sommer fünf bis sieben Wochen Pause sein - schließlich muß man ja noch Europa- und Weltmeisterschaft im Zweijahrestakt unterbringen.
Gut. Sehen wir es einfach einmal positiv: Der Saisonauftakt im Februar wird bei 34 Grad Hitze stattfinden - denn schließlich: Alle Länder sind gleich, und solche Temperaturen finden wir ja in Australien und Brasilien. Zwei Mannschaften müssen wir nach dem BlatterKonzept dann auch noch loswerden - bauen wir doch einfach eine Mauer auf. Den Umkehrschluß hatten wir ja schon einmal, als die Bundesliga größer wurde. Da aber momentan nur eine Mannschaft von drüben dabei ist, werden wir die Mauer wohl um München ziehen müssen oder zusätzlich eine um einen westlichen Ausleger des Sauerlands. Teuer würden in dem Falle nur die Schilder “geschlossene Anstalt”.
Genau das muß auch Gerd Niebaum befürchtet haben: “Die FIFA überschätzt sich maßlos. Nach solchen Vorschlägen müssen wir uns ernsthaft fragen, ob wir sie überhaupt noch brauchen.” Anscheinend hat selbst der Präsident eines unbedeutenden sauerländischen Vorortvereins den Wahn nicht verstanden, obwohl wir qua Amt einen quantitativ relevanten Intellekt ja eigentlich nicht unbedingt voraussetzen dürfen.
Aber der Wahn muß doch irgendeinen Grund haben? Jawoll! Joseph Blatter: “Die FIFA treibt die Harmonisierung des Spielkalenders energisch voran. Wie bei jedem Kompromiß muß jeder etwas abgeben.” Ach so, damit ist ja alles klar. Der Grund ist also… also… ne, das müssen wir uns nochmal genauer durch den Kopf gehen lassen: “Die Fifa treibt die Harmonisierung des Spielkalenders energisch voran. Wie bei jedem Kompromiß muß jeder etwas abgeben.” Ja Himmelherrgottverblattertnocheinmal: Was ist denn jetzt der Grund? Haben wir irgend etwas verpaßt? Es muß wohl anscheinend die Harmonisierung als Selbstzweck sein - so eindringlich logisch und zwingend für jedermann, daß es keiner externen Begründung mehr bedarf. Wem das nicht unmittelbar einsichtig ist, wird sich wohl von seinem Zivildienstleistenden ein paar Tranquilizer geben lassen müssen.
Doch wehte Joseph Blatter scharfer Wind ins Gesicht oder an den Körperteil, aus dem diese Idee ausgeschieden wurde. Selbstunkritisch meint er: “In Deutschland bin ich die Reizfigur, ich bin das Problem, nicht mein Plan, nicht mein Kalender.” Oh ja. Dummerweise mißt man Menschen - und auch FIFA-Funktionäre - an Worten und Taten. Auf der nach oben offenen Arroganz-Skala maßloser Selbstüberschätzung setzt das eine neue Höchstmarke. Nach der heftigen Kritik nicht nur, aber vor allem aus Deutschland verkündete Senior Blatter dann, die Reduzierung auf 16 Mannschaften sei aus der Welt. Schön.
Nun hätte man doch glatt denken können, daß die ganze Synchronisation damit vom Tisch gefegt sei. Denkfehler - alte Männer können recht gemein werden, nun kam Blatter wieder um die Ecke geschossen und demonstrierte seinen AltersStarrsinn. Die so entstandene Zeitlücke zwischen Sommer 2004 (alte Liga- Struktur) und dem vereinheitlichten Neustart im Februar 2005 könnte man ja dann mit einer kommerziell ergiebigen Weltmeisterschaft der Erstplazierten aus den nationalen Ligen ausfüllen.
Schalker helfen Honduras
Zunächst einmal einen großen Dank an alle Leute, die sich an der Hilfsaktion für die Opfer des Hurricans “Mitch” beteiligten. Insgesamt wurden 28 Tonnen Hilfsgüter nach Honduras gebracht, darunter Lebensmittel, Bekleidung, Haushaltswaren, Spielzeug, Krankenhausbetten, Rollstühle und Medikamente.
Die gesamte Hilfsaktion wurde in Eigeninitiative von Jogi Sahlmann, Mitglied des FC Schalke 04 Supporters Club, organisiert. Unterstützt wurde er von vielen Schalkern und dem Football Club Gelsenkirchen Devils. Die gesammelten Güter wurden zu 80 Prozent von Jogi und seinen Helfern sowie der Polizei und dem Militär vor Ort verteilt. Bei 150 Familien konnte direkte Hilfe geleistet werden.
Wie so oft im Leben hat der Hurrican “Mitch” die Ärmsten der Armen am härtesten getroffen. Durch die starken Regenfälle und Stürme haben diese Familien alles verloren. Anfang Februar waren Jogi und seine Helfer für neun Tage in Honduras und haben dort die Verteilung der Hilfsgüter organisiert. Zudem haben sie sich einen Überblick über die katastrophale Situation verschaffen können. Kleidung, Spielzeug und Lebensmittel wurden familienweise zusammengestellt. Gerade sehr vielen Kindern konnte mit Fußbällen eine Freude gemacht werden.
Im Augenblick wird eine weitere Hilfssendung vorbereitet. Im wesentlichen geht es hierbei um die Unterstützung eines Waisenhauses. Wie auch die letzte Aktion soll die Versendung und Verteilung der Hilfsgüter wieder von Deutschland aus begleitet werden. Im Mai werden vier Personen die Verschickung der Container nach Honduras begleiten.
Hatte Jogi dabei auf zwei oder drei Container gehofft, die nach Übersee verschickt werden sollten, kamen stattdessen acht zusammen. Unter den Hilfsgütern befinden sich 100 Fahrräder, 40 Rollstühle, 23 Krankenbetten, 10 Tonnen Lebensmittel, zwei Paletten Medikamente, 150.000 Kleidungsstücke, 9.000 Spielzeuge, eine komplette Schulklassen-Einrichtung, eine Kindergarten-Einrichtung, zehn Paletten Haushaltsartikel und fünf Paletten Werkzeug. Ein besonderer Dank geht hierbei an den Bezirk 7 des Dachverbandes, der zum Spiel gegen den HSV drei LKW-Ladungen, zwei Busse und einen Anhänger voll Hilfsgüter sammelte. Die Schalker Fan-Initiative hat im Keller des Fan-Ladens ebenfalls noch viele Spenden gesammelt, so daß wohl auch noch der neunte Container voll werden dürfte.
Jeder, der Interesse an weiteren Informationen hat, kann sich an Jogi wenden. Das gilt natürlich auch für eine aktive Beteiligung in Honduras. Jedem, der helfen möchte, wird versichert, daß alle Spenden bei bedürftigen Menschen ankommen. Für Spenden aller Art und helfende Hände bedankt sich
Jogi Sahlmann,
Marschallstr. 22, 45889 Gelsenkirchen,
Tel.: 0209/811707, Fax: 0209/877661

