Nummer 23 - 1999/08

Auszüge aus dieser Ausgabe:

“Für Schalke kriegst du immer frei” - Interview mit Willi Koslowski und Heiner Kördell
Monopoly, Monopoly
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 4
Die vierte Halbzeit
Weisse noch?!



“Für Schalke kriegst du immer frei”

(rk/cr) Zweiundvierzig ist laut Douglas Adams die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Zweiundvierzig Jahre ist es auch her, daß die Saison 1957/58 begann, die bislang letzte Saison, in der Schalke 04 Deutscher Meister wurde. SCHALKE UNSER sprach aus gegebenem Anlaß mit den beiden Meisterspielern Willi “der Schwatte” Koslowski und Heiner Kördell, als Überraschungsgast schaute der Altinternationale Herbert “Budde” Burdenski vorbei.

SCHALKE UNSER:
Die heutigen Fans wissen zwar gut Bescheid über den UEFA-Cup-Sieg, aber vieles aus Ihrer Zeit ist ein bißchen in Vergessenheit geraten. Es gab damals noch keine Bundesliga…

WILLI KOSLOWSKI:
Nein, es gab die Oberliga West, dann gab es die Oberligen Nord, Südwest und Süd. Vorteilhaft waren die kurzen Entfernungen zu den Spielorten, insgesamt war es auch alles etwas lockerer damals. Die Spieler waren nicht Profis im heutigen Sinn, sondern Vertragsspieler. Man hat also schon einen Vertrag unterschrieben, aber die Bezahlung war doch eher amateurhaft. Fußball war kein Beruf wie heute, trainiert wurde nach Feierabend. Der westdeutsche und deutsche Fußballverband schrieben ein anderweitiges Arbeits- oder Angestelltenverhältnis zwingend vor, zum Glück hatten wir damals ja noch Vollbeschäftigung, dadurch war das kein Problem. Ich bin 1937 geboren und wohnte hier direkt gegenüber vom heutigen Parkstadion. Dort war damals noch ein kleiner Militärflughafen. Beim Buddeln für die Arena “Auf Schalke” wurden ja auch noch einige Bomben gefunden. Ich wurde evakuiert, da der Flughafen und das Benzinwerk Gelsenberg stark bombardiert wurden. 1952 kam ich zurück, und mein Traumberuf stand schon lange fest: Ich wollte Bergmann werden. Mit 15 habe ich dann hier auf der Zeche Hugo angefangen und drei Jahre gelernt.

SCHALKE UNSER:
Gab es da denn keine Probleme mit dem Arbeitgeber?

WILLI KOSLOWSKI:
Ein wenig schon, eines werde ich nie vergessen. Wir waren vier Auswahlspieler, Sahner, Kunkel, Hannes Nowak und ich, alle auf der Zeche unter Tage, im dritten Lehrjahr. Wir waren in der deutschen Jugendauswahl und hatten eine Einladung bekommen zu einem FIFA-Turnier in Italien. Unser Trainer war Dettmar Cramer, ich war inzwischen 18 und von Buer 07 als Jugendspieler zwei Jahre zuvor nach Schalke gewechselt. Ich ging also zum Reviersteiger, und der sagte sofort: “Du kriegst keinen Urlaub.” Ich sagte: “Das gibt es nicht! Das ist doch für mich ein großes Erlebnis, 14 Tage nach Italien und da so ein Weltturnier spielen!” Da habe ich mich mit dem Steiger auch gar nicht mehr lange unterhalten und bin direkt zum Betriebsführer hin. Der meinte: “Sprechen Sie mit dem Steiger.” Ich war zwar erst im dritten Lehrjahr, aber ich habe sofort gesagt: “Passen Sie mal auf - machen Sie meine Papiere fertig.” Ich kündigte, hörte sofort auf und fuhr nach Italien. Danach habe ich auf “Glas und Spiegel” angefangen, wo ich dann fast 30 Jahre als Versandmeister gearbeitet habe. Also auch die zehn Jahre, die ich als Außenstürmer in Schalke gespielt habe. Da habe ich immer frei bekommen, auch der Heiner bekam frei für Schalke, das war überhaupt keine Frage gewesen.

HEINER KÖRDELL:
Es gab schon mal Sonder- oder Einzeltraining. Ich kann mich erinnern, daß der Trainer das eine oder andere Mal sagte: “Ich hätte dich gerne morgen um zehn Uhr hier.” Ich war bei “Grillo Funke”, und da waren die leitenden Angestellten auch informiert. Wenn Schalke sagte, ihr habt Training oder ihr müßt weg, dann ruhte da die Tätigkeit solange. Von meinem Arbeitgeber bekam ich die Stunden bezahlt, die ich laut Stechuhr anwesend war. In der Zeit, wo ich unterwegs war, hat Schalke die Kosten übernommen.

WILLI KOSLOWSKI:
Noch so eine Geschichte: Ich arbeitete von morgens sechs bis halb drei. Wir sollten zu einem Freundschaftsspiel nach Bremen. Das hieß: wegfahren, nachts nach Hause kommen und morgens wieder arbeiten. Ernst Kuzorra war unser Obmann, und der war ja hier praktisch der liebe Herrgott für alle, zu ihm bin ich hin und sagte: “Herr Kuzorra - ich kriege kein frei!” Ich habe natürlich gelogen, ich wollte nur nicht am anderen Tag wieder raus. “Wie, du kriegst kein frei? Paß mal auf, mein Freund!” Er rief den Direktor Eggers an und sagte: “Heinz, ich hab hier den Willi. Wir haben morgen ein Spiel in Bremen, und der kriegt kein frei.” “Das gibt es nicht! Der soll mal kommen.” Ich mußte also zum Direktor, und der sagte: “Hör mal, für Schalke kriegst Du immer frei! Du kannst sogar am anderen Tag zuhause bleiben!” Ab da habe ich dann auch nie mehr gesagt, daß ich nicht mitfahre.

HEINER KÖRDELL:
So funktionierte das gut mit den Vertragsspielern, nur Beamte durften das nicht. Manfred Kreuz zum Beispiel, der war Finanzbeamter in Borken und durfte keinen Vertrag unterschreiben. Also wurde er “Amateurspieler”.

WILLI KOSLOWSKI:
Es gab mit Sicherheit auch mal die eine oder andere Mark auf die Hand. Denn damals bekamen Amateurspieler gerade mal sieben Mark zuhause und 14 Mark auswärts, das waren nur Spesen. Ich hatte auch erst Amateurstatus: Man mußte damals erst zwei Jahre im Verein spielen, bevor man einen Vertrag unterschreiben konnte. Von 1963 bis 1965 habe ich auch noch zwei Jahre in der Bundesliga gespielt, selbst da gab es noch kein offizielles Profitum. So waren diese ganzen Bestimmungen, die dann auch immer wieder umgangen wurden. Genauso hieß es ja zuerst, ausgewechselt wird nur bei Verletzungen. Also fing einer, der einen schlechten Tag hatte, auf einmal an zu humpeln - auch wenn jeder im Stadion wußte, daß er kaum einen Zweikampf hatte. Von außen ist ein Wink gekommen, “du bist schlecht, du mußt runter”, und dann wurde markiert. So war das wahrscheinlich vorher schon mit allen aus der Mannschaft abgesprochen. Das war blanker Unsinn und wurde dann gottseidank später geändert.

HEINER KÖRDELL:
In England hat man das viel früher den Vereinen überlassen, und die Bezahlung war abhängig von der Leistung. Diese Klarheit wurde vom DFB lange nicht zugelassen, und so kam dann so manche Verrenkung zustande.

SCHALKE UNSER:
Vor der Meisterschaft gab es noch den WM-Titelgewinn 1954 in Bern. Welche Erinnerungen haben Sie an das Endspiel?

WILLI KOSLOWSKI:
Ich hab auf der Devesenstraße gewohnt, da war ich 17 und habe in der A-Jugend hier in Schalke gespielt. Ganz wenige hatten Fernsehen, schwarzweiß natürlich. In der Wirtschaft Pöppinghaus, an der Horster Straße oben, bei mir um die Ecke, hatten sie einen Saal, oben in der Ecke einen Fernseher und davor um die fünfzig Stühle rundrum aufgebaut. Ich weiß nicht mehr genau, wann das Spiel anfing, nachmittags irgendwann, aber ich weiß, daß ich fünf, sechs Stunden schon in der ersten Reihe gesessen habe. Immer, wenn einer reinkam, habe ich mich wieder hingesetzt. Ich wollte ja unbedingt so nah wie möglich am Fernsehapparat sitzen.

HEINER KÖRDELL:
Ich kam ja erst mit 24 Jahren zu Schalke, im Gegensatz zu Willi. Bei der Weltmeisterschaft war ich noch beim SV Röllinghausen. Es gab jedes Jahr einen Sport- und Kulturaustausch mit der damaligen Ostzone. SV Röllinghausen ist jedes Jahr in die Gegend um Merseburg gefahren, auch eine Arbeiterhochburg. Ich wußte gar nicht, daß das Spiel im Fernsehen gezeigt wurde, und wir haben dort die Rundfunkreportage verfolgt. Nicht die von Herbert Zimmermann, da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Das war ein Erlebnis, und ich habe ja auch nie gedacht, daß ich selbst mal in der Lage sein würde, in einer höheren Klasse zu spielen, geschweige, daß wir vier Jahre später selbst deutscher Meister würden - ich war ja Amateur. Der Reporter, den wir hörten, war von der DDR und war natürlich für Ungarn, nicht für den verhaßten westdeutschen “Klassenfeind”. Beim Siegtor sprangen wir begeistert hoch, wunderten uns aber dann, daß keiner von den anderen mitmachte. Daß die uns das damals nicht gönnten, obwohl sie selber Deutsche waren. Keiner von denen hat applaudiert, im Gegenteil, sie waren beschämt, daß ihr Ostblock verloren hatte.

WILLI KOSLOWSKI:
Ich muß aber auch sagen, wir fahren mit der Traditionsmannschaft zwei-, dreimal im Jahr nach Ostdeutschland; der Heiner fährt ja auch immer mit - ich habe die Mannschaft nach ihm übernommen. Wir waren jetzt in der Nähe von Cottbus und in Suhl. Mit welcher Herzlichkeit uns die Leute da begegnen, obwohl sie immer nur von uns gehört, uns aber nie gesehen haben, das ist einmalig.

SCHALKE UNSER:
Bei der WM wurde ja auch der spätere Meistertrainer verpflichtet. Er hatte mit der österreichischen Mannschaft als Außenseiter einen hervorragenden dritten Platz erreicht.

HEINER KÖRDELL:
Das war ja auch das Sprungbrett für ihn. Edi Frühwirth hat sicher einen großen Anteil, daß Schalke so schnell wieder Meister wurde. Wir kamen aus Amateurvereinen und haben in den Jahren vorher noch zweit- und drittklassig gespielt. Nicht nur Willi und ich kamen aus kleinen Vereinen, von Buer 07 und Röllinghausen, auch Manni Ozessek aus “Unser Fritz”, Kalli Borutta aus Wanne, Manni Kreuz aus Hassel. Uns hat doch keiner auf der Rechnung gehabt. Aber der Trainer hat sich bestimmte Spieler herausgepickt und diese Mannschaft geformt. Ich war bei der Eintracht Gelsenkirchen, wo du später gespielt hast, Willi. Da wurde ich entdeckt, da kam einer rein und sagte: “Heiner, da draußen stehen der Edi Frühwirth und der Ernst Kuzorra, und die wollen dich mal sprechen.” Da habe ich gesagt: “Verarschen kann ich mich alleine.” Ich war 24 und spielte in einer drittklassigen Amateurmannschaft, das war für mich doch unvorstellbar. Aber sie haben mich bedrängt, und da bin ich halbnackt raus, sehe tatsächlich den Ernst da stehen: “Hier, unser Trainer will dich mal sprechen!” Da habe ich es erst geglaubt, und drei Jahre später hat er uns zum Deutschen Meister gemacht. Heute wie Bayern München mit einem Etat von 70 Millionen Mark Spieler zu kaufen und Meister zu werden, das ist kein Kunststück. Aber bei uns hat das keiner erwartet.

SCHALKE UNSER:
Wie war denn das Training unter Edi Frühwirth?

WILLI KOSLOWSKI:
Der Edi Frühwirth war ja immerhin Nationaltrainer, und der hat ein ganz modernes Training gemacht, also, da waren unsere Trainer noch lange nicht so weit. Früher hatte man immer so sechs, sieben junge Burschen und dann die Älteren, die das Sagen hatten. Der Frühwirth hat sehr viel Fingerspitzengefühl für junge Spieler gehabt, vor allem dann, wenn die mal schlecht gespielt haben. So junge Burschen, die haben schon mal Schwankungen in der Leistung. Die kommen und wollen die Welt abreißen, dann spielen sie einmal bombig und plötzlich fallen sie in so ein Loch rein. Dann fallen viele Trainer über den Spieler her, aber der Edi konnte einen genau dann aufbauen, wenn man es brauchte.

HEINER KÖRDELL:
Ist da nicht der Herbert Burdenski? Alt-Internationaler, der über alles Bescheid weiß. Komm, Budde, setz dich!

WILLI KOSLOWSKI:
Warte, Budde, ich will nur noch kurz über den Edi Frühwirth erzählen. Er hat mit den Jungen gesprochen und ihnen die Angst genommen, schlecht zu spielen. Man war nervös da in der Glückaufkampfbahn, es gab ja noch keine Gitter, und da waren die Zuschauer praktisch einen Meter neben dem Platz, ne, Budde, die Vortribüne da? Der hat uns dann so stark gemacht, daß auch die jungen Spieler unter den Alten aufgenommen und anerkannt wurden. Wir hatten sehr viel Respekt, ich weiß noch, wie ich 18, 19 war: Am Anfang hatten wir nur einen Masseur, nachher kam erst der zweite dazu. Wenn du da geguckt hast, oh, Zwickhofer da, Eppenhoff, Berni Klodt, bleibst du mal lieber weg, die müssen ja erst massiert werden. Ja, so ist das heute nicht mehr. Da liegt der 18jährige, der sagt dem Älteren unter Umständen sogar: “Komm, geh mal runter von der Liege.” Man hat Respekt vor den Älteren gehabt, aber der Trainer hat viel dazu beigetragen, daß die älteren Spieler uns sehr gut aufgenommen haben. Wir sind unter Frühwirth zu einer Mannschaft gereift, es hat niemand so sehr auf sich selbst geschaut wie heute.

HERBERT BURDENSKI:
Die waren früher auch nicht abgehoben. Aber wenn man den heutigen Fußball mit damals vergleicht, sagen viele, daß das Spiel langsam war. Guckt euch doch mal an, wieviele Fehlpässe es heute gibt. Von Leuten, die Millionen verdienen. Das steigt denen in den Kopf, dann spielen sie alle verrückt. Oder wenn der Schiedsrichter früher gepfiffen hat, blieb der Ball selbstverständlich liegen, man zog zurück. Heute gehen sie hin und wollen den Schiedsrichter noch beleidigen. Und das in der Öffentlichkeit! Solche Arschlöcher sind das doch. Das sind doch keine Fußballer mehr. Die sind alle überspannt und haben alle zuviel Geld. Eigentlich müßten sie noch Geld mitbringen.

HEINER KÖRDELL:
Das waren früher ganz andere Spielertypen als heute. Der Paul Matzkowski, der hatte einen Schuß wie eine Kanone. Er hat geballert damals, in jungen Jahren. Ich habe selten einen Spieler gesehen, der sich einfach den Ball hinlegte und sagte “da oben hau’ ich ihn rein”, und dann hat er ihn oben reingehauen, der Paul hatte einen unheimlich harten Schuß.

SCHALKE UNSER:
Schalke wurde 1958 Meister der Oberliga West und spielte dann um die Deutsche Meisterschaft.

HEINER KÖRDELL:
In der Endrunde gab es damals wegen der WM in Schweden nur drei Spiele auf neutralem Platz, in zwei Gruppen mit je vier Mannschaften. Die Gruppensieger haben danach das Endspiel bestritten. Wir gewannen gegen Braunschweig, Karlsruhe und Tennis Borussia Berlin. In der anderen Gruppe siegte der HSV mit Uwe Seeler, um dann im Endspiel 3:0 gegen uns zu verlieren. Das einzige Gegentor, das wir bekamen, war das 0:1 gegen Braunschweig. Da haben wir in der zweiten Halbzeit mit zehn Mann gespielt, der Willi Soya ist verletzt raus, Auswechseln ging ja noch nicht. Und wir haben das noch zu einem 4:1 umgebogen.

SCHALKE UNSER:
50.000 Fans empfingen die Meistermannschaft am Hauptbahnhof in Gelsenkirchen, 300.000 sollen insgesamt mitgefeiert haben, da war praktisch die ganze Stadt auf den Beinen, oder?

HEINER KÖRDELL:
Daß man uns empfängt und Feiern vorbereitet, wußten wir ja. Aber daß das so bombastisch wird, hätten wir uns nicht vorgestellt. Nach dem Bankett hatten wir erstmal in Hannover übernachtet. Auf der Rückfahrt mit dem Sonderzug haben wir auf vielen Bahnhöfen angehalten und wurden überall von den Schalke-Fans gefeiert. Je weiter wir zum Westen runterkamen, desto mehr war natürlich los. In Dortmund standen sogar Spieler der Borussia am Bahnhof, die uns die Hand schüttelten und Blumen überreichten. Zu unserer Zeit hat natürlich unter den Westvereinen keiner dem anderen etwas geschenkt. Aber so, wie die Profis heute miteinander umgehen, das ist eine Schweinerei hoch drei. Sie haben keine Achtung vor der Gesundheit des Gegners. Die wissen doch nie, wie so ein Zweikampf endet: Der eine haut dem anderen was auf die Socken, da kann dem die Achillessehne reißen, oder er bricht ihm das Bein, und beim nächsten Spiel ist der andere der Betroffene. Daß man so dumm, so doof sein kann - ich begreife das nicht. Damals hat es allemal auch Fouls gegeben, aber nie in der Art. Ohne Absicht, das war wichtig für uns, auch wenn man sich im Zweikampf mal weh getan hat.

Ob wir am Borsigplatz waren oder hier bei Tibulski, nach dem Spiel waren wir eine Stunde oder zwei zusammen. Nicht extra eingeladen, das war einfach so: “Da gehen wir hin.” Und da wurde vieles ausgeräumt, was auf dem Platz nicht in Ordnung war - “Komm, Heini, wir trinken noch ein Schlückchen.” Und wenn wir uns heute, nach vierzig und mehr Jahren, oben auf der Tribüne sehen, dann fallen wir uns um den Hals. Ob das der Heini Kwiatkowski oder der Burgsmüller ist, das ist sowas von toll. Okay, neunzig Minuten lang - da war das Feuer in den Augen, da hat keiner einem was geschenkt. Aber wenn Schluß war, sind wir aufeinander zugegangen, und dann war alles - spätestens beim Bier danach - vergessen. In einem Jahr haben die Dortmunder uns hier vier Stück eingeschenkt, das wollten wir denen natürlich zurückzahlen. Aber nicht mit Gemeinheiten oder so etwas, wir haben dann eben das Rückspiel bei denen 4:0 gewonnen. Eine gesunde Rivalität muß sein, aber spätestens nach dem Spiel die Entschuldigung annehmen, das mußte auch sein.

SCHALKE UNSER:
Nach der Meisterschaft durfte Schalke im Europapokal spielen.

WILLI KOSLOWSKI:
In der ersten Runde spielten wir beim “Bolt Klubben Kopenhagen”, da haben wir 0:3 verloren. Beim Bankett haben die gesungen, die haben uns richtig verarscht, auf Deutsch gesagt. Die haben gesagt, “euch haben wir doch schon im Sack.” Das Rückspiel haben wir dann aber 5:2 gewonnen - mit dem Abpfiff macht der Günter Brocker noch ein Kopfballtor. Da gab es noch nicht die Regelung mit den Auswärtstoren, also gab es ein Entscheidungsspiel in Enschede. 3:0 gewonnen, und wir waren weiter. Dann haben wir die englische Mannschaft Wolverhampton Wanderers bezwungen. 2:1 hier und 2:2 auswärts. Zu Hause hat der Heiner ein Tor gemacht, in Wolverhampton ich, kurz vor Schluß, das 2:2. Da war der Karl Loweg im Tor, der hat da gehalten wie ein Weltmeister. Das war schon ein bißchen glücklich; die wollten uns da überrennen, aber wir konnten uns wehren.

SCHALKE UNSER:
Das Spiel gegen Athletico fand dann im Stadion von Real Madrid statt?

WILLI KOSLOWSKI:
Ja, im Bernabeu-Stadion. Als der Kalli Borutta nach 20 Minuten vom Platz geflogen ist und wir mit zehn Mann spielen mußten. Italienischer Schiedsrichter. Was sie den da mit Geschenken zugeschüttet haben, ach…

HEINER KÖRDELL:
Also, der Kalli nimmt den Ball in der eigenen Hälfte. Das war kein Foulspiel, aber der Schiri Lobello hat gepfiffen. Über 110.000 im Stadion, da war ein Lärm, wir haben ja noch nicht einmal die Zurufe untereinander gehört. Er hat zwei-, dreimal nachgepfiffen, Kalli ist weiter in die gegnerische Hälfte gelaufen, daraufhin hat er ihn vom Platz geschmissen. Da stand es noch 0:0. Dann hat er ein Tor gegeben, da waren wir mit acht Mann im Netz, vier von uns und vier von denen, und der Ball lag irgendwo über der Linie. Keiner weiß, wie der da hingekommen ist. So ein Tor darf man normalerweise überhaupt nicht geben. Da sind wir also mit 3:0 bestraft worden, mit zehn Mann. Und im Rückspiel haben wir mit 1:0 geführt und dachten, das Ding können wir noch umdrehen. Dann haben die nur die Bälle in die Zuschauer gedroschen, so ein unattraktives Spiel im Europapokal! Der Brasilianer Vava machte ein Tor kurz vor Schluß, und wir haben resigniert. Die haben ja jeden Ball nur auf die Tribüne gekloppt und das Spiel kaputtgemacht. Aber das war immerhin dritte Runde, also für damalige Verhältnisse und für uns, die wir wenige Jahre zuvor in Amateurvereinen gespielt haben, ganz ordentlich. Wir waren ja Nobodys.

WILLI KOSLOWSKI:
Wir haben sieben Spiele gemacht, drei in der ersten Runde, dann je zwei gegen Wolverhampton und Athletico. Da mußte nicht unbedingt Schluß sein, wenn der Schiri Lobello uns nicht so verpfiffen hätte. Schon alleine einen Mann nach zwanzig Minuten vom Platz zu stellen, wegen so einer Lappalie!

SCHALKE UNSER:
Gab es damals auch schon viele “Schlachtenbummler” auswärts, die unsere Mannschaft begleiteten wie die Fans heutzutage?

HEINER KÖRDELL:
Da waren immer eine Handvoll Leute um uns herum, so 20 oder 30 Leute. Nicht wie heute, von 70.000 in Mailand waren ja 30.000 Schalker, das gab’s damals nicht. Wir haben uns schon ziemlich einsam gefühlt da, Anfeuerung in auswärtigen Staaten haben wir nie erleben dürfen. Zuhause war das natürlich anders. In Madrid, vor 110.000 fanatischen Zuschauern, davon hundert Deutsche, da hast du keine Chance gehabt, da warst du wirklich der einsamste Mensch auf dem Platz.

HERBERT BURDENSKI:
Das Geld war damals einfach nicht da, nach dem zweiten Weltkrieg. Die Not war groß. Aber dafür paßten mehr Leute ins Stadion, wenn da drei nebeneinander standen, nahmen die soviel Platz weg wie heute einer, so dürr waren die.

SCHALKE UNSER:
Ihre Verbindung zum Verein Schalke 04 ist ja immer noch sehr intensiv.

HEINER KÖRDELL:
Ja, seit gut sieben Jahren gehöre ich dem Ehrenrat an, jetzt sind bald wieder Wahlen. Heute nachmittag spielen Willi und ich wieder mit der Traditionsmannschaft, da darf ich auch noch mit dabei sein. Auch sonst stehe ich eigentlich ständig mit dem Verein in Verbindung. Und Willi ist ja Angestellter von Schalke 04 und betreut zusätzlich die Amateurmannschaft. Der Budde sitzt bekanntlich im Aufsichtsrat. Ich bin jetzt seit gut neun Jahren Rentner und mache das eigentlich hobbymäßig. Der Verein ist mein Hobby, sozusagen. Die brauchen mich für verschiedene Dinge, ich bin aber auch bei allem zugegen, ob das Feiern sind oder Fahrten, ich werde immer eingeladen und bin auch immer dabei, und das ist eine schöne Sache.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Interview, hoffen wir, daß sich Ihr damaliger Erfolg in dieser Saison wiederholt. Glückauf.


Monopoly, Monopoly

(bm) … wir sind nur die Randfigur in einem schlechtem Spiel. Bekommt Ihr das noch alles mit? Welche Firma kauft welchen Verein und warum? Wer macht bei wem das Merchandising und die Rechtevermarktung? Wer sichert sich die Übertragungsrechte und bekommt wieviel Geld dafür? Alles uninteressant?

In der letzten Ausgabe des SCHALKE UNSER haben wir auf die Gefahren einer Aktiengesellschaft hingewiesen. Die Umwandlung eines Vereins in eine AG stellt in unseren Augen eine Auslieferung des Vereins an ökonomische Interessen dar. Eine weitere Form der Geldbeschaffung ist der Verkauf von Vermarktungs- und TV-Rechten der Vereine. Zur Zeit wird von der EU-Wettbewerbskommision entschieden, ob eine Zentralvermarktung der Vereine durch den DFB weiterhin zulässig ist. Sollte die dezentrale Vermarktung erlaubt werden, werden über kurz oder lang viele Vereine ihre TV-Rechte an UFA Sports GmbH, ISPR, Kinowelt Medien AG, tm3 oder an SportA verkaufen. Wer sind nun diese Firmen und welche Interessen haben sie?

UFA Sports GmbH

Die UFA Sports GmbH in Hamburg gehört zur CTL-UFA aus Luxemburg, Europas größtem Unternehmen der elektronischen Unterhaltungsindustrie. Der CTL-UFA gehören 40 Rundfunk- und Fernsehsender in Europa. In Deutschland sind dies RTL, RTL2, Vox und der Pay-TV-Sender Premiere (zusammen mit der Kirch-Gruppe, siehe ISPR). An diesem Unternehmen besitzen Bertelsmann aus Gütersloh (das zweitgrößte Medienunternehmen der Welt) und die WAZ aus Essen 50 Prozent der Anteile. Die UFA Sports bezeichnet sich selbst als Europas führender Vermarkter von Fernseh- und Werberechten bei Sportveranstaltungen. Im Fußball hat die UFA weltweit etwa 250 Vereine und 50 Nationalmannschaften unter Vertrag. Zu diesen Vereinen gehört auch der BVB/NL, der kürzlich seine Rechte für 50 Millionen Mark verkaufte. Auch für weitere Bundesligavereine, darunter der HSV, Hertha BSC und der FCN, vermarktet die UFA die Rechte der Klubs.

Am weitesten reicht der Einfluß der UFA beim HSV und der Hertha. Hier sitzen oder saßen führende Mitarbeiter aus dem Bertelsmann-Konzern im Aufsichtsrat der Vereine. Im April beschloß der DFB, daß Mitarbeiter von Unternehmen, die sich bei mehreren Klubs engagieren, nur in Vorständen und Kontrollorganen eines Klubs sitzen dürfen. Sofort wackelte die Lizenzierung beider Klubs. Ebenso macht der DFB die Vorgabe, daß der Mutterverein 51% der Aktien halten muß. Die Abhängigkeit der Klubs von der UFA ist schon jetzt immens. Beim HSV wurde der Kredit für das neue Stadion (180 Millionen Mark), gegen Gewährung der Rechte selbstverständlich, von der UFA bereitgestellt.

ISPR

Die Internationale Sportrechte-Verwertungsgesellschaft gehört mit 400 Millionen Mark Umsatz zu den großen Sportrechteagenturen in Europa. Sie ist in 180 Ländern aktiv und arbeitet mit mehr als 200 TV-Sendern zusammen. Die ISPR besitzt zur Zeit nicht nur die Fußball-Fernsehrechte (erste und zweite Liga), sondern auch die von anderen Sportarten wie Tennis (US Open) und die der schwedischen Eishockey-Liga. Darüber hinaus vermarktet sie ganze Vereine wie Werder Bremen oder Einzelathleten wie Lothar Matthäus oder Oliver Bierhoff. Besitzer der ISPR sind der Axel Springer Verlag (”Bild”, “Die Welt” usw.) und die Kirch-Gruppe (z.B. Sat1, Pro7) mit je 50 Prozent. Die ISPR ist ein Verfechter der zentralen Vermarktung. Beim FC Schalke 04 ist die ISPR “Partner” beim Arenabau.

Des weiteren ist das Digital-Fernsehen DF1, wie DSF ein Tochterunternehmen der KirchGruppe, seit der letzten Rückrunde Sponsor der Königsblauen. Interessant ist die Zusammenarbeit von BSkyB und DF1. Der britische Pay-TV-Betreiber Britisch Sky Broadcasting Group (BskyB) hat sich im Juli 1996 zu 49 Prozent an DF1 beteiligt. Hinter BskyB steckt kein geringerer als Rupert Murdoch, der kürzlich in Deutschland den “Frauenkanal” tm3 bekannt machte - Stichwort: Champions League.

Kinowelt Medien AG

Die Kinowelt Medien AG mit rund 110 Millionen Mark Umsatz besitzt die Rechte an 12.000 Filmen und unterhält 25 Kinos. In den letzten Monaten sicherte sich das Unternehmen die Übertragungsrechte für Top-Fußballspiele, insbesondere von Traditionsvereinen aus der zweiten und dritten Liga wie Union Berlin, Dynamo Dresden, FC Sachsen Leipzig, Waldhof Mannheim, Alemannia Aachen und Rot-Weiß Essen. Weitere Vereine befinden sich zur Zeit in Gesprächen mit der Kinowelt. Die Kinowelt hat somit großes Interesse an der dezentralen Vermarktung.

SportA

Die SportA ist die Vermarktungsgesellschaft der öffentlich-rechtlichen Anstalten (ARD und ZDF). Die SportA ist wie Sat1 auch an den Vermarktungsrechten (Erstrechte) der Bundesliga interessiert. Sollte die dezentrale Vermarktung möglich werden, hat SportA schon mit folgenden Klubs Verträge abgeschlossen: Hansa Rostock, 1. FC Kaiserslautern, MSV Duisburg, Arminia Bielefeld und 1. FC Köln.

tm3

Kaum einer konnte es glauben, als bekannt wurde, daß tm3 (weniger als 1 Prozent Marktanteil) für ca. 200 Millionen Mark pro Saison die Rechte an der Champions League erworben hatte. Dieser Vertrag gilt von September 1999 bis 2003. Dem australischen Medienmogul Rupert Murdoch gehört tm3 zu 66 Prozent durch seine Firma News Corporation. Rupert Murdoch (geschätztes Vermögen 16 Milliarden Mark, 26.000 Mitarbeiter) hatte tm3 1995 erworben. Eine weitere Beteiligung besitzt Murdoch am Fernsehsender Vox.


Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 4

(rk) Nachdem wir in unserer letzten Ausgabe über die Aufstockung der Bundesliga wegen Schalke berichteten, wollen wir heute und in den nächsten Nummern Licht ins Dunkel des Skandals bringen, der den deutschen Fußballsport in seinen Grundfesten erschütterte: der große Bundesliga-Bestechungsskandal in den 70er Jahren, an dem Schalke bekanntlich nicht unmaßgeblich beteiligt war.

Was zuvor geschah

Nachdem der Abstieg in der Saison 1965/66 noch mit Ach und Krach vermieden worden war, wollten die Schalker diesmal nicht mehr zittern. Dem Namen nach starke Spieler wurden verpflichtet wie Mittelstürmer Willi Kraus, Rechtsaußen Blechinger und der Jugoslawe Zarco Nikolic. Nikolic war vom Essener Spielervermittler Raymund Schwab als zigfacher jugoslawischer Nationalspieler den Schalkern angeboten worden. Präsident Fritz Szepan griff zu, die Ablösesumme wurde bezahlt - und dann stellte sich heraus, daß es sich um den falschen Nikolic handelte. Einen Nationalspieler dieses Namens gab es zwar auch, doch war Zarco wohl nur ein entfernter Verwandter oder Namensvetter. Der wahre Nationalspieler spielte seinerzeit in Holland. Jedenfalls durfte sich Schwab fortan nicht mehr in der Glückauf-Kampfbahn sehen lassen.

Zarco Nikolic, über dessen Alter man nie richtig informiert wurde, lieferte auch eine der kürzesten Partien eines Schalker Spielers. Als er beim Spiel in Köln eingesetzt wurde, war er ganze drei Minuten auf dem Platz, dann sah er nach einem Foulspiel die rote Karte. Ins Tor kam mit dem gerade 18 Jahre alten Norbert Nigbur einer, der bald die Nachfolge von Josef Elting antreten sollte. Sein Vater, so behauptete Nigbur später, hätte den Vertrag bei Schalke auch unterschrieben, wenn der Sohn überhaupt kein Geld bekommen hätte.

Eng wurde es auch in diesem Jahr. Zu Beginn der Rückrunde gab es mit dem 0:11 gegen Mönchengladbach die höchste Niederlage in der Geschichte des FC Schalke 04. Eine Woche später gelang zumindest mit einem 4:2-Sieg im Pokal gegen Gladbach die Revanche. Und wieder fand das entscheidende Spiel um den Klassenerhalt am drittletzten Spieltag statt. Mit einem 2:1-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf rettete sich Schalke, die Fortuna mußte absteigen. Trotz der erwähnten Verstärkungen waren die Leistungen äußerst unbefriedigend. Mit 37:63 besaß Schalke das schlechteste Torverhältnis aller Vereine. Rund um den Schalker Markt hatte man sich mehr erwartet, also mußte Trainer Fritz Langner seinen Hut nehmen. Auch im folgenden Jahr 1967/68 wurde es nicht besser. Mit Karl-Heinz Marotzke kam ein neuer Trainer - niemand weiß heute mehr genau, was für diesen unerfahrenen Mann sprach. Und so startete man miserabel in die Saison. Erst am zehnten Spieltag gab es den ersten Sieg.

Die Forelle

Fritz Szepan, der dem Fußballgeschäft nicht mehr gewachsen schien, trat von seinem Präsidentenamt zurück. Seit September 1967 hieß der neue Präsident Günter “Oskar” Siebert. Der ehemalige Mittelstürmer der Meisterelf von 1958, den man wegen seiner Schlüpfrigkeit nur die “Forelle” nannte, übernahm am 27.9.1967 das lecke Vereinsschiff mit 1:13 Punkten. Und unter welchen Umständen! Nachdem er eine eigene Vorstandsmannschaft aufgebaut hatte, sprangen noch am Tage der Jahreshauptversammlung etliche Männer aus Wirtschaft und Finanzen ab. Sie hatten angesichts der desolaten sportlichen Situation kalte Füße bekommen. Noch wenige Stunden vor der Versammlung hing Siebert am Telefon und bekniete etliche Männer, sich doch für das Vorstandsamt zur Verfügung zu stellen. Pünktlich zum Anstoß brachte er noch eine Mannschaft auf die Beine: Kurt Hatlauf, Heinz Aldenhoven, Willy Rohmann, Fritz Neuhoff, Heinrich Orzewalla und Gustl Osieck. Günter Siebert, zum erfolgreichen Getränkehändler aufgestiegen, hatte vor allem Ellenbogen und brachte ein Schlagwort mit in das Hans-Sachs-Haus, über das alle Welt staunte: “Schalke muß wieder Deutscher Meister werden!” Bis dahin hatte man nur auf das Jahr gewartet, in dem Schalke endgültig ausgezittert haben würde.

Von nun an ging’s bergauf. Günter Brocker, der Außenläufer der Meistermannschaft von 1958, übernahm als alter Kollege von Günter Siebert das Traineramt. Das Gespann Siebert/Brocker setzte zu einer tollen Erfolgsserie mit 27:15 Punkten an. Wenn auch nur als Tabellenfünfzehnter wurde der Klassenerhalt am Ende sicher geschafft. Den starken Worten auf der Jahreshauptversammlung ließ Siebert Taten folgen. Er versuchte durch gezielte Neueinkäufe eine schlagkräftige Truppe in die Saison 1968/69 zu schicken. Stan Libuda wurde vom BVB zurückgeholt, Heinz van Haaren vom MSV Duisburg losgeeist und der österreichische Nationalspieler Franz Hasil verpflichtet. Hinzu kamen Herbert Lütkebohmert (aus Marl-Hüls), Michael Galbierz, Gerd Kasperski und Bernd Michel. Insgesamt wurden 600.000 Mark Ablösesummen auf den Tisch geblättert - so viel hatte Schalke bis dahin noch nie investiert. Von einem gewissen Waldemar Slomiany, der noch eine wichtige Rolle im Skandal spielen wird, trennte man sich nach einigen Spieltagen wieder.

Mit großen Erwartungen sah die Schalker Vereinsfamilie der neuen Saison entgegen, zumal die Mannschaft 25 Vorbereitungsspiele zum Teil gegen international erstklassige Gegner unbesiegt überstanden und unter anderem den Alpenpokal gewonnen hatte. Doch wieder das alte Spiel: Den Vorschußlorbeeren folgte die Ernüchterung. Schalke wieder am Tabellenende, und wieder mußte der Trainer den Hut nehmen. Im Bundesligaskandal spielte Brocker als Trainer von Rot­Weiß Oberhausen noch einmal eine unrühmliche Rolle.

“Riegel-Rudi” kommt

Mit Rudi Gutendorf kam ein Mann von ganz anderem Format. Der Paradiesvogel unter den deutschen Fußballehrern war gerade frisch aus Amerika eingetroffen. Norbert Nigbur wird folgendermaßen zitiert: “Mit dem Mann kam Farbe in den Verein. Schon damals hatte Gutendorf viel von der Welt gesehen, war im Ausland erfolgreich, hatte ein gewisses Flair. Das tat Schalke gut. Es ging nicht mehr um die Frage, ob und wie wir den 16. Platz packen, sondern darum, wie wir ins obere Tabellendrittel kommen.” Schalke belegte am Ende der Saison 1968/69 einen Mittelfeldplatz - erstmals in der Bundesliga mit einem positiven Punktekonto (35:33). Die Meisterschaftsspiele wurden aber bei weitem überstrahlt vom Erfolg im DFB-Pokal.

Zum ersten Mal seit 1958 stand Schalke wieder im Rampenlicht des Fußballs, als die Mannschaft das Pokalfinale gegen Bayern München erreichte. Zwar unterlag man durch zwei Tore von Gerd Müller mit 1:2 (Schalkes Tor schoß Pohlschmidt), doch war die Niederlage nicht tragisch. Da sich Bayern München als Deutscher Meister für den Europapokal der Landesmeister qualifizierte, war für Schalke der Weg frei, als deutscher Vertreter in den europäischen Wettbewerb der Pokalsieger einzuziehen. Nach Siegen über den irischen Vertreter Shamrock Rovers und IFK Norrköping aus Schweden bezwang man im Viertelfinale den Spitzenclub Dynamo Zagreb. Der 3:1-Sieg der Schalker in Zagreb galt als große Sensation. Im Halbfinale aber überstand man Manchester City nicht, dennoch hatten sich die Schalker eindrucksvoll auf der europäischen Bühne zurückgemeldet.

Kommissar Rex

Neben Pokal und Meisterschaft gab es noch einige bemerkenswerte Ereignisse in dieser Saison. Einmalig im deutschen Fußball ist wohl die Geschichte, die sich im Stadion “Rote Erde” am 6. August 1969 abspielte. Wildgewordene Schäferhunde, die an der Leine ihrer Ordner eigentlich die Fans aus beiden Lagern in Schach halten sollten, machten in der 47. Minute Jagd auf Schalker Spieler und bissen Friedel Rausch und Gerd Neuser ins Hinterteil und den Oberschenkel. Rausch spielte mit zusammengebissenen Zähnen weiter, während sich bei Neuser in der Halbzeit Lähmungserscheinungen bemerkbar machten. Er mußte ausgewechselt werden. Die Schalker spielten unter Protest weiter, am Ende hieß es 1:1. Im Rückspiel in der Glückauf-Kampfbahn revanchierten sich die Schalker auf ihre Art: Sie engagierten anstelle von Schäferhunden zahme Löwen aus dem Löwenpark des Grafen von Westerholt, die an Halsbänden ihrer Pfleger den “Ordnungsdienst” versahen. In großem Bogen marschierten die Borussen um die Raubtiere auf den Platz.

Jungbrunnen Schalke

Siebert setzte die Verjüngungskur fort. Jürgen Sobieray aus der Schalker Jugend hatte bereits bei Weisweiler in Gladbach unterschrieben, wurde aber von Günter Siebert überredet zu bleiben. Rolf Rüssmann, ebenfalls Jugendnationalspieler, kam aus Schwelm. Im April 1970 hatte Siebert die Forderung aufgestellt, “Wir brauchen einen Mittelstürmer und Torjäger”, und erstmals den Namen Klaus Fischer ins Gespräch gebracht. Der damals 20 Jahre alte Vollblutstürmer, der zwei Jahre zuvor als “Rohdiamant” vom SC Zwiesel nach München kam, war trotz seiner 19 Treffer mit 1860 abgestiegen. Die ‘60er wollten allerdings ihren Torjäger auf keinen Fall abgeben. Der Schalker Vorstand schaltete jedoch schnell, schließlich war die halbe Bundesliga hinter Fischer her. Günter Siebert und Heinz Aldenhoven fuhren ins verschneite Zwiesel und sprachen mit Fischer und seinen Eltern.

Während der Verhandlung schellte auch der Geschäftsführer von 1860 an der Tür. Siebert und Aldenhoven kletterten durch das Fenster und sprangen in den meterhohen Schnee hinter dem Haus, warteten so lange, bis der Münchener fort war, und verhandelten dann weiter. Mit dem Ergebnis, daß sie am 1. Mai einen rechtsgültigen Lizenzspielervertrag mit dem Mittelstürmer präsentierten. München 1860 stimmte aber Fischer wieder um, der Scheck mit dem Handgeld landete wieder in Gelsenkirchen. Die Schalker fuhren erneut in den Bayerischen Wald. So ging es hin und her, ein Verfahren vor dem DFB drohte, bis die ‘60er einsahen, daß Schalke 04 am längeren Hebel saß.

Schalke baute in der Spielzeit 1970/71 auf viele große Namen, darunter Nigbur, Burdenski, Fichtel, Rausch, Rüssmann, Sobieray, van Haaren, Scheer, Lütkebohmert, Libuda, Pirkner und Fischer. Trotzdem begann sie mit einem Knatsch, der vielerorts erwartet worden war: Günter Siebert war des öfteren schon mit Trainer Gutendorf aneinandergeraten. Im September 1970 war Schalke das ewige Theater mit Rudi Gutendorf endgültig leid. “Das Maß ist voll”, stellte Präsident Siebert mit ernster Miene fest. Schalke und Gutendorf trennten sich in “gütlichem Einvernehmen”, wie es meist nach Trainerabschüssen so schön heißt. Der Jugoslawe Slobodan Cendic, bisher Assistent und Jugendtrainer, wurde Gutendorfs Nachfolger.

Auf der Trainerbank neben ihm saß übrigens etliche Wochen lang “Mr. Schalke” persönlich: Ernst Kuzorra! Er gab, solange der Jugoslawe noch nicht alle nötigen Lizenzen besaß, seinen Namen für die Trainerliste des DFB her. Das Schalker Idol feierte im übrigen am 16. Oktober 1970 seinen 65. Geburtstag und gleichzeitig seine 50jährige Vereinszugehörigkeit. Für ihn gab der Club im Hotel “Zum Schlachthof” einen großen Empfang, bei dem alle Lizenzspieler anwesend waren.

Von Wolke 7 auf Sohle 8

Zunächst schienen sich Sieberts Träume zu erfüllen. Gleich im ersten Spiel unter Cendic gab es einen 2:1-Erfolg über den BVB. Schon am elften Spieltag standen die Schalker auf dem zweiten Platz. Äußerst positiv war nach Abschluß der ersten Serie auch die Bilanz in Sachen Nationalelf. Der Talentschuppen von Schalke 04 machte es möglich, daß gleich fünf Schalker in der Nachwuchsmannschaft des DFB auftauchten (Nigbur, Sobieray, Scheer, Lütkebohmert und Rüssmann), Fichtel und Libuda spielten bereits einige Jahre in der Nationalelf. Nigbur hätte diesen Sprung sicherlich auch geschafft, und er wäre möglicherweise zu einem wirklichen Konkurrenten für Sepp Maier herangereift, wenn er nicht ein zu loses Mundwerk an den Tag gelegt hätte. Als er im Aufgebot für das Junioren-Länderspiel gegen England in Leicester auftauchte und nicht im Kader der Nationalmannschaft, drehte er durch. In einem “Bild”-Interview schimpfte er wie ein Rohrspatz und erteilte Helmut Schön eine Abfuhr. Der lud ihn prompt wieder aus und vergaß ihm diese Entgleisung nie.

Schalkes Zukunft sah rosig aus. Auf der Jahreshauptversammlung konnte Schatzmeister Heinz Aldenhoven eine äußerst positive Bilanz vorlegen. Schalke überschritt bei den Einnahmen die Drei-Millionen-Grenze. Doch sportlich war zum Ende der Saison 70/71 nicht mehr viel drin. Der Anschluß an die Spitze ging immer mehr verloren. Siebert verlor erneut die Geduld und kündigte Cendic, der aber vorerst weiterhin die Mannschaft betreute, was der sportlichen Situation nicht gut tat. Es wurde nur noch lustlos trainiert und lustlos gespielt. Für die Schalker gab es in dieser Saison nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren. Deswegen kam es auf eine Niederlage mehr oder weniger nicht mehr an. Eine der sechs Niederlagen der Schalker in den letzten acht Spielen aber - die gegen Arminia Bielefeld - sollte ein grausames Nachspiel haben. Doch dazu später mehr.

Lüge und Wahrheit

28 Jahre ist es nun her, daß der Bundesliga-Skandal Deutschlands Kickerwelt in die schlimmste Krise seit Ligagedenken trieb. Siege, Niederlagen, Tore und Gegentore: Der naive Glaube an rein sportliche Realitäten war der Skepsis vor gebündelten Scheinen, gekauften Spielen und Spielern gewichen. Dennoch wurde die Bestechungsaffäre - nach der ersten großen Aufregung - der Öffentlichkeit nur in stereotypen Formeln bekannt. Fakten und Hintergründe blieben auf der Strecke. Noch heute ist der vermeintliche Irrtum, Schalke 04 sei Drahtzieher im Bundesliga-Skandal gewesen - in diesem Zusammenhang wird an erster Stelle immer Schalke genannt - weit verbreitet. Doch tatsächlich war fast die ganze Liga - Kickers Offenbach, 1. FC Köln, Hertha BSC Berlin, Arminia Bielefeld, VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, MSV Duisburg, Bayern München, RW Essen, 1860 München, RW Oberhausen, Eintracht Braunschweig und Werder Bremen - in den Skandal verstrickt.

Der Geruch von Fäulnis

Die Bundesligasaison 1970/71 blieb bis zum letzten Spieltag spannend. Schalke war jenseits von Gut und Böse, aber an der Spitze lieferten sich seit Monaten schon Borussia Mönchengladbach und Bayern München einen packenden Zweikampf. Bis vor wenigen Wochen durfte sich auch Hertha BSC Berlin Hoffnungen auf die Meisterschale machen, ehe eine Niederlagenserie die keimenden Siegesträume zunichte machte und man sich mit einem gesicherten dritten Platz begnügen mußte. Aber nicht nur an der Spitze machte der Kampf um die Punkte Schlagzeilen. Auch in den unteren Tabellenregionen waren die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, denn gleich mehrere Mannschaften mußten um jeden Punkt zittern, um nicht auf dem vorletzten Platz zu landen, der zum Abstieg in die Regionalliga (die 2. Liga gab es noch nicht) verdammte. So mußten Kickers Offenbach, Arminia Bielefeld, RW Oberhausen, Eintracht Frankfurt und der BVB jeden Samstag bangen und wechselten ständig die Tabellenplätze. Einige dieser Mannschaften schwangen sich in der Saisonschlußphase zu großen Taten auf und schlugen übermächtig erscheinende Gegner. Rot­Weiß Oberhausen verlor keines seiner letzten vier Spiele und machte 7:1 Punkte, Eintracht Frankfurt gewann drei Spiele in Folge, Arminia Bielefeld holte vier “goldene” Punkte in den letzten beiden Begegnungen. So mancher Toto­Tipper zweifelte an seinem Verstand ob dieser Ergebnisse, aber der Überlebenskampf der Abstiegskandidaten schien unerhörte Kräfte freizusetzen. Doch nicht alle Fußballfreunde gaben sich mit diesen “Überraschungen” zufrieden.

In Offenbach hegte der Südfrüchtehändler (”Bananenkönig”) Horst Gregorius Canellas schon lange Zeit Verdacht. Als Präsident der Offenbacher Kickers gehörte er auch zu den direkt Betroffenen. “Wir punkten und kommen doch nicht aus dem Keller”, mußte er immer wieder verwundert feststellen. Bis zwei Spieltage vor Schluß waren die Kickers fünf Spieltage in Folge ungeschlagen, machten 8:2 Punkte und waren immer noch in akuter Abstiegsgefahr.

Am Anfang war die Party

Ein Grillfest an einem heißen Juninachmittag, es war der 6.6.1971, im Offenbacher Vorort Hausen, Rosenstraße 19: Horst Gregor Canellas feiert seinen 50. Geburtstag. Einen Tag zuvor war sein Verein nach einer unglücklichen 2:4-Auswärtsniederlage gegen den 1. FC Köln am letzten Spieltag aus der Bundesliga abgestiegen. Eigentlich sollte man annehmen, daß Canellas an diesem Sonntag nicht zum Feiern zumute war. Doch der temperamentvolle Präsident hielt einige Trumpfkarten in der Hand, die ihn im berechtigten Glauben ließen, daß seine Kickers im nächsten Jahr nicht zum bitteren Marsch in die Regionalliga Süd antreten müssen. Canellas’ Frau Maria, von ihrem Mann liebevoll “Hasi” genannt, hatte ein üppiges Büffet angerichtet, es wurden Zigaretten, Champagner und Bier gereicht. Attika und Lord Extra, wo man hinsah, lange Koteletten und kurze Miniröcke, dazu James Last und Max Greger. Vor den Toren des eleganten Bungalows parkten lange Reihen von BMW, RO 80 und Mercedes 250 SE. Zu den geladenen Gästen zählten neben Freunden und Geschäftspartnern auch eine große Zahl von Medienvertretern, Bundestrainer Helmut Schön und DFB-Ligasekretär Wilfried Straub. Das öffentliche Auftritte liebende Geburtstagskind nahm mit einem Lächeln auf den Lippen Platz inmitten seiner Gästeschar. Er hatte auf Tonband aufgezeichnete Beweise, daß es zum Ende der Saison 70/71 zu Schiebungen und korrupten Abmachungen unter Bundesligavereinen gekommen war, deren Opfer gegen Ende die Offenbacher Kickers waren. Tonmeister Hinz baute auf einem Gartentisch das Gerät mit dem ominösen Tonband auf. Als dann der Gastgeber die Haubitze hervorholte und die Bänder abspielte, verschluckten sich viele am Bier oder Champagner. Ans Büffet wagte sich niemand mehr heran. Helmut Schön, der eigentlich nur gekommen war, um Canellas sein Beileid für den unglücklichen Abstieg auszusprechen, kauerte ängstlich wie ein Kaninchen vor der Schlange am Rande des Gartens. Der deutsche Fußball hatte soeben seine Unschuld verloren.

Was war auf Cannellas Tonbändern? Welche Spiele wurden verschoben? Wer waren die Drahtzieher? Was passierte bei dem Spiel Schalke 04 - Arminia Bielefeld? Dieses und vieles mehr im nächsten SCHALKE UNSER.


Die vierte Halbzeit

(mac) Essen, Landgericht, zweite große Strafkammer, ein Mittwoch im Juni. Der zwölfte von 27 vorgesehenen Verhandlungstagen im Hooligan-Prozeß - rein juristisch betrachtet ist es ein unspektakulärer Tag ohne sensationelle Wendungen, medial gesehen aber ein aufregender: Zum zweiten Mal ist die Nebenklage vertreten, die Familie Nivel, die dem Prozeß den Namen gegeben hat.

Richter Rudolf Esders ist erfahren, wenn es darum geht, Prozesse souverän zu führen, auf die das ganze Land und nun sogar noch ein anderes schaut. Er hat im Brennpunkt von Fernsehkameras und Kommentatoren das Gladbecker Geiseldrama hinter sich gebracht, und nun hat ihm der Zufall einer unglaublichen Brutalität den Fall Nivel beschert.

Wieder sind vor Verhandlungsbeginn die Akkulampen der TV-Teams auf ihn und die Geschworenen gerichtet, und wieder wird seine Prozeßführung analysiert und bis ins Detail seziert. Und Esders ist wieder nicht zu beneiden. Längst hat die Volksseele das Urteil gefällt - Michael Schumacher, wenn der denn die Volksseele repräsentiert, plädierte dafür, Hooligans einschläfern zu lassen. Doch die Moral, die Schande von Lens, hat den 59jährigen so wenig zu interessieren wie das Interesse aus Frankreich. Esders muß dem deutschen Strafrecht genügen, muß Beweise oder Indizien finden, muß stichhaltig urteilen - nicht mehr und nicht weniger.

Am zwölften Verhandlungstag, dem letzten vor der Sommerpause, sind als Zeugen die beiden Kollegen von Daniel Nivel geladen, die dabei waren, als das Trauma seinen Lauf nahm. Sie waren der Meute noch entkommen an jenem 21. Juni, nicht aber ihr Chef. Knapp ein Jahr später kann niemand sagen, ob dieser Gendarm Nivel seine Kollegen erkennt oder nicht. Niemand, auch seine Frau nicht, weiß, was der 44jährige Mann empfindet im großen Verhandlungssaal 101 des Essener Landgerichtes, ob er überhaupt etwas empfindet. Starr und apathisch wirken seine Blicke, die sich während der ausführlichen Vernehmung abwechselnd gen Gericht und Zeugenstand richten.

Starr und apathisch ist sein Gesicht selbst dann, wenn es vom Blitzlichtgewitter aufgehellt wird. Wie auch in ein solch geschädigtes, zertrümmertes Gehirn schauen? Wie einen Mann verstehen, der physisch anwesend ist, aber sein Leben verloren hat? Sechs Wochen Koma, danach Lähmungen, Sprachstörungen, Trübung fast aller Sinne - das ist die Bilanz. Am Vortag mußte Richter Esders Nivels Frau Lorette fragen, wenn es um Erinnerungsvermögen und Defekte des Menschen ging, der - in seiner eigenen Blutlache liegend - als Foto um die Medienwelt ging. Kann er sich erinnern? Nimmt er die Situation im Gerichtssaal war? Erkennt er die vier Angeklagten? Lorette Nivel antwortet für ihn, antwortet für ihren Mann, der ein Wrack geworden ist, und von dem niemand sagen kann, ob er die Fragen überhaupt registriert.

An diesem zwölften Verhandlungstag ist Rechtssprechung wie so oft Detailarbeit. Die Zeugen werden befragt. Welchen Schutz trugen die Gendarmen bei ihrem Einsatz in Lens? Hatten sie einen Schutzhelm auf, und war er verschlossen und wie? Hatte auch Nivel einen Helm auf, und war der verschlossen? Mit welchen Waffen waren die Gendarmen versehen? Wie lädt man die Tränengas-Granaten?

Fotos werden projiziert. Ausschnitte, die die Wahrheit näher bringen sollen, sind so stark vergrößert, daß Journalisten und Zuschauer nichts mehr erkennen können. Ein Foto läßt erahnen, daß die Gendarmen darauf ohne Helm zu sehen sind. Das sei nach dem Mittagessen unmittelbar vor dem Einsatz aufgenommen worden, gesteht einer der Zeugen verlegen auf Nachfrage, nachdem er anfangs behauptet hatte, die Helme seien die ganze Zeit über getragen worden an jenem Tag. Eine französische Journalistin empört sich ein wenig über die ungeschickten Äußerungen des Gendarmen. Der Wahrheit oder der Bestrafung kommt man so nicht näher.

Esders nutzt die Mittagspause, um einen Zollstock heranschaffen zu lassen. Der Gewehr-Aufsatz für die Tränengas-Granaten wird vermessen. 47 Zentimeter in zusammengeschraubtem Zustand. Das ist wichtig, weil bei der Brutalität gegen Nivel außer einem Holzschild auch ein metallener Aufsatz etwa dieser Größe im Spiel gewesen sein soll.

Die vier Angeklagten können an diesem Tag durchatmen. Die Abwehr steht. Kein Tor gefangen, kein Eigentor geschossen. Keiner der beiden Zeugen hat sie wiedererkannt. Belastet wird nur der Angeklagte Warnecke, der in Frankreich vor Gericht steht.

Einer der Angeklagten, Christopher Rauch aus der Nähe von Berlin, hat eine solide Verteidigung um sich geschart und noch kein Wort gesagt seit Prozeßbeginn. Mit seinen drei Anwälten bildet er eine geschlossene Viererkette. Rauch ist jener, von dem alle Medien berichteten, er sehe selbst aus wie ein Anwalt. Tatsächlich ist ihm mit seiner gepflegt mittelgescheitelten Gelfrisur und seiner modisch-intellektuellen Durchblickbrille eventueller Spaß an der dritten Halbzeit nicht zuzutrauen. Immer wieder studiert er die Akten im gleichen Habitus wie seine Anwälte, immer wieder grüßt er charmant seine sonnenbankbraune Freundin in den Zuschauerrängen. Er ist dann einer von ihnen, den Anwälten, keiner von denen, den Hooligans. Und als einziger ist er, dem das Zuschlagen mit dem Holzschild zur Last gelegt wird, auf keinem belastenden Foto zu erkennen.

Rein vom Äußeren nimmt man dem hinter ihm sitzenden Tobias Reifschläger den Nachnamen am ehesten ab. Aber das ist reine Spekulation und auf keinen Fall ein Beweis. Gelegentlich bespricht er sich während der Verhandlung mit dem adretten Rauch. Reifschläger hat sich bei Daniel Nivel für ein, zwei Tritte entschuldigt, hat sozusagen öffentlich Reue gezeigt. Doch dieses zugestandene Foul war keinesfalls das, das die Partie so vernichtend entschieden hat. Das war die Botschaft der Stimme zum Spiel, die nicht in “ran” oder in der ersten Reihe zu hören war, sondern im Essener Landgericht. Völlig unscheinbar wirken dagegen die beiden anderen Angeklagten, Frank Renger und der ganz außen plazierte André Zawacki, beide aus Gelsenkirchen. Renger wirkt sehr sensibel. Seine Hände verkrampfen sich die gesamte Prozeßdauer über zu einer Faust. Zawacki wirkt apathisch. Ahnt er, was die Experten der Presse über ihn sagen? Ahnt er, daß er der meistbelastete Angeklagte sein soll? Ahnt er, daß ihm alleine angeblich eine lebenslange Freiheitsstrafe droht, weil er mit dem Gewehraufsatz Daniel Nivels Schädel zertrümmert haben soll?

Richter Esders hat an diesem Tag Gelegenheit, seine Souveränität unter Beweis zu stellen. Er sieht sich mit Gutachter-Anträgen aus den Reihen der Verteidigung konfrontiert. Verminderte Schuldfähigkeit soll nachgewiesen werden - wegen zehn Halben einerseits und wegen “gruppendynamischer Prozesse” andererseits - Adrenalin und “the final kick” und so. Nur ein Experte, so die Anwälte, komme dafür in Frage - ein Sachverständiger aus Gießen. Esders fragt nach, ob die Verteidiger auf eben diesem Psychiater bestehen und wie sie sich verhalten würden, wenn er einen anderen berufen würde.

In diesem Moment hat Esders eine greifbare Autorität, die über das - nicht gerade geringe - Selbstbewußtsein der Anwälte deutlich hinausgeht. Doch die sind empört über das Ansinnen von Richter und Staatsanwalt. Sie werden dann nicht mitspielen, werden nicht mit dem Gericht kooperieren. Für die Beobachter jenseits der Absperrkordel schien es wie eine Vorentscheidung.

Fast konnte man sich einbilden, Esders’ Ahnung mit Händen greifen zu können: Dieses Spiel wird wohl nicht zu gewinnen sein. Nicht Chancen sind wichtig, sondern Tore, klar zählbare Ergebnisse. Recht und Gerechtigkeit sind zweierlei Fußballstiefel. Und maßgeblich ist immer noch auf dem Platz - auch in der vierten Halbzeit.


Weisse noch?!

Die SCHALKE UNSER-Zeitreise geht heute mal etwas weiter zurück in die Vergangenheit - ungefähr siebeneinhalb Millionen Jahre. In seinem Roman “Das Restaurant am Ende des Universums” beschreibt Douglas Adams, was damals geschah: Das Universum war gerade erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. Da das Universum schon damals so verwirrend war, wurde ständig nach Erklärungen gesucht. Ein Volk hyperintelligenter, pandimensionaler Wesen baute zu dieser Zeit einen riesenhaften Supercomputer namens Deep Thought, der ein für allemal die Antwort auf die große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem übrigen herausfinden sollte. Siebeneinhalb Millionen Jahre rechnete Deep Thought und schließlich verkündete er, die Antwort laute:

Zweiundvierzig

Daraufhin mußte ein neuer, noch größerer Supercomputer gebaut werden, der herausfinden sollte, wie denn die Frage überhaupt gelautet hatte. Dieser Rechner steht in der SCHALKE UNSER-Redaktion.

Am 11.8.1957, also vor zweiundvierzig Jahren, begannen die Schalker die damalige Oberligasaison mit einem 5:0-Auswärtssieg bei Hamborn 07. Eine Vorentscheidung fiel am 24. Spieltag, als die furios gestartete und fast enteilte Alemannia aus Aachen in der Glückauf-Kampfbahn antreten mußte und mit 4:0 nach Hause geschickte wurde. Am 30. und letzten Spieltag am 13.4.1958 langte der 1:0-Sieg beim SV Sodingen knapp zur Westmeisterschaft, dem 1. FC Köln blieb bei einem Punkt Rückstand nur der zweite Platz. Schalke durfte als Meister der Oberliga West an den Endrundenspielen um die Deutsche Meisterschaft teilnehmen.

Da die Weltmeisterschaft in Schweden vor der Tür stand, wurde die Vorrunde aus Zeitgründen in einer einfachen Runde auf neutralen Plätzen ausgetragen. Dem 4:1 gegen Eintracht Braunschweig folgte das 9:0 gegen Tennis Borussia Berlin. Damit kam es am 10.5.1958 in Hamburg gegen den bis dahin ebenfalls ungeschlagenen Karlsruher SC zu einem echten Gruppenendspiel, bei dem die Knappen deutlich mit 3:0 die Oberhand behielten. In der anderen Gruppe hatte der Hamburger SV mit dem damals 18jährigen Uwe Seeler in seinen Reihen ebenfalls ohne Niederlage die Oberhand behalten. Am 18.5.1958 trafen sich beide Mannschaften vor 80.000 Zuschauern in Hannover, um den Deutschen Meister 1957/1958 zu ermitteln.

Zweiundvierzig Jahre und zwei Tage vor dem letzten Spieltag der Saison 1999/2000, bei siebeneinhalb Millionen Jahren Rechenzeit erscheint uns diese Abweichung akzeptabel.

Die Schalker Mannschaft, die gegen den hohen Favoriten aus Hamburg im Niedersachsenstadion auflief, hatte ein Durchschnittsalter von 22,5 Jahren. Manni Orzessek im Tor sowie die beiden harten Verteidiger Helmut “Catcher” Sadlowski und Günter Brocker sorgten damals dafür, “daß die Null stand”. Als Stopper ergänzte der aus der eigenen Jugend gekommene Otto Laszig die Defensive, zusammen mit Günter “Ille” Karnhof und Karl Borutta bildete er die Mittelreihe.

Ebenfalls aus der eigenen Jugend stammte der auf der rechten Seite spielende Willi “Der Schwatte” Koslowski. Auf der linken Seite organisierte Berni Klodt den Angriff und brachte immer neue Ideen ins Spiel. Heiner Kördell und Manni Kreuz auf den beiden Halbpositionen in der Offensive unterstützten den Mittelstürmer Günter “Forelle” Siebert. Ebenfalls zum Kader gehörten damals unter anderem Strafstoß­Spezialist Paul Matzkowski, Hansi Krämer und Jackel Jagielski. Besonders bitter traf es Spielmacher Willy Soya, der in 28 Oberliga-Spielen 17 Tore schoß, sich aber in der Vorrunde gegen Braunschweig schwer verletzte und ausgerechnet im Endspiel nicht dabei sein konnte. Vierzehn Tage später vor dem letzten Gruppenspiel gegen Karlsruhe brach sich Verteidiger Helmut Laszig den Knöchel.

Schon nach fünf Minuten brachte Mannschaftskapitän Berni Klodt, mit 31 Jahren der älteste im Team, die Königsblauen in Hannover mit einem Flugkopfball in Führung, noch vor der Pause sorgte sein 2:0 für die Vorentscheidung. Manni Kreuz, im Zivilberuf Steuerbeamter, sorgte mit einem für ihn typischen Gewaltschuß in der 75. Minute für den 3:0-Endstand. Damit ging die Meisterschaft zum siebten Mal an den Schalker Markt - der Rekord des Clubs aus Nürnberg war eingestellt.

Die Ankunft der Mannschaft in Gelsenkirchen wurde im Regionalfernsehen übertragen, das Haus von Berni Klodt war vollständig mit Girlanden geschmückt. Zwei Brauereien schenkten Freibier aus, ein Gastwirt hatte seine ganze Kneipe blau-weiß angestrichen und die örtliche Industrie einen Triumphbogen aufgebaut. 50.000 Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz und 300.000 auf den den Gelsenkirchener Straßen feierten den neuen Deutschen Meister. Ernst Kuzorra stellte lapidar fest: “So haben sie uns 1942(!) nicht empfangen.”


Wir machen Druck