Nummer 25 - 2000/03

Auszüge aus dieser Ausgabe:

“Wir haben das beide als einen Joke empfunden” - Interview mit Thorsten Legat
Monopoly, Monopoly
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 6
Wir wollen gewinnen!



“Wir haben das beide als einen Joke empfunden”

(cr/jb) Die Wogen schlugen hoch, als Schalke die Verpflichtung von Thorsten Legat bekannt gab. Erst vor kurzem war der Ex-Bochumer wieder in die Schlagzeilen geraten, sein letzter Verein VfB Stuttgart hatte ihn als angeblichen Rassisten entlassen. Was für ein Mensch ist Thorsten Legat, und wie denkt er heute über sein damaliges Verhalten gegenüber dem farbigen Mitspieler Pablo Thiam?

SCH ALKE UNSER:
Dein Vater war Bergmann, eine harte Arbeit…

THORSTEN LEGAT:
Ja, unter Tage, das ist natürlich hart - ich bewundere die Leute. Die Intensität, die die Leute da unten verbringen, vom Körperlichen her! Kein Vergleich, was Fußballspieler und andere arbeiten, im Büro. Das ist noch richtige Knüppelarbeit.

SCHALKE UNSER:
Kannst du dir das vorstellen, unter Tage zu arbeiten und am Wochenende Fußball zu spielen?

THORSTEN LEGAT:
Kein Problem. Ich bin einer von hier, aufgewachsen in der Familie mit vier Kindern, Vater und Mutter. Papa jedesmal gearbeitet, Mutter Raumpflegerin gewesen, meine Geschwister und ich mussten alles Geld abgeben, das war halt so. Ich war der Jüngste… mir braucht man das nicht erzählen. Ob ich das heute schaffen könnte, das ist die eine Frage. Die Intensität des Fußballs ist ja auch so hoch, dermaßen gestiegen, durch die enorme Leichtathletik da. Also, ich könnt’s mir nicht vorstellen… ach, vorstellen könnte ich’s mir schon. Arbeiten und Fußball spielen, ist kein Problem. Ich bin ja ‘n Junge aus’m Kohlenpott.

SCHALKE UNSER:
So ganz stimmen die Legenden wohl auch nicht, dass die Schalker Spieler früher die ganze Woche unten geschuftet haben und am Wochenende nebenbei Meister wurden. Die Kumpels haben gesagt, okay, wir machen mal ‘ne Kiste Kohlen für dich mit und du ruhst dich aus, damitte fit bis auf’m Platz.

THORSTEN LEGAT:
Das ist wahr, darüber habe ich mit mit meinem Vater auch gesprochen. Im ersten Augenblick konnte ich gar nicht verstehen, andere in unserer Siedlung haben einen schönen Benz gefahren. Mein Vater musste viel mehr arbeiten. Von denen wurde ich dann noch gehänselt und runtergeputzt.

SCHALKE UNSER:
Im Ruhrgebiet gehänselt, weil dein Vater Arbeiter war?

THORSTEN LEGAT:
Ja sicherlich, sowenig Geld und so. Ich bin in Bochum-Werne aufgewachsen, und ich musste auch Kleidung von meinen Geschwistern anziehen, da gab’s nichts. Die anderen haben mich dann immer gehänselt, weil ich so asozial wäre… das habe ich mitmachen müssen… auch in der Schule. Ich bin zu meiner Mutter gegangen, wie wär’ das, ich möchte auch mal ‘ne neue Hose, neue Schuhe haben… ging nicht. Aber deshalb bin ich heute stolz darauf, dass ich meinen Eltern etwas geben kann. Ich bin nach acht Jahren wieder hier, und ich bin heilfroh, wieder im Pott zu sein. Diese Sprache alleine… ich habe die ganzen Jahre immer nur Druck von oben bekommen. Und alle sagten, wenn du in den Pott kommst, da ist alles schwarz und dann biste dreckig… ja ehrlich! Die haben gar keine Ahnung. Die wissen gar nicht, wie schön das hier ist.

SCHALKE UNSER:
Als gebürtiger Bochumer, bist du VfL-Fan gewesen? Vielleicht als Kind?

THORSTEN LEGAT:
Nein. Nie. Ich hatte wohl ein Vorbild bei Bochum, das war der Martin Kree. Aber ich war nie VfL-Bochum-Fan. Ich hab immer Schalke gemocht. Die Kulisse hat mir so imponiert damals. Klaus Fischer hat ja mit mir zusammengespielt, ich hatte ihn auch als (Co-)Trainer. Und ich war ja auch in Verhandlungen mit 18, Schalke wollte mich unbedingt haben, aber da hatte ich ein bisschen Angst, weil ich zu naiv war. Und heute bereue ich es nicht, ich bin überglücklich, dass ich hier spielen darf. Die Leute sprechen hier meine Sprache. Die haben mich so herrlich aufgenommen, als ob ich immer schon hiergewesen bin, also… das issen Traum, die Fans - das issen Traum. Anfangs habe ich gedacht, ja gut, die werden mich auspfeifen jetzt, aber gar nichts. Ich hab’ mich ganz realistisch verhalten, wie sich das für einen Ruhrpottler gehört, wie’n Arbeiter…

SCHALKE UNSER:
Wir haben vor acht Jahren mal im Ruhrstadion gespielt, da schallten uns Gesänge entgegen, voller Hass. Ist das… Neid?

THORSTEN LEGAT:
Ja, du sprichst es ja schon an, irgendwie eine Rivalität. Und jeder sagt schon immer, Schalke hat mehr Fans, da passen mehr Leute ins Stadion, ein gut geführter Klub. Zwar war das Bochumer Stadion sicher das schönste in ganz Europa, aber die Fans sind sicher genauso eingefleischt wie Schalker… Deshalb verstehe ich das nicht. Wir sind ein Ballungsgebiet, warum halten wir nicht zusammen?

SCHALKE UNSER:
Hast du hier in der Mannschaft schon Kontakt mit Mannschaftskollegen?

THORSTEN LEGAT:
Ich muss mir selbst den Kontakt machen, so dass die hinterher sagen: Nee, das ist ein Pfundskerl. Ich glaube, keiner aus der Mannschaft kann behaupten, dass Thorsten Legat ein negativ eingestellter Mensch ist. Ich muss ehrlich gestehen, im Vergleich zu Stuttgart ist diese Mannschaft die sympathischste in den ganzen dreizehn Profijahren. Hier, da gibt’s keine Neider. Die sprechen offen und ehrlich, lösen die Probleme intern, und das ist optimal.

SCHALKE UNSER:
Lass uns da anknüpfen, die internen Sachen bleiben intern… in den Zeitunsartikeln aus dem letzten Jahr fiel uns auf, es gab in Stuttgart vor der Geschichte mit Thiam schon ein komisches Problem: Ein Kader mit ganzen 34 Spielern - seltsam genug. Dann werden sechs Spieler abgesondert, aus der Mannschaftskabine verbannt und sollen allein trainieren. Das klingt schon wie: “Eigentlich wollen wir euch gar nicht mehr haben.”

THORSTEN LEGAT:
Erst als der neue Trainer Rangnick gekommen ist, hieß es: Oh, ein Überschuss an Spielern, da müssen wir sechs aussortieren!” Dass ich dabei gewesen bin, das hat mich umgehauen, so als ob du mit Mike Tyson im Ring stehst und von dem eins auf die Nase bekommst. Ich war also auch dabei, habe das gefressen, gefressen alles, und gemerkt, dass ich nicht mehr berücksichtigt worden bin und dass der Kontakt immer mehr abgebrochen ist. Da habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Im Nachhinein hat es auch nicht geschadet, die Leute haben das gelesen, die ganzen Fans haben zu mir gehalten, und jetzt bin ich froh, dass es so gelaufen ist, sonst wäre ich heute noch da. Das ist das Traurige an der ganzen Sache, du kommst wieder, bist verletzt, da wird dein Schild abgerissen und dein Spind leergeräumt und man sagt von heute auf morgen: “Tschüss”. Viele haben sich für mich eingesetzt, der Balakov, Soldo, Thomas Berthold… alle.

SCHALKE UNSER:
Die Pressemitteilungen zu der Thiam-Geschichte klangen dann auch so: “Ja, wir wollten ja eigentlich nicht, dass das rauskommt, aber jetzt machen wir dann auch gleich mal reinen Tisch.”

THORSTEN LEGAT:
Jaja, ich lach’ darüber. Ich habe mit Pablo noch guten Kontakt, ich rufe ihn auch nachher wieder an. Pablo lacht sich auch kaputt. Wir haben das beide als einen Joke empfunden, aber Fakt war halt, ich wurde verbannt, stand aber noch auf der Gehaltsliste, und da haben sie natürlich einen Grund gesucht. Die anderen haben sich auch kaputtgelacht darüber, aber mir hat’s geschadet. Es ist so rübergekommen, als ob ich Rassist wäre und all so ein Quatsch, ist ja absolut Tinneff, weil ich auch mit ausländischen Kindern aufgewachsen bin und auch mit denen gespielt habe. Deswegen regt mich auch die ganze Sache auf. Die müssen sich erstmal vergewissern und nachdenken, was ein Rassist ist. Rassist ist für mich, wem wirklich auf der Stirn geschrieben steht und der sagt, “ich bin absolut gegen Ausländer und ich beschimpfe die und haue die”, das ist für mich ein Rassist. Aber nicht, was ich da gemacht habe.

SCHALKE UNSER:
Du meinst, es war eher, als ob du auf ein Bild von Rene Eijkelkamp zum Beispiel “Giraffe” oder “Albatros” geschrieben hättest?

THORSTEN LEGAT:
(nickt) Ich höre da einige Sachen, die intern gemacht werden, da denke ich einfach, das, was ich gemacht habe, wenn das rassistisch ist, dann möchte ich mal gerne wissen, wenn da einige

Wörter in der Kabine fallen, was das dann ist. Da schüttele ich mich manchmal nur und denke “Huch! Schnell weg!” Für mich ist das vergessen. Ich bringe meine Leistung hier, und alles andere ist undiskutabel. Das ist das beste, was man machen kann, eine Gegenleistung darzustellen und dann einfach Schalke - Thorsten Legat - gewinnen. Mehr nicht.

SCHALKE UNSER:
Du hast beim Bielefeld-Spiel unser “Schalker gegen Rassismus”-Shirt unter dem Trikot getragen. War das als Botschaft gedacht?

THORSTEN LEGAT:
Als Demonstration, und das werde ich auch solange noch anziehen, bis ich aufhöre mit dem Fußball.

SCHALKE UNSER:
Jedem fiel zu dem Namen sofort die Geschichte ein, das waren ja bundesweite Schlagzeilen. Wenn so eine Geschichte einmal rollt, hat man keine Möglichkeit, sich zu wehren.

THORSTEN LEGAT:
Du hast keine Chance - was einmal geschrieben ist, das ist geschrieben. Das ist das Problem, du kommst dagegen nicht an. Das ganze wäre heute noch nicht rausgekommen, wenn nicht einer aus der Mannschaft gequasselt hätte, und ich weiß auch wer. Andere haben es mir auch erzählt, aber ich schweige. Das ist meine Gutmütigkeit, aber der Mensch ist für mich gestorben.

SCHALKE UNSER:
Das ist wohl auch die richtige Art, damit umzugehen. Gleiches mit Gleichem zu vergelten, stellt dich auf dieselbe Stufe.

THORSTEN LEGAT:
Ich muss ehrlich gestehen, ich habe gelitten. Wochenlang, wochenlang. Nicht nur ich, meine Eltern, meine Geschwister, meine Frau und meine Kinder auch. Obwohl die klein sind. Die haben das gemerkt, wie meine Mutter, mein Vater, meine Frau und ich am Boden zerstört waren. Wenn du morgens die Zeitung aufschlägst und da steht: “Thorsten Legat ist ein Rassist.” Da fällt dir doch nix mehr ein. Da ist dir schlecht, du isst nix mehr, bringst deine Leistung nicht, deine Seele geht im… im Arsch, auf Deutsch gesagt, und dein Herz geht kaputt. Und dann dich wieder hochrappeln, ja - ich habe gedacht, ich mache das nicht mehr mit. Ich wollte aufhören. Ich habe zu meiner Frau gesagt: “Das lasse ich mir nicht bieten. Das ist eine Frechheit, eine absolute Frechheit.” Überall steht immer “Skandalnudel”, diese Leute, ich weiß nicht, die sind krank, das sind kranke Menschen. Ich will nur Spaß haben, mich der Menschheit zeigen, dass ich hier auf Schalke bin und arbeite und arbeite. Mehr will ich gar nicht. Und dass man mich akzeptiert. So wie ich bin. Wirklich. Ich kann keinen Menschen verurteilen, nur weil er das hat und das hat… im Prinzip sind wir alle Ausländer, verstehst du? Alle. Ich habe mich da wirklich sehr gut geeinigt mit den Leuten in Stuttgart. Gut, ich habe mir gesagt, ich bin an dem Tag arbeitslos geworden, da habe ich das Zepter selbst in die Hand genommen. Habe dann meinen Berater angerufen, alles Drum und Dran, habe meinen Bankier angerufen und einen guten Ex-Kollegen, Ex-Bundesligaspieler, der auch mein Freund ist. Habe selbständig jeden Tag trainiert, Laufen, morgens und abends. Ich habe keine Probleme gehabt… gut, die Spielpraxis fehlt.

SCHALKE UNSER:
Zusätzlich zum Training sollst du noch ein sportliches Hobby haben, Bodybuilding?

THORSTEN LEGAT:
Ich mache reines Fitness: Ausdauer, Körperfett verbrennen, mehr mache ich nicht. Das habe ich früher gemacht, in Bochum. Da hatte ich einen sehr großen, schlimmen Unfall: Da hat mir jemand in den Rücken reingetreten, da habe ich den vierten, fünften und sechsten Lendenwirbel gebrochen gehabt. Und deshalb habe ich angefangen mit dem Krafttraining. Ich gehe ein-, zweimal die Woche zum Fitnesstraining, zum Aerobic. Das macht mir mehr Spaß.

SCHALKE UNSER:
Was ist denn so dein größter Wunsch, auf Schalke bezogen?

THORSTEN LEGAT:
In erster Linie, dass ich mit Schalke den UEFA-Cup schaffe. Und dass die ganzen Sachen mal alle vergessen werden, durch gute Leistung. Dass im Nachhinein die Leute sagen, der Junge hat’s gebracht, durch Leistung. Mehr will ich gar nicht. Ich will gar nicht weg, wirklich. Weil’s mir so gefällt hier. Das sind die Dinge, die ich so im Kopf habe.

SCHALKE UNSER:
Wie jetzt Asamoah kann es aber auch dir passieren, dass du wegen Konkurrenz plötzlich längere Zeit nicht zum Zuge kommst, trotz guter Leistung. Schwer, damit umzugehen, oder?

THORSTEN LEGAT:
Ich denke mal, jeder, der hier einen Vertrag unterschrieben hat, der muss die Anweisungen des Trainers befolgen.

SCHALKE UNSER:
Eine Schlagzeile, die du über dich lesen möchtest? Sportlich oder nicht? “Legat schießt Schalke in den UEFA-Cup”?

THORSTEN LEGAT:
Das wäre ein Traum mal zu lesen, “Thorsten Legat rettet Schalke mit einem Punkt und einem Tor den UEFA-Cup”. Da würde ich ganz Schalke einladen! Da würde ich Freibier machen.

SCHALKE UNSER:
Sag’ das nicht, wir schreiben das!

THORSTEN LEGAT:
Egal! Das ist so mein Traum, wirklich. Wenn das wirklich so mal so kommen sollte, dann würd’ ich sagen: Komm, Fans, ich lad’ euch alle ein, das wäre mir egal, wirklich. Ach, soviel Geld hab’ ich gar nicht.

SCHALKE UNSER:
Na dann, vielen Dank, auch für das Gespräch. Glückauf.


Monopoly…

(bm) Die Börse boomt, der DAX schwebt in neue Höhen, und deshalb gibt es bald auch die schwarz-gelbe Aktie. Demnächst kommt die Champions League bei Premiere World, und die UFA schleust beim HSV Provokateure ein. Am 28. November hat der BVB/NL die Weichen für eine KGaA gestellt. Mit dieser Kommanditgesellschaft auf Aktien sollen Geldquellen erschlossen werden. Die 1293 anwesenden Vereinsmitglieder stimmten bei nur vier Gegenstimmen und 15 Enthaltungen der Satzungsänderung zu. Damit ist die Seuche der erste börsenfähige Bundesliga”verein” nach Borussia Mönchengladbach, die zwar schon AG sind, deren Börsenplatzierung aber durch den Abstieg verhindert wurde. Man hofft den Verein aus der verbotenen Stadt ereilt ähnliches Schicksal. Unbestätigten Gerüchten zufolge hat sich Rudi Assauer die Rede von Gerd Niebaum besorgt, damit die Umsetzung auf Schalke auch so reibungslos verläuft. Nur vier Gegenstimmen, dies ist doch vorbildlich für alle Schalker?

Ach ja, jedes Mitglied erhält von der Bank, für die das alles nur Peanuts sind, als Emissionsführer eine Aktie geschenkt - ist das nicht toll? Um den optimalen Zeitpunkt zu finden, braucht der Verein jetzt stabilen sportlichen Rückenwind und entsprechendes Börsenklima. Um es noch mal zu erwähnen: Laut Josef Schnusenberg (Aufsichtsratsmitglied bei Schalke 04) werden durch den Stadionbau “Auf Schalke” ebenfalls die Voraussetzungen für eine AG geschaffen. Gemäß einer 75-seitigen Studie der Westdeutschen Genossenschaftsbank ist Schalke durch das Stadion und beim Erreichen eines UEFA-Cup-Platzes ein potentieller Anwärter auf einen Börsengang. Nach heftigem Gezänk hat die Vollversammlung der Bundesligavereine im November mit einer Gegenstimme (BVB/NL) weiter für die zentrale Vermarktung der Fernsehrechte durch die Bundesligavereine gestimmt. Es wird zumindest für die Bundesliga keine Einzelvermarktung der Vereine durch UFA, Kinowelt oder andere geben. Nach diesem Solidarmodell werden die erfolgreichen Vereine begünstigt: Die Vereine, die oben standen und aktuell oben stehen, bekommen mehr Geld, also wie im richtigen Leben. Auch werden keine “Solidar-Abgaben” aus den TV-Einahmen an der Champions League und dem UEFA-Cup mehr fällig. Die Rechte fürs Ausland und die Internetrechte wurden ausgeklammert. Apropos Rechte: Die Übertragungsrechte für die Champions League, die vor kurzer Zeit an tm3 gingen, werden laut Süddeutscher Zeitung bald wieder an RTL (Besitzer CTL-UFA, deren Besitzer sind Bertelsmann und WAZ)) fallen. Es wird dann das Mittwochs-Spiel im sogenannten Free-TV übertragen. Das Dienstag-Spiel gibt’s dann gegen cash bei “Premiere World”. Besitzer von “Premiere World” sind übrigens Leo Kirch als Besitzer von ISPR (usw.) und wieder Rupert Murdoch von tm3 und BskyB: Die beiden kennen wir schon aus Monopoly, Teil 1.

Beim HSV, bekanntlich durch die UFA mitfinanziert, regt man sich auf, dass derjenige, der die Musik bezahlt, sie auch bestellen will. Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des Spiegels wurden 22 Provokateure und ein Schauspieler für 500 Mark pro Nase engagiert, um die Wahl von Werner Hackmann zum hauptamtlichen Clubchef zu verhindern. Auch im Privatleben wurde im Auftrag der UFA durch einen Journalisten geschnüffelt. Allerdings gab es seitens des früheren SPD­Politikers Hackmann keine Verfehlungen, so dass die angeschlagene Gesundheit - er wurde kurz zuvor wegen Krebs operiert - Hackmanns herhalten sollte, um die Wahl zu verhindern. Aufgrund dieser Vorfälle bittet Hackmann den DFB um Mithilfe, damit die Vereine sich zur Wehr setzen. UFA-Sports Geschäftsführer Bernd Hoffmann dementierte und sprach von einem Alleingang des Pressesprechers Rainer Thumann. Gleichzeitig entschuldigte sich die UFA beim HSV und gab an, wieder zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zurückzufinden. Warum wollte die UFA Hackmann eigentlich los werden? Dazu Hackmann in der Bild-Zeitung: “Das hat aus meiner Sicht nichts mit dem HSV zu tun, sondern mit meiner Funktion im Liga-Ausschuß. Dort habe ich nichts gegen die UFA, aber auch nichts für sie getan.” Ach so. Was sagte doch UFA Geschäftsführer Hoffmann: “Wir haben uns niemals in vereinsinterne Dinge unserer Vertragspartner eingemischt. Von dieser Politik werden wir auch in Zukunft nicht abweichen.” Na, dann mal weiter so. Nun hat mal wieder ein Verein seine Quittung erhalten. Fortsetzung folgt garantiert.


Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 6

(rk) In der letzten Ausgabe tasteten wir uns an den größten Skandal der Schalker Vereinsgeschichte heran. Am 6. Juni 1971 ließ Horst Gregorio Canellas, seines Zeichens Präsident der Kickers aus Offenbach, auf der Party seines 50. Geburtstags die Bombe platzen. Der Vorhang ging auf für den großen Bundesliga-Bestechungsskandal.

“Schiebung, Schiebung”

Eine spannungsgeladene Saison war gerade zu Ende gegangen. So mancher Fußballkundige rieb sich in der Schlussphase der Spielzeit 1970/71 verwundert die Augen. Die Mannschaften im Tabellenkeller punkteten selbst gegen übermächtig erscheinende Gegner, die zum Ende der Saison ihre schlechtesten Spiele zeigten. So mancher ahnte, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging. Immer lauter wurden in den Stadien die “Schiebung, Schiebung”-Rufe. In Offenbach hegte Canellas schon lange Zeit den Verdacht, denn er gehörte schließlich zu den direkt Betroffenen. Er sammelte explosives, auf Tonband aufgezeichnetes Beweismaterial, das er auf der Grillparty seines 50. Geburtstages präsentierte. Presse, DFB-Offizielle und Bundestrainer Helmut Schön waren mit dem Hinweis eingeladen worden, dass einige “interessante Neuigkeiten” zu erwarten seien. Die Party-Gäste bekamen aufgezeichnete Telefongespräche zu hören, in denen von drei bekannten Bundesligaspielern offen über den Verkauf von Spielen verhandelt wurde. Im Klartext: Im Abstiegskampf war nach Strich und Faden geschoben worden, kofferweise wurden die Banknoten durch Deutschland gefahren, bündelweise wurde der Judaslohn in die Socken gestopft. Korrupte Spieler? Verschobene Matches? Schwarze Handgelder? Das alles durfte nicht wahr sein. So kurz vor der WM im eigenen Lande konnte der deutsche Fußball keinen Skandal gebrauchen.

“Ich hätte mich zu Tode geschämt”

Über die Details der Enthüllungen auf den Tonbändern werden wir später noch viel mehr erfahren, jedoch wollen wir versuchen, die Ereignisse chronologisch und mit Blick durch die blau-weiße Brille aufzuarbeiten. Zwar wurde auf Canellas’ Geburtstags-Party noch nicht über Schalke gesprochen, doch auch hier im Westen war man sich schon lange nicht mehr sicher, ob bei den Königsblauen alles korrekt ablief. Ganz besonders nicht beim Heimspiel am 17. April 1971 gegen Arminia Bielefeld. Schalke spielte so schlecht - schlechter geht’s nicht. “Der Sportbeobachter” (eine Art “RevierSport” der 60er und 70er Jahre) urteilte, dass Schalke seit dem Abstiegsjahr 1965 (nur die Aufstockung der Bundesliga auf 18 Vereine rettete Schalke damals) nicht mehr so mies gespielt hätte. Ernst Kuzorra, der trotz seiner 65 Lenze sonst immer noch wie ein jugendlicher Haudegen wirkte, war plötzlich alt geworden. Wortlos starrte er nach dem Spiel im Kasino auf sein Bier. Zeitweise sah es so aus, als kämpfte er mit den Tränen. Dann schüttelte er den Kopf, und es brach aus ihm heraus: “Schämen sollten sie sich! Schämen! Ich hätte mich als Fußballer zu Tode geschämt!”

In Ostwestfalen bejubelte man natürlich den Sieg über den großen Favoriten. In Gelsenkirchen jedoch gab es nur Hohn und Spott für eine Mannschaft, in der die Hälfte der Spieler unter Normalform über den Rasen tänzelte. Und ganz klar, in Offenbach wurde von einem verschaukelten Spiel gesprochen. In der Tat konnte man den Zweifeln der Offenbacher beim Anblick dieses Spiels nur beipflichten. Einer der wenigen fleißigen Schalker an diesem Spieltag war Herbert “Aki” Lütkebohmert, der mit Schüssen aus der zweiten Reihe in der ersten Halbzeit nur Pfosten und Latte traf. Doch je länger es 0:0 hieß, um so mehr taten sich gewaltige Lücken in der Schalker Abwehr auf. Klaus Fichtel mußte in der zweiten Hälfte mit einer Muskelzerrung ausgewechselt werden, Wittkamp spielte daraufhin den Ausputzer genauso schwach, wie er vorher im Sturm war. Seit Schalke Wittkamp zu verstehen gegeben hatte, dass man nicht bereit sei, seine Abwanderungsdrohungen durch dunkelbraune Geldscheine aus der Welt zu schaffen, war mit dem ehemaligen Schalker Torjäger einfach gar nichts mehr los. Im Tor hielt Dieter Burdenski, was er konnte; er vertrat den an einer Meniskusverletzung laborierenden Norbert Nigbur. In der 82. Minute aber schoss der Bielefelder Gerd Roggensack eine Fußabwehr des unter Dauerbeschuß stehenden Burdenski ins Tor, ohne dass Galbierz rechtzeitig eingriff. “Nu sag bloß, die hätten kein Moos gekriegt, wo se so tofte verloren ham”, war der Ausspruch eines Tribünenbesuchers, der vorzeitig das Stadion verließ. “Aufhören! Schiebung! Aufhören!” reagierte ein Großteil des Publikums und Schalke-Anhangs schon lange vor dem Schlusspfiff und wähnte Verrat oder westfälische Nachbarschaftshilfe Schalkes für die Arminia.

1.000 Mark Strafe

“Es ist einfach nicht zu glauben. Es ist nicht zu glauben!” Mit diesen Worten wandte sich Schalkes Vorsitzender Günter Siebert nach dem Spiel mit Grausen ab. Trainer Slobodan Cendic, der zwar schon gekündigt worden war, aber zwecks mangelnder Alternativen immer noch amtierte, wurde deutlicher: “Ich schäme mich vor dem Publikum. Jawohl, ich schäme mich. Aber die Spieler, die sich eigentlich schämen müssten, schämen sich nicht. Ich werde dem Vorstand vorschlagen, jeden Spieler, der nicht richtig gespielt hat, mit 1.000 Mark Strafe zu belegen. Die Mannschaft hat Lust, Form und Laune verloren, seit ihr der Vorstand meine vorsorgliche Kündigung mitgeteilt hat.”

Und weiter im “Sportbeobachter”: “Und sonst haben Sie nichts zu bieten, meine Herren in Königsblau? Dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn die restlichen Heimspiele vor leeren Rängen stattfinden. Denn eine derartige Gurkerei wie gegen Arminia können Sie einem so sachverständigen und fußballverwöhnten Publikum wie in Schalke nicht verkaufen.” In der Tat waren knapp 14.000 Zuschauer in der Glückauf-Kampfbahn ein alarmierendes Zeichen, und mit einem solchen Anti-Fußball gewann man bestimmt keine neuen hinzu. Auch die sonstige Presse sprach bereits von Schiebung, doch man wiegelte ab. Norbert Nigbur: “Profis verzichten doch nicht freiwillig auf eine Siegesprämie von 1.000 Mark. Das Geschwätz von einem verkauften Spiel ist Unsinn.”

Krisensitzung

In den nächsten Tagen trommelte Günter Siebert die Spieler zu einer Krisensitzung zusammen und bläute ihnen das Ziel ein: “Erreichen des Pokal-Endspiels mit einem Sieg im Halbfinale gegen den 1. FC Köln und einen Platz in der Spitzengruppe der Bundesliga, Platz 2 bis 5, der die Teilnahme am neuen UEFA-Pokal garantiert.” Die Spieler nickten beifällig. Dabei war nicht festzustellen, ob auch Wittkamp, Senger, Wüst, Pirkner, Galbierz und Burdenski eine Stirnverbeugung machten. Denn sie gehörten zu denen, die sich verändern wollten und einen neuen Verein suchten. Wittkamp hatte unmittelbar vor der Sitzung gekündigt, sein Weg führte in der nächsten Saison nach Mönchengladbach. Galbierz hatte beim Wuppertaler SV angeheuert, Pirkner zog es ins Ausland und Burdenski sollte ausgerechnet zu Arminia Bielefeld wechseln.

Die Abgänge mussten kompensiert werden. Neben zahlreichen namenlosen, aber hoffnungsvollen Talenten wie Huhse, Hessling und Holz hatte Siebert noch zwei ganz heiße Eisen im Feuer. Die Verhandlungen mit den Zwillingen Erwin und Helmut Kremers von den Offenbacher Kickers liefen auf Hochtouren.

Es geht abwärts

Doch erst mußte man unter schwierigen Umständen nach Kaiserslautern fahren. Wegen großer Verletzungssorgen bestand das Aufgebot von Schalke 04, das am 27. April von der Glückauf-Kampfbahn mit dem Omnibus im überraschenden Schneegestöber in Richtung Süden startete, nur aus 17 Spielern. Doch die wehrten sich tapfer auf dem Betzenberg, bewiesen ohne Zweifel guten Willen, sich nach der Blamage gegen Bielefeld zu rehabilitieren. Aber es blieb nur beim Willen, der nicht zum Zünden kam, weil es im Sturm nur Platzpatronen gab. Schalke verlor am Ende etwas unglücklich mit 2:0 (den zweiten Treffer erzielte übrigens Otto Rehagel mit einem umstrittenen Foulelfmeter) und war nun Fünfter in der Tabelle. Und Schalke verlor weiter. Zwar hieß der Gegner in der Glückauf-Kampfbahn Bayern München, Tabellenzweiter der Liga, doch so schwach hatte man die Bayern lange nicht gesehen. Aber Schalke war noch schlechter. Nach dem 1:0-Führungstreffer durch Klaus Fischer lieferte Schalke ein Dornröschenspiel und schlief vollends ein. Nigbur agierte in der Manier eines nervösen Anfängers, hatte seinen “Tag der offenen Tür” und ließ drei “Dinger” rein.

Nach dem Bayern-Spiel war von einer etwaigen Schiebung bei der Begegnung gegen Bielefeld keine Rede mehr. Alle dachten: “Die haben damals nicht absichtlich so mies gespielt, die sind wirklich so schlecht!” Jeder fragte sich, wie es sein konnte, daß Schalke innerhalb von fünf Spieltagen vom möglichen Meisterschaftsanwärter zum willigen Punktelieferanten der Liga werden konnte. Immer mehr musste man zu der Überzeugung kommen, daß dem Fußball die Zeit des Transfers vom 1. Mai bis zum 30. Juni nicht gut tat. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase der Meisterschaft wurden den Spielern mit Angeboten und Geld der Kopf verdreht.

Die Kraft fehlt

Das Pokal-Halbfinale gegen den 1. FC Köln stand an. Günter Siebert hatte trotz der zuletzt miserablen Leistungen die Eintrittspreise angehoben. Doch nachher standen sie wieder mal mit leeren Händen da, Köln gewann mit 3:2. Schalke schien ausgelaugt, saft- und kraftlos. Aber das hatten sie sich selbst zuzuschreiben. Statt alle Kraft auf den fünften Platz zu konzentrieren, wurden immer noch Freundschaftsspiele zwischen den Ligaspielen eingeschoben. Diese Spiele auf den Dörfern brachten gerade mal die Spesen ein - Abendessen und ein Pils - aber zehrten an der Substanz, weil kein zweiter Anzug vorhanden war. So konnte die sportliche Krise nicht behoben werden. Im Gegenteil: In Oberhausen verlor man am nächsten Spieltag mit 4:1, die erste Schalker Niederlage im Niederrheinstadion seit zwölf Jahren. Gegen Kickers Offenbach gab es die nächste Heimpleite, 1:2 hieß es zum Abpfiff. Eine Beendigung des Abwärtstrends war nur durch das Ende der Saison abzusehen. Unterdessen konnte Günter Siebert einen Nachfolger von Slobodan Cendic präsentieren: Der neue Mann hieß Ivica Horvath, ehemaliger Trainer von Croatia Zagreb, der einen fantastischen internationalen Ruf genoß. Doch er sollte erst zur nächsten Saison auf der Trainerbank Platz nehmen, Cendic sollte die Saison noch über die Bühne bringen.

Am nächsten Spieltag kam es in der Glückauf-Kampfbahn zu einem brisanten Duell, Schalke traf auf den 1. FC Köln. Zum einen wollte Schalke die Heimpleite im DFB-Pokal-Halbfinale wett machen, zum anderen waren es unter anderem diese beiden Vereine, denen vor allem aus süddeutscher Sicht vorgeworfen wurde, den Ausgang einiger Spiele manipuliert zu haben: Schalke - Bielefeld 0:1, Schalke gegen Kickers Offenbach 1:2 (Freigabe der Kremers-Zwillinge erleichtert?) und 1. FC Köln - RW Oberhausen 2:4. In einem schwachen Spiel lag Schalke mit zwei Toren zurück, doch ganze fünf Minuten spielten die Schalker den Fußball vergangener Tage und glichen durch Tore von Libuda und Rüßmann kurz vor Abpfiff noch aus.

Das war bestimmt alles keine Augenweide, aber eine gewisse Rehabilitierung für die letzten Niederlagen und widerlegte eigentlich alle, die offen oder versteckt in den letzten Wochen beiden Mannschaften Schiebung oder Manipulation nachgesagt hatten.

Showdown

Plötzlich schien es auch dem FC Schalke 04 zu dämmern, dass der Tabellenfünfte noch an der UEFA-Runde teilnehmen konnte. Für einen Sieg im letzten Spiel der Saison in Bremen sollte es Sonderprämien geben. Die Meisterschaft war immer noch nicht entschieden, Bayern lag knapp hinter Gladbach und im Abstiegskampf grassierte wahre Existenzangst. Der Samstag war nichts für infarktgefährdete Mitmenschen. Zehntausende strömten zu den Bundesligabühnen, Millionen jammerten oder jubelten vor dem Radio. Um 17.12 Uhr Rundfunkzeit war schließlich die Luft raus, die Spannung weg, die Entscheidung gefallen. Hennes Weisweiler, Günther Netzer und Berti Vogts konnten mit Borussia Mönchengladbach die Deutsche Meisterschaft feiern. Schalke gewann zwar in Bremen glücklich mit 1:0, hatte aber trotzdem einen Punkt Rückstand auf den Fünften Hamburger SV und war somit Zuschauer beim UEFA-Cup. Ein Stockwerk tiefer ging es für Oberhausen, Rot-Weiß Essen und Kickers Offenbach. Günter Siebert, mit einem neuen schnittigen Mercedes-Sportwagen und der dazu passenden blau-weißen Sportmütze ausgestattet, stellte fest: “Schade, dass wir trotz des Sieges den fünften Platz nicht erreichen konnten. Die Kohlen dafür hätten wir schon viel früher in den Keller bringen müssen. Mit dem sechsten Platz holten wir aber mit einer sehr jungen Mannschaft immerhin die beste Position seit Bestehen der Bundesliga.”

Jetzt geht die Party richtig los

Wer nun glaubte, die Saison wäre abgeschlossen, sah sich getäuscht. Es ging jetzt erst richtig los. Am nächsten Tag feierte nun Kickers-Vorsitzender Canellas seinen 50. Geburtstag und ließ seine präparierten Bomben platzen. Zu den Einzelheiten auf den Tonbändern: Bereits Anfang Mai hatte Canellas einen Anruf vom Kölner Torwart Manfred “Cassius” Manglitz erhalten. Manglitz forderte vom Offenbacher Vereinsobersten 250.000 Mark, sonst würde er sich beim Auswärtsspiel in Essen nicht anstrengen und ein paar “Dinger” durchlassen. Canellas wollte damals kein Risiko eingehen, da Rot­Weiß Essen zu diesem Zeitpunkt noch als ernsthafter Konkurrent im Abstiegskampf anzusehen war. Er beriet sich mit seinen Kollegen aus dem Kickers­Präsidium und stimmte dem Handel zu. Um sich abzusichern, hatte sich Canellas aber zuvor noch beim DFB telefonisch erkundigt, ob Siegprämien aus dritter Hand erlaubt wären. Horst Schmidt, man kennt ihn noch als den dunkelhaarigen, großgewachsenen DFB-Aufsichtsbeauftragten bei den Pokalauslosungen, antwortete, dass “es nach den Statuten nicht verboten ist, dass es aber nicht sportlich wäre, da sich sowieso jeder Spieler für seine Mannschaft einsetzen müsse.” Am 6. Mai übergab der damalige Geschäftsführer der Kickers, Willi Konrad, der Braut von Manfred Manglitz an einer Autobahnraststätte das Geld gegen eine Quittung mit verschriebenem Datum. Köln gewann gegen Essen 3:2.

Doch Canellas’ Mißtrauen über verschobene Spiele blieb bestehen. In schöner Regelmäßigkeit machten die direkten Konkurrenten der Kickers wichtige Punkte. Immer wieder wies Canellas, der die Felle der Kickers auf dem Main davonschwimmen sah, den DFB auf die Ungereimtheiten im Abstiegskampf hin. In der DFB-Zentrale in der Zeppelinallee in Frankfurt-Bockenheim machte man sich indes nur über den “Verfolgungswahn” der Offenbacher lustig. Lediglich der junge Funktionär Wilfried Straub zeigte sich empfänglich. “Canellas, liefern Sie stichfeste Beweise”, hieß es offiziell von Seiten des DFB. Canellas nahm die Abwimmeltaktiken der Funktionäre ernst. In der letzten Woche der Saison bastelte er an höchst explosivem Material.

Korrupte Spieler

Er nahm erneut Kontakt mit Manfred Manglitz auf, um für das letzte Spiel von Kickers Offenbach in Köln “etwas zu regeln”. Der Nationalkeeper forderte 100.000 Mark für ihn und fünf weitere Spieler, damit die Kickers “auf Sieg spielen” konnten. Wohlgemerkt: Diesmal sollte es keine Siegprämie geben, vielmehr sollten Manglitz und Co. dafür bezahlt werden, dass sie verlieren. Canellas zeichnete das Telefonat auf Tonband auf (das Tonbandgerät war damals der letzte Schrei und ein Verkaufsrenner bei Quelle). Es wurde während des Europapokalfinals Ajax Amsterdam gegen Panathinaikos Athen (2:0) am 2. Juni 1971 in Anwesenheit von Willi Konrad und dem Bild-Reporter Werner Bremser geführt. Der “Deal” war in Canellas Augen nur zum Schein aufgezogen und sollte aufzeigen, was hinter den Kulissen alles möglich war. Der Bild-Reporter wurde um Stillschweigen gebeten, denn der Kickers-Präsident wollte erst den letzten Spieltag abwarten.

Doch Canellas führte nicht nur mit Manglitz Gespräche. Da Arminia Bielefeld am letzten Spieltag auf keinen Fall punkten durfte, nahm er mit den Wortführern der Hertha, Nationalspieler Bernd Patzke und Kapitän Tasso Wild, Kontakt auf. Canellas wollte den Siegeswillen der Hertha mit einer zusätzlichen Prämie stärken. Bei den Forderungen der Berliner musste er feststellen, dass die Bielefelder bereits vor ihm am Zuge waren. Die Summen eskalierten bis auf 140.000 Mark. Die Arminia war sogar bereit, eine Viertelmillion für die Ungerechtigkeiten auf dem Spielfeld zu bieten. Canellas musste handeln, denn nur, wenn es am letzten Spieltag mit “rechten Dingen” zugehen würde, wären die Kickers gerettet gewesen. Er schickte das Offenbacher Vorstandsmitglied Waldemar Klein mit einer Aktentasche, in der sich die 140.000 Mark befanden, nach Berlin, um die hin- und hergerissenen Gemüter zu beruhigen. Als Sicherheit dienten ihm die aufgezeichneten Telefonate.

DFB-Funktionär Wilfried Straub wurde stets über den Stand der Verhandlungen unterrichtet. Die Bitte, sich die Gespräche persönlich anzuhören, schlug der DFB-Mann jedoch immer wieder aus. Auch der spätere selbsternannte “Chef”-Ankläger der Fußballfunktionäre, Hans Kindermann, wollte mit den aufgestellten Behauptungen nichts zu tun haben. Als der DFB jedoch davon erfuhr, dass bereits ein Bild-Reporter eingeweiht war und Canellas ein Partyfeuerwerk plante, bekam man kalte Füße und bat Canellas, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen und sich ganz auf das letzte Spiel in Köln zu konzentrieren.

The Untouchables

Am 2. Juni hatte Canellas ein Treffen zwei Tage später, also am Vorabend des letzten Spiels der Saison der Kickers in Köln, auf einem Autobahn-Rastplatz mit “Cassius” Manglitz vereinbart, um ihm die 100.000 Mark Schmiergeld zu übergeben. Doch Canellas hatte bereits alles, was er wollte, auf Tonband aufgezeichnet und ließ den Deal platzen. Stattdessen fuhr er am Freitag zusammen mit seinem fünfjährigen Sohn Marcel in das Haus des Kölner Mannschaftskapitäns Wolfgang Overath und berichtete ihm von den ungeheuren verräterischen Handlungen des Torwarts.

Overath, der als ehrliche Haut galt, war empört über seinen Mitspieler. Am folgenden Tag wurde Manfred Manglitz kurz vor Spielbeginn aus dem Kader gestrichen und Ersatztorwart Milutin Soscic aufgestellt. Köln besiegte die Kickers mit 4:2. In Berlin “siegte” Bielefeld unter empörten “Schiebung, Schiebung”-Rufen mit 1:0. RW Oberhausen holte den rettenden Punkt beim 1:1 in Braunschweig. Offenbach war aufgrund des schlechteren Torverhältnisses in die Regionalliga abgestiegen. Die Enthüllungen auf der Geburtstagsparty waren natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse, die sich auf die sensationellen Nachrichten stürzte und dankbar über den Schmutz unter den Fingernägeln der Bundesliga berichtete. So manches Mittagessen blieb den DFB-Funktionären im Halse stecken, denn mit der gemütlichen Sommerpause war es nun vorbei. Es begann die lange Zeit der Vernehmungen und Gerichtsurteile.

Was war dran an Canellas Behauptungen? Wie handelte der DFB? Was hatte der Kickers-Präsident gegen Schalke in der Hand? Nahmen Schalker Spieler Geld für eine eigene Niederlage? Wie reagierte Günter Siebert? Dieses und vieles mehr im nächsten SCHALKE UNSER.


Wir wollen gewinnen!

(rk) 25 Ausgaben - das SCHALKE UNSER feiert ein kleines Jubiläum. Für manches Profi-Heft ist das zwar noch lange kein Grund zum Jubeln, doch für uns, die wir das ganze nur “nebenbei” als Hobby betreiben, ist das ein echter Grund, ein großes Fass auf zu machen.

Von der Idee zu ganz viel Arbeit

Dabei hatte alles ganz klein angefangen. In den Gründungszeiten der Schalker Fan-Initiative (damals hießen wir noch “Schalker gegen Rassismus”) kam schon früh der Gedanke auf, eine eigene Vereinszeitung aufzulegen. Klar, Zeitungen gab es zur Genüge, auch der Schalker Kreisel gehörte (und gehört immer noch) zu unserer Pflichtlektüre, aber nach einem Magazin, das sich ganz besonders für die Bedürfnisse der Schalke-Fans einsetzte, suchte man vergebens. Die Idee für das SCHALKE UNSER war geboren, und so dauerte es auch nicht lange, bis im April 1994 die erste Ausgabe des SCHALKE UNSER in einer Auflage von 2000 Exemplaren (damals noch für 0,99 Mark) erschien. Schon beim ersten Verkauf am Stadion war die Nummer ausverkauft.

Und die Reaktion auf unser Fan-Magazin war einfach überwältigend und bestätigte uns in dem Glauben, dass Schalke ein Fanzine wie das SCHALKE UNSER braucht. Ernste Themen wie Kommerzialisierung des Fußballsports und Ausländerfeindlichkeit, aber auch satirisch-ironische Seitenhiebe auf den BVB/NL und amüsante Auswärtsberichte bilden bis heute das Gerüst des SCHALKE UNSER. Schon bald war klar, dass wir mit dem SCHALKE UNSER eine Lawine losgetreten hatten. Die Auflage stieg rasant auf 4000, dann 6000 und heute 8000 Exemplare. Damit sind wir das mit Abstand auflagenstärkste Fußballfanzine Deutschlands.

Mit dazu beigetragen haben sicherlich auch die “etwas anderen” Interviews: Evelyn Fricke (erinnert Ihr Euch noch? Sie war damals die Gegenkandidatin von Bernd Tönnies), Yves Eigenrauch, Youri Mulder (der sich an dem Knie unserer Interviewerin zu schaffen machte), der bereits verstorbene Ignatz Bubis, Rudi Assauer, Michael “Magic” Prus, Günter Schlipper (der bereits zu Beginn des Interviews eine “Rutsche” Bier bestellte), DFB-Pressesprecher Wolfgang Niersbach, Mike Büskens, Sven Kmetsch, Rene Eijkelkamp, Herbert Burdenski, Willi Koslowski, Herbert Burdenski, Zeugwart Flori Simon, Gerald Asamoah und und und.

Auch beim Verein FC Schalke 04 lernte man uns zu lieben und zu hassen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit liest Rudi Assauer auch sehr gerne unser Heft, mit genauso großer Wahrscheinlichkeit hat er sich aber innerlich (und äußerlich) auch schon des öfteren über uns aufgeregt.

Klar, unser Unabhängigkeit ist unsere Stärke, wir können auch mal das schreiben, wovor andere sich zieren. Doch sind wir immer auch bemüht, die Gerüchteküche nicht zum Brodeln zu bringen und Halb- oder Unwahrheiten außen vor zu lassen. Auf der anderen Seite ist die Unabhängigkeit aber auch unsere Schwäche - zumindest finanziell gesehen. Das SCHALKE UNSER finanziert sich immer noch selbsttragend über den Verkauf und Werbeeinnahmen, dabei läuft das ganze auf ein Plus-Minus-Null-Geschäft hinaus. Reich wird man bei der Herstellung eines Fan-Magazins jedenfalls nur an Erfahrung.

25 SCHALKE UNSER - was hat es bewirkt?

Wenn man die Kommerzialisierung des Fußballsports betrachtet, so könnte man glatt zu dem Schluss kommen, dass das SCHALKE UNSER total versagt hat. Die Ablösesummen eskalieren, der Fußball hat sich an Premiere und Pay-TV verkauft, Fußballvereine werden von Medienkonzernen aufgekauft oder wandeln sich in Aktiengesellschaften um. Das sind alles Trends, bei denen auch das SCHALKE UNSER nur ohnmächtig zuschauen kann. Doch auf diese Probleme aufmerksam zu machen, das bleibt auch weiterhin die Aufgabe des SCHALKE UNSER.

Und natürlich hat das SCHALKE UNSER auch einiges bewirkt. Wie sonst ist es zu erklären, dass man bei einem Heimspiel Fans beobachten kann, die immer noch in der aktuellen Ausgabe schmökern, obwohl das Spiel schon seit zehn Minuten läuft. Ohne großartig in Selbstbeweihräucherung zu verfallen, glauben wir schon, dass wir einen wesentlichen Anteil daran haben, dass auf Schalke wieder ein wenig Kultur eingezogen ist. Gerade in Punkto “Ausländerfeindlichkeit” hat das SCHALKE UNSER viel Aufklärungsarbeit geleistet, “Uh-Uh-Rufe” gegen farbige Spieler sind auf Schalke nur noch vereinzelt zu hören, wenn auch gerade in letzter Zeit Gesänge wie das U-Bahn-Lied eine Renaissance erleben. Warum eigentlich? Nichts gelernt?

Fanzines wie das SCHALKE UNSER haben aber auch in der großen Teilen der Presselandschaft einen gewissen Einfluss auf den Schreibstil gehabt. Klar, der Kicker ist und bleibt ein dröges Blatt, das am besten immer noch Statistiker zufrieden stellt, aber Artikel in dem jetzigen Sportteil der taz oder der Süddeutschen Zeitung wären vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen; heute schreiben auch solche Postillen sehr ironisch mit sehr vielen Hintergrundberichten. Der Grund ist ganz einfach: Viele ehemalige Fanzine-Schreiber sitzen heute an den Tastaturen der Sportredaktionen.

Was will das SCHALKE UNSER?

Im Prinzip das gleiche wie vor 25 Ausgaben: Ganz einfach ein Fan-Magazin sein. Mit allen Themen, die den Fußball- und insbesondere den Schalke-Fan interessieren. In Zeiten, da der FC Schalke 04 mit dem Stadionbau in ein neues Zeitalter wandert, scheinen die Themen des SCHALKE UNSER wichtiger denn je.

Als die SCHALKE UNSER-Redaktion vor einer Weile bei einem Veltins zusammen saß und über die eigentlichen Ziele des SCHALKE UNSER philosophierte, waren sich alle einig: “Wir wollen gewinnen!”. Wir wollen, dass Schalke weiterhin uns Fans gehört und nicht irgendwelchen dahergelaufenen Geschäftemachern, die genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Wir wollen, dass wir Fans ernst genommen werden und die Nordkurve für mindestens genauso wichtig gehalten wird wie die VIP-Loge. Wir wollen Spaß am FC Schalke 04 haben! Die ersten Schritte in diese Richtung sind erfolgreich getan, doch haben wir sicherlich einen Marathon vor uns.

Und eines ist vollkommen klar: Ohne die Mitarbeit vieler Schalke-Fans wäre das SCHALKE UNSER nicht möglich. Mittlerweile haben bestimmt über 300 Fans mitgearbeitet, sei es, dass sie selbst Artikel beigesteuert haben oder beim Verkauf am Stadion tatkräftig mithelfen. Dafür noch mal ein dickes Dankeschön und gleichzeitig auch der Aufruf an alle Fans, sich auch weiterhin zu beteiligen.


Wir machen Druck