Nummer 26 - 2000/04
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Wenn ein Verein keine Kritik mehr ertragen kann, dann ist er tot” - Interview mit Olaf Thon
Monopoly, Monopoly
Weisse Noch?!
Vorausgesetzt, man hätte Geld und Zeit…
“Wenn ein Verein keine Kritik mehr ertragen kann, dann ist er tot”
(bob/fr/rk) Schalke spielt scheiße. Millionen für Neuverpflichtungen ausgegeben, und doch will sich der erhoffte Erfolg nicht einstellen. Was lag also näher, als ein Interview mit dem Kapitän und Kopf der Schalker Mannschaft zu führen? SCHALKE UNSER sprach mit Olaf Thon über Jörg Berger, Huub Stevens und Berti Vogts. Ach ja, und über Schalke.
SCHALKE UNSER:
Als Schalke-Fan ist man praktisch mit dir großgeworden, ist mit dir gealtert. Wir haben dich immer auch als einen sehr selbstkritischen Spieler kennen gelernt. Wir haben in Berlin eine grottenschlechte Schalker Mannschaftsleistung gesehen. Dort fehlte es an Selbstkritik bei den Spielern.
OLAF THON:
Wenn wir auf die Tabelle schauen, haben wir soviel Kritik, dass wir schon Bescheid wissen. Doch nach so einem Spiel, in dem es um alles ging, kann man hinterher auch nicht immer in die Kurve gehen und den Fans zuklatschen. Nach einer Niederlage vor die Kamera zu treten, ist unheimlich schwer. Aber wenn ein Verein keine Kritik mehr ertragen kann, dann ist er tot. Kritik muss immer da sein, gerade von den Fans, denn sie sind schließlich unser höchstes Organ.
SCHALKE UNSER:
Aber nun ist doch schon seit fast drei Jahren der Wurm drin.
OLAF THON:
“Der Wurm drin” ist übertrieben, aber wir stagnieren im Mittelfeld. Erst der UEFA-Cup-Sieg 1997, danach bis ins Viertelfinale und dann nochmal international qualifiziert - da war schon Kontinuität im Verein und seiner Struktur vorhanden. Und es wird nicht alles auf “Deubel komm raus” über den Haufen geworfen. Von unserer Zielsetzung her haben wir fünf Plätze zu wenig, aber für Konstanz steht auch, dass man sich mal in der Mitte bewegt. Die Kontinuität wird sich auszahlen: Über kurz oder lang kommen wir nach oben, da führt kein Weg dran vorbei.
SCHALKE UNSER:
Wir haben auch schon schlechte Zeiten mitgemacht.
OLAF THON:
Das hier sind doch keine schlechten Zeiten. Als wir 1984 aufgestiegen sind, war keine Kontinuität drin, da sind wir 8., 10., 13. geworden und dann wieder abgestiegen. Das waren schlechte Zeiten. Heute ist es so, dass sich jeder Gegner gegen uns erst einmal hinten reinstellt. Früher war das nicht so. Auch auswärts: Wir haben immer eine realistische Chance gehabt, das Spiel zu gewinnen. Und das gibt mir Mut.
SCHALKE UNSER:
Es mögen ja jetzt auch bessere Einzelspieler im Kader sein, aber es ist nur noch selten eine bessere Mannschaft. Redet ihr vielleicht nicht genug auf dem Platz?
OLAF THON:
Wir hatten früher einen de Kock, einen Mulder, einen Lehmann - die haben schon mal verrückte Sachen gemacht. Heute sind schon einige dabei, die sehr zurückhaltend sind. Ich selbst habe auch eher eine ruhige Art, mit meinen Kollegen zu sprechen und während des Spiels Anweisungen zu geben. Das müssen am besten alle machen. So richtig funktioniert das noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Aber guckt euch doch auch mal unsere Mannschaft an: Sand, Oude Kamphuis, Waldoch und Asamoah kamen zu Saisonbeginn, Happe, Legat und Mpenza in der Winterpause. Wir haben im Prinzip eine ganz neue Mannschaft, dazu noch die Verletzungsprobleme mit Mulder, de Kock, Eigenrauch und van Hoogdalem. Dafür spielen wir noch ganz ordentlich, davor darf man die Augen nicht verschließen. Da ist ein Prozess im Gang; über kurz oder lang mischen wir auch oben wieder mit.
SCHALKE UNSER:
Unsere “Freunde” aus der Nähe von Lüdenscheid haben ja im Moment ganz ähnliche Probleme.
OLAF THON:
Naja, ein bisschen Schadenfreude war am Anfang schon dabei. Die haben ja mit den Millionen nur so um sich geworfen und hinterher keine Mannschaft gehabt, die eigentlich spielen sollte. Aber in dieser Saison muss Schalke sehen, wo man selbst bleibt. Da muss man nach jedem Strohhalm greifen. Wir haben jedenfalls für den UI-Cup gemeldet. Wenn man international dabei sein will, muss man eben auch diesen Weg gehen wollen. Absolut.
SCHALKE UNSER:
Würdest du sagen, dass Schalke eine homogene Truppe hat?
OLAF THON:
Homogen sind wir sicher nicht, weil wir dafür viel zu anfällig sind und zu viele Tore kassieren. Wir sind halt im Augenblick eine Mannschaft auf der Suche, sich zu finden. Aber eins ist klar: Es ist unaufhaltsam, dass wir nach oben kommen.
SCHALKE UNSER:
Aber das sind doch Durchhalteparolen, die andauernd kommen.
OLAF THON:
Ich kann nicht alles sagen, weil andere Leute bei uns dafür zuständig sind. Wenn ich über meine Grenzen hinaus in die Belange des Trainers oder des Managers eingreifen will, sind mir die Hände gebunden. Wir als Spieler sind dafür da, Leistung auf dem Platz zu bringen. Für alles andere sind auch andere Leute da. Und wenn die Spieler nicht ihre Leistung bringen, dann müssen sie den Verein verlassen. Aber wir sehen ja, dass Schalke die Möglichkeiten hat. Vielleicht sind deshalb alle unzufrieden, weil wir nicht mehr erreichen. Ich glaube, es ist auch das Gefühl, “man könnte doch gewinnen, warum gewinnen wir dann nicht?”
SCHALKE UNSER:
Und wenn diese blöden Abwehrfehler nicht wären… in Berlin gab es da auch schon wieder einen, der zum Gegentor führte.
OLAF THON:
Ja, ganz genau. Das war ein amateurhafter Pass, der zwar gut gemeint, aber viel zu riskant war. Abwehrspieler, die technisch nicht so beschlagen sind, hauen den Ball einfach weit ins Seitenaus. Happe wollte da noch einen Spielzug einleiten, aber der Schuss ging nach hinten los.
SCHALKE UNSER:
Elf Freunde müsst ihr sein - zählt dieser Satz noch für dich? Sind dir die sozialen Kontakte innerhalb der Mannschaft wichtig?
OLAF THON:
Wie alle anderen Spieler auch habe ich Spieler, die ich sehr mag, und Spieler, die ich weniger mag. Ich spiele seit dem sechsten Lebensjahr im Verein und bin mit solchem Teamgeist auch aufgewachsen. Meine Kinder haben zwar noch nicht die richtige Sportart für sich gefunden, aber ich finde es sehr wichtig, dass sie einen Mannschaftssport ausüben, um das soziale Verhalten in der Gruppe zu lernen.
SCHALKE UNSER:
Du beschäftigst dich ja auch mit der Börse. Würdest du denn auch Aktien vom BVB zeichnen?
OLAF THON:
Ja, würde ich auch machen, denn da kann es ja nur noch besser werden. Das muss man trennen können: Schalke-Aktien würde ich aus Liebhaberei kaufen und auch nicht mehr verkaufen. Aber Fußball und Aktiengesellschaft oder andere Rechteverwerter, das ist schon gefährlich. Die Frage ist: Wie lange kann sich Schalke diesem Trend entziehen? Aber wenn man die Möglichkeit hat, alles in den Händen zu behalten und trotzdem mit Rechteverwertern Verträge einzugehen, dann sehe ich keine großen Probleme. Nur darf man sich nicht in die Abhängigkeit begeben.
SCHALKE UNSER:
Da sind wir wieder beim Thema “Fußball und Moral”.
OLAF THON:
Ja, sicher. Der Manager muss auch über seinen eigenen Schatten springen. Wie lange ist das her, dass Assauer gesagt hat: “Wir holen keinen Spieler für zehn Millionen”? Zwei oder drei Jahre. Und jetzt? Da hat er Mpenza geholt - für 17 Millionen.
SCHALKE UNSER:
Auf den Rängen steht die Moral aber immer noch an erster Stelle.
OLAF THON:
Ja, okay. Aber heute gibt es nun mal eine Art Söldnermentalität. Welcher Spieler bleibt denn noch 15 Jahre bei einem Verein? An einer Hand kann man die abzählen.
SCHALKE UNSER:
Was hat es mit der “Jörg-Berger-Gedächtnis-Uhr” auf sich, die Jens Lehmann als Abschiedsgeschenk von der Mannschaft erhielt?
OLAF THON:
Der Jörg Berger hat immer so trainieren lassen: 90 Meter hin und zurück laufen, dann 60 und nochmal 30 Meter. Dabei hat er immer auf die Uhr geschaut, und wir durften eine gewisse Zeit nicht überschreiten. Irgendwann wurde es uns zu bunt, und da haben wir die Uhr kaputtgemacht. So eine Uhr haben wir dem Jens zum Abschied auch geschenkt, hatte er ja auch verdient. Wahrscheinlich hätte er sie aber nicht bekommen, wenn wir gewusst hätten, dass er später zu Dortmund gehen würde.
SCHALKE UNSER:
Befürchtest du, dass er wieder zurückkommt?
OLAF THON:
Nein, dann ist er halt wieder da. Im Fußball gibt es schon lange keine Moral mehr. Der Jens geht erst nach Mailand und dann nach Dortmund. Da brauchen wir doch über nichts mehr reden! Ich musste damals nach Bayern gehen, weil wir abgestiegen waren. In Schalke hatte ich erst einmal keine Zukunft mehr. Mein letztes Spiel hatte ich in Gladbach gemacht. Da musste ich auch noch verletzt ausgewechselt werden. Das war bitter, denn so fehlte ich auch noch in den letzten Spielen.
SCHALKE UNSER:
Bei Bayern wurdest du dann auch zum Libero.
OLAF THON:
Ja, der Erich Ribbeck hat mich dazu gemacht. Da habe ich dann am Anfang auch sehr gute Kritiken bekommen. Es war auch überhaupt kein Thema mehr, nach Schalke zurückzukommen, denn damals war Schalke ja so weit abgerutscht, dass sie beinahe in der dritten Liga gelandet wären. Dank Günter Eichberg - so sagen viele - ist es aber doch nicht so weit gekommen, dafür hat er aber den Verein in einer noch viel miserableren Verfassung wieder verlassen. In Bayern hatte ich dann immer wieder Verletzungsprobleme. Ich habe so ein Überbein, das operiert werden musste. Dieser Operation ist es eigentlich zu verdanken, dass ich wieder nach Schalke gekommen bin.
SCHALKE UNSER:
Meinst du, du kannst heute die wahren Gründe für deine Ausbootung bei der WM 1998 nennen?
OLAF THON:
Erst habe ich in Frankreich ja auch noch gespielt. Dann hat der Berti Vogts wohl einmal gut oder schlecht geschlafen und gedacht: “Den Matthäus habe ich ja auch noch. Was mache ich denn mit dem jetzt?” Ja, dann hat der Matthäus gespielt, und ich denke immer noch, dass dieser Schritt nicht notwendig war. Niemand hatte damit gerechnet, aber ich musste es akzeptieren und nahm diese Entscheidung auch ziemlich emotionslos hin. Wenn mir so etwas bei Schalke passieren würde, wäre das etwas anderes.
SCHALKE UNSER:
Hatte Vogts vielleicht zuviel Respekt vor der Lothar-Matthäus-BILD-Connection?
OLAF THON:
Kann sein, aber das ist abgehakt. Ich habe dann ganz klar meinen Rücktritt erklärt. Erich Ribbeck rief zwar nochmal an und sagte: “Olaf, überleg’ dir das nochmal”, aber ich habe gesagt “Nichts da, einmal ist für immer.”
SCHALKE UNSER:
Uns ist immer noch dein Spiel bei der WM 1990 gegen Paul Gascoigne in Erinnerung.
OLAF THON:
Ja, die WM war klasse. Leider war ich im Finale nicht dabei, aber ich bin dem Franz nicht böse. Eher dankbar, dass er mich nach meinen Verletzungen mitnahm. Diese Rückschläge haben mich zwar innerlich stark gemacht, aber auch dazu geführt, dass ich nie der “Weltstar” wurde. Momentan fühle ich mich wieder gut und will unbedingt noch mindestens eine Saison im neuen Stadion spielen.
SCHALKE UNSER:
Werden wir dich in der amerikanischen Soccer League sehen?
OLAF THON:
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering.
SCHALKE UNSER:
Weil Matthäus schon da spielt?
OLAF THON (lacht):
Nein, ich habe zwei schulpflichtige Kinder. Für mich wäre das schon eine sehr aufwändige Sache. Außerdem habe ich ja hier auf Schalke noch einiges vor.
SCHALKE UNSER:
Sehen wir dich dann später mal auf der Trainerbank?
OLAF THON:
Kann ich noch nicht sagen. Ich weiß nicht, ob man sich das direkt nach der Spielerkarriere antun sollte. Das ist auch eine Frage des Alters. Das hat nichts mit Leistung zu tun, sondern eher mit Akzeptanz und Autorität. Guckt euch Michael Skibbe an, bei ihm lag es bestimmt nicht an der Leistung. Aber er hatte nicht das Alter, um von den Spielern für voll genommen zu werden.
SCHALKE UNSER:
Kannst du dich noch an die Aktion “Stars gegen Alkohol am Steuer” erinnern?
OLAF THON:
Da sah ich fürchterlich aus. Da wurde ich so zurechtgeschminkt, um neun Uhr morgens waren die Fotoaufnahmen im Stadion, bei null Grad Kälte. Ich sah dann aus, als hätte ich die ganze Nacht durchgemacht. Im Sinne des Erfinders war das aber sicher nicht.
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Viel Erfolg in der nächsten Saison und Glückauf.
Monopoly…
(bm) Wieder hat sich einiges im Fußballmonopoly getan. Endlich kommen mal wieder neue Teilnehmer ins Spiel: die bisher unbekannten Firmen AIG und IMG, die in Deutschland noch nicht als Rechteverwerter für Fußballvereine in Erscheinung traten. Wurde ja auch schon langweilig. Die Kinowelt will den Fußball ins Kino bringen, aber nicht nur als Spielfilm. Und jetzt werden auch die Radioübertragungsrechte diskutiert, hier können Hoeneß, Calmund und Konsorten ja auch noch Geld verdienen. Die launische Diva vom Main, Eintracht Frankfurt, gehörte wie Werder Bremen, Mainz 05, VfB Stuttgart, 1860 München, SpVgg Unterhaching und auch Schalke bisher zu denen, die Vermarktungsverträge mit der ISPR (Internationale Sportrechte Verwertungs-GmbH) abgeschlossen hatten.
ISPR gab einen Kredit von 17 Millionen Mark und ein sogenanntes Zeichnungsgeld von fünf Millionen nach Abschluss des Vertrages im Sommer 1999. Später wurden aber Gespräche mit dem Vermarktungsriesen IMG (International Management Group) und der Stadt Frankfurt geführt. Der Deal sollte so aussehen: Frankfurt “lagert” seine Fußballprofiabteilung in eine eigenständige GmbH aus. IMG kauft für 31 Millionen einen Anteil von 31 Prozent an dieser GmbH. Nach einem Eckdatenpapier sollte IMG unentgeldlich die Vermarktung des Clubs und für einen “normalen” Provisionssatz von 20 Prozent die Vermarktung der TV-Rechte übernehmen, die heute noch ISPR betreibt. Weiter wurde vereinbart, dass die Stadt Frankfurt (Magistrat hatte schon zugestimmt), Eintracht Frankfurt und IMG für 220 Mio. ein neues Stadion bauen.
Kurz vor Abgabetermin der Unterlagen für die Lizenzierung DFB ließ Eintrachts Schatzmeister Leben den Vertrag platzen. Wenig später gab es neue Nachrichten. Laut Leben habe die ISPR das Darlehen von 17 Millionen Mark in eine Barzuwendung umgewandelt, was aber kurz danach vom Leiter der kaufmännischen Abteilung der ISPR, Michael Gott, dementiert wurde. Nach dem bestehenden Vertrag müssen die 17 Mio. in zehn Jahren zurück gezahlt werden. Wie die derzeit rund 14 Millionen Verbindlichkeiten abgebaut werden, ist unklar. Derweil jettet Schatzmeister Leben von der Eintracht weiter durch die Welt auf der Suche nach einem neuen strategischen “Partner”.
Hier bietet sich nun der amerikanische Versicherungsriese AIG (American International Group) an. Von deren Vermarktungsagentur “Octagon” in London wurde schon Interesse bekundet. Tochter von “Octagon” ist “Birckholz & Jedlicki”. Von Steven Jedlicki wurden “lose” Gespräche mit Leben bestätigt. Die AIG besitzt schon entsprechende Verträge mit Fußballclubs in den USA und Brasilien. Michael Kölmel von der Münchener Kinowelt hat immer so tolle Ideen. Sein neuster Coup sieht vor, ab August Fußballspiele live in Kinos zu zeigen. Laut Kinowelt-Pressesprecher Jürgen Mahnke kann sich hier eine ganz neue Zuschauerkultur entwickeln. Die Kinowelt gehört zusammen mit ISPR (verkaufte in den letzten Jahren weiter an ran), tm3 (Champions-League) und tm3-Mitgesellschafter Herbert Kloiber zu den vier Bewerbern um die Fernsehrechte der Bundesliga 2001/2002 beim DFB. Ursprünglich sollte die Vergabe der Rechte bis 15. März 2000 durchgeführt werden, was jetzt auf April vertagt ist.
Die Einnahmen für Free-TV, Pay-TV, Kino- und Internetrechte sollen nach Meinung von Michael Meier und Uli Hoeneß deutlich über den bisher erlösten 330 Mio. liegen. Damit erhalte man dann finanziellen “Anschluss” an Spanien (600 Mio.), England (585 Mio.), oder Italien (410 Mio.). Bei der Aufzählung der Rechte fehlten die neuerdings diskutierten Radiorechte, denn Radio ist Allgemeingut. Dies ist Leverkusens Calmund noch ein Dorn im Auge. Er möchte Radio-Lizenzen vergeben, wenn festgestellt wird, dass die Leute lieber Radiokonferenzen hören, als ins Stadion zu gehen oder nicht mehr soviel TV gucken. Na dann: Prost Mahlzeit. Also bald Samstag nachmittags ohne Manni Breuckmann Auto waschen? Jetzt ist aber Schluss mit lustig!
Weisse Noch?!
“Wir müssen gehen, wir müssen mit ihnen gehen, durch die Hölle, durch die Hölle des Elfmeterschießens. Ein Blick nach oben. Ein Stoßgebet. Ist der Papst, die Frage muss ja noch gestellt werden, Mitglied beim FC Schalke 04? Man muss nicht dran glauben. Das ist keine Glaubensfrage. Ich kenne wohl einen Weihbischof aus Essen, der ist Mitglied beim FC Schalke. Der sollte jetzt auch mal die Daumen drücken.” (Werner Hansch in seiner Reportage am 21. Mai 1997 aus dem Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion)
Vor 13 Jahren ist es passiert. Die Königsblauen standen nach der Winterpause mit 17 Punkten im unteren Mittelfeld der Liga. Am 4. Februar 1987 wurde Günter Siebert nach einer der legendären Mitgliederversammlungen zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt. Acht Millionen Mark Schulden drückten nicht nur die Schultern des neuen Managers Rolf Rüssmann. Dieser kam auf die Idee, dass der Verein durchaus mal wieder positiv in die Schlagzeilen kommen sollte. Und da der Papst auf seiner Deutschland-Tournee auch in Gelsenkirchen auftreten wollte, kam Rüssmann auf die Idee, Karol Woytila zum königsblauen Ehrenmitglied zu machen.
Die Mannschaft war geschockt. Das erste Heimspiel nach der Winterpause verlor man mit 1:2 gegen Bayer Leverkusen, danach gab es eine 0:2-Niederlage in Mannheim. Da der Papst am 2. Mai sein Auswärtsspiel im Parkstadion abliefern wollte, musste das an diesem Tag geplante Heimspiel gegen Nürnberg um zwei Monate vorgezogen werden. Nach dem 2:4 rückten die Abstiegsränge näher. Gott sei Dank gab es genug Atheisten in der Mannschaft, so dass man den Glauben an sich selbst wiederfand und beide MärzHeimspiele gegen Homburg und Stuttgart gewann. Zusätzlich gab es noch zwei Auswärtsunentschieden in Uerdingen und bei Blau-Weiß 90 Berlin. Das Fegefeuer “2. Liga” rückte in weite Ferne. Ende April begannen die Umbauarbeiten im Parkstadion, die Schalker verloren in Köln prompt mit 2:3.
Zwar wechselte der Papst am 2. Mai in der Umkleidekabine seine Kleidung, aber ansonsten gab es keinerlei Zusammentreffen zwischen katholischer und königsblauer Religion. Ein Schriftstück mit der Ehrenmitgliedschaft durfte Olaf Thon bei Ruhrbischof Franz Hengsbach abliefern. Und dann war der Papst schon wieder weg. Schalke ließ am nächsten Wochenende beim 0:4 beide Punkte in Hamburg.
Im Juni kam Post aus dem Vatikan: Der Heilige Vater nimmt die Ehrenmitgliedschaft an. Aber ist er immer noch Mitglied? Schwere Frage, denn als Ehrenmitglied braucht er keine Beiträge zu zahlen. Eine Dauerkarte hat er nicht. Die braucht er aber auch nicht, da er als Ehrenmitglied alle Heimspiele gratis besuchen kann. In den Geburtstagslisten, die regelmäßig im Kreisel stehen, taucht er allerdings auch nicht auf. Vielleicht kommt er ja wenigstens zur Arena-Eröffnung und weiht die geplante Kapelle ein.
Letzte Meldung:
Unbestätigten Gerüchten zufolge plant der Heilige Vater im Mai diesen Jahres einen Besuch im Westfalenstadion. Das würde prima passen, denn zum einen haben wir damals auch sofort unsere Heimspiele verloren und zum anderen spielen die Blauen ja am 13. Mai dort. Will Karol Woytila sein Missgeschick aus 1987 wettmachen? Für dieses Gerücht spricht auch, dass der Papst immer dort erscheint, wo das Elend am größten ist.
Vorausgesetzt, man hätte Geld und Zeit…
… an Karten käme man schon. Das ultimative EM-Vorrunden-Tagebuch diesseits und jenseits des bayrischen Reinheitsgebots von 1516
Belgien, 10.6.2000, Brüssel, Tag der Europameisterschaftseröffnung: Samstagmittag, strahlender Sonnenschein, nett warm, Urlaub, Durst. Also was tun? Im Straßencafe ein Bierchen trinken. Aber Vorsicht, böse Falle: Belgien. VELTINS-freie Zone und dazu noch ohne Reinheitsgebot. Hölle! …aber verführerisch lecker sieht es schon aus, dieses DUVEL am Nebentisch. Schmeckt auch wirklich nicht schlecht in der Mittagssonne, gut, besser, immer besser. Ergebnis? Ein paar kleine Biere um 13.30 Uhr getrunken und sternhagelvoll! Den Nachmittag verwirrt durch Brüssel gelaufen, das COMIC-MUSEUM gefunden. Zurückgeschwebt in die Jugend: Franquin - Spirou und Fantasio (’Pit und Pikkolo’ für die älteren Semester), Asterix, die ganze “belgische Schule”. Das Eröffnungsspiel habe ich glatt vergessen - war garantiert ausverkauft wegen des Gastgebers Belgien. “Ein langweiliges Unentschieden gegen Schweden”, sollten die Zeitungen am nächsten Tag titeln. Am Abend nur Cola getrunken, Kroketten mit Pommes gegessen und früh zu Bett gegangen. Komisches Bier!
11.6.2000, Brügge, Wetter wie gestern, leichter Wind.”Frankreich gegen Dänemark” stand auf dem Programm. Vor dem Spiel in eine französisch-dänische Kneipe geraten, und augenblicklich das französisch-dänische Herz entdeckt: französchisches BELZEBUTH und dänisches CARLSBERG. Im TV derweil Türkei - Italien 0:0. Ab 18.00 Uhr im Stadion körperliche Anwesenheit demonstriert: Schönes Spiel, schade, dass ich wieder nichts davon mitbekommen habe. Blau wie ein Veilchen. So darf es auf keinen Fall weitergehen! In Amsterdam schlugen sich die Tschechen derweil tapfer gegen den anderen Gastgeber. Das Wichtigste zuletzt: Kein Schalker wurde von einem Holländer verletzt.
12.6.00, Liege, bewölkt. Deutschland holt sich heute seine übliche Eröffnungsniederlage ab, diesmal gegen Rumänien. Arbeiter-Vororte mit Industriekulisse und eine alte Zeche bei Jupiler am Hang bei der Autobahn zeugen von der Bergbau-Vergangenheit der Region. Vorm Spiel VELTINS bekommen. Da weiß man, was man hat. Ein genauerer Blick auf die getrunkenen Spezialbiere in einem Bierfachhandel verschaffte inzwischen Klarheit: Der Alkoholgehalt dieser Absturzbiere liegt zwischen 8% und 15%! Da kann man sich vorstellen, wie’s wirkt… Der abendliche Fußball-Gaststättenbesuch bescherte das lokale JUPILER (5%) und ein BUSH AMBER auf den Sieg der Portugiesen über die Engländer mit 2:1. REAL ALE-Freunde dürfte man in diesem Stadion nur wenige angetroffen haben.
Holland, 13.6.2000, Rotterdam, genauso reinheitsgebotsfrei. Spanien - Norwegen. Spaß und Bombenstimmung auf den Rängen wären garantiert, wenn die Polizei die Fans gewähren ließe… und stattdessen die Drogenküchen der Metropole suchte. Ich glaube nämlich, im HEINEKEN ist was drin … Wasser, tippe ich. Ich glaube allerdings auch, dass es für die norwegischen Fans das Beste war, was ihnen widerfahren konnte. Eijeijei, waren die Skandinavier weggeschossen, die Spieler übrigens auch. Abends spielten Jugoslawien und Slowenien. Bei dem Gedanken an die Balkankriege habe ich merkwürdige Gelüste bekommen und spontan BARBAR bestellt. Danach brauchte ich ein SATAN GOLD zum Nachspülen.
14.6.2000, zurück in Brüssel. Bewölkt, aber warm, und ausverkauft. Mit den Trappisten- und Abtei-Bieren den Beistand der Heiligen Mutter Kirche (beim 10:0 Sieg gegen Italien) erreicht: GRIMBERGEN und WESTMALLE in Varianten sowie CHIMAY. Drei Tore durch Mpenza. Mit den Mönchsbieren hat man offensichtlich den Papst nicht nur im Verein, sondern auch in der Tasche. Ich muss unbedingt ein paar nach Hause mitbringen. Die Geschichte, warum Muscheln mit Pommes das belgische Nationalgericht sind, habe ich beim abendlichen JUDAS erfahren können. Wer weiß es noch? Antworten an’s SCHALKE UNSER.
15.6.2000, Eindhoven: Schweden-Türkei. Der Nordländervergleich war ein Muss. Gewonnen in der “Abschuss”-Disziplin haben eindeutig die Norweger. Holländisches Bier spielt halt nicht in der Champions League - mit Ausnahmen. Die patat special brauchten sich nicht hinter der fricandel special zu verstecken. Einige Schweden, da bin ich mir sicher, hatten Haschisch gespritzt oder seit drei Monaten gehungert. Abends hat mir Hami wieder ausnehmend gut gefallen…
16.6.2000, Brügge, Freitag, früher Abend: Frankreich - Tschechische Republik 0:1, ein knapper Sieg für die Bierkultur. Besser als das Spiel war, ist die mittelalterliche Altstadt. Prunk, Protz und Kanäle, weil Brügge im Mittelalter noch am Meer lag, herrliche belgische Pommes mit ’stoofvlees’ (Sauerbratensoße), und später tatsächlich noch eine Kneipe mit STAROPRAMEN gefunden, einem höchst appetitlichen Prager Bier. Ein würdiger Abschluss, passend zur großartigen Leistung der Dänen gegen die Holländer. Prost, ELEPHANT BEER! Trotzdem hat Schalke “gewoonen”.
17.6.2000, Arnheim, ja, nicht Charleroi, wo Deutschland - England stattfindet. Belgische Polizei, englische Fans, deutsche Fans, Lens ist um die Ecke - wenn auch in Frankreich - das muss wirklich nicht sein. Arnheim besticht durch seine moderne Altstadt und exotische Läden in den Randbereichen der City. Ganz nebenher ein Trappistenbier aus Holland entdeckt: LA TRAPPE DUBBEL. Es gibt doch ein Leben nach dem HEINEKEN! Einen Beutel mit tiefgekühlten Entenzungen habe ich direkt in einem asiatischen Supermarkt gefunden, mit einer herausragenden japanischen Ecke. Und einen richtigen Plattenladen. Einiges später mit einigen portugiesischen Freunden den Sieg gefeiert, BRAND-Bier aus Limburg (Kerkrade ist um die Ecke) wiederentdeckt und auf einem komischen Konzert gelandet. Holland macht Spaß. In Charleroi säße ich wahrscheinlich erst seit zehn Minuten im Bus. Alles richtig gemacht. Wenn nur dieser Juckreiz nicht wäre…
18.6.2000, Amsterdam ohne Berufsverkehr, weil Sonntag: Slovenien - Spanien 18.00 Uhr. Auch in Amsterdam gibt es BRAND-Bier, patat met pindasaus und überglückliche Spanier. Ich glaube, das Amsterdamer Drogenangebot hatte sie ebenso überzeugt wie mich die frietjes. Apropos, es zeigten sich bei mir vereinzelt kleine Pusteln auf der Bauchhaut. Vielleicht hätte ich die DE TROCH BANANE besser aus dem Leib gelassen. Bananen-Leichtbier ist nunmal nicht jedermanns Sache. Meine jedenfalls nicht. MORT SUBITE oder BELLEVUE GEUZE dagegen wären den BERLINER WEISSETrinkern durchaus zu empfehlen, Norwegen gegen Jugoslawien im Fernsehen dagegen nicht.
19.6.2000, 20.45 Uhr, Brüssel, Türkei - Belgien. Heute fälliger Gegenversuch zum “Klosterbier gegen Italien”-Test: vorläufiger Verzicht auf Alkohol, dafür Döner, Pommes an “Sauce Samurai” und Ayran bis zum Abwinken. Im Stadion Kaffee. Das erwünschte Resultat tritt nur zum Teil ein - die Pusteln bleiben - trotz - oder grade wegen? - eines heldenhaften Versuchs mit LA GUILLOTINE und DELIRIUM TREMENS (eins davon schmeckt sogar) zur Zusammenfassung von Italien - Schweden.
20.6.2000, Montag Abend, Rotterdam, laues Lüftchen. Portugal - Deutschland, parallel dazu England - Rumänien. Das Vorrunden-Ende ist, unabhängig vom Ergebnis ein Grund zum Feiern. Die “Kurzurlauber” zollen meinem neuerworbenen Wissen, vertreten durch GIRAFF, DUVEL und LUCIFER, Tribut. Der Wirt hatte, da bin ich ganz sicher, trotz des Aufwischens von Pommes mit Picalilly-Soße viel Spaß mit uns. Für meine Pusteln einigten wir uns auf altes Hausmittel: BESSEN-GENEVER und BRAND-Bier. Die Nebenwirkungen sollte man aber nicht unterschätzen, und helfen tut’s auch nicht.
21.6.2000, Sommeranfang, letzter Spieltag der Vorrunde. Die Vernunft befiehlt: Arnheim, 18.00 Uhr, Slowenien - Norwegen, dann ab ins eigene Bett und morgen früh zum Arzt.
Deutschland, 22.6.2000, Gelsenkirchen, 9.30 Uhr, Donnerstag, Wartezimmer einer Arztpraxis: “nicht von der EM-Allergie gehört, Frau Meier? Das geht jetzt um. Da kriegt man so fiese Pickel am Bauch von… Behandlung? …, nur ne Woche keine Pommes essen!”
9.35 Uhr, 21° Celsius, leicht bewölkt, zweites Frühstück mit Mettbrötchen: Geheilt! Darauf werde ich heute abend ein JUDAS trinken. Ein Six-Pack habe ich nämlich geschmuggelt.

