„Von Anfang an ein schlechtes Spiel“

(pic/mac) 1974 flüchtete sie aus der DDR direkt auf Schalke – auf den Spuren von Norbert Nigbur. Nicht wegen seines Aussehens, wie sie betont, sondern wegen seiner imponierenden Fangkünste. Zwanzig Jahre später bewarb sie sich, von Freunden gedrängt, um das höchste Amt im Staate. Sie wollte mit ihrer Kandidatur „von unten“ ein Zeichen setzen: Fan statt Fabrikant, ehrliches Engagement statt Geld, jahrelange Mitgliedschaft statt Satzungsänderung – auf der Mitgliederversammlung hatte sie keine Chance. SCHALKE UNSER sprach mit Evelin Fricke.

SCHALKE UNSER:
„Hätten wir ein Königreich, …“ Frau Fricke, wie geht’s weiter?

Fricke:
Natürlich hätte ich die zweite Strophe von „Blau und Weiß“ ohne Probleme auswendig singen können. Ich muß nicht den Beweis antreten, daß ich eine Schalkerin bin. An Tönnies´ Stelle hätte ich das Lied entweder gelernt oder gar nicht erst mitgesungen. So aber war es bezeichnend und mir sehr peinlich.

SCHALKE UNSER:
Wieso bezeichnend?

Fricke:
Das war doch von Anfang an ein schlechtes Spiel, die Versammlung eine Farce. Die Mitglieder sind geblufft worden: Entweder ihr wählt Tönnies oder der Verein muß morgen Konkurs anmelden. Nur so ist die große Zustimmung zur Satzungsänderung zu erklären, die außerdem gar nicht auf der Tagesordnung hätte stehen dürfen. Wieder einmal sind die Fans mit dem kleinen Finger herumdirigiert und auf Kurs gebracht worden.

SCHALKE UNSER:
Sie sind also von den Fans enttäuscht?

Fricke:
Ja, die meisten haben nichts kapiert, viele Schalke-Fans wollen doch belogen werden. Das 90jährige Vereinsjubiläum steht vor der Tür und wir haben nur Schulden aufzuweisen – dabei müßte Schalke doch bei diesem Potential von selbst laufen. Daß man nicht mal die Worte „Borussia Dortmund“ in den Mund nehmen darf, daß niemand wissen will, wo das ganze Geld geblieben ist, daß alle über die Zustände nur murren und mehr nicht ? das alles enttäuscht mich schon. Rolf Rojek bringt diese Haltung doch auf den Punkt, wenn er sagt, für die Lizenz würde er auch einen Pakt mit dem Teufel schließen.

SCHALKE UNSER:
Aber ist es denn nicht verständlich, daß die Mitglieder nur einem erfolgreichen Unternehmer die Rettung zutrauen?

Fricke:
Immer wenn es nicht mehr weitergeht, zaubert die Vereinsführung einen reichen Retter aus dem Hut. Auch Eichberg kam ja ? wie jetzt Tönnies ? wie Phönix aus der Asche. Dabei hätte man gerade aus dem Fall Eichberg lernen müssen. Stattdessen waren die meisten Mitglieder wieder unkritisch und willenlos. Und was heißt schon zwei Milliarden Mark Umsatz? Der Umsatz alleine sagt gar nichts aus.

SCHALKE UNSER:
Wie hätten Sie denn dem Verein wieder zu Geld verholfen?

Fricke:
Ich hatte schon fünfzig Sponsorenzusagen. Jeder war bereit, 25 000 Mark in einen Pool einzuzahlen. Hätte ich mehr Zeit gehabt und mich nicht erst am letzten Tag zur Kandidatur entschlossen, wären es 100 gewesen ? immerhin schon 2,5 Millionen Mark zur Beseitigung des akuten Engpasses, und zwar nicht als Bürgschaft oder Darlehen, sondern als Eigentum des Vereins. Oder statt diktatorisch einen Topzuschlag zu verlangen, hätte ich die Mitglieder gefragt, ob sie bereit sind, dem Verein mit zwei Mark pro Eintrittskarte aus der Klemme zu helfen. Überhaupt: Ich hätte vor allem für mehr Transparenz bei allen Einnahmen und Ausgaben des Vereins gesorgt. Aber einem angeblichen Millionär hat man mehr zugetraut als mir.

SCHALKE UNSER:
Wann ist Ihnen das, Ihre Chancenlosigkeit, auf der Versammlung klar geworden?

Fricke:
Bei mir war jede Spannung raus, als die Satzungsänderung durchkam …

SCHALKE UNSER:
…und Charly Neumann dem noch gar nicht gewählten Tönnies den Sieger-Strauß überreichte.

Fricke:
Ach, den Charly kann man doch eh nicht ernst nehmen. Er meinte sogar, meine Kandidatur sei doch wohl ein Scherz. Wäre er ein wirklicher Schalker, hätte er der erste sein müssen, der mich versteht. Das habe ich ihm auch so gesagt. Jedenfalls hat mich die Wahl nach der Satzungsänderung gar nicht mehr interessiert. 10, 100 oder 500 Stimmen – das war mir am Ende längst egal. Die Leute wollten es eben anders. Da habe ich die Segel gestrichen. Ohnehin müßte die Wahl geheim abgehalten werden.

SCHALKE UNSER:
So resigniert, daß Sie sich künftig nicht mehr engagieren?

Fricke:
Nein, aber ich werde mich jetzt erstmal zurücklehnen und die Dinge aus der Distanz beobachten. Kritische Fans gibt es ja zum Glück noch, sonst wäre es ganz hoffnungslos. Selbst diejenigen, die „Tönnies Hurra“ schrien, sind sich ja gar nicht sicher. Tönnies selbst muß man eine Chance geben. Aber: Was die Satzungsänderung angeht, diese Frechheit sondergleichen, zu der die Mitglieder fast erpreßt wurden, werde ich noch einmal öffentlich Stellung beziehen. Man muß die Dinge beim Namen nennen. Die Fans haben ein Recht darauf, aufgeklärt zu werden. Es wird endlich Zeit, daß auf Schalke anders gearbeitet wird.

SCHALKE UNSER:
Danke, Frau Fricke. Glückauf!