„Im Revier sind wir die Einzigen, die Dortmund gefährlich werden können“

(mac/um/stu) Lange haben wir um das Interview mit RUDI ASSAUER gebangt. Schließlich ist der Manager mächtig in den Schlagzeilen. Doch eine Absage war für ihn kein Thema. Er blieb wie immer gelassen, ja geradezu lässig. Auch im Gespräch mit SCHALKE UNSER im Spielerhotel in Köln. Co-Trainer Hubert Neu, Charly Neumann und Pressesprecher Andreas Steiniger gesellten sich dazu – ein Interview in erlesener und lockerer Runde.

SCHALKE UNSER:
Schalke gegen Dortmund – welche Bedeutung hat für Sie das Spiel der Spiele? Ist das bloß ein Derby oder steckt mehr dahinter?

RUDI ASSAUER:
Es gibt eine gesunde sportliche Rivalität zwischen den Beiden. Das ist gut so. Was ich dumm finde, ist richtiger Haß. Aber das hat glücklicherweise in den letzten zwei, drei Jahren nachgelassen.

SCHALKE UNSER:
Ist man in Schalke neidisch auf die Borussia?

RUDI ASSAUER:
Nein, gar nicht. Es gibt überhaupt keinen Neid von unserer Seite. Es ist ja gar nicht so lange her, daß Schalke mit einem Benefizspiel dem BVB geholfen hat. Außerdem sind wir auch heute noch im Revier die Einzigen, die Dortmund gefährlich werden können. Und: Was die Fans angeht, haben wir im ganzen Bundesgebiet immer noch die Oberhand.

SCHALKE UNSER:
Ist ja auch ein Vergnügen, Schalke-Fan zu sein. Wird der Spaß im nächsten Jahr teurer?

RUDI ASSAUER:
An den Einzelkartenpreisen wird sich nichts ändern. Das steht fest. Bei den Dauerkarten müssen wir mal sehen. Generell gilt: Wir haben nur ein Schönwetterstadion und kaum Komfort. Die oberste Grenze ist erreicht, die Preise für das Parkstadion sind ausgereizt.

SCHALKE UNSER:
Das klingt ganz nach „arena 2000″. Ist die etwa noch ein Thema?

RUDI ASSAUER:
Ja, das ist immer noch im Gespräch, aber im Moment tut sich nichts. Das Hauptproblem ist die Finanzierung.

SCHALKE UNSER:
Der Investor und Bauträger Holzmann plant mehrere solcher Superhallen, z. B. in Köln. Obwohl sie kleiner sind als das Projekt in Gelsenkirchen, hat es noch nicht einmal dort den ersten Spatenstich gegeben. Ist die Zeit überhaupt reif für solche Megaprojekte?

RUDI ASSAUER:
Ja, und wie. Es kann gar keinen günstigeren Zeitpunkt geben als gerade jetzt. Der Fußball boomt mehr denn je. Außerdem brauchen wir einfach etwas Besseres. Hätten wir das Westfalenstadion, hätten wir pro Saison drei bis fünf Punkte mehr. In der Schüssel Parkstadion herrscht erst ab 40 000 Zuschauer Atmosphäre. Die Fans sind zu weit vom Spielfeld weg und kriegen auch noch einen nassen Arsch.

HUBERT NEU:
Ich war gestern in Kaiserslautern. Das sollte unser Vorbild sein. Die haben eine Art VIP-Raum für den kleinen Mann in der Kurve mit einer richtigen Freßlandschaft. Da gibt’s für jeden Geschmack was, nicht nur Bratwurst. In Lautern ist die Hütte schon anderthalb Stunden vor dem Spiel rappelvoll.

RUDI ASSAUER:
Der Besuch im Stadion muß zum Erlebnis werden, und zwar für die ganze Familie. Wir brauchen Großleinwände für Spielerpräsentationen, einen Kindergarten und vor allem mehr Komfort. Wir können die Zuschauer nur zufriedenstellen, wenn sie im Trockenen sitzen.

SCHALKE UNSER:
Sitzen? Und was ist mit Stehplätzen? Hat da die gewachsene Fankultur überhaupt noch Platz?

RUDI ASSAUER:
Ja, wir sind stolz auf unsere Herkunft. Auch die Arena würde mindestens 10 000 Stehplätze haben.

SCHALKE UNSER:
Doch nur für Heimzuschauer! Und was ist mit den Gästefans?

RUDI ASSAUER:
Sicher nur für Heimzuschauer. Die Anderen machen es auch nicht anders. Ihr beschwert Euch ja auch darüber, daß Ihr in Dortmund nur Sitzplatzkarten bekommt.

SCHALKE UNSER:
Eben. Wenn wir auswärts überall stehen wollen, warum sollen das Gäste nicht auch bei uns tun dürfen? Und was ist mit den UEFA-Bestimmungen?

RUDI ASSAUER:
Ach, die UEFA, die macht schon mit. Wir machen das einfach. Die 10 000 Stehplätze könnten in 5 000 Sitzplätze umfunktioniert werden.

SCHALKE UNSER:
Aber das steht ja noch alles in den Sternen. Bleibt man nicht heute schon unter den Möglichkeiten? Der Fan-Shop zum Beispiel ist alles andere als einladend. In England haben die Vereine zum Teil richtige Kaufhäuser.

RUDI ASSAUER:
Stimmt. Der Fan-Shop ist nicht das Wahre. Wir haben zwar den Umsatz mit Fan-Artikeln im letzten Jahr um das Vier- bis Fünffache gesteigert, aber die jetzige Struktur ist trotzdem viel zu klein. Schon 1996 wird das anders sein. Ich erwarte in den nächsten Tagen einen Kostenvoranschlag für die Erweiterung des Clubhauses. Wir wollen vielleicht ein zweites Geschoß draufsetzen. Eingang und Schaufenster müßten natürlich an der Zaunseite sein. Den Vertrieb über Fachhandel und Kaufhäuser werden wir zusätzlich verbessern. In Kürze fahren wir zu Kevin Keegan nach Newcastle und gucken uns an, wie die das dort machen.

SCHALKE UNSER:
Ist dann Peter Sendscheid dabei? chalke hat ihm nach dem vorzeitigen Ende seiner Profikarriere angeboten, im Fanartikel-Bereich mitzuarbeiten.

RUDI ASSAUER:
Das liegt ganz an ihm. Der Peter weiß noch nicht, ob er in Gelsenkirchen bleibt oder nach Aachen zurückgeht.

SCHALKE UNSER:
Der Verein hat eine neue Satzung. Sind Sie nun der vielzitierte starke Mann auf Schalke?

RUDI ASSAUER:
(lacht) Ja, klar. Aber schreibt das bloß nicht! Im Ernst. Alle wichtigen Entscheidungen fällt der Vorstand. Da habe auch ich nur eine Stimme. Der Vorteil ist, daß die Wege viel kürzer geworden sind.

SCHALKE UNSER:
Und uns freut es, daß die neue Satzung eindeutig Stellung gegen Rassismus bezieht.
Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder wird auch gehandelt? Muß man Helmut Kremers heißen, um mal rausgeschmissen zu werden?

RUDI ASSAUER:
Wir schmeißen jetzt jeden raus, der dem Verein schadet. Da waren wir in der Vergangenheit viel zu großzügig. Was Anti-Rassismus angeht, so halte ich das für eine Selbstverständlichkeit. Meiner Meinung nach hätte das nicht unbedingt reingeschrieben werden müssen.

SCHALKE UNSER:
Ist für die Mitglieder durch die neue Satzung nicht ein Stück Demokratie verlorengegangen?

RUDI ASSAUER:
Nein. Was heißt Demokratie? Dieser Verein hat sich doch selbst immer im Wege gestanden. Das kann man zwanzig Jahre lang zurückverfolgen. Jeder, der mal vor zehn Jahren eine Jugendmannschaft betreut hat, will erstens eine Dauerkarte auf Lebenszeit und zweitens bei allem mitreden.

SCHALKE UNSER:
Otto Rehhagel bezeichnete Schalke als größte Enttäuschung in dreißig Jahren Bundesliga. Wann endlich wird Schalke sein Potential nutzen?

RUDI ASSAUER:
Fragt mich nicht nach der Vergangenheit. Seit ich im Amt bin, hat kein Verein das geschafft, was wir geschafft haben. So was ist sonst nur in München möglich. Unsere finanzielle Situation ist recht ordentlich. Wir legen zum 30.6. eine Bilanz vor, die sich in der Eliteliga sehen lassen kann. Wir bauen weiter Schulden ab.

SCHALKE UNSER:
Wird sich das auch im sportlichen Bereich niederschlagen?

RUDI ASSAUER:
In der Bundesliga gibt es eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Oben sind die Vereine, die an den Fleischtöpfen des Fernsehens hängen, weil sie international dabei sind. Ganz unten sind die armen Säue. Wir gehören zur Mittelschicht. Step by step wollen wir nach oben kommen. In der letzten Saison wollten wir nicht absteigen. Diese Saison ist unser Ziel Rang acht bis zwölf. Irgendwann haben wir vielleicht eine Mannschaft, die unter den ersten fünf oder sechs der Liga bestehen kann. Ein Pokalsieg in Gladbach hätte uns einen Doppelschritt in diese Richtung ermöglicht. Aber so ist eben das Geschäft. Glück gehört dazu. Immerhin hat uns das Spiel viel Sympathie eingebracht. Einen Tag später haben wir Anrufe und Faxe aus ganz Deutschland bekommen. Selbst Egidius Braun hat sich gemeldet und zu unserer Leistung gratuliert.

SCHALKE UNSER:
Das tat bestimmt gut. Schließlich ist der Verein wieder mal in den Negativschlagzeilen. Gerade Sie stehen im Kreuzfeuer der Kritik und Gerüchte.

RUDI ASSAUER:
Aus irgendeiner Ecke will man mir an den Karren pinkeln. Aus Haß, aus verletzter Eitelkeit, was weiß ich. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Weder der Verein noch ich selbst haben ein unredliches Geschäft gemacht. Was behauptet wird, kann nicht stimmen. Ich habe dafür Beweise. Wir werden uns wehren.

SCHALKE UNSER:
Skandale und Skandälchen gehören zum Verein wie der sprichwörtliche Mythos Schalke. Wie wichtig ist für den Club Nostalgie?

RUDI ASSAUER:
Tradition steht an erster Stelle. Ohne sie wäre der Verein einer wie jeder andere. Der Mythos Schalke hat seinen Ursprung in den 30er und 40er Jahren. Wir sind stolz auf diese Herkunft und werden uns immer dazu bekennen. Wir wären doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir diesen Mythos verraten würden.

SCHALKE UNSER:
Beim Heimspiel gegen Duisburg durfte die IG Bergbau auf Schalke für ihre Ziele demonstrieren. War auch das ein Tribut an die Vergangenheit?

RUDI ASSAUER:
Ja. Aber der Verein hat sich damit sehr schwer getan. Es war ein Dankeschön und eine Ausnahme. Viele wollen Schalke nur als Bühne benutzen. Für uns ist Neutralität eigentlich Pflicht.

SCHALKE UNSER:
Nostalgie hat ja auch wenig Platz in einer Zeit, in der der Fußball vom Fernsehen regiert wird. Ist zuviel Geld im Spiel?

RUDI ASSAUER:
Das Rad ist nun mal in Bewegung. Ich alleine schaffe es nicht, es aufzuhalten. Allerdings hat die positive Fußballberichterstattung von SAT 1 den Fußballboom forciert. Die Ware Fußball wird besser verkauft.

SCHALKE UNSER:
Bleibt der Sport da nicht auf der Strecke? Schon jetzt werden Spiele wegen Übertragungsrechten verlegt und Schiedsrichterentscheidungen mit TV-Hilfe bewertet. Sogar Auszeiten sind im Gespräch, damit mehr Werbung gemacht werden kann.

RUDI ASSAUER:
Das ist doch alles dummes Zeug. Der Fußball lebt von Fehlentscheidungen. War es Elfer, oder war es keiner. Das gibt doch dem Ganzen die Würze. Noch heute gibt es Diskussionen über das Wembley-Tor. Das ist ein Stück Fußballgeschichte. Fußball ist der Volkssport Nummer Eins, weil die Regeln verständlich sind. Hier können fast alle mitreden. Jeder hat selbst mal gegen eine Dose gehauen.

SCHALKE UNSER:
Für den Fernsehfußball sind Fans meistens nur bunte Kulisse. Werden sie wenigstens von den Vereinen ernst genommen?

HUBERT NEU:
(sehr engagiert) Die Fans sind unser Arbeitgeber. Durch sie erhalten wir erst unsere Bühne. Man muß das erlebt haben: Wenn beim Auslaufen nach einer Niederlage immer noch 5 000 Fans im Stadion sind und die Mannschaft feiern, wenn die Polizei händeringend zu uns kommt und sagt, sie will Feierabend machen, wenn der Stadionsprecher bekannt gibt, daß der Zug in zehn Minuten fährt, trotzdem aber niemand das Stadion verläßt, dann bekommt man schon eine Gänsehaut. Das wissen auch die Spieler zu würdigen.

SCHALKE UNSER:
Und umgekehrt: Hat der Verein eine soziale Verantwortung für seine Fans?

HUBERT NEU:
Zumindest alle vierzehn Tage holen wir die Leute von der Straße. Wo gibt es sonst Veranstaltungen, die von 40 000 Zuschauern und mehr besucht werden? Wo wären die sonst?

RUDI ASSAUER:
Der Fußball ist ein Ventil, durch das Aggressionen abgebaut werden. Wir machen, neben Dortmund, mit die größte Sozialarbeit im Ruhrgebiet. Allein durch unser Spiel.

SCHALKE UNSER:
Danke für das Gespräch. Glückauf.

Begegnung am Rande
Charly Neumann platzt in die Runde. Rudi Assauer steht auf, reicht ihm die Hand und sagt: „Angenehm, Schwan.“ Darauf Charly: „Schotte mein Name.“ Alle lachen.