„Metaphern sind etwas Wunderschönes“

(mac/pic) Au, au, au! Dat war‘n dickes Ding! Interview-Termin mit HANSCHENS WERNER – und wo? Na, ausgerechnet in der verbotenen Stadt! Nix Parkstadion, nee, Parkhotel, direkt nebem BVB-Stadion. Da kriegste doch das Grausen wie dat Karnickel im Stall vorm Ostersonntag. Und reden tut der Mann! Da fühlste Dich getunnelt. Paar Tage nach‘m Derby ein geiles Palaver mit dem Ruhr-Rilke – über so Sachen wie Metaphern machen, Lederpille inne Medien und Schalke an sich.

SCHALKE UNSER:

Herr Hansch, Sie haben auf die Frage von Jörg Wontorra, ob Sie eigentlich BVB-Fan seien, geantwortet: „Nicht der Bessere soll gewinnen, sondern Schalke.“ Zu wem stehen Sie denn wirklich?

WERNER HANSCH:

Also das war natürlich eine saublöde Frage meines Kollegen, die schon fast hinterfotzig war. Vor einem Live-Spiel so eine Frage zu stellen, das ist schon verdammt hart an der Grenze. Ich mußte wenigstens halbwegs charmant reagieren und wollte mit diesem Spruch eigentlich nur ablenken. Und wenn Ihr mich jetzt fragt, wo ich wirklich stehe, dann muß ich sagen: Ich bin aus Überzeugung ein Ruhrgebietsmensch. Ich war hier immer zuhause, identifiziere mich voll mit der Region. Und es ist mir wirklich völlig scheißegal, ob es der MSV, Rot-Weiß Oberhausen, RWE, Wattenscheid 09, VfL Bochum, der S04 oder der BVB ist – es kann doch nur gut sein für alle, wenn hier die Musik gespielt wird. Im Moment spielt sie eben bei Dortmund. Ist o.k. so, die haben das verdient.

SCHALKE UNSER:

Ehrt es Sie denn, daß sich die Fan-Gruppen im Revier um Sie reißen, jeweils behaupten: „Hansch ist einer von uns“?

WERNER HANSCH:

Nein, das ist sehr oft sehr unangenehm. Ich habe überhaupt kein Problem mit der überwiegenden Mehrheit der Jungs. Aber manche haben diese unangenehme Neigung, solche Singvögel wie mich für die eigenen Interessen zu vereinnahmen. Wenn ich hier zum Beispiel in Dortmund auf den Parkplatz fahre, kommen schon mal so zehn, zwölf Jungs in voller Montur noch bevor ich ausgestiegen bin auf mich zu und fragen: „Ey, Werner, mach mal Maul auf: Wat biste denn nun? Biste etwa‘n Schalker? Erzähl nich‘ immer so ne Scheiße übern BVB!“ Und wenn Schalker kommen, passiert das umgekehrt. Also, da krieg ich zunehmend so einen dicken Hals. Man kann das auf die Dauer nicht mehr hören. Die Jungens begreifen einfach nicht, daß man diesen Job nur machen kann mit einer gewissen Distanz – oder man muß den Beruf in die Ecke legen. Dat is so: Wenn ich jedesmal zittern muß, ob Herr Möller oder Herr Anderbrügge den Ball richtig trifft – tut mir leid, das kann keiner aushalten.

SCHALKE UNSER:

Hatten Sie denn als Kind einen Lieblingsverein?

WERNER HANSCH:

Ich hatte als Kind überhaupt keinen Lieblingsverein, ich hatte als Kind ja überhaupt nie an Fußball gedacht.

Personalien Werner Hansch

Der 57jährige Bergmannssohn aus Recklinghausen-Süd ist seit Juli 1992 Leiter des SAT 1-Sport-Regionalstudios Dortmund. Bis zu diesem Zeitpunkt war er hauptberuflich Geschäftsführer der Trabrennbahn Dinslaken und nebenberuflich freier Mitarbeiter beim WDR.

Im November 1978 kommentierte Hansch im WDR-Hörfunk sein erstes Fußballspiel. Erst seit 1991, damals ersetzte er bei der ARD-Sportschau seinen heutigen Chef Reinhold Beckmann, arbeitet er für das Fernsehen. Zum Sportjournalismus kam Hansch ebenso zufällig wie zu seinem Job als Stadionsprecher auf Schalke, den er von 1973 (noch in der Glückauf-Kampfbahn) bis 1978 ausübte.

Mitte der 60er Jahre machte Hansch sein Examen als Volksschullehrer. Gut zehn Jahre später begann er ein Zweitstudium der Politik und Soziologie. Hansch wollte Politikjournalist werden, blieb dann aber beim Sport hängen.

SCHALKE UNSER:

Als Ruhrgebietskind nicht an Fußball gedacht? Was ist da schiefgegangen? Der Vater war sogar Bergmann …

WERNER HANSCH:

Mein Vater hatte überhaupt kein Interesse an Fußball. Eigentlich war das in meinem ganzen Viertel so. Da hatte man Brieftauben und das reichte. Allerdings hatte ich auch sehr alte Eltern. Als ich geboren wurde, war mein Vater 49, meine Mutter war 44, und mein Vater war schon sehr stark gezeichnet von seiner Berufskrankheit, er hatte Steinstaublunge und ist dann auch daran gestorben. Und er hatte auch eine sehr schlimme Vergangenheit: Er war aktiver Nazigegner und war deshalb im KZ – er war gezeichnet. Für Fußball hatte er da nichts übrig.

SCHALKE UNSER:

Wie finden Sie es dann vor diesem Hintergrund, wenn heute immer noch irgendwelche Blödmänner im Stadion rassistischen Mist rufen?

WERNER HANSCH:

Absolut deprimierend, absolut deprimierend. (Lange Pause) Diese Entgleisungen gehören wirklich mit zum Furchtbarsten.

SCHALKE UNSER:

Fußball und Politik: Viele sagen, das müsse man absolut strikt trennen .

WERNER HANSCH:

Nein, nein, der Fußball ist eine gesellschaftliche Realität. Mit ihm wird Medienpolitik gemacht. Es gibt ihn in Filmen, in Theaterstücken – es ist ja heute geradezu schick geworden, ins Stadion zu gehen. Das machen Bundeskanzler, Ministerpräsidenten, große Schauspieler. Es ist richtig, das nicht zu trennen.

SCHALKE UNSER:

Aber nicht nur die Prominenz geht ins Stadion, sondern vor allem wir Fans. Unser Eindruck ist es aber, daß Fans in den Berichten allerhöchstens als Umschnitt von der ersten zur zweiten Halbzeit vorkommen. Warum?

WERNER HANSCH:

Wir haben im Schnitt fünf, sechs, acht, wenn’s ganz hoch kommt zehn Minuten pro Spiel. Wir stehen bei SAT 1 sowieso in der Kritik, daß bei uns zu oft Randerscheinungen in den Vordergrund gestellt würden, wir aber zuwenig Fußball zeigen. Ich teile diese Kritik nicht. Und dann gibt es eine zweite Sache: Wenn es Ausschreitungen gibt auf den Rängen, sollen wir die zeigen oder nicht? Einige Kollegen sagen, diesen Schwachsinn kann man nicht auch noch zeigen, das animiert nur wieder andere. Ich bin vielleicht ein bißchen anderer Auffassung. Ich würde sagen: Flagge zeigen und sagen, um was es sich handelt. Man muß das abschreckend darstellen.

SCHALKE UNSER:

Fans sind ja nicht gleichbedeutend mit Krawallen. Überhaupt: Sie sagten „Randerscheinungen“. Sind die Fans denn nur eine „Randerscheinung“?

WERNER HANSCH:

Ja gut… (Pause) Ja, jetzt frag‘ ich Euch: Bei einem normalen Spiel wie jetzt am Samstag Dortmund gegen Schalke, ich hatte sieben Minuten – wie hätte ich in diesem Zusammenhang noch Fan-Geschichten einbeziehen können? Welche Vorstellung habt Ihr denn? Was überhaupt hätte ich am Samstag thematisieren können?

SCHALKE UNSER:

Zum Beispiel, daß viele Schalker, wie andere Gästefans auch, überhaupt keine Möglichkeit haben, ins Stadion zu kommen, weil es für sie kaum Stehplätze mehr gibt und stattdessen nur noch zu teure Sitzplätze, die sich viele nicht leisten können.

WERNER HANSCH:

Ja gut, könnte man machen, o.k.. Vielleicht müßte man Fan-Themen schwerpunktmäßiger aufgreifen, bei „ranissimo“ etwa. Aber im Rahmen eines normalen Spielberichtes, da machen mich die Leute nieder, wenn ich nicht sofort zum Fußball komme.

SCHALKE UNSER:

Aber es scheint doch ein Bedürfnis an Fan-Themen da zu sein, wenn man nur mal die vielen Fanzines sieht, neue Zeitschriften wie „Hattrick“ oder die vielen Fußballbücher, die jetzt auf den Markt kommen.

WERNER HANSCH:

Ja, wir machen vielleicht zu wenig. Aber Ihr könnt Euch ja vorstellen, wie das auf der Schaltkonferenz mit allen Außenstudios ist: Da kommt einer mit dem Faserriß von Matthäus …

SCHALKE UNSER:

Was, Fasel-Riß?

WERNER HANSCH:

Ja genau, Fasel-Riß (lacht). Und ich sag‘ dann: Aaaaber, der Matthias Sammer hat sich den Finger abgebrochen beim Nasepopeln gestern morgen im Training – das muß unbedingt rein… Also, mehr als zwei Themen werden eigentlich pro Tag nicht umgesetzt. Was also die Fan-Kultur angeht, kann ich nichts versprechen. Aber wenn interessante Ansätze da sind – dann bitte ich um Anregungen.

SCHALKE UNSER:

Sie haben die Kritik an SAT 1 vorhin schon angesprochen: „Die Zeit“ hat mal nachgerechnet, daß in 90 Minuten „ran“ nur 36 Minuten Fußballszenen sind. Sie selbst haben einmal gesagt, der ganze Kommerz drumherum bringe Sie zum Brechreiz.

WERNER HANSCH:

Das ist korrekt. Korrekt geschildert. Eine Sache kann ich nicht ändern, das habe ich gewußt als ich bei SAT 1 unterschrieben habe: Der Sender wird durch Werbung finanziert, mein Gehalt auch – das ist das Einzige, was ich nicht ändern kann. Deshalb jetzt darüber nachträglich den moralischen Zeigefinger zu erheben, das wäre von mir geheuchelt. Die Werbung ist eine Tatsache, die muß ich akzeptieren. Daß wir natürlich durch die Gelder, die in den Fußball fließen, an dieser wahnsinnigen Kommerzialisierung kräftig mitgedreht haben, kann kein Mensch bestreiten. Das ist so. Als Privatmann sehe ich diese Dinge außerordentlich kritisch. Und wenn man daran denkt, wie dieser Zirkus wohl weitergeht, was da noch auf uns zukommt – Stichwort Pay-TV –, dann kann man sich ausrechnen, wie diese Summen sich noch weiter entwickeln werden.

SCHALKE UNSER:

Der Zirkus ist doch schon absurd genug: Ständig neue Vorschläge für Regeländerungen, völlig zerfledderte Spieltage, verteilt über die ganze Woche. Inzwischen gibt’s ja schon am Samstagabend Bundesliga.

WERNER HANSCH:

Also, das Spiel Bayern gegen Dortmund war eine absolute Ausnahme. Das kann nicht im Interesse dieses Senders gewesen sein, gegen „Wetten, daß…?“ anzutreten. Es war aber nicht möglich auszuweichen, weil die Bayern mit Gewalt nicht dazu zu bewegen waren, auf den Sonntag zu gehen, wegen ihres Spieles am Dienstag drauf in Barcelona.

SCHALKE UNSER:

Aber, mal ehrlich, der Fußball ist doch schon längst im Quotenkampf das Machtinstrument schlechthin.

WERNER HANSCH:

Ja, das scheint er zu werden. Wenn man sieht, was „Premiere“ jetzt bei der Partie Barcelona gegen Bayern gemacht hat, dann ist ganz klar, daß hier ein solches Ereignis eingesetzt wird, um Marktstrategien durchzusetzen.

SCHALKE UNSER:

Aber ausgerechnet Uli Hoeneß, der das Pay-TV immer gefordert hat, fängt jetzt an zu heulen.

WERNER HANSCH:

Ja, der fängt an zu heulen. Stimmt schon, ein bißchen Heuchelei ist dabei. Gut, der fühlte sich wahrscheinlich ein bißchen überrumpelt. Aber eigentlich steht er für diese Richtung – und sie wird auch kommen. Ob wir das jetzt alle wollen, ob wir das gut finden, ist eine ganz andere Frage.

SCHALKE UNSER:

Bleiben wir bei Fußball und Fernsehen. Ein Standardvorwurf an SAT 1 lautet, der Sender mache die Spiele besser, als sie in Wirklichkeit sind.

WERNER HANSCH:

Absoluter Quatsch!

SCHALKE UNSER:

Behauptet aber auch Berti Vogts.

WERNER HANSCH:

Ja, das ist trotzdem Quatsch. Der Vorwurf wird dadurch nicht besser. Nein, absoluter Quatsch. Keiner unserer Kritiker hat sich jemals die Mühe gemacht, unsere Berichte zu analysieren: Wie verhalten sich belobigende, meinetwegen beschönigende Elemente zu kritischen Anmerkungen und Analysen?

Aber das ist nun mal der Gegensatz zwischen uns Frontkämpfern in den Stadien und der Art und Weise, wie der Sender den Fußball grundsätzlich verkauft (Achtung, jetzt dreht Hansch auf!): Da ist das groooße Studio, da sitzen dreihundert Leute, da gibt es diese Riiieeesen-Leinwände, da gibt es bunte Studiokulissen, ein Moderaaator kommt die Treppe hinunter, jaaa, er trägt eine rooote Jacke und die Leute klatschen (Hansch klatscht in die Hände), als komme Thomas Gottschalk hinter den Kulissen hervor, ja und dann: Danke, Danke, Daaanke und Daaanke und heeeeute wieder die Bundesliga – Also, es wird mir oft mit zuviel Emphase eine Tüte aufgemacht, in die wir Reporter dann ‚reingesteckt werden.

SCHALKE UNSER:

Sie trennen also die Berichte von der Gesamtverpackung?

WERNER HANSCH:

Ja, habe ich ja gerade gesagt, das im Studio ist mir manchmal etwas zuviel: Ich habe manchmal das Gefühl da steht so‘n Mensch, der erklärt uns jetzt groß die Welt und dann jau! und jetzt! – ja und dann kommt vielleicht Scheiße.

Ich halte jedenfalls die Kritik an den eigentlichen Berichten für ein Vorurteil, das natürlich immer wieder aus der Ecke geholt wird, immer wieder, wenn es paßt. Und im Moment scheint es ja zu passen, weil in der Tat nicht viel los ist im deutschen Fußball. Also meine letzten Spiele, die ich so hatte, waren eigentlich alles Tragödien. Nur: Es ist ja auch immer eine Frage der Sprache, wie ich das sage. Wenn Fortuna Düsseldorf gegen den 1. FC Köln spielt, ein gnadenloses 0:0-Spiel, und ich sage irgendwann: „Das war die Wucht am Rhein, auf dem Kamm geblasen“ –, dann ist das meine Art, das Niveau des Spiels zu charakterisieren. Ich sage dann nun mal nicht: „Unglaublich!! Bei den Gehältern …“ Ich sage es eben in meiner Sprache.

SCHALKE UNSER:

Die war ja schon im Radio berühmt. Gibt es eigentlich was Spannenderes als die legendäre Konferenzschaltung?

WERNER HANSCH:

Nein, es gibt überhaupt nichts Spannenderes als Radio. Das sagt auch jeder, der mal Radio gemacht hat. Das würde sogar, in einer ehrlichen Stunde, Thomas Gottschalk sagen. Da muß man sich ganz einbringen, seine ganze Phantasie, damit es farbig wird. Beim Fernsehen ist das genau umgekehrt, da muß man sich zurücknehmen.

SCHALKE UNSER:

Fällt Ihnen das schwer?

WERNER HANSCH:

Ihr glaubt ja gar nicht, wie schwer es ist, mal sechs Sekunden lang die Schnauze zu halten.

SCHALKE UNSER:

Aber wie damals im Radio fliegen Ihnen die Metaphern immer noch einfach nur so zu?

WERNER HANSCH:

Ja, ich habe keine vorformulierten Texte, nur die Mannschaftsaufstellungen – das verzeiht einem ja kein guter Deutscher, wenn man mal die Namen durcheinanderhaut. Alles andere spreche ich frei. Dann fällt mir entweder was ein – oder mir fällt nichts ein.

SCHALKE UNSER:

Die „taz“ hat sie mal als Fasel-Hansch bezeichnet: Ein Haufen Metaphern ohne viel Inhalt.

WERNER HANSCH:

Einer, der das so macht wie ich, muß eines wissen: Er polarisiert. Es gibt 50 Prozent, die sagen: „Mach den Kerl aus, ich kann ihn nicht mehr hören“, und es gibt 50 Prozent, die sagen, „Er ist für uns der Größte.“ Einen Vorteil hat es: Ich erreiche immer 100 Prozent. Ich will mal so sagen: Wenn ich im Radio Sportsendungen höre, stelle ich immer häufiger fest, daß die Szene grau wird. Das heißt, wir haben sehr viele junge Kollegen, die singen alle auf einer Wellenlänge. Es gibt keine Typen mehr, keine Farben mehr. Die Szene ist ärmer geworden.

Grundsätzlich sind Metaphern in der Sprache etwas Wunderschönes. Ohne Metaphern wären wir viel ärmer. Nur: Es gibt eine sogenannte „flache Metaphorik“ – das ist Scheiße. Wenn Freiburg gegen St. Pauli spielt, und einer fängt an: Herr Kohl gegen Herrn Scharping, und er kommt dann auf Politik – also das sind brutale Flachlacher. Das ist Scheiße! Ich glaube nicht, daß ich mich auf diesem Niveau wiederfinden muß.

SCHALKE UNSER:

Viele werfen Ihnen vor, die Metaphern als Markenzeichen zu kultivieren. Kann es überhaupt noch einen Hansch-Bericht ohne diese Sprachbilder geben?

WERNER HANSCH:

Also das ist mir zu planmäßig. Ich gehe doch nicht in ein Spiel hinein und stelle mir vor, was ich dann hinterher sagen werde. Das ist ja unmöglich, das kann ja kein Mensch!

SCHALKE UNSER:

Stehen Sie nicht vielleicht doch unter Erwartungsdruck, wenn Ihre Kollegen im Studio Sie anmoderieren: „Jetzt kommt er wieder, unser Werner Hansch …“?

WERNER HANSCH:

Das ist mir auch unangenehm, und das werdet Ihr auch nicht mehr erleben. Darauf ist mit Nachdruck von mir hingewiesen worden, daß man das unterlassen möge. Überhaupt diese Selbstbelobigungen, diese peinlichen Geschichten, die bei uns stattgefunden haben – ich hoffe, das ist ausgeräumt.

SCHALKE UNSER:

Das heißt, Sie sind nicht gerne eine Kultfigur?

WERNER HANSCH:

Ich weiß nicht, ob ich es bin. Kann sein, kann nicht sein. Wenn, dann ist das von mir nicht kalkuliert und ich empfinde mich auch nicht so. Das mit dem Kult ist schon wieder so eine rationale Beurteilung.

SCHALKE UNSER:

Wo wir schon bei Rationalem sind: Schalke! Steht die Mannschaft zurecht da oben – oder nur, weil die Liga insgesamt so schlecht ist?

WERNER HANSCH:

Neulich hat ja jemand gesagt: Die Liga hat drei gute Mannschaften, und die spielen schlecht. Tja, Schalke – überrascht sind wir ja alle, ich nehme an, auch Ihr. Die Figur Berger hat ihren Anteil daran. Die Ruhe, die eingekehrt ist. Und, das merkt man immer, die Mannschaft spielt schon lange zusammen. Dann ist auch Lehmann zum Beispiel eine ganz starke Figur geworden. Nicht nur, wie er hält, auch mental – und einen Körper hat er bekommen wie Batman. Der Junge ist unglaublich. Und: Er hat die zehn Zentimeter mehr (Körpergröße, die Redaktion) gegenüber Stefan Klos.

SCHALKE UNSER:

Trotz des derzeitigen Erfolges kommen aber erstaunlich wenige Zuschauer. Gehen Sie eigentlich auch privat ins Stadion?

WERNER HANSCH:

Wenig. Ich bin so von Fußball umgeben – irgendwo ist auch mal Schluß. Ich habe privat sehr viele andere Interessen, ich muß dann nicht auch noch Fußball haben.

SCHALKE UNSER:

Hansch ist bekannt wie ein bunter Hund – den Privatmann Hansch aber kennt niemand. Ist das Voraussetzung für Ihren Job?

WERNER HANSCH:

Für mich ja. Es gibt aber auch andere Kollegen, die haben da ganz andere Einstellungen. Ihr könnt ja über die alles lesen – sagen wir mal: fast alles (lacht laut). Ihr könnt lesen, was die für eine glückliche Familie haben, mit zwei Kindern. Das muß ich von mir nicht lesen. Den Drang habe ich nicht, ich arbeite nicht an meiner Selbstverewigung.

SCHALKE UNSER:

Kein bißchen Outing für unsere Leser, kein Bekenntnis, das die Kurve schockt?

WERNER HANSCH:

Ich höre Klassik. Das ist mir ganz wichtig. Leider komme ich zuwenig auf Konzerte – an den Wochenenden bin ich bekanntlich verhindert.

SCHALKE UNSER:

In den Stadien gibt’s ja wenigstens den Triumphmarsch aus Aida.

WERNER HANSCH:

Also das muß es nicht unbedingt sein – jedenfalls nicht im Stadion.

SCHALKE UNSER:

Herr Hansch, vielen Dank für das Gespräch. Glückauf!

Wie Schalke auf den Hansch kam

„Es war der 24.2.73. Ich war damals wieder Student und Sprecher auf der Trabrennbahn Gelsenkirchen und habe eigentlich diesen Job auf schon hohem Niveau stilisiert, das kann ich wohl sagen. Tja und dann kam ich auf die Rennbahn an diesem Samstag, an dem, was sehr selten passierte, auch Schalke spielte. Das war das Spiel nach dem Skandal und Schalke spielte hart gegen den Abstieg – was mich überhaupt nicht juckte. Und ein guter Bekannter von mir, Hans Schneider, war in Schalke Stadionsprecher, aber hauptberuflich Inspektor auf der Rennbahn.

So, und dieser Hans war an besagtem Samstag verhindert, weil auf der Rennbahn war ein Brand. Da konnte der nicht weg. Ich kam da an und wollte meinen Sprecher-Job machen. Da sagte der: Hörmal, Du mußt mich heute vertreten, da auf Schalke. Ich sagte: Ich hab doch keine Ahnung, was soll ich denn da machen? Und Hans sagte: Ja, geh zu Oskar Siebert – da stand auch schon ’ne Taxi, da hat er mich reingeschoben, quasi genötigt, und dann gings ab.

Ich kam da an, da waren 30 000 Leute in der GlückaufKampfbahn – ich wär am liebsten wieder abgehauen. Soviel Leute hatte ich überhaupt noch nicht gesehen. Ja, dann hab ich mich nach Oskar Siebert durchgefragt, hab ihn angesprochen, so zaghaft von der Seite, und er guckte so gnädig rüber, sagte: Junger Mann was fällt Ihnen denn ein, ich habe doch ganz andere Sorgen, gehen Sie doch zum Stadionwart.

Ja und ich dann zu dem hin, schon ziemlich angesäuert, hab mich da in das kleine Marathontörchen in der alten Glückauf-Kampfbahn gestellt, da stand so‘n kleiner Mann, ziemlich eingeschrumpelt, hab ihn gefragt: Sind Sie denn hier der Stadionwart? Sagte der: Ja, was haben Sie denn? Ich habe erst viel später erfahren, daß das ein ganz Großer des deutschen Fußballs war: War Ernst Kalwitzki, der ja einige Deutsche Meisterschaften in der großen Schalker Zeit errungen hatte, und der mußte auf seine alten Tage noch die Striche ziehen, weil die ja nichts verdient hatten. Ja, und der sagte: Paß mal auf, wenn Sie hier sprechen wollen, dann müssen Sie hier die Feuerleiter rauf.

An der Wand war so eine Feuerleiter und dann Hüftschwung über so eine Mauer und dann gleich in der ersten Reihe, da war so‘n Werbespruch, der einzige Werbespruch damals, der war so an der Stirnseite des Marathontors, ‚Martini‘, und über dem letzten ‚i‘, da war der Sprecherplatz. Keine Kabine, alles frei und so ein zerknülltes Mikrophon. Und dann saß ich auf der Bank, aus den Lautsprechern plärrte Musik. Die Anlage war schon total verkommen, war ja schon abzusehen, daß im Sommer der Umzug sein würde ins Parkstadion.

Naja, und dann kamen die Leute, rückten immer näher ran, und je mehr es dann auf halb vier zuging, umso aufgeregter wurde ich, und dann hörte die Musik auf, und irgendein Mensch kam dann die Feuerwehrleiter hoch und sagte: Mensch, sind Sie der Stadionsprecher?, gab mir einen Zettel, da standen die Mannschaften drauf, handgeschrieben und dann kam das mit der Startnummer: ‚Mit der Startnummer 1: Norbert Nigbur.‘ Ja, so ist das gewesen.“