„Man muß sich hier viel mehr die Zähne ausbeißen“

(bob/rk) Für viele alte Schalker ist die Glückauf-Kampfbahn auch heute noch das Mekka, die Wiege des FC Schalke 04. Jetzt kämpfen dort die Schalker Amateure um den Aufstieg in die Oberliga. SCHALKE UNSER unterhielt sich mit MIGUEL PEREIRA und THOMAS KLÄSENER, die beide auf dem Sprung ins Profilager stehen.

SCHALKE UNSER:

Viele Schalker scheinen die Amateure neu zu entdecken. Sie sagen „Das ist noch Fußball vom Ursprung. In der Glückauf-Kampfbahn kommt noch so richtig das alte Schalke-Flair rüber.“

MIGUEL PEREIRA:

Das ist ja auch die Geschichte von Schalke. Ich habe neulich ein Foto von der Glückauf-Kampfbahn gesehen. Das war aus den 30′er Jahren. Da war das Stadion so voll, die Zuschauer saßen sogar auf den Tornetzen. Das sah schon ziemlich witzig aus.

SCHALKE UNSER:

Der Schalke Supporters-Fanclub hat jetzt vor, die Schalker Amateure ganz massiv zu unterstützen. Bekommt Ihr eigentlich die Unterstützung der Fans in der Glückauf-Kampfbahn mit? Merkt Ihr, daß das etwas anderes ist als vielleicht in Wanne-Eickel oder Sodingen?

THOMAS KLÄSENER:

Der Zuschauerboom hat eigentlich erst zuletzt so richtig eingesetzt. Früher kamen meistens nur Verwandte und Freunde zu den Spielen. Ganz toll war das, als wir in Wanne-Eickel angetreten sind. Da wurden wir riesig empfangen, mit Bengalischen Feuern und die Fans haben die Welle gemacht. Da sind wir nach dem Spiel auch noch alle in die Kurve gerannt und haben uns bedankt. Superstimmung war dann auch beim nächsten Spiel gegen STV Horst zu Hause. Mittlerweile kommen zu den Spitzenspielen um die 300 Zuschauer. Das ist auch für uns klasse, wenn man merkt, daß die Arbeit der Amateure anerkannt wird.

SCHALKE UNSER:

Man hat bei den Amateuren echt das Gefühl, daß sich da ein Team gefunden hat, daß Trainer und Mannschaft an einem Strang ziehen.

MIGUEL PEREIRA:

Ja, wir haben echt viel Spaß zusammen. Und das ist auch das Wichtigste. Es ist wirklich ein homogenes Team. Da sind eigentlich alle, mit Ausnahme von Ralf Regenbogen, so um die 20. Viele haben die gleichen Interessen und treffen sich auch abends. Der Trainer gibt richtig Gas und haut auch schon mal dazwischen, damit wir die Ziele, die wir uns gemeinsam setzen, auch gemeinsam erreichen.

SCHALKE UNSER:

Miguel, Du hast ja auch noch Klaus Fischer als Amateurtrainer erlebt. Gibt es da Unterschiede zum neuen Trainer Klaus Täuber?

MIGUEL PEREIRA:

Klaus Fischer ist, ich weiß nicht wie ich es sagen soll, er ist ein zu guter Mensch. Als Trainer muß man auch mal dazwischenhauen können, gerade bei den jungen Spielern. Das hat bei Klaus Fischer ein bißchen gefehlt.

THOMAS KLÄSENER:

Man muß aber auch sagen, daß wir uns von der menschlichen Seite bei Klaus Täuber nicht beschweren können. Er versteht es eben, zwischen Privat und Trainergeschäft zu trennen. Und deswegen finde ich es auch richtig, daß er dazwischenhaut, wenn es mal nicht so läuft. Deshalb glaube ich auch, daß wir mit dem Trainer den Aufstieg schaffen werden.

SCHALKE UNSER:

Wenn man Euch so zuhört, merkt man, daß Ihr Euch den Amateuren noch sehr verbunden fühlt. Wir hätten eigentlich gedacht, daß Ihr mehr so den Sprung ins Profilager anvisiert. Aber Eure Augen glänzen so richtig, wenn Ihr über die Amateure redet.

THOMAS KLÄSENER:

Ja, sicherlich. Wir beide trainieren zwar mit den Profis, spielen aber momentan nur bei den Amateuren. Und dann auch noch sehr erfolgreich. Dann sind wir natürlich auch stolz auf das, was wir selbst geleistet haben. Außerdem könnte die Stimmung bei den Amateuren momentan nicht besser sein.

SCHALKE UNSER:

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist ja auch ausschlaggebend für den Erfolg der Schalker Profis. Es ist immer unheimlich wichtig, eine echte Mannschaft zu haben – im Gegensatz zu anderen Teams, die nur aus einzelnen Stars bestehen. Und da geht es dann auch häufig den Bach runter.

THOMAS KLÄSENER:

Die Sache bei diesen sehr, sehr großen Mannschaften ist, daß dort die Probleme über die Öffentlichkeit ausgetragen werden. Man gucke sich nur Bayern München an, da sind jeden Tag die Zeitungen voll mit Kritik der Spieler an den Mitspielern. So etwas habe ich hier auf Schalke noch nicht erlebt. Hier wird alles intern geregelt. So kam es dann auch, daß sich bei der Entlassung von Jörg Berger die Fans wie vor den Kopf gestoßen fühlten. Wenn man die inneren Gefüge nicht kennt, ist das ja auch vollkommen normal.

SCHALKE UNSER:

Momentan ist der Konkurrenzkampf in der Mannschaft in vollem Gange. Wie stellt Ihr Euch denn Eure Zukunft vor?

THOMAS KLÄSENER:

Ich setze mich da unter keinen großen Druck. Ich bin schließlich gerade mal 20 Jahre alt, habe erst jetzt einen Sprung von fünf Klassen gemacht. Da kann eigentlich niemand von einem so jungen Spieler verlangen, daß er z.B. einen Nationalspieler wie Johan De Kock aussticht. In der Regel ist das mit sehr viel Arbeit verbunden, da muß man sich voll reinknieen. Und wenn man das kontinuierlich macht, dann kommt irgendwann der Trainer zu einem und sagt „O.K., Du hast eine Chance verdient. Ich geb‘ sie Dir, versuch sie zu nutzen.“ Und darauf arbeite ich eigentlich hin.

MIGUEL PEREIRA:

In erster Linie sehe ich im Augenblick eigentlich die Amateurmannschaft und kämpfe da, daß wir den Aufstieg in die Oberliga schaffen. Und wenn man in der Oberliga spielt, hat man sicher auch bessere Aussichten, in die Schalker Mannschaft reinzukommen. Im Moment sind die Karten zwar ganz gut, aber es gibt ein Sprichwort, das sagt „Nie zufrieden sein“.

THOMAS KLÄSENER:

Ja, wenn man mit sich zufrieden ist, dann bleibt man in seiner Entwicklung stehen und im Endeffekt sieht es dann so aus, daß bei den anderen die Entwicklung weiter geht, man selbst stehenbleibt und so der Abstand immer größer wird. Das wirft einen dann noch weiter zurück.

SCHALKE UNSER:

Thomas, Du hast vorher bei Gelsenkirchen Erle 08 in der Landesliga gespielt. Da brutzelt die Frau des Präsidenten noch eigenhändig die Nackensteaks in der Bratpfanne und alles geht sehr familiär zu. Wie kommst Du denn nun zurecht?

THOMAS KLÄSENER:

Bei Erle war wirklich alles sehr persönlich, da wurde man wie ein Sohn in die Familie aufgenommen. Das ganze läßt sich mit Schalke natürlich nicht vergleichen. Schalke ist ein sehr großer Verein, das Umfeld ist riesig und dann ist das ganze sicher etwas anonymer. Der Sprung von Erle nach Schalke ist schon gewaltig. Das war ein Sprung über fünf Klassen und man muß sich hier viel mehr die Zähne ausbeißen.

SCHALKE UNSER:

Thomas, als Gelsenkirchener bist Du doch sicher früher auch zu den Spielen von Schalke gegangen. Wo hast Du denn damals gestanden oder gesessen? Hast Du nicht früher auch mal davon geträumt, dort unten auf dem Platz für Schalke zu spielen?

THOMAS KLÄSENER:

Ich bin meist zusammen mit meinem Bruder und noch ein paar Freunden auf Schalke gegangen. Am Anfang waren wir immer in Block 4, weil wir da dachten, daß man dort mehr zu den Fans zählt. Später ist es uns dort aber etwas zu voll geworden und wir sind in Block 2 oder 3 gegangen. Dort konnte man das Spiel besser verfolgen. Und na klar, war das immer mein großer Traum, auch mal dort unten zu spielen. Bis jetzt hat es ja leider noch nicht geklappt, aber ich hoffe, daß das noch kommt. Nach dem Spiel haben wir dann immer die Sportschau verfolgt und direkt danach bin ich immer noch mit meinem Bruder rausgegangen und dann haben wir auf dem Hof oder dem Fußballplatz noch ein bißchen gepölt. Sowieso habe ich eigentlich die meiste Zeit auf dem Sportplatz verbracht.

SCHALKE UNSER:

Dann könnte man also sagen, daß Du in die Fußstapfen von Olaf Thon trittst?

THOMAS KLÄSENER:

Naja, aber wir haben eigentlich zu jeder Gelegenheit Fußball gespielt. Wir haben sogar mal unser Kinderzimmer dabei komplett demoliert.

SCHALKE UNSER:

Das ist auf jeden Fall die beste Voraussetzung für eine steile Karriere. Nun habt Ihr beide in der Hinrunde den Sprung ins Profilager geschafft. Unterscheidet sich das Training der Amateure von dem der Profis denn wesentlich?

THOMAS KLÄSENER:

Also bei den Amateuren trainieren wir unter Klaus Täuber beide nur am Freitag, wenn das Abschlußtraining ansteht. Da wird dann meistens nur ein Spiel gemacht, deshalb kann ich zu dem Training der Amateure nicht soviel sagen. Das Training von Huub Stevens ist sehr abwechslungsreich, es macht sehr, sehr viel Spaß und man hat wirklich Freude an der Arbeit. Der Unterschied zu meinen alten Trainern ist doch wesentlich. Man wird hier mehr gefordert, und zwar nicht nur vom Körperlichen, sondern auch vom Geistigen her.

MIGUEL PEREIRA:

Ja, ich weiß noch wie ich mein erstes Bundesligaspiel gemacht habe. Das war an einem Freitag gegen Leipzig, da war ich noch in der A-Jugend, 18 Jahre alt. Da habe ich ungefähr eine halbe Stunde gespielt und da habe ich richtig gemerkt, daß der Unterschied zu den Amateuren enorm ist.

SCHALKE UNSER:

Miguel, Du kommst ja ursprünglich aus Angola, aus einem ganz anderen Kulturkreis. Angola ist ein Land, das schlimme politische Wirren miterlebt hat, wo der Bürgerkrieg tobt. Deine Eltern und Verwandten leben noch dort. Ist Deutschland für Dich so etwas wie eine Rettungsinsel und wie kommst Du mit diesem Kultursprung klar?

MIGUEL PEREIRA:

Ich muß sagen, daß ich heute ganz gut zurechtkomme. Als ich hierherkam war das schwer für mich, ich war erst 14 ½ Jahre alt. Ich war mit sechs Freunden aus Angola geflüchtet. Wäre ich nicht geflüchtet, hätte ich noch als Kind zur Armee in den Bürgerkrieg gemußt.

Erst war ich noch drei Monate in Frankfurt und kam dann in eine Pflegefamilie nach Gladbeck. Später bin ich nach Schleswig-Holstein gezogen, habe dort bei Rendsburg erst so richtig angefangen, Fußball zu spielen. In der A-Jugend kam ich zur Länderauswahl, wo mich Bodo Menze entdeckt und nach Schalke geholt hat.

Bis jetzt war ich erst ein einziges mal wieder für zwei Wochen zu Hause in Angola. Nachdem ich 5½ Jahre hier gelebt hatte, habe ich wieder meine Familie besucht. Als ich dann die Verhältnisse da unten sah, habe ich meine Eltern gefragt „Wie könnt Ihr hier leben…?“ Wenn ich da jetzt zurück müßte und dort leben müßte, ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde.

SCHALKE UNSER:

Trotz aller politischen und sozialen Konflikte erlebt der afrikanische Fußball gerade einen Boom. Erst kürzlich hat eine Afrika-Auswahl die Europäer besiegen können. Miguel, siehst Du Deine Zukunft in Europa? Bist Du eigentlich deutscher Staatsbürger?

MIGUEL PEREIRA:

Nein, ich habe immer noch die angolanische Staatsbürgerschaft, bin aber sogenannter „Fußballdeutscher“. Da ich schon als Kind aus Angola geflüchtet bin, weiß der dortige Fußballverband auch gar nichts von mir. Ich werde auf jeden Fall versuchen, mich in Schalke durchzusetzen.

SCHALKE UNSER:

Miguel, wie empfindest Du es heute als Schwarzer in der Bundesliga zu spielen? Früher gab es da ja schlimme Ausschreitungen und es ist so, daß das von den Fans größtenteils in den Griff bekommen wurde. Was denkst Du, wenn Blödköpfe aufgrund Deiner Hautfarbe irgendetwas rufen?

MIGUEL PEREIRA:

Wenn ich auf dem Platz stehe und jemand etwas gegen mich ruft, lasse ich mich nicht demoralisieren. Die rufen so etwas ja eigentlich nur, um Dich zu demoralisieren. Aber ich höre da gar nicht erst hin, beachte das gar nicht und spiele einfach weiter.

THOMAS KLÄSENER:

Das ist auch richtig so. Denn wenn man diesen Sprüchen als Spieler auch noch Aufmerksamkeit schenkt, dann fühlen die sich auch noch bestätigt in ihren dummen Äußerungen. Das ist ja sowieso absoluter Quatsch, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu unterscheiden.

SCHALKE UNSER:

Wie sieht’s denn bei Euch mit Sex, Drogen und Fußball aus? Ihr seid beides junge Leute, ist es da nicht manchmal schwer für Profis, vernünftig zu leben? Besteht nicht auch die Gefahr, daß man als „Jungstar“ abhebt?

THOMAS KLÄSENER:

Also, ich führe eigentlich ein ganz normales Leben, so wie es wahrscheinlich jeder andere Jugendliche in seiner Freizeit auch führt. Das liegt auch sicher daran, daß ich immer noch sehr viel Kontakt zu meinen alten Schulfreunden habe und mit denen etwas unternehme. Daß ich jetzt irgendwie ein ausschweifendes Leben führen könnte, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Sicher, beim Alkoholkonsum muß man sich schon ein bißchen einschränken, aber ab und zu ein Bierchen, das ist erlaubt. Drogen kommen sowieso nicht in Frage. Rauchen auch nicht, das kostet nur Geld und schädigt die Gesundheit.

MIGUEL PEREIRA:

Naja, ein Bier trink ich auch schon ab und zu, wenn mal irgendwo eine Feier ist, jemand Geburtstag hat oder so. Aber Drogen und Zigaretten auf keinen Fall.

SCHALKE UNSER:

Und was ist nun mit der Liebe?

THOMAS KLÄSENER:

Ja, momentan bin ich solo. Aber ich kann mich nicht beklagen.

MIGUEL PEREIRA:

Ich bin nun mit meiner Freundin seit 3 ½ Jahren zusammen. Ja, es läuft.

SCHALKE UNSER:

Also Fußball, Liebe, Laster. In dieser Reihenfolge?

THOMAS KLÄSENER:

Ja, Fußball steht an erster Stelle, weil das unser Beruf ist.

SCHALKE UNSER:

Es gibt aber auch Profis bei denen das nicht so ist. Es gab mal einen Trainer, der hat im Training immer die Alkoholiker gegen die Nichtraucher spielen lassen. Die Raucher und die Trinker haben immer gewonnen.

MIGUEL PEREIRA:

Dann müssen sie aber eine gute Einstellung gehabt haben. Die können ja dann nicht so viel laufen und müssen immer nur den Gegner und den Ball laufen lassen. Das geht nur mit einer wirklich guten Einstellung.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für den Aufstieg und Eure weitere Karriere. Glückauf.