„Ich war immer ein Teamspieler“

(mw/usu) Stilecht feierte Gerd Rehberg seinen 70. Geburtstag natürlich auf Schalke. Nur wenige Tage später sorgte der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies für einen Paukenschlag. Wenig stilvoll kündigte er an, dass Rehberg am 31. Juli 2006 als Präsident zurücktreten werde. Ab 1. August werde Rudi Assauer den Posten innehaben. SCHALKE UNSER sprach mit Gerd Rehberg über seine Arbeit für den Verein, seinen Ärger, aber auch über die Freude auf die Weltmeisterschaft und sein Leben ohne offiziellen Posten.

SCHALKE UNSER:
Im Sommer 1995 titelt die WAZ: „In Schalke herrscht ein neuer Geist – Gerhard Rehberg lenkte das leckgeschlagene Schalker Schiff in ruhigere Gewässer“. Wie gelang Ihnen das?

GERD REHBERG:
Ich war mein Leben lang Teamspieler. Ich habe nicht versucht, mich persönlich zu profilieren. Gerade ein Vorstand lebt von Teamwork. Dies war auf Schalke ein bisschen verloren gegangen. Ich will mich nicht selbst loben, aber ich denke, ich habe einen großen Verdienst daran, dass der Vorstand wieder zum Team wurde. Der Verein war 1993/94 in sich zerrissen, es gab einen hohen Schuldenberg. Damals standen dem Etat von 28 Millionen Mark 19 Millionen Schulden gegenüber. Es war am Anfang verdammt schwer. Aber auf der anderen Seite hat es auch Spaß gemacht, weil wir wirklich alle zusammenstanden und jeder sich auch an seine Aufgaben gehalten hat.

Rudi hatte immer eine Ausnahmestellung, da er ja immer schon „das Schalke“ verkörpert hat. Er hat blendende Beziehungen zu Sponsoren, ich habe einen ganz guten Draht zur Politik und vielen anderen Menschen. Jupp Schnusenberg hat, was immer ganz wichtig war, gute Kontakte zu Banken. Mit Peter Peters haben wir einen der besten, wenn nicht sogar den besten Geschäftsführer der Bundesliga.

SCHALKE UNSER:
Häufig wurden Sie als Frühstücksdirektor bezeichnet. Doch ohne Ihren Einsatz hätte Schalke wohl nie die Landesbürgschaft für den Bau der Arena erhalten. Ärgert Sie es, dass Ihre Verdienste meistens nicht erwähnt werden?

GERD REHBERG:
Ich bin mal im Parkstadion in einem Halbzeitgespräch von Herrn Sprenger von Premiere angesprochen worden: „Herr Rehberg, man kennt Sie so wenig, kann man sagen, Sie sind Frühstücksdirektor?“ Ich habe geantwortet: „Das stört mich nicht. Wissen Sie, wenn man als Frühstücksdirektor so erfolgreich ist, dann kann man das ruhig sagen.“ Wir haben uns danach lange unterhalten und dann sagte er hinterher, er wollte sich für die Aussage vielmals entschuldigen. Er hätte das einfach so aufgeschnappt, ohne mich persönlich zu kennen. Diese Entschuldigung hat mich sehr gefreut.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich nie in meinem Leben ein Kopfnicker war. Ich habe immer meine Meinung gesagt. Das war auch in der Kommunalpolitik so. Ich hatte immer ein Stückchen Freiheit, denn ich hatte ja auch noch meinen Beruf. Ich kann zwar unheimlich stur sein, aber ich bin auch kompromissbereit. Trotzdem bin ich aber keiner, der zu allem „ja“ sagt!

SCHALKE UNSER:
Schon im März 2005 haben Sie darauf hinwiesen, dass Sie wohl nicht mehr die ganze Amtszeit machen werden. Dennoch fragen sich viele, warum Sie nicht selber der Öffentlichkeit den Zeitpunkt Ihres Rücktritts mitgeteilt haben.

GERD REHBERG:
Für mich persönlich war die Diskussion in den letzten Monaten schon sehr ärgerlich. Ich habe in der Tat bei der Verlängerung der Verträge – ich habe ja keinen Vertrag, ich mache es ja ehrenamtlich – gesagt, dass ich 2006 aufhören will. Sie sollten sich über einen Nachfolger Gedanken machen. Es war intern schon Rudi angedacht. Ich hatte dann noch gesagt, dass ich dies an meinem 70. Geburtstag oder, wo es eigentlich hingehört, auf einer Mitgliederversammlung im Sommer selber bekannt geben werde. Deswegen war die ganze Diskussion ein „alter Hut“. Man hätte einfach warten können, bis ich es sage. So wollte ich das auch. Ich wollte, wie es sich normalerweise auch gehört, den Mitgliedern persönlich mitteilen, dass ich jetzt aufhören möchte. Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass das vorher alles schon rausgequatscht wurde. Durch diese vielen Interviews, die da gegeben wurden, ist das alles kaputt gegangen. Das war nicht mein Wille. Ich wollte das anders.

SCHALKE UNSER:
Aber jetzt haben Sie zum Schluss Ihrer Amtszeit doch noch die Weltmeisterschaft in der Arena.

GERD REHBERG:
Das habe ich letztes Jahr auch bewusst so gesagt, dass ich erst nach der Weltmeisterschaft aufhören will. Das ist für mich noch ein persönlicher Höhepunkt. Hier in unserer Arena, da hängt doch Herzblut daran. Unsere Arena war ja bei der Bewerbung des DFB für die WM 2006 das Flaggschiff, das vergessen viele. Wir waren damals am weitesten von allen. Die Pläne waren fertig. Ich weiß noch: Da kam eine Fifa-Kommission, die sich schon einiges ansehen wollte. Die Grundsteinlegung war ja im November 1998. Wir wollten eigentlich schon im Frühjahr anfangen, aber da wurde das ganze Gelände noch nach Bomben abgesucht und somit hat sich das ganze verzögert.

Diese Kommission kam im Frühjahr und wir haben ein paar Laster und einen Kran hingestellt – dabei war da noch gar nichts. Wir haben da ein bisschen Show gemacht, und das ist uns dann ja auch zugute gekommen. Jetzt kann ich das ja alles erzählen. Da haben wir so getan, als wenn wir schon kräftig dran sind. Als die Kommission weg war, sind Laster und Kran auch wieder weggefahren worden. Das hat uns ein paar Mark gekostet. Aber auf der anderen Seite war es die Sache ja auch wert. Der oberste Stadionexperte war ein Schotte. Der war total beeindruckt. Wir hatten ja auch das schöne Modell.

SCHALKE UNSER:
Sie haben sich im Vorfeld die Befürchtung geäußert, dass bei der WM viele Plätze frei bleiben könnten, weil Sponsoren einen großen Teil der Karten verteilen.

GERD REHBERG:
Ja, das finde ich nicht gut. Man hat das ja bei der EM 2004 in Portugal gesehen. Die Stadien waren offiziell ausverkauft, aber wie man dann im Fernsehen gesehen hat, waren sie nur halbvoll. Die Sponsoren sind sicherlich wichtig, aber Fußball ist nun mal ein Volkssport und keine VIP-Veranstaltung, sondern eben auch für den kleinen Mann, der nicht so viel Geld hat. Das ist nicht wie in Bayreuth, wo nur bestimmte Leute Karten bekommen. Ich glaube, der Vergleich ist gar nicht mal so schlecht. Das ist schon ärgerlich, wenn die Sponsoren die Karten an Kunden verteilen, die dann aber gar nicht zu den Spielen gehen.

Auch diese Optionsscheine, für die die Leute so viel Geld bezahlen müssen, sind nicht im Sinne des Fußballs. Gut, dass man ein bisschen mehr für die Karten bezahlen muss, ist okay. Das ganze kostet ja auch viel, das ist leider so. Man kann ja jetzt auch die Karten kurzfristig vor den Spielen umtauschen, so dass es nicht mehr ganz so bürokratisch ist. Wir haben ja nicht umsonst das Motto „Zu Gast bei Freunden“. Das soll auch so sein. Die Sicherheitsvorkehrungen mit den persönlichen Daten. halte ich für übertrieben. Wenn jemand was machen will, der wird auch jetzt reinkommen. Ich hoffe doch, dass sich bis Juni einige Dinge wieder normalisieren.

SCHALKE UNSER:
Und jetzt kommt natürlich die unvermeidliche Frage: Wer wird Ihrer Meinung nach Weltmeister?

GERD REHBERG:
Deutschland nicht. Ich glaube, dass es Brasilien wird, die haben das Potenzial dafür.

SCHALKE UNSER:
Im April 1994, also im Jahr Ihres Amtsbeginns, kam das erste SCHALKE UNSER raus. Dieses Jahr im Mai wird die 50. Ausgabe rauskommen. Jetzt mal ganz ehrlich, was halten Sie davon?

GERD REHBERG:
Ich muss ganz ehrlich sagen, bei den ersten Ausgaben, die ich so mitbekommen habe, habe ich gedacht: Die müssen ja verrückt sein. SCHALKE UNSER ist nicht eine normale Fanzeitung. Da steckt viel Satire drin. Nachdem ich mehrere Ausgaben gelesen hatte, dachte ich mir: Doch, ist schon gut. Ich muss ehrlich sagen, ich lese es intensiver als unseren Kreisel, weil es im SCHALKE UNSER auch kritische Anmerkungen gibt. Ich habe auch erlebt, dass Kollegen ein bisschen beleidigt waren. Und bei manchen Artikeln habe ich auch gedacht: „Sind die bekloppt geworden, warum schreiben die so etwas?“ Aber insgesamt ist es schön, dass es immer die gleiche, deutliche Linie hat. Ich bin ja mit Schalke auch rumgekommen. Aber etwas gleichwertiges habe ich noch nirgends gesehen.

SCHALKE UNSER:
Was werden Sie ab dem 1. August machen?

GERD REHBERG:
Ich weiß es noch nicht genau. Aber ich werde keine Langeweile haben und bestimmt nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mich weiterhin in irgendeiner Form engagieren, mich zum Beispiel für das Jugendheim in Hassel stark machen. Zum Geburtstag hatte ich mir keine Geschenke gewünscht, sondern statt dessen die Unterstützung von zwei Jugendeinrichtungen, einer katholischen und einer evangelischen. Ich bin froh, denen auf diese Art etwas zu helfen und somit ihre gute Arbeit unterstützen zu können. Ich habe mittlerweile viele Freunde in der Türkei und bestimmt sieben oder acht Einladungen von türkischen Erstliga-Vereinen. Dort soll ich etwas über Strukturen erzählen. Ich werde rumreisen. Denn ich habe auch gute Kontakte nach Lettland, zum Präsidenten von Liepajas Metalurgs, mit dem ich befreundet bin. Er war auch bei meiner Geburtstagsfeier anwesend.

Sein Verhalten hat mir sehr imponiert. Er hat, als im September 2004 hier das Uefa-Cup-Spiel war, 100 Kinder mitgenommen. Die hatte er alle im Maritim untergebracht. Es waren Kinder aus sozial schwachen Familien. Er hat sie auch neu eingekleidet. In Liepaja ist er Hauptaktionär eines Stahlwerkes. Er hat ein Stadion gebaut, eine neue Eislaufhalle, ein Krankenhaus. Da kann sich hier so mancher Unternehmen oder Kapitalist eine Scheibe von abschneiden. Er ist natürlich stolz, dass sie jetzt das erste Mal lettischer Meister geworden sind. Der Trainer war vor kurzem zehn Tage hier und hat hospitiert.

Auf alle Fälle habe ich immer etwas zu tun. Aber ich werde nur noch das machen, was mir Spaß macht. Und auf Schalke werde ich natürlich weiterhin gehen. Allerdings werde ich mich nicht in die Vereinsgeschäfte einmischen und nicht den Schlaumeier machen.

SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft. Glück auf!