Weisse Noch?!

(da/pr) Spektaktuläre Spiele von gestern und vorgestern der Schalker Knappen – diesmal geht es zurück in die 60er. Zitat aus dem Irish Independent vor dem Schalker Europapokalspiel bei Shamrock Rovers 1969: „To give them their full title Schalke 04, Gelsenkirchen which is a beautiful winter sports centre situated between Cologne and Dusseldorf – qualified for the tournament as runners-up in the DFB-Cup, in which they were beaten in the final by Bayern.“ Alles Biathlon – oder was?

Wintersport in Gelsenkirchen

Der Autor N. J. Dunne hatte offensichtlich den ersten internationalen Titel der Königsblauen gründlich missverstanden. Wintersportort? Mailand? 1969? Was ist denn jetzt los?

Also, ganz langsam und schön der Reihe nach: Knapp 30 Jahre bevor unsere Eurofighter in Mailand die Sensation vollbrachten, gewannen unsere Jungs am 2. Juli 1968 den Alpenpokal. Die 68er hatten halt was.

Etwas über diesen Wettbewerb in Erfahrung zu bringen ist nicht einfach. Er wurde Anfang der 60er ins Leben gerufen und in einigen Sportarten, nicht nur Fußball, zwischen Italienern, Schweizern und Deutschen ausgetragen. Franzosen und Österreichern sprach man die Alpen ab. Später nahmen aber auch sie teil. Der Titelverteidiger im Fußball war 1968 Eintracht Frankfurt, die sollten auch mit uns in einer Gruppe spielen. Es traten je vier Mannschaften aus den drei Ländern an:

Gruppe 1: Eintracht Frankfurt, Juventus Turin, FC Luzern, Young Boys Bern, US Cagliari, Schalke 04

Gruppe 2: FC Basel, 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, AS Rom, AC Florenz, Servette Genf

Die beiden Gruppenersten spielten den Sieger aus. Zum Modus muss noch gesagt werden, dass die Italiener nur auswärts spielten, während Schalke über Land tingelte, gegen Juve aber zu Hause spielte.

Rund um den noch vorhandenen Schalker Markt herrschte Aufbruchstimmung .Man hatte mit Siebert und Brocker den Abstieg vermieden und nun wurde tief in die Schatulle gegriffen (wessen auch immer). Die Einkaufsliste war ellenlang, die Konkurrenz schrie Zeter und Mordio, weil Unsummen im Raum standen. Aber all die neuen Cracks waren noch nicht da, als das erste Spiel gegen Frankfurt in Wiesbaden angepfiffen wurde. Nachdem sich beide Mannschaften am letzten Spieltag der Saison einen grausamen Kick geleistet hatten, sprach man vom Albtraumpokal. Vor 4000 Zuschauern trennte man sich 1:1, für Schalke traf Waldemar Slomiany.

Das nächste Spiel gegen Juve fand in der Glückaufkampfbahn statt. 8000 wollten den italienischen Meister sehen, der die Braunschweiger aus dem Europapokal geworfen hatte. Die Blauen beherrschten die Turiner deutlich und siegten nach Toren von Manni Pohlschmidt, Jürgen Wittkamp und Hannes Becher mit 3:1.

Obwohl noch keine der vielen Neuerwerbungen mitspielte, lief es ausgezeichnet. Nicht nur die eigene Leistung erfreute, Rot­Weiß Essen vergeigte den Aufstieg durch eine Niederlage in Göttingen; man brauchte ein weiteres Jahr nicht dorthin.

Beim dritten Spiel in Siegen war Luzern der Gegner. Langsam wurde man heiß auf den seltsamen Pokal, für den 10.000 Mark ausgelobt waren. Ein frühes Eigentor der Luzerner machte die Sache einfach, Senger, Pohlschmidt und Neuser trafen in der zweiten Hälfte vor 10.000 Zuschauern.

Drei Tage später traf man 40 Kilometer weiter südlich in Marburg auf US Cagliari und 7500 Zuschauer sahen einen S04, der die Sarden voll im Griff hatte und nach 20 Minuten 2:0 führte. Aber die Italiener hatten sich ihre Kräfte besser eingeteilt und glichen in der 85.min zum 2:2 aus. Somit lagen sie mit 7:1 Punkten einen Punkt vor uns.

Auch im letzten Spiel blieben die Knappen ungeschlagen. Im ehrwürdigen Wankdorf-Stadion zu Bern wurden die Hauptstädter mit 3:0 besiegt. Da sich Frankfurt und Cagliari unentschieden getrennt hatten, erreichten wir durch das bessere Torverhältnis das Endspiel. Aber nicht Rom war der Gegner, sondern der FC Basel hatte, ebenfalls mit dem besserem Torverhältnis, vor Rom das Endspiel erreicht.

Mittlerweile waren die Schalker Neuerwerbungen Libuda, van Haaren, Hasil, Lütkebohmert, Michel, Trumpfheller, Galbierz und Kasperski spielberechtigt. Trainer Brocker konnte aus einem 24 Mann starken Kader schöpfen, den viele als problematisch ansahen, nicht nur wegen der Finanzen. Und schon waren wir wieder Deutscher Meister. Eigentlich brauchte nicht mehr gespielt werden. Und wieder einmal wurden wir brutal auf den Boden geholt. Erst zur Rückrunde mit Rudi Gutendorf ging es bergauf. Die Saison endete dann mit der Teilnahme am Pokalfinale gegen die Bayern und der Teilnahme am Cup der Pokalsieger, da die Bayern auch Meister wurden.

Aber zurück zum Endspiel um den Alpenpokal. An einem schwülen Dienstagabend trat folgende Mannschaft für Blauweiß im St.­Jakob­Stadion an: Elting, Becher, Rausch, Höbusch, Slomiany, van Haaren, Pohlschmidt, Senger, Kasperski, Lütkebohmert, Michel. Trainer Günter Brocker war trotz des großen Kaders nur mit 12 Spielern angereist. Auf der Bank saß nur Hermann Erlhoff, der zur Halbzeit für Kasperski eingewechselt wurde. Bernd Michel hatte seinen ganz großen Auftritt. Mit drei feinen Einzelleistungen schoss der Ex-Kasseler alle Tore. Was ihm an Technik fehlte, machte er durch Schnelligkeit wett, 11,0 Sekunden auf 100 Metern war seine Bestzeit. Das Spiel stand nach 90 Minuten 1:1, doch Schalke steigerte sich in der Verlängerung enorm und schlug die vom Ex-Herner Helmut Benthaus trainierten Basler mit 3:1. Schalke gewann damit den Pokal und auch die 10.000 Mark.

Und all dies hatte N. J. Dunne vor dem Europapokalspiel der Schalker in Irland (das liegt zwischen England und Neufundland) so irritiert, dass er Gelsenkirchen zu einem Wintersportzentrum machte.

Na ja, ganz Unrecht hatte er ja nicht. Er war seiner Zeit nur um dreißig Jahre voraus.