Mein letztes Mal – Kartoffeln mit Bohnen und Kotelett

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Manni von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig ­ dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.

Ich war 11 Jahre alt. Es war die Saison 1972/73 in der Glückauf-Kampfbahn. Ich war also nur kurz an dieser historischen Stätte, denn zur WM 1974 ging es in das Parkstadion. Aber ich habe das Gefühl, viele Jahre in der Glückauf-Kampfbahn gewesen zu sein. Damals begannen die Spieltage spätestens um 12 Uhr, obwohl erst um 15.30 Uhr Anstoß war. Mein Onkel nahm mich mit auf Schalke. Angefixt hatte mich der DFB-Pokalsieg 1972, den ich auf einem verrauschten Schwarz-Weiß-Fernseher gesehen hatte.

Mein Onkel ist Montageschlosser, seine Kollegen waren Bergleute, Autoschrauber, Stahlwerker. Malocher eben, wie man hier so sagt. Trinkfreudig, ziemlich handfest und mit derben Sprüchen. Und ich mitten drin. Nur ungern hatten Tante und Mutter mich ziehen lassen. „Das ist doch nichts für den Jungen.“ Der Junge aber war von Anfang an Teil der Truppe und so sicher wie in Abrahams Schoß. Selbst im Dortmunder Feindesland konnte mir mit dieser Truppe nichts passieren. Spieltage begannen in der Kneipe, wo mit viel Bier über Fußball gefachsimpelt und über die Arbeit gesprochen wurde. Ich wurde mit Cola versorgt, hätte Würstchen oder Frikadellen bis zum Platzen essen können, stand aber eher am Flipperkasten und ließ mir zeigen, wie es geht.

Mein erstes Spiel war gegen Hannover 96, wir siegten 3:1, und ich war super aufgeregt. Wir standen vor einer Mauer, auf der Zeitungen lagen, damit es beim Aufstützen nicht so kalt wurde. Ohne es zu merken, zerlegte ich die Zeitungen in viele kleine Stücke, irgendwas mussten meine Hände tun.

Schon bald ging es wieder mal gegen den Abstieg. Ich entdeckte die magische Wirkung von Kartoffel mit Bohnen und Kotelett. Das gab es bei meiner Tante vor einem wichtigen Spiel, und wir siegten. Fortan fragten mich alle, ob es das „Siegesessen“ gegeben hätte. Und ich erklärte mühevoll, dass man das „Siegesessen“ nur in Stunden größter Not essen dürfe, sonst wäre der Zauber gebrochen. Die Stunde größter Not kam, und es gab das „Siegesessen“. „Junge, was habt ihr heute gegessen?“, wurde ich gefragt. Riesenerleichterung, als die richtige Antwort kam. Im Spiel gab es einen Elfmeter für uns. Hinter mir stand der vorher noch derb fluchende Willy und sagte inbrünstig: „Lieber Gott, lass ihn reingehen.“ Er wurde erhört.

Es war irgendwann in den 80er Jahren. Schalke spielte in der zweiten Liga, weit entfernt vom Aufstieg. Ein nasskalter Abend in der Betonschüssel Parkstadion, in der sich ein paar tausend Zuschauer frierend verloren. An den Gegner kann ich mich nicht mehr erinnern, geschweige an ein Ergebnis. Ich war damals mit meinem Onkel Tribünenbesucher. Ein oder zwei Reihen vor uns unterhielt sich in der Halbzeitpause ein älterer Herr im edlen Zwirn mit seinem Sitznachbarn. Deutlich war ein sehr starker amerikanischer Akzent zu hören. Aber der Mann sprach deutsch. Es machte mich neugierig. Ein teuer gewandeter Amerikaner bei einem Scheiß-Spiel in der zweiten Liga? Ich sprach ihn an, fragte, warum er sich denn ausgerechnet dieses Spiel anschaue.

Die Antwort: „Junger Mann, ich habe in den dreißiger Jahren dieses Land verlassen. Ich bin nach Amerika gegangen und lebe dort seit vielen Jahrzehnten. Aber wann immer ich nach Deutschland komme, besuche ich Spiele von Schalke, wo auch immer die dann spielen. Das geht gar nicht anders.“ Ich weiß nicht mehr, was ich darauf sagte. Ich weiß nur, dass es mich sehr berührt und nachdenklich gemacht hat.

Springen wir in die vorletzte Saison. Wir hatten die Hand an der Schale, wir waren so nahe dran. Und dann kamen sie, diese arroganten Bayern-Säcke. Eine ungeheure Anspannung in der Luft, mit Händen zu greifen. Lincoln läuft an und macht eines dieser wunderschönen Freistoßtore. Ich konnte nicht mehr, mir liefen die Tränen runter. Wir rüttelten am Thron von Bayern München. Der Riese wankte, aber er fiel auch in dieser Saison nicht. Noch nicht.

Vize-Meister waren wir auch, als ich zum ersten Mal zum Fußball ging.