Beraten und verkauft

(rk) Fußballprofis rücken heutzutage zu Vertragsverhandlungen nur noch mit großem Gefolge an. Spielerberater handeln die Verträge und Gehälter ihrer Schützlinge aus – wobei für Spieler und Berater ein gleichermaßen lukratives Geschäft winkt. Doch was passiert eigentlich, wenn sich ein Verein mehr oder weniger von einem einzigen Berater abhängig macht? So geschehen nun beim FC Schalke 04.

Von keinem Jungprofi muss man erwarten, dass er das juristische „Kleingedruckte“ in den Verträgen versteht – geschweige denn selbst aushandeln kann. Keine Frage, die heutigen Profis benötigen professionelle Unterstützung bei den Vertragsverhandlungen, wenn sie von den Vereinen nicht über den Tisch gezogen werden möchten.

Was passieren kann, wenn Profis auf den Dienst eines Beraters verzichten, kann man an vielen Beispielen sehen. Der ehemalige Stürmer Uwe Leifeld etwa – früher in den Diensten des VfL Bochum und des FC Schalke 04 – war schlecht beraten, als er dem Ex-Bundesligaspieler Ansgar Brinkmann blind vertraute, der ihn in dubiose Immobiliengeschäfte verwickelte. Uwe Leifeld verlor sein Vermögen, musste seine Lotto-Annahmestelle zwischenzeitlich schließen, seine Frau verließ ihn mit den beiden Kindern. Sein Leben gleicht einem Trümmerhaufen.

Wir sind uns also einig: Spielerberater müssen sein. Beim FC Schalke 04 zeigt sich aber zuletzt ein ganz besonderer Fall. Roger Wittmann – Gründer und Geschäftsführer der Agentur Rogon GmbH und Co KG und seines Zeichens Schwager von Mario Basler – bzw. seine Mitarbeiter, die Ex-Profis Wolfgang Fahrian, Karl-Heinz Förster und Bernd Cullmann, gehen inzwischen auf der Schalker Geschäftsstelle ein und aus. Dabei geht es in aller Regel um Geld – um viel Geld.

Kuranyi, Bordon, Lincoln, Rafinha, Ernst, Baumjohann, Özil, Pektürk und Halil Altintop stehen allesamt bei Rogon unter Vertrag. Eine auffällige Häufung – insbesondere wenn man sich die Neuzugänge der jüngsten Vergangenheit anschaut. Bei Halils Zwillingsbruder dürfte es lediglich eine Frage der Zeit sein, wann auch er unter die Fittiche von Rogon gerät.

Gerald Asamoah stand zuletzt gleich zweimal unter Beschuss: Einmal von Seiten der Rostocker Fans, die ihn übelst beschimpften, und das andere Mal hagelte es eine Suspendierung für das Spiel bei Hertha BSC Berlin.

Das Thema ist in der Presse ausgiebig behandelt worden: Angeblich soll aus der Mannschaft heraus die Aussage von Gerald Asamoah, dass er gegen den Trainer Mirko Slomka „schießen“ würde, wenn er keinen Stammplatz erhielte, an einen Berater weitergeleitet worden sein. Der Berater – ein Mitarbeiter von Rogon – soll dann wiederum die Angelegenheit an den Verein weiter getragen haben, dem quasi nichts anderes übrig blieb, als Asamoah für ein Spiel freizustellen.

Zum Glück, muss man sagen, hat in dieser Auseinandersetzung (zunächst) die Vernunft gesiegt. Gerald Asamoah und sein Berater Jürgen Milewski konnten in einem gemeinsamen Gespräch mit Andy Müller und Mirko Slomka die Wogen glätten. Eine sehr komplexe und schwierige Situation, in der man sich als Fan fragen muss, wer da nun wieder welche Interessen vertritt. Sind das etwa die adäquaten Mittel, um seine eigenen Klienten auf den Platz zu bekommen? Sind wir schon soweit, dass sportliche Gründe nicht mehr den Ausschlag geben, ob der eine oder der andere Spieler für den Verein aufläuft? Money makes the world go round – aber der Kampf mit dem Ellenbogen wird auch im Fußball immer noch mit einem Freistoß geahndet.

Die Situation zeigt aber auch auf, dass es ein labiles Terrain ist, auf das sich der FC Schalke 04 begibt. Spielerberater – und hier insbesondere die Firma Rogon – gewinnen anscheinend immer mehr an Einfluss.

Aktuell ist Rogon also so etwas wie der Haus- und Hoflieferant des FC Schalke 04. Auch wenn wir dafür keine Garantie übernehmen möchten, aber wer bereits heute schauen möchte, welcher Spieler eventuell in der kommenden Saison an den Schalker Markt wechselt, sollte mal einen Blick auf die Liste der Spieler werfen, die bei Rogon unter Vertrag stehen (siehe www.rogon.tv).

So ganz abwegig scheint diese Vermutung nicht zu sein. Übrigens: Auch der italienische Tenor, der beim Abschiedsspiel von Ebbe Sand „Time to say Goodbye“ trällerte, steht bei Roger Wittmann unter Vertrag, der mit der früheren Weltklasse-Tennisspielerin Anke Huber liiert ist und zwei Kinder hat.

Berühmt – und auch berüchtigt – wurde Rogon bereits früher durch eine hohe Konzentration von Spielern bei jeweils einem Verein. So war die Agentur beim 1. FC Saarbrücken, Waldhof Mannheim, Wormatia Worms, Jahn Regensburg und dem 1. FC Kaiserslautern tätig. Vereine, die später in große finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Bis heute eilt den Leuten von Rogon der Ruf voraus, sie würden sich mitunter massiv in die Politik der betroffenen Vereine einmischen.

Spricht man heute mit den Fans dieser Vereine, so wünschen durchweg alle der Rogon-Agentur die Pest an den Hals. Die Fans des 1. FC Saarbrücken etwa können noch heute ein Klagelied singen. Nach dem Weggang von Trainer Klaus Toppmöller zu Bayer Leverkusen Ende 2000 wurde Thomas von Heesen sein Nachfolger, der bis dahin für Rogon auf den Gebieten Internet-Sportangebot und Nachwuchs-Konzepte arbeitete.

Schon wenige Tage nach der Vorstellung des neuen Trainers konnte der erste Neuzugang präsentiert werden. Für damals 600.000 Mark kam Thomas Winklhofer von Austria Salzburg nach Saarbrücken. Den Transfer eingefädelt hatte wiederum Roger Wittmann. Sieben Spieler hatte der Mannheimer Wittmann zwischenzeitlich beim 1. FC Saarbrücken unter Vertrag – darunter Sven Scheuer, Johnny Akpoborie, Ante Covic und Rüdiger Rehm. Weitere ehemalige Mitarbeiter von Rogon folgten mit Sportdirektor Lorenz Savelsberg und Marketing-Chef Dirk Schroer. Die Spekulationen um den „FC Rogon“ machten die Runde.

Mit anderen Spielern, die bei dem Berater Michael Becker unter Vertrag standen, zum Beispiel der Nigerianer Stephen Musa oder der Rumäne Leo Grozavu, wurde nicht mehr geredet. Grozavu sagte etwas traurig: „Ich weiß nicht, warum ich hier keine Chance mehr bekomme. Mit mir hat niemand gesprochen.“

Aber auch die Ehe mit Thomas von Heesen hielt nicht lange. Nach vier erfolglosen Partien zu Beginn der Saison 2001/02 wurde der Trainer panikartig entlassen. Den Hintergrund enthüllte von Heesen in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung, in dem er angab, dem Verein mitgeteilt zu haben, dass er keine weiteren Rogon-Spieler verpflichten wolle, das ganze sei „ausgeufert“. Verpflichtet wurde aber daraufhin Heribert Weber als neuer Trainer, der seit einem Jahr aus dem Geschäft war und die Zweite Liga überhaupt nicht kannte. Vermittelt wurde der neue Trainer wiederum von Roger Wittmann.

Beim 1. FC Kaiserslautern hatte Rogon zeitweise zwölf seiner Klienten unter Vertrag, die allesamt mit außergewöhnlich hoch dotierten Verträgen ausgestattet waren. Dazu sollen horrende Provisionen gezahlt worden sein. Wittmann soll, bevor René C. Jäggi den Vereinsvorsitz übernahm, statt der branchenüblichen zehn bis zwölf Prozent eines Jahresgehalts oft den doppelten Honorarsatz abgerechnet haben. Für drei sehr mittelmäßige Spieler soll Rogon rund 1,5 Millionen Euro erhalten haben.

Jäggi hatte bald nach seinem Amtsantritt im September 2002 die Zahl der Rogon-Spieler reduziert und wollte so den Einfluss der Firma einschränken. Vor allem Jäggis Vorgänger, Jürgen „Atze“ Friedrich hatte mit Wittmann Geschäfte gemacht. Auf der FCK-Mitgliederversammlung 2002, die den Abgang von Friedrich und Co. perfekt machte, prangerte Kaiserslauterns Oberbürgermeister Bernhard Deubig als Aufsichtsrat die Provisionen für Wittmann an. Die Gefahr, die eine solche Häufung in sich birgt, brachte Andreas Reinke, früher Torhüter beim 1. FC Kaiserslautern und heute bei Werder Bremen, auf den Punkt: „Die Wittmann-Spieler laufen beim Training rum und sagen anderen, sie sollen lieber zu Wittmann gehen, damit sie hier Fußball spielen können. Vor allem Mario Basler macht das. Das finde ich schon ein bisschen merkwürdig.“

Merkwürdig ist hier sowieso die Rolle von „Super-Mario“ Basler: Die Verbindung zwischen der alten FCK-Führung und Wittmann hatte 1999 neuen Schwung erhalten, als Basler vom FC Bayern in seine Pfälzer Heimat zurückkehrte. Die Münchener „Abendzeitung“ kommentierte damals, ein „geschäftstüchtiger Händler“ habe „die unbedarften Pfälzer mit Durchschnittskickern zugemüllt“.

Und Basler macht auch heute noch mächtig Politik für den Mann, der der Bruder seiner Ehefrau Iris ist: In der Bild-Kolumne testete er zu Saisonbeginn zusammen mit Max Merkel die Bundesligamannschaften. Sehr auffällig: Alle Spieler, die bei Wittmann unter Vertrag sind, werden von Schwager Mario Basler über den grünen Klee gelobt („Denk an meine Worte: Kuranyi wird wieder der Mann! Dazu kommt die Vereinigung der Altintop-Zwillinge. Der Halil hat ja schon in Lautern zwanzig Buden gemacht. Und mit Hamit ist er noch stärker.“).

Andere Spieler hingegen, die bei ihm in Ungnade gefallen sind, wie etwa Mike Hanke, werden als „Anti-Fußballer“ bezeichnet. Schon während der WM hat Basler, Stammtischbruder im DSF-Talk, beharrlich auf Mike Hanke geschimpft; für Basler war die Nominierung Hankes trotz Halbfinaleinzug der Deutschen das WM-Thema Nummer eins. Immer wieder, noch heute, moniert er die Ausbootung Kuranyis durch Jürgen Klinsmann.

Macht da etwa jemand Werbung für eigene Spieler unter dem Mantel des Schein-Journalismus? Jedenfalls bezeichneten ihn die Macher der Fußball-Presseschau auf www.indirekter-freistoss.de bereits als „Rogon-Pressesprecher“.

Und eine weitere pikante Geschichte hängt Rogon an: Anfang Dezember 2005 verkündete die Sportrechte-Agentur Sportfive den Abschluss eines Vertrages zwischen Kevin Kuranyi und dem Software-Unternehmen Microsoft. Es ging um ein Internet-Tagebuch des Schalke-Profis während der WM 2006 auf dem Microsoft-Internet-Portal MSN. Microsoft sah in Kevin Kuranyi die ideale deutsche Werbe-Lokomotive. Der Schalker stehe für „Leistung, Fotogenität und Lifestyle“, so eine Pressemitteilung von Sportfive. Neben weiteren Fußball-Größen wie Ronaldinho, Michael Owen, Edgar Davids und Gianluigi Buffon sollte Kevin Kuranyi seine Erlebnisse während der WM der Internet-Welt offenbaren. Von 300.000 bis 400.000 US-Dollar Honorar war die Rede; eingestielt hatte den Deal wiederum Roger Wittmann. Was dabei zunächst verschwiegen wurde: Angeblich soll der Vertrag bereits zuvor Michael Ballack, Oliver Kahn und Lukas Podolski angeboten worden sein. Doch diese lehnten nach Rücksprache mit ihren Beratern ab, da der Deal direkt mit den Interessen des DFB-Hauptsponsors Deutsche Telekom und dessen Tochterfirma T-Com kollidierte. „Wir haben ohne Nachfrage Abstand genommen, weil es ein eindeutiger Interessenskonflikt ist. Zudem ist es immer suspekt, während einer WM ein Tagebuch zu schreiben“, sagte Kon Schramm von Podolskis Agentur „ans“. DFB-Pressesprecher Harald Stenger teilte mit: „Jürgen Klinsmann und Manager Bierhoff haben Internet-Tagebücher während der WM untersagt. Diese Anweisung ist auch Herrn Kuranyi bekannt.“

Eine vernünftige Argumentation seitens des DFB, die aber Roger Wittmann nicht davon abhielt, der englischen Agentur „sfx“, die von Microsoft mit der Suche von sieben Nationalspielern aus verschiedenen Ländern für das Tagebuch beauftragt worden war, seinen Schützling Kevin Kuranyi anzubieten, der dankend annahm, ohne wohl die weiteren Folgen bedacht zu haben. Die Frage muss daher erlaubt sein: Ist Kevin Kuranyi von Jürgen Klinsmann allein aus sportlichen Gründen nicht bei der WM im eigenen Lande berücksichtigt worden oder spielten auch noch andere Faktoren eine Rolle? Der Verdacht drängt sich jedenfalls auf, dass hier die Rogon-Berater eher eigene Interessen als die ihres Klienten verfolgten.

Dass Spieler ihre Internet-Tagebücher in aller Regel nicht selbst schreiben, sondern ein „Ghostwriter“ dies für sie erledigt, hoffen wir auch im Fall von Kevin Kuranyi. Denn auf seiner Seite auf http://worldcup-de.spaces.live.com finden sich so einige inhaltliche Fehler. Zum Beispiel schreibt Kuranyi (bzw. sein Ghostwriter), dass Schalke 04 zum letzten Mal im Jahre 1959 Deutscher Meister wurde. Stimmt nicht ganz, wie wir alle wissen, der Eintrag wurde aber lange Zeit nicht korrigiert.

Zur Ehrenrettung der Schalker Verantwortlichen sei gesagt, dass das Fußballgeschäft eben brutal ist. Jeder Verein schaut, wie er möglichst günstig an erstklassige Spieler kommen kann, unter Umständen muss dabei auch die eine oder andere Kröte – sprich Spielerberater – geschluckt werden. Die bisherigen Verpflichtungen über Rogon sind zumindest überwiegend Leistungsträger geworden, überteuerte Durchschnittsspieler befinden sich nicht auf der Liste. Wichtig aber ist, dass sich Schalke nicht abhängig von einem einzigen Spielerberater macht. Sollte dieser eines Tages seine Macht ausspielen wollen, könnte es finster werden. Also, liebe Geschäftsführung: Augen auf beim Spielerkauf!