Mit grün-blauer Regenjacke zum Pokal

Wer erinnert sich nicht daran: „Wir werden in der 90. Minute Deutscher Meister sein!“ Dieser Satz flog am 19. Mai 2001 durch’s Parkstadion. Und wirklich, in der 90. waren wir Meister – und den Rest kennt Ihr. Aber es zeigt die Macht der Wünsche, der Träume, der Rituale … und die möchten wir gerne in einer neuen Serie im SCHALKE UNSER vorstellen: die Glücksbringer, die Rituale vor dem und während des Spiels.

Diesmal berichtet Manni von seiner Regenjacke, die ihn bis zum Gewinn des Uefa-Pokals begleitet. Selten, ganz selten gibt der Fußballgott oder wer auch immer ein Zeichen. Ein Zeichen, dass diese Saison eine ganz besondere sein wird. So ein Zeichen gab es in der magischen Saison, in der Schalke nach 19 Jahren Abstinenz wieder auf der europäischen Bühne spielte. Dass dabei ausgerechnet meine Regenjacke eine Rolle spielen sollte, habe ich erst spät kapiert.

Es war das Heimspiel gegen Roda, das wir mit 3:0 gewannen, als das Ungewöhnliche passierte. Nach dem Schlusspfiff lief plötzlich alles wie in Zeitlupe und seltsam gedämpft. Das Flattern der Fahnen im Wind, die strahlenden Gesichter um einen herum, die Mannschaft, die sich feiern ließ ­ alles in Zeitlupe und wie durch einen Schleier.

Und dann dieses Gefühl, dass es der Beginn von etwas ganz Beonderem ist. Einfach unbeschreiblich, ein Gänsehautgefühl, für einen kurzen Moment ganz allein umringt von tausend Anderen, und glücklich. Europa, wir kommen. Die Schmuddelkinder aus dem Ruhrpott.

Ja, an diesem Tag hatte ich sie an, meine grün-blaue Regenjacke von Tchibo. Nein, es regnete an diesem Tag nicht. Aber irgendwie sah es danach aus. Und ich hatte mir schon ziemlich oft einen nassen Ar… in der Nordkurve geholt.

Gegen Trabzon goss es aus Eimern und meine dünne Regenjacke war schon nach wenigen Minuten durch. Es war ein Wahnsinnsspiel mit türkischen Fans, die das Spiel für Trabzon fast zum Heimspiel machten. Mit 1:0 hatten wir das glückliche Ende für uns. Und auch beim 3:3 im Rückspiel war meine Regenjacke dabei. Die Auswärtsspiele guckte ich zusammen mit Freunden in der Kneipe „Franz Kantina“. Da ich zu den merkwürdigen Typen gehöre, die auch in Kneipen ihre Jacken anlassen, schaute ich dieses Spiel eben in meiner Regenjacke. Warum ich sie anhatte, das weiß ich gar nicht mehr. Wie das Wetter beim Rückspiel war? Keine Ahnung.

Jedenfalls gegen Brügge – Hin- und Rückspiel – war die Jacke dabei. Und auch gegen Valencia und Teneriffa. Irgendwann mal sagte jemand zu mir „Mensch Manni, zieh doch mal die Jacke aus. Oder willst du schon gehen?“ Bei welchem Spiel? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht war es der Moment, wo mir langsam dämmerte, dass diese Jacke eine wichtige Rolle spielte. Vor allem, weil noch irgendwer sagte, dass ich sie bisher immer anhatte.

Ich habe sowieso einen kleinen Aberglaubentick. Beim letzten Mal ’ne Bratwurst gegessen, und es lief gut? Na ja, dann kann man ja auch bei diesem Spiel in die Bratwurst beißen. Vor allem, wenn man eh Hunger hat. Geholfen haben alle diese Marotten dann schlussendlich doch nicht. Aber man weiß ja nie. Also blieb die Jacke an, und ich beschloss sie unabhängig vom Wetter bei den Uefa-Cup-Spielen zu tragen.

Damit mich niemand missversteht: Ich nehme mich nicht so wichtig, dass allein meine Angewohnheiten und Ticks über den Ausgang von Spielen entscheidet. Die Sache ist viel komplizierter. Es müssen die Ticks, Angewohnheiten, Marotten, Maskottchen und der Aberglaube von tausenden von Fans zusammenkommen und sich in einem glücklichen Moment auf wundersame Weise zu einem Ganzen fügen.

Dann und nur dann wirkt der Zauber. Und es ist der Zauber des Augenblicks, einer ganz besonderen Saison und deshalb nicht beliebig zu wiederholen. Und sollte das Schicksal, der Fußballgott, der Zufall oder ich weiß nicht was beschlossen haben, dass meine Jacke eine Rolle spielen soll, dann durfte ich jetzt nichts vermasseln! Also blieb die Jacke mein ständiger Begleiter – bis zum Finale.

Und, oh Wunder! Das Finale kam. Damals gab es ja noch ein Hin- und Rückspiel und dass die Jacke im Parkstadion dabei sein musste, stand außer Frage. Willi das Kampfschwein, beflügelt von der Kraft der magischen Jacke und tausenden anderen Ritualen und Glücksbringern machte das 1:0. Die Null ­ sie stand auch diesmal wieder. So nah dran, so unglaublich nah, nach 19 Jahren des Wartens und trostlosen Jahren in der zweiten Liga. Jetzt musste der Pott her!

Also ging es am Tag des Finales wieder zu Franz Kantina. Rappelvoll der Laden, kaum ein Fuß auf den Boden zu bekommen. Die Jacke bleibt an, hätte sie auch nicht ausziehen können, wenn ich es gewollt hätte. Die Spiele hatten ihre Spuren auf der Jacke hinterlassen. Mal war es der Biersegen von oben, mal der Senf der Bratwurst. Aber solange diese Jacke nicht ihr Werk vollendet hatte, war an Waschen nicht zu denken. Nach kürzester Zeit war ich schweißgebadet. Das Spiel, die Aufregung, die Hitze in der unglaublich stickigen Luft der Kneipe. Verdammt, wir fingen uns das Tor. War jetzt alles zu spät? Sollte es kommen, wie es kommen muss? Groß schlägt klein? Schießt Geld doch Tore? Der Zweifel begann zu nagen, als ich hörte: „Manni, du hast einen hochroten Kopf. Du kippst gleich um. Zieh die Jacke aus.“ Da war er, der Wink der höheren Macht. Jetzt standhaft bleiben, jetzt ein Zeichen setzen. Die Jacke – bislang stand sie offen. Also machte ich sie zu. Schwitzte und bibberte gleichermaßen, starrte auf die Leinwand und sah, wie Lehmann abtauchte …

Noch heute muss ich mir ganz schnell eine Träne verdrücken, wenn ich irgendwo Manni Breuckmann höre: „Lehmann hält, gegen Zamorano.“

Die Jacke habe ich nie wieder angezogen. Aber ich habe sie noch, aus Dankbarkeit und weil es vielleicht irgendwann einmal wieder ein Zeichen gibt.
Gibt es ein Kleidungsstück, das unbedingt mit, ein Zaun, der unbedingt angepinkelt, ein Bier, das ausgekippt werden muss? Schreibt es auf und schickt es an: schalke-unser@fan-ini.de.