„Alle Farbigen sollen akzeptiert werden und nicht nur die Promis“

(axt/usu) Schon ab 9 Uhr hatte Gerald Asamoah trainiert, danach bekam er Massagen. Aber in der Mittagszeit am Samstag vor dem Bremenspiel fand er Zeit für ein Gespräch mit dem SCHALKE UNSER. Wir sprachen mit ihm über Meisterschaft, Zwillinge, die da sind und die, die noch kommen, aber auch über Stammgäste und Rassismus.

SCHALKE UNSER:
Gerald, du trainierst wieder, wann können wir wieder mit dir rechnen?

GERALD ASAMOAH:
Ich bin jetzt in der Reha und fange wieder an zu laufen. Ich hoffe, dass ich bald mit der Mannschaft trainieren kann. Die Mediziner meinen, dass ich Mitte oder Ende März wohl wieder einsteigen kann. Es kann natürlich auch sein, dass es früher schon klappt. Aber ich will mich selber nicht unter Druck setzen. Nach so einer Verletzung braucht es einfach Zeit.

SCHALKE UNSER:
Nun, wir hoffen, dass du auf alle Fälle im Mai wieder dabei bist und am 12. Mai in der verbotenen Stadt das entscheidende Tor schießt.

GERALD ASAMOAH:
Stimmt, da habe ich noch nie verloren ­ das wäre wirklich optimal.

SCHALKE UNSER:
Dieses Jahr spricht jeder offen von der Meisterschaft, 2001 wollte keiner das Wort in den Mund nehmen.

GERALD ASAMOAH:
2001 hat keiner damit gerechnet, dass wir so eine Saison spielen. Wir haben über das Ziel Meisterschaft in der Kabine gesprochen, aber draußen wollten wir damit nicht in die Offensive gehen. Jetzt haben wir eine super Mannschaft auf Schalke. Dieses Jahr sind wir so nahe dran. Bayern hat einigen Rückstand und wir sind ganz vorn. Dieser Kader wurde über Jahre für dieses Ziel zusammengestellt. Daher ist es klar, dass wir Meister werden wollen und das auch offen sagen.

SCHALKE UNSER:
Mirko Slomka kennst du ja schon länger?

GERALD ASAMOAH:
Dass wir uns kennen gelernt haben, war übrigens ein Zufall. Damals spielte ich bei Werder Hannover und wir hatten einen freien Tag. Deshalb wollte ich bei meinem Cousin, der bei der zweiten B-Jugend bei Hannover 96 spielt, mittrainieren. Ich war aber etwas zu spät und traf unterwegs einen Freund, der bei der ersten B-Jugend bei Slomka spielte und der meinte, ich soll doch bei ihnen mitmachen. Ich ging mit, trainierte dort und danach meinte Slomka, dass er mich haben möchten.

Es war ein Zufall, aber Gott wusste, warum das so kam. Später wurde ich mit anderen in die erste Mannschaft hochgezogen, daher war ich schon früh Profispieler. So hatte ich immer Kontakt mit Mirko und der ist auch später nicht abgerissen. Wenn ich in Hannover war, haben wir uns immer mal wieder zu einem Kaffee verabredet. Es war schon kurios, als er plötzlich hier war. Aber es ist schön.

SCHALKE UNSER:
Die Mannschaft hatte zu Beginn der Saison etliche Probleme, bei denen du auch involviert warst. Mit dem Trainer, mit Halil und Hamit ­ hat sich das nun geklärt?

GERALD ASAMOAH:
Natürlich, wenn man mit Schalke so viel erlebt hat und dann auf einmal durch so eine Aktion in die Schlagzeilen gerät, nimmt das einen mit. Aber wir sind Männer und Fußballer, wir haben alle ein Ziel, das wir erreichen wollen. Deshalb müssen wir solche Nebensächlichkeiten beiseite schieben. Also haben wir uns ausgesprochen, das Ganze ist erledigt. Ich gehe immer noch mit Halil zusammen weg.

SCHALKE UNSER:
Dann werdet ihr eure Zwillinge Halil und Hamit nennen?

GERALD ASAMOAH:
Nun, wir wissen noch nicht, ob es zwei Jungs werden oder zwei Mädels. Wir lassen uns überraschen.

SCHALKE UNSER:
Hast du dir schon überlegt, ob du deine Kinder, falls sie zuviel Fußball spielen, nach Ghana schickst?

GERALD ASAMOAH:
Ihr meint, so wie es meine Eltern bei mir anders herum gemacht haben?

SCHALKE UNSER:
Genau.

GERALD ASAMOAH:
Wenn meine Kinder Fußballspielen wollen, werde ich ihnen den Spaß nicht nehmen. Meine Mutter hat das ja versucht, aber es wurde dann ja noch schlimmer. Deswegen werde ich meine Kinder nicht davon abhalten wollen.

SCHALKE UNSER:
Du kannst dir also auch vorstellen, dass Mädchen Fußball spielen?

GERALD ASAMOAH:
Aber natürlich. Man sieht doch, wie erfolgreich der Frauenfußball in Deutschland ist. Wenn meine Tochter sagen würde, „Papa, ich will Fußball spielen“, würde ich ihr erklären, was auf sie zukommt. Aber schlussendlich wäre das ihre Sache, wenn sie das will.

SCHALKE UNSER:
Hast du die Befürchtung, dass deine Kinder rassistischen Angriffen ausgesetzt sein könnten? Du warst ja schon einige Male Zielscheibe solcher Beschimpfungen.

GERALD ASAMOAH:
Natürlich hoffe ich, dass sich das endlich ändert. Ich habe das selbst erlebt und auch meine Frau wurde auf der Kirmes angepöbelt. Aber ich hoffe, dass die Leute irgendwann kapieren, dass wir Farbigen Menschen sind. Es war früher allerdings schlimmer und deshalb habe ich die Hoffnung, dass es sich bessert und somit meine Kinder nicht so etwas erleben, was ich erlebt habe.

SCHALKE UNSER:
Haben dich die Vorfälle in Rostock überrascht?

GERALD ASAMOAH:
Ja sehr. Es war ja nur kurz nach der WM, bei der alles super war, ich bejubelt wurde. Nach dieser Stimmung, die dort herrschte, findet plötzlich wieder so ein Vorfall bei einem Pokalspiel statt, bei dem nicht so viel los war. Wir spielten ja gegen die Amateurmannschaft von Hansa Rostock. Da haben sich gewisse Leute gesammelt, die durch ihre Schreierei Aufmerksamkeit erhalten wollten. Darüber wurde weltweit berichtet.

Ich hatte bei der WM gedacht, dass so etwas in Deutschland nicht mehr passiert. Aber dann ist doch der Alltag wieder zurückgekehrt. Das hat mich enttäuscht und es hat auch weh getan. Ich spiele für Deutschland und werde akzeptiert und da sind gewisse Leute, die wollen das immer noch nicht kapieren.

SCHALKE UNSER:
Wie sieht es mit dem Rassismus hier im Umfeld aus, du hattest doch schon einmal Probleme in einer Diskothek?

GERALD ASAMOAH:
Jetzt ist das eigentlich kein Problem mehr, denn die Leute erkennen mich ja. Aber für mich ist der Punkt: Wie geht es den anderen, die halt nicht so bekannt sind? Ich hatte das Erlebnis, dass ich in Hannover war und in eine Diskothek wollte. Mir wurde erklärt, dass sie nur für Stammgäste sei. Ich entgegnete wie ich denn Stammgast werden kann, wenn ich nicht einmal hineingehen darf. Als ich dann wegging, kam der Türsteher plötzlich hinter mir hergerannt: „Herr Asamoah, tut mir leid, natürlich dürfen sie da rein.“ Ich habe ihm erklärt, dass es nicht um mich persönlich geht, sondern um die Situation, dass Farbige da wohl nicht rein dürften. Und dass ich jetzt nicht mehr rein will.

1999, als ich neu in Gelsenkirchen war, wollte ich mit meinem Bruder und einem anderen farbigen Spieler Billard spielen. Da wurde uns in dem Laden auch erzählt, das sei nur für Stammgäste. Da habe ich auch nachgefragt, wie ich denn Stammgast werden könnte. Sie haben erzählt, man müsste an einem bestimmten Tag kommen, wenn der Chef da wäre. Ich habe erklärt, dass ich schon länger in Deutschland lebe und wüsste, dass dem nicht so sein könnte. Wir sind anschließend in ein Eiskaffee gegangen und haben gehofft, dass die nicht auch ankommen und behaupten, das wäre nur für Stammgäste.

SCHALKE UNSER:
Du bist bei der WM kaum zum Einsatz gekommen. War das enttäuschend für dich?

GERALD ASAMOAH:
Klar war das enttäuschend. Einen guten Fußballer zeichnet aus, dass er immer spielen möchte. Ich habe versucht, mich im Training anzubieten. Aber der Trainer hat so entschieden und die Mannschaft war erfolgreich. Trotzdem war ich stolz, ein Teil der Mannschaft gewesen zu sein.

SCHALKE UNSER:
Hast du dir den Film Sönke Wortmann angeschaut?

GERALD ASAMOAH:
Wir haben ihn uns gemeinsam vor der Ausstrahlung im Hotel angesehen. Wir konnten auch entscheiden, ob etwas nicht gezeigt werden soll. Aber wir wissen ja, was in der Kabine los war. Für uns war das nichts Neues. Für die Fans war es bestimmt schon spannend zu erfahren, was da wirklich in der Kabine abläuft.

Für uns war der Film trotzdem interessant. Ich erinnere mich, als wir die Situation mit dem italienischen Tor nochmals sahen, da wurde es ganz still im Kinosaal. Vorher hatten wir gelacht und Witze gemacht. Aber da wurde es ganz ruhig. Wenn du dir das anschaust, dann kommt alles wieder hoch. Da steht ausgerechnet ein Linksfuß auf der rechten Seite, der den Ball mit dem linken Fuß ins Tor schießt. Hätte da ein Rechtsfuß gestanden, wäre der Ball wohl nicht im Tor gewesen. Aber ich sage mir dann, Gott weiß, was er tut. Und dann muss man das so hinnehmen.

SCHALKE UNSER:
Lass uns noch etwas bei dem Thema verweilen. Zu Saisonbeginn kam das Motto „totale Dominanz“. Ist es für dich als gläubiger Mensch nicht so, dass nur Gott die totale Dominanz haben kann?

GERALD ASAMOAH:
Ja, Dominanz hat nur Gott. Gott weiß, was er tut und er weiß, was morgen passiert. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht dabei, sondern wegen der WM noch im Urlaub. Ich weiß, wie das mit der totalen Dominanz gemeint war, es bezog sich nur auf unser Ziel, ein Spiel zu beherrschen, im Griff zu haben.

Aber es kam nicht so rüber, sondern das wirkte arrogant. Aber ich kann leider nicht so viel dazu sagen, da ich ja nicht dabei war. Als ich wieder da war, wurde es schon nicht mehr gemacht. Wenn ich dabei gewesen wäre und hätte entscheiden können, hätte ich mich dagegen ausgesprochen.

SCHALKE UNSER:
Hilft dir dein Glauben auch bei so einer Situation wie deiner Verletzung oder haderst du da auch?

GERALD ASAMOAH:
Natürlich hadere ich da und frage mich, warum ausgerechnet ich, warum passiert mir das. Man stellt sich in so einer Situation viele Fragen. Aber dann sage ich mir, okay, mein Bein ist gebrochen, aber ich werde wieder Fußballspielen können. Andere sind krank und können überhaupt nie wieder gehen. Da muss ich mir sagen, dass es mir trotzdem noch besser geht als anderen. So auch mit meinem Herzen. Es war vorbei. Aber ich wusste, Gott wird mich nicht im Stich lassen. Er bringt mich nicht nach oben als Fußballer und sagt dann: „Junge, jetzt ist es vorbei.“

SCHALKE UNSER:
Wir hatten 1999 schon einmal ein Interview mit dir gemacht und da hast du erzählt, dass du als einziges Buch nur die Bibel hast. Ist das immer noch so?

GERALD ASAMOAH:
Nein. Die Bibel lese ich natürlich immer noch, aber auch einige andere Bücher, etwa Biographien. Romane sind nicht mein Ding.

SCHALKE UNSER:
Was passierte in Ghana mit deinen ersten Fußballschuhen, hast du die verloren oder verschenkt?

GERALD ASAMOAH
Die habe ich verschenkt. Ich hatte das Glück, dass mir meine Eltern Fußballschuhe aus Deutschland schicken konnten. Aber mit denen habe ich den anderen Kindern, die barfuß spielten, auf die Füße getreten. Ich habe sie einem älteren Spieler, der welche brauchte, geschenkt und habe weiterhin barfuß gespielt.

SCHALKE UNSER:
Dein Vater ist wieder in Ghana?

GERALD ASAMOAH:
Nein, er pendelt nur hin und her. Ich habe ein Haus gebaut in Ghana und wir errichten jetzt auch ein Hotel dort. Er ist darum immer wieder vor Ort.

SCHALKE UNSER:
Heißt das denn, dass wenn du deine Profikarriere beendest, dass du dann nach Ghana gehst?

GERALD ASAMOAH:
Nein, gar nicht. Es ist nur so, dass ich ein zweites Standbein haben möchte. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, nach Ghana zu ziehen. Wenn ich dort bin, bin ich im Urlaub.

Ich fühle mich in Deutschland zu Hause. Im übrigen brauche ich für Ghana immer ein Visum.

SCHALKE UNSER:
Wie sieht deine Zukunft aus, bleibst du auf Schalke?

GERALD ASAMOAH:
Ich bin ja jetzt schon seit 1999 bei Schalke und ich habe mich in den Verein verliebt. Man weiß ja nie, was kommt. Aber wenn es nach mir geht, kann ich mir gut vorstellen, meine Karriere hier zu beenden. Ich habe hier alles und ich kenne mich hier aus.

Die Fans wissen, was sie an mir haben und ich weiß, was ich an ihnen habe. Die Fans wissen, was ich kann und was ich nicht kann und akzeptieren mich so, wie ich bin. Das möchte ich nicht aufgeben. Ich fühle mich wohl und könnte mir gut vorstellen, noch lange hier zu bleiben. Aber das muss natürlich von beiden Seite so gesehen werden.

SCHALKE UNSER:
Stimmt, es dass du eine Ausbildung als Koch angefangen hast?

GERALD ASAMOAH:
Nein. Ich habe nach der zehnten Klasse mit 16 ein Jahr Berufsgrundjahr gemacht im Bereich Küche und Service und hätte danach entscheiden können, was ich jetzt genau mache. Aber mein Ziel war, Fußballprofi zu werden und das wurde ich dann mit 17.

Somit habe ich keine abgeschlossene Ausbildung. Ich kann zwar kochen, aber das macht jetzt eigentlich immer meine Frau, denn die kocht sehr gerne.

SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir hoffen, dass du bald wieder spielen kannst und wünschen dir und deiner Familie alles Gute. Glückauf!