Was macht eigentlich … Jürgen Wegmann?

(rk) Nach eigenen Angaben war er giftiger als die giftigste Schlange, was ihm den Spitznamen „Kobra“ einbrachte. Er schnürte die Fußballstiefel unter anderem für Rot-Weiß Essen, den BVB, Schalke 04 und Bayern München. Er war der „Goldene Reiter“ – doch dann stürzte er ab.

Jürgen Wegmann lernte das Toreschießen in der Jugendabteilung von Rot-Weiß Essen. 1984 debütierte er in der Bundesliga für den BVB. Zwei Jahre später rettete er die Borussia mit seinem Tor in der letzten Minute des Relegations-Rückspiels gegen Fortuna Köln ins Entscheidungsspiel, in dem der BVB den Abstieg in die 2. Liga vermied. „Mein Dank gilt Schiedsrichter Aron Schmidhuber, weil er nachspielen ließ“, sagt Wegmann heute.

Doch schnell zog es die „Kobra“ zu besseren Vereinen, noch im gleichen Jahr wechselte Wegmann zum FC Schalke 04. Schade nur, dass zu dieser Zeit Rolf Schafstall auf der Schalker Trainerbank saß, denn dieser hatte überhaupt kein Konzept und fand auch nie eine Wellenlänge zu Rudi Assauer. Es sollte ein ganz fatales Fußballjahr werden. Noch bevor die Saison richtig begonnen hatte, hatte sich Jürgen Wegmann im Trainingslager den Fuß gebrochen, und hinter den Kulissen dominierte das Hauen und Stechen. Versuche von Assauer und Schafstall, sich zusammen zu raufen, gab es genügend, die Haltbarkeitsdaten der friedlichen Phasen waren allerdings begrenzt. Für Assauer stand fest: Schalke und Schafstall – das passt nicht. Später hat Assauer Schafstall als „einen der größten Proleten, die ich in der Fußball-Branche kennen gelernt habe“, bezeichnet.

Trotz aller widrigen Umstände wurde Uli Hoeneß auf Jürgen Wegmann aufmerksam und warb um ihn. In den Spielzeiten 87/88 und 88/89 ging er für Bayern München auf Torejagd. Noch vor der Saison 1987/88 streckte HSV-Torwart Uli Stein im Supercup Jürgen Wegmann nach einem Gegentor mit einem Faustschlag nieder und sah die Rote Karte.

1988 kürten 113.000 Sportschau-Zuschauer seinen unvergesslichen Scherenschlag-Treffer bei Münchens 1:0 gegen den 1. FC Nürnberg zum „Tor des Jahres“. Wegmann bescheiden: „Die wichtige Vorlage kam von Olaf Thon.“ Und er erinnert sich: „Ich bekam mehr Stimmen als Holland-Legende Marco van Basten.“ 1989 wurde Wegmann mit den Bayern Deutscher Meister. Zur neuen Saison kehrte der Stürmer zum BVB zurück, wo er nach mehreren Verletzungen im November 1992 sein letztes Erstligaspiel absolvierte. 203 Bundesliga-Spiele, 69 Tore – so seine Bundesliga-Stürmerbilanz.

Die Rückrunde der Saison 1992/93 verbrachte Wegmann beim Zweitligisten MSV Duisburg, anschließend wechselte er in die Regionalliga zu seinem Stammverein Rot-Weiß Essen. 1995 wurde Wegmann für die symbolische Ablösesumme von einer Mark vom Zweitligisten 1. FSV Mainz 05 verpflichtet, der ihn jedoch nur in einem einzigen Testspiel einsetzen konnte. Eine weitere schwere Verletzung in jenem Spiel sorgte für die Vertragsauflösung und Wegmanns Karriereende.

Danach hatte Wegmann im privaten Umfeld – um ihn selbst zu zitieren – erst kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Seine Ehe (aus ihr hat er eine 16-jährige Tochter) scheiterte. Bei der Aufteilung des Rest-Vermögens „kam ich nicht gut weg“. Aus einer anderen Verbindung stammt noch ein inzwischen elfjähriger Sohn. Wegmann jobbte im BVB-Fanshop als Lagerist und Fahrer, anfangs verdiente er dort rund 1500 Euro im Monat. Damit konnte er sich noch ganz gut über Wasser halten. Aber als beim BVB der Gürtel enger geschnallt werden musste und sein Förderer Manager Michael Meier den BVB verließ, gab’s auch für Wegmann immer weniger. Zuletzt zahlte man Wegmann nur noch 380 Euro, weil er nur noch unregelmäßig zur Arbeit erschien. Man trennte sich – und Wegmann zog sich immer mehr in seine 44-Quadratmeter-Wohnung in Essen zurück. Er fühlte sich einsam, war verzweifelt. Zuletzt lebte er von Hartz IV, 458 Euro im Monat. Nebenbei versuchte er sich als Kreisliga-Schiedsrichter, doch auch das scheiterte kläglich. Einmal pfiff er einen Freistoß und sagte zu dem vorgesehenen Schützen: „Lass liegen, den schieße ich jetzt mal selbst.“ Kam nicht ganz so gut an, nach 52 Spielen in untersten Klassen war auch die Schiri-Laufbahn vorbei.

Immerhin hatte man ihn bei seinem Stammverein Rot-Weiß Essen, wo er wegen rückständiger Beitragszahlung als Mitglied ausgeschlossen worden war, wieder aufgenommen – beitragsfrei. Wegmann griff Anfang des Jahres verzweifelt zum Telefonhörer. „Ich habe Bayern-Manager Uli Hoeneß angerufen und ihn gebeten: ‚Nehmen Sie mich bitte wieder mit ins Boot.’“ Hoeneß verstand den Hilferuf – und half. Seitdem arbeitet Jürgen Wegmann im Bayern-Fanshop im Oberhausener Einkaufszentrum CentrO. „35 Stunden die Woche, immer pünktlich, ich will dankbar sein“, sagt er. Ein Auto hat er nicht. Er fährt mit der Bahn von Essen nach Oberhausen. Die Lageristentätigkeit hat er aber inzwischen schon wieder aufgegeben und arbeitet nun im Bayern-Shop im Security-Bereich.

Heute lebt Jürgen Wegmann immer noch in Erinnerungen und Träumen: „Rudi Assauer hat mich 2004 zum 100. Jubiläum der Schalker eingeladen und mir eine Havanna geschenkt. Die habe ich immer noch, weil ich Nichtraucher bin.“