Mit der Stoppuhr neben dem Urinal – Kahn lacht nicht

„Life is stranger than fiction“, hat Mick Jagger mal gesagt. Und bei der Managersuche des S04 waren nun wirklich viele Ereignisse so kurios und irrwitzig, dass man sie sich bei weitem nicht hätte ausdenken können. Die Folge: Man rechnete mit allem. Selbst, als am 1. April der WDR meldete, Schalke befände sich in Gesprächen mit Franjo Pooth, glaubten das viele. Ein entrüsteter User im Forum schrieb, jetzt seine Dauerkarte abzugeben, wenn Pooth komme. Doch die Spitze der Realsatire bildete der bild.de-Liveticker zum Treffen von Clemens Tönnies mit Oliver Kahn. Und wir schwören beim Barte des Kuranyi, dass folgende Passage nicht erdacht, sondern wirklich so auf der Internetseite der „Bild“ zu finden war:

11.56 Uhr: Die Tür des Verhandlungsraumes geht auf, Clemens Tönnies verlässt den Raum, legt eine Toilettenpause ein. Nach zwei Minuten gehen die Verhandlungen weiter.

12.02 Uhr: Zum ersten Mal an diesem Tag kommt die Sonne über Rheda-Wiedenbrück raus. Ein gutes Omen für Schalke? Lacht sie schon für Oliver Kahn?

12.17 Uhr: Eine Kellnerin betritt den Verhandlungsraum mit frischem Kaffee. Gut möglich, dass es Kahns erster Kaffee ist – beim Frühstück war die Kaffeemaschine kaputt!

12.18 Uhr: Die Tür des Verhandlungsraumes geht erneut auf. Dieses Mal kommt Oliver Kahn aus dem Raum, legt ebenfalls eine Pinkelpause ein. Der Torwart-Titan ist nach anderthalb Minuten wieder oben – schneller als Tönnies.

12.21 Uhr: Immer mehr Schaulustige versammeln sich vor dem Hotel. Es scheint, als sei ganz Rheda-Wiedenbrück auf den Beinen!
12.31 Uhr: Ein spritziges Vergnügen! Gerade fährt ein Getränkelaster vor – einige Bierfässer werden ins Hotel gerollt. Ob Kahn und Schalke nach den Verhandlungen anstoßen?

12.47 Uhr: Und was gibt`s zu essen? Tönnies zu bild.de: „Tönnies-Fleisch – wie immer!“ Kahn & Co. essen Steaks.

13.02 Uhr: Mülleimer geleert, Spiegel geputzt, Staub gewischt – im Zimmer von Oliver Kahn ist alles wieder blitzsauber! Soeben hat eine Reinigungskraft die Unterkunft des ehemaligen Bayern-Keepers verlassen.

13.12 Uhr: Da muss der Hunger groß gewesen sein! Die Kellner räumen bereits wieder ab, alle Teller sind blitzblank geputzt! Da gibt´s morgen gutes Wetter!

Doch solch investigativer Journalismus forderte uns natürlich heraus. Deswegen haben wir durch wochenlange Recherchen herausgefunden, was vorher passierte und was uns der bild.de­Ticker verschwiegen hat.

09:10 Uhr: Tönnies wird später kommen. Immer wieder muss er das Gesundheitsamt am Telefon abwimmeln. Er hält sich ein Tuch vor den Hörer und nuschelt: „Ganz schlechte Verbindung gerade.“

09:20 Uhr: Auch Kahn kommt später. Als er in sein Navi „Rheda-Wiedenbrück“ eingegeben hat, kommt als Antwort: „Willst du mich verarschen?“

09:34 Uhr: Kahn fährt durch die Prärie um Rheda. Er hat Hunger. Immer wieder muss er zurück gehalten werden, um nicht auf den Wiesen ein Rind zu reißen. Sein Berater kommt ins Schwitzen.

09:46 Uhr: Tönnies liest sich noch einmal die Bewerbungen durch, die seit Monaten auf seinem Tisch liegen. Jetzt erst bemerkt er, dass es nur um Stellen bei „Tönnies Fleisch“ geht.

09:59 Uhr: Kahn fragt schon mal im Dorf nach, ob es so etwas wie das P1 hier gebe. Schallendes Gelächter der Ureinwohner. Kahn lacht nicht. Er wird wohl mit der etwas übergewichtigen und betagten Schützenkönigin vom letzten Jahr vorlieb nehmen müssen.

10:03 Uhr: Wieder klingelt Tönnies’ Handy. Olaf Thon ist stinksauer, nicht eingeladen worden zu sein. Er steht mit mehreren Biergläsern bewaffnet im Foyer von Tönnies’ Hotel. Die Sache wird ernst. Tönnies überlegt, seine russischen Polonium-Connections spielen zu lassen.

10:30 Uhr: Kahn bezieht das Hotelzimmer. Das Bett gefällt ihm nicht, die Matratze ist zu weich. Der Portier witzelt: „Im Keller ist noch ein Fakirbett.“ Schallendes Gelächter. Kahn lacht nicht. Später wird er sich in genau jenes Nagelbrett kuscheln – bäuchlings.

10:40 Uhr: Auch Tönnies geht noch mal auf’s Zimmer. Er knipst den Fernseher an. Der „Blue Channel“ hat heute Thementag: „Heiße Cousinen in Paris“. Jemand tönt darin etwas wie „d`accord“. Tönnies denkt sich, dass sein Italienisch zwar ein bisschen eingerostet ist, aber notiert sich den Ausspruch.

11:12 Uhr: Manager-Veteran Calmund hat Kahn als Hilfe ein Handout mitgegeben, als er hörte, dass Kahn die Fleischfabrik in Rheda besucht. Kahn nimmt das Heft mit als Konzept. Es stellt sich heraus, dass es sich um Essensbestellungen und Fleischphantasien Calmunds handelt. 30 Seiten. Tönnies ist überzeugt von dem Konzept.

11:30 Uhr: Immer mehr Schaulustige versammeln sich vor dem Hotel. Aus gegebenem Anlass wurden heute in Rheda das übliche Mittagsaxtwerfen und die Hexenverbrennungen abgesagt. Viel von dem Heu wird hingegen in Olli Kahns Zimmer gebracht.

11:53 Uhr: Essensbestellung. Kahn wird gefragt, ob er das Fleisch „medium“ haben will? Er sagt: „Hauptsache, es zuckt noch“. Schallendes Gelächter. Kahn lacht nicht. Tönnies geht erst einmal den halben Liter Frühstücks-Doornkaat zur Toilette bringen. Beim Urinieren fallen Tropfen auf die Stoppuhr des neben dem Urinal hockenden Bild-Reporters.

11:55 Uhr: Auf der Weide in der Nähe des Hotels liegt ein Kuhfladen. Rund. Ist das das Zeichen, dass Kahn Schalke zur Schale führt? Ein Bauer schippt ihn mit der Schaufel weg. Das ist der Geist von Kahn: Jeder packt jetzt mit an. Ein Bild-Reporter fragt den Bauern, ob es der letzte Kuhfladen für heute war. „Weiter, es geht immer weiter“, sagt dieser. Olli Kahn hat bereits alle in seinen Bann gezogen.