Interview Willi Koslowski – „Wenn Du Dich nicht wehren kannst, dann darfst Du nicht nach vorne gehen.“

(usu/dol) Willi Koslowski wurde im Februar 73 Jahre alt, könnte sich also schon längst zur Ruhe setzen. Macht er aber nicht. Noch immer ist er wochentags jeden Morgen in der Geschäftsstelle. SCHALKE UNSER traf ihn am Tag vor dem Auswärtsspiel gegen Tel Aviv und sprach mit ihm über Meisterschaft, Medizinbälle und Veränderungen. 

SCHALKE UNSER:
Willi, jeden Tag bist Du auf der Geschäftstelle – macht Dir das denn immer noch Spaß?

WILLI KOSLOWSKI:
Ich kümmere mich seit 1981 hier um die Post, vorher war ich ja als Spieler da. Spaß macht mir diese Arbeit schon seit über 40 Jahren, sonst würde ich das ja auch nicht machen.

SCHALKE UNSER: 
Hat sich der Fußball seit Deiner aktiven Zeit verändert?

WILLI KOSLOWSKI: 
Wir hatten früher alle einen richtigen Beruf, Fußball war nebenbei. Nach Feierabend wurde trainiert und jeden Sonntag dann gespielt. Aber heute ist Fußball ein Beruf geworden und da ist alles ernster und intensiver. Tägliches Training und große Verantwortung, auch für die Spieler. Die verdienen zwar viel Geld, aber es ist anders geworden. Vor allen Dingen die Öffentlichkeit – die Spieler stehen permanent unter Beobachtung und werden ständig beurteilt. Sie werden von den Zuschauern entweder ausgepfiffen oder beklatscht. Das war zu unserer Zeit nicht so. Die wussten alle, dass wir arbeiten, nach Feierabend trainieren und eben sonntags spielen. Heute ist das schon viel intensiver, viel schwieriger geworden.

Interview Koslowski 1

SCHALKE UNSER: 
Du warst Kranführer. Zumindest schreibt das Hans Bornemann in dem Buch „So wurde Schalke 04 Deutscher Meister 1958“.

WILLI KOSLOWSKI: 
Nein, Kranführer war ich nie, ich war Bergmann. Kranführer war Stan Libuda. Wir, meine Mutter, meine beiden Geschwister und ich, hatten hier in der Nähe der jetzigen Arena, in Sutum, gewohnt. In den Kriegsjahren mussten wir aus Gelsenkirchen raus, weil hinter Sutum das große Benzinwerk von Gelsenberg stand. Die Engländer und die Amerikaner haben dieses, wie auch das in Scholven, häufig angegriffen. Sutum lag genau in der Flugschneise und da, wo jetzt die Arena steht, war früher ein kleiner Militärflugplatz. Der wurde auch bombardiert, daher mussten wir ganz schnell raus aus Sutum. Wir wurden nach Ostwestfalen evakuiert. 1952 sind wir zurück nach Gelsenkirchen gekommen. Ich habe dann auf der Zeche Hugo eine dreijährige Lehre als Bergknappe angefangen. Im Mai 1955 bin ich dann Knappe geworden.

SCHALKE UNSER: 
Wolltest Du schon immer Bergmann werden?

WILLI KOSLOWSKI: 
Früher war das Gang und Gäbe, jeder wollte Bergmann werden. Meine Verwandten waren alle auf der Zeche. Das war wohl auch der Grund für meine Berufswahl. Auf etwas anderes kam ich gar nicht.

SCHALKE UNSER: 
Und außerdem hast Du auch auf Schalke gespielt.

WILLI KOSLOWSKI: 
Seit 1952 habe ich in der A-Jugend gespielt. 1955, ich war jetzt 18 und konnte ganz gut Fußball spielen, hat mich Ernst Kuzorra in die erste Mannschaft geholt. Ich bin zuerst nur ab und zu eingesetzt worden, nach ein paar Monaten war ich dann Stammspieler. Ich habe bis 1965 in der ersten Mannschaft gespielt. Als wir 1958 Deutsche Meister wurden, war ich mit 21 der jüngste Spieler auf dem Platz in Hannover. Die Ausscheidungsspiele hatten vorher auf neutralen Plätzen stattgefunden, keine Hin- und Rückspiele wie sonst in der Meisterschaft üblich, um ausreichend Vorbereitungszeit für die WM in Schweden zu haben.

SCHALKE UNSER: 
Du wurdest „Enfant terrible“ genannt. Warum?

WILLI KOSLOWSKI: 
Ich habe vorne Rechtsaußen und Mittelstürmer gespielt. Da musste ich viel einstecken, konnte mich aber auch wehren. Es gab damals noch keine gelben Karten. Mit den Schiedsrichtern kam ich immer gut aus und bin deshalb kaum vom Platz geflogen. Wenn du Mittelstürmer spielst, bist du halt ständig in Zweikämpfe verwickelt. Wenn du dich nicht wehren kannst, dann darfst du nicht nach vorne gehen. Darum wurde ich dann so genannt, auch von Sepp Herberger. Mit der Nationalmannschaft war ich 1962 bei der Weltmeisterschaft in Chile.

SCHALKE UNSER: 
Du bist dann später noch zu Rot-Weiß Essen gegangen.

WILLI KOSLOWSKI: 
1965 sind wir mit vier oder fünf Mann weggegangen. Hans Nowak ging zu Bayern München, Willi Schulz nach Hamburg und ich zu Rot-Weiß Essen. Schalke war damals schon abgestiegen, ist aber wegen der Aufstockung der Bundesliga von 16 auf 18 Vereine dringeblieben. Wir waren aber schon vorher weg, weil Fritz Szepan einen Neuanfang wollte. Er wollte die Nationalspieler raushaben und hat elf neue Spieler geholt.

SCHALKE UNSER: 
Hat Dich Magath eigentlich schon gefragt, ob Du Deine Fußballschuhe dabei hast?

WILLI KOSLOWSKI: 
Nein, die Zeiten sind vorbei. Früher war das für’s Auge besser, da war nicht alles so schnell wie heute. Du musst ja unheimlich rennen, laufen können, mit dem Ball gehen – aber die trainieren ja auch täglich.

Interview Koslowski 2

SCHALKE UNSER: 
Fitnessübungen mit Medizinbällen gab es damals wohl noch nicht?

WILLI KOSLOWSKI: 
Doch, wir hatten einen Trainer, Nandor Lengyl, der hat uns mit Medizinbällen trainieren lassen. Wir mussten auch in Autoreifen reinspringen, mit links, mit rechts, mit beiden Beinen. Der hat so komische Trainingsmethoden gehabt. Wir haben Kopfballtraining am Pendel gemacht. Da lernst du besonders gut, im richtigen Moment abzuspringen.

SCHALKE UNSER: 
Und das Krafttraining gab es auf der Zeche.

WILLI KOSLOWSKI: 
Nicht ganz. Da war ich ja in der Lehre gewesen. In der Lehre musstest du ja alles machen. So etwa den Streb ausbauen unter Aufsicht des Meisters. Aber Kohle haben wir nicht rausgeholt. In den Lehrjahren macht man das nicht. Da lernt man, was sich so alles abspielt in der Zeche.

SCHALKE UNSER: 
In dem Buch von Hans Bornemann steht auch noch über Dich: „Sein Hobby: Schwimmen“.

WILLI KOSLOWSKI: 
Das stimmt gar nicht, ich kann gar nicht schwimmen. Nur für den Hausgebrauch, so dass man an Land kommt. Zehn, fünfzehn Meter, paddelnd wie ein Hund.

SCHALKE UNSER: 
Wie kommt es eigentlich, dass Du der „Schwatte“ genannt wirst. Andere Spieler hatten doch auch dunkle Haare?

WILLI KOSLOWSKI: 
Ich hieß schon so als Kind, weil ich schwarze Haare hatte. So ist mein Name aus der Kindheit übernommen worden. Günter Siebert wurde ja auch „Forelle“ genannt. Wir waren im Trainingslager gewesen und da floss ein Bach. Wir spazierten dahin und Siebert sagte: „Ich hole da gleich eine Forelle raus.“ Wir haben ihn ausgelacht. Aber er hat geschaut, wo sich die Forellen unter einem Stein verstecken und er ist da mit der Hand reingegangen, ganz ruhig und hatte dann plötzlich eine Forelle in der Hand. So hat er den Namen gekriegt.

SCHALKE UNSER: 
Herzlichen Dank für das sehr angenehme Gespräch. Glückauf!