„Ich habe keinen Euro im Verein“

Unterhält man sich mit Schalke-Fans oder chattet man in Fan-Foren, so entsteht bisweilen der Eindruck, der FC Schalke 04 könne ohne seinen Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies finanziell nicht überleben. Es heißt dann oft, Tönnies „pumpe Geld in den Verein“ oder „der Verein wäre ohne Tönnies doch schon längst pleite“. Doch dem ist nicht so.

Die Bild-Zeitung schrieb am 18. Mai 2015 in einer Kolumne: „Zieht Tönnies als Ober-Bürge den Stecker bei den Banken, ist Schalke […] über Nacht so gut wie platt. Ein Kollaps-Szenario“.

Das wäre tatsächlich ein Kollaps-Szenario, wenn sich der FC Schalke 04 wirklich in einer solchen finanziellen Abhängigkeit befände. Dass dies aber definitiv nicht so ist, machte schon wenige Tage später der Schalker Finanzvorstand Peter Peters auf einer Informations- und Diskussionsveranstaltung in Hamburg klar, zu der der S04-Mannschaftsbetreuer von Hamburg, Volker Netzer, Mitglieder des Vereins eingeladen hatte: „Clemens Tönnies haftet nicht als Bürge für die Verbindlichkeiten des FC Schalke 04.“ Die Darstellung der Bild-Zeitung wies Peter Peters deutlich zurück: „Wir haben zum wiederholten Male die DFL-Lizenz für die Bundesliga ohne jegliche Bedingungen und Auflagen erhalten – und auch ohne eine Bürgschaft von Clemens Tönnies.“

Es gibt also gar keine finanzielle Abhängigkeit? Wenn Tönnies „den Stecker zieht“, bricht auch rein gar nichts im Verein zusammen? Richtig!

Bei einer Versammlung des Fanclub-Bezirks Nr. 3 in Münster am 9. März 2016 hat Clemens Tönnies selbst den Fanclub-Mitgliedern erklärt: „Ich habe keinen Euro im Verein.“

Was wissen wir über das finanzielle Engagement auf Schalke des Aufsichtsratsvorsitzenden oder der Unternehmen, an denen er beteiligt ist?

Die vielleicht wichtigste Thematik bildet dabei die sogenannte „Schechter-Anleihe“. Der Londoner Finanzvermittler Stephen Schechter hatte im Jahre 2003 ein Konsortium von Investoren dazu gebracht, dem stark verschuldeten FC Schalke 85 Millionen Euro zu leihen, als es schwierig war, Bankkredite zu erhalten. „Jetzt kann ich mir endlich meinen Lieblingsspieler Roberto Carlos von Real Madrid kaufen“, scherzte Josef Schnusenberg, damaliger Finanzvorstand, nach der Unterzeichnung des Finanzdeals. 45 der 85 Millionen gingen allerdings direkt in die Tilgung von Altschulden.

Bei der Aufnahme der Schechter-Anleihe war Clemens Tönnies bereits Vorsitzender des Aufsichtsrats (seit 2001) und Josef Schnusenberg sein persönlicher Steuerberater. Beide wussten also, was sie dort unterzeichneten. Für die Anleihe hatte Schalke 04 einen jährlichen Kapitaldienst für Zins und Tilgung von 7,5 Millionen Euro zu leisten. Das waren rund 50 Prozent der jährlich kalkulierten Zuschauereinnahmen, die als Sicherheit für den Kredit dienten.

Zur Winterpause 2008/2009 war der FC Schalke 04 am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Im Laufe des Jahres 2009 – Magath hatte gerade das Ruder auf Schalke übernommen – wurde die Situation dramatisch. Schechter drohte damit, den Vertrag zu kündigen und den gesamten Betrag direkt fällig zu stellen, weil der Bundesligist seinen Verpflichtungen nicht ordnungsgemäß nachkam. Damit wäre der Verein de facto zahlungsunfähig gewesen und hätte Insolvenz beantragen müssen.

Laut Informationen der “Financial Times Deutschland” hätte Schechter die Absetzung von Peter Peters gefordert. Er habe von Peters erfahren, dass drei von vier Sicherheitskonten, über welche die Kredite des Klubs bedient wurden, kein Guthaben aufweisen würden. Insgesamt müssten auf diesen vier Konten stets 8 Millionen Euro als Sicherheit für die Gläubiger hinterlegt sein. Tatsächlich wäre aber nur das eine spezielle Konto zur Bedienung der Schechter-Anleihen entsprechend gefüllt.

Es kam zum Streit mit Schechter bzw. den Investoren. Schalke 04 suchte daher nach einem Weg, die noch offenen 65 Millionen Euro aus der Schechter-Anleihe umzuschulden und wurde fündig. Neuer Kreditgeber sei eine „international operierende Bank“, die nicht genannt werden dürfe, erläuterte Peter Peters. Die Klubspitze empfand diesen Gläubigerwechsel als Befreiungsschlag, nicht nur wegen der Zinsersparnis von zwei Millionen Euro pro Jahr bei unveränderter Annuität bis 2018.

Am 1. Juni 2012 wurde dann bekannt, dass der Kreditgeber keine „international operierende Bank“ war, sondern der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies bzw. von ihm geführte Unternehmen der „Tönnies-Gruppe“. Einen Konflikt zwischen den Interessen, die er einerseits als Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 und andererseits als Geldgeber vertreten muss, schloss Clemens Tönnies nach eigenen Angaben aus. Die Gremien von Schalke 04 hätten diese Zwischenlösung einstimmig genehmigt. Nicht bekannt ist, ob Clemens Tönnies selbst an den Beratungen und Abstimmungen zu dieser Lösung teilgenommen hat. Gedurft hätte er dies nach § 7 Absatz 4 unserer Vereinssatzung jedenfalls nicht: Aufsichtsratsmitglieder dürfen an Beratungen und Abstimmungen nicht teilnehmen, wenn der Gegenstand der Aussprache oder Beschlussfassung in rechtlicher oder wirtschaftlicher Hinsicht unmittelbare oder mittelbare Auswirkungen für sie persönlich, nahe Angehörige oder verbundene Unternehmen hat. Ein unter Verstoß gegen diese Bestimmung gefasster Beschluss ist nichtig.

Welches Risiko ist denn Clemens Tönnies bei der Übernahme der Anleihe wirtschaftlich eingegangen?

Sämtliche Sicherheiten aus der Schechter-Anleihe gingen mit der Übernahme der Anleihe auf die Tönnies-Gruppe über. So ist die Anleihe durch Grundsicherheiten und die Verpfändung von Anteilen an Schalke-Unternehmen sowie von Forderungen aus Spielertransfers abgesichert gewesen. Das bedeutete: Wenn eine Forderung aus der Anleihe nicht bedient worden wäre, hätte die Tönnies-Gruppe unter anderem Zugriff auf Erlöse aus Spielertransfers bekommen. Die von Tönnies aufgekaufte Anleihe war mit etwa fünf Prozent verzinst, was zum damaligen Zeitpunkt als angemessener Zinssatz galt.

2012 gab es eine weitere Umschuldung: Mit der Emission der neuen börsennotierten Mittelstandsanleihe hat die Tönnies-Gruppe ihr Geld zurückbekommen und die ursprüngliche Schechter-Anleihe ist endgültig abgelöst worden. “Aufsichtsratschef Tönnies bekommt sein Geld nun demnächst zurück, denn Schalke wird diesen Kredit noch einmal umschulden und ist bereit, dafür mehr Zinsen zu zahlen”, betonte seinerzeit der “Tagesspiegel”. Ob Clemens Tönnies als Privatmann oder über ein Unternehmen, an dem er beteiligt ist, in die neue Anleihe (Verzinsung 6,75 Prozent) investiert hat, ist nicht bekannt.

Man kann also festhalten, dass Clemens Tönnies dem Verein bei der Umschuldung geholfen hat. Es ist zu mutmaßen, dass sich wohl auch niemand anderes in dieser prekären Situation gefunden hat, der zur Ablösung der Anleihe bereit war. Falsch ist allerdings die Behauptung, er habe „Geld in den Verein gepumpt“ oder tue dies noch immer. Alle übernommenen Verpflichtungen waren vom Verein jederzeit abgesichert und verzinst. Das von der Tönnies-Gruppe geliehene Geld wurde auf den letzten Cent zurückbezahlt.

Auch das Werbeengagement der Tönnies- bzw. „Zur Mühlen“-Gruppe (z.B. Böklunder-Box) rangiert nicht unter den TOP 5-Werbepartnern des FC Schalke 04, es macht nur einen Bruchteil der Marketingeinnahmen von Alexander Jobst aus.

Im Dezember 2015 empfahl Tönnies, die Millionenerlöse aus dem Draxler-Transfer für die Tilgung alter Kredite zu nutzen. Sollte im Winter Geld für Transfers gebraucht werden, bot er ein neues Darlehen an: „Ich habe gesagt: Wenn kurzfristig etwas fehlt, springe ich ein“, erklärte Tönnies gegenüber der WAZ. Dies habe aber nichts damit zu tun, eine neue Abhängigkeit aufzubauen. Schalkes Aufsichtsrat entschied aber anders. Damit hätte sich Schalke wieder in eine Abhängigkeit von Tönnies begeben –  das wollte man vermeiden.

Wie also kommt es dann, dass viele Schalke-Fans immer noch glauben, der FC Schalke 04 wäre finanziell abhängig von Clemens Tönnies?

Die Fans fallen damit einer gewissen – möglicherweise sogar bewusst konstruierten – Intransparenz oder gar einem „Etikettenschwindel“ zum Opfer. Die traditionell guten Beziehungen von Clemens Tönnies zur Bild-Zeitung sind bekannt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er dort als unverzichtbarer „Schalke-Boss“ dargestellt wird. Mit Artikeln wie dem oben zitierten Kollaps-Szenario oder der durch die Bild aufgeworfenen Fragestellung „Sind Heidel und Tönnies Schalkes letzte Chance?“ wird ohne jeden sachlichen Hintergrund immer wieder der Eindruck erzeugt, dass Schalke ohne den „großen Boss“ unterginge. Das dadurch aufgebaute Angstgefühl spielt offenbar eine wesentliche Rolle in der Emotionswelt der Schalke-Fans und verursacht überdies eine dauerhaft schlechte Außendarstellung unseres Vereins.

Wir können nach vorliegender Faktenlage dennoch festhalten:

  • Aussagen wie „der Verein könne ohne Tönnies nicht überleben“ sind unzutreffend. Der Verein ist auf finanzielle Unterstützung von Tönnies schon seit Jahren nicht mehr angewiesen.
  • Clemens Tönnies hat keinen Euro mehr im Verein.
  • Wenn Tönnies dem Verein in der Vergangenheit Geld geliehen hat, dann geschah dies stets mit ausreichenden Sicherheiten (Spielertransfers) und verzinst. Alles wurde pünktlich zurückbezahlt.
  • Die Werbeeinnahmen von Tönnies sind im Schalker Marketing-Portfolio nicht unter den TOP 5 zu finden und spielen daher keine maßgebliche Rolle.