(jc) Die Ereignisse bei unserem Gastspiel in Berlin werden vielen Lesenden noch im Gedächtnis sein. Ein – ohne jeden Zweifel – völlig aus dem Ruder gelaufener Polizeieinsatz, der viele (teils schwer) verletzte Fans zur Folge hatte. Die aktive Fanszene der Hertha verließ in der Folge die Kurve und auch wir im Gästeblock hängten unsere Fahnen ab und verzichteten in Solidarität mit den Betroffenen auf jede Unterstützung.
Den Vorfall an sich wollen wir an dieser Stelle nicht bewerten, auch wenn unsere Haltung dazu klar sein sollte. Wer sich dafür interessiert, sei guten Gewissens an die Königsblaue Hilfe oder die Fanhilfe Hertha BSC verwiesen. Vielmehr geht es an dieser Stelle um die Reaktionen auf den Stimmungsverzicht, mit denen man sich in den Tagen danach im Internet konfrontiert sah.
Vorweg sei an dieser Stelle gesagt, dass sich vermutlich jeder Schalker vor Ort darauf gefreut hatte, mit mehr als 20.000 Gleichgesinnten die alte Schüssel abzureißen. Die Entscheidung dafür, auf die Gesänge zu verzichten, fällt in keinem Fall leichtfertig. Manchmal würden wir uns wünschen, dass die Schalker selbst dann, wenn sie es in der Situation nicht verstehen und nachvollziehen können, einfach mitmachen und es im Anschluss im persönlichen Gespräch erfragen oder diskutieren. Niemandem helfen jedoch verkürzte Online-Kommentare weiter, in denen Aussagen zu finden sind, wie: „Die haben die Mannschaft im Stich gelassen!“ – Ganz ehrlich? Wenn wir sowas hören, kriegen wir ja schon Pickel, ‘ne.
Dieser Service-Gedanke, der daraus spricht, ist schlicht unerträglich. Die Fans, die dem Verein zu jedem Spiel hinterherreisen und ihn unterstützen, tun dies völlig freiwillig, weil es ihre Passion ist, weil sie den Verein repräsentieren wollen, weil sie positiven Einfluss aufs Spiel nehmen wollen und weil sie dies für richtig und wichtig halten. Dennoch hat weder die Mannschaft ein Recht darauf, besungen zu werden, noch hat irgendein Event-Schalker das Recht darauf, zum halben Liter Bier nochmal die „geile Stimmung“ konsumieren zu dürfen. Spannend ist auch, dass dieser Vorwurf häufig genau von den Menschen kommt, die drei Kommentare vorher noch geschrieben haben, wie einschläfernd das Gemurmel sei, dass die Mannschaft das doch eh nicht juckt und dass die Donnerhalle erst dann wieder zur Donnerhalle wird, wenn sich die bösen Ultras endlich verpissen. Irgendwo muss man sich auch mal entscheiden. Das ist übrigens die gleiche Kategorie Fan, die, wenn sie sich dann doch mal ins Stadion bequemt, ihr Maul nur dann aufkriegt, wenn sich auch der Rest des Stadions zweimal im Spiel zum Singen aufrafft. Aber im Internet berichtet man dann stolz von „der geilen Stimmung“, die man „gemacht hat“.
Dennoch stimmt es natürlich, dass an diesem Tag auf einen wichtigen Grundsatz verzichtet wurde, die Mannschaft lautstark zu unterstützen und positiven Einfluss aufs Spiel zu nehmen. Das führt uns zum nächsten Vorwurf der Social-Media-Helden: „Die stellen sich über den Verein!“ – Auf den ersten Blick könnte man das so sehen, vor allem in Anbetracht der oben genannten Herleitung. Dass man beim Lesen dennoch Wut im Bauch bekommt, ist aber ein ganz guter Indikator dafür, dass diese Betrachtung sehr verkürzt ist.
Die etwas komplexere Wahrheit ist die Folgende: Als Ultra oder aktiver Fan lebt man nach verschiedenen Prinzipien und Grundsätzen, die alle gleichberechtigt existieren. Solche Situationen, in denen man sie nicht gleichzeitig ausleben kann, weil man beispielsweise in seiner Freiheit und Verantwortung für die Fankultur angegriffen wird, erfordern es jedoch, dass man diese gegeneinander abwägt. In solchen Situationen bleibt dann logischerweise ein Grundsatz auf der Strecke, damit man einem anderen gerecht wird. Bedeutet in diesem Fall konkret: Das Prinzip der Solidarität hat in der Situation eines geschehenen Unrechts das Prinzip, die Mannschaft zu unterstützen, überwogen. Gleiches gilt zum Beispiel für Situationen, in denen es zu medizinischen Notfällen kommt und Menschen im Stadion um ihr Leben kämpfen.
Auch da könnte man sich fragen: „Was haben wir denn mit der Ostkurve Berlin zu tun?“ – Der „Internet-Ultra“ würde jetzt sagen: „In den Farben getrennt – in der Sache vereint.” Der Spruch kommt uns mittlerweile zu den Ohren raus und ist nicht unser Stil, aber insgesamt schon ganz richtig. Was die meisten von uns auszeichnet, ist eine besondere Faszination für den Fußball. Dadurch und durch die Art, wie wir das Fan-Sein ausleben, haben wir mit anderen Fußballfans, ganz gleich welches Trikot sie tragen und woher sie kommen, wahrscheinlich viel mehr gemeinsam als mit jedem anderen Menschen in unserer Gesellschaft. Wir haben die gleiche Passion und teilen die gleichen Werte. Das bedeutet auch, dass, wenn diese angegriffen werden, dieser Angriff eigentlich uns allen gilt. Wenn repressive Staatsorgane auf Hertha-Fans einprügeln, kann es uns im Gästeblock oder in der Nordkurve beim nächsten Heimspiel genauso treffen. Es ist kein Angriff auf einzelne Personen, die sich angeblich nicht benehmen können, sondern ein Angriff auf eine freie, unabhängige und kritische Fankultur.
So kann man nicht einfach zum Tagesgeschäft übergehen, was manchen Internet-Helden dazu verleitet, zu schreiben: „Mir wurde verboten in Berlin zu singen“ – Aua, Aua, Aua. Dass das zum Glück nicht stimmt, werden ja alle wissen, die an diesem Tag wirklich im Stadion waren und nicht nur so tun, weil sie ein paar Daumen auf ihren Facebook-Kommentar erhaschen wollen. Richtig ist, dass auf organisierten Support verzichtet und dies (genau wie die Beweggründe dafür) im Stadion von den Vorsängern kommuniziert wurde. Ein vermeintliches Verbot zu singen, wurde nie ausgesprochen und hätte ja auch gar nicht umgesetzt werden können.
Vielmehr – und damit kommen wir wohl zum Positivsten, was dieser Text zu bieten hat – konnte man bei den vielen anwesenden Fans ein großes Verständnis für den Stimmungsverzicht feststellen. Sie konnten die Gründe nachvollziehen, quittierten dies mit Klatschen und beteiligten sich am Verzicht. Dass die Schalker, die tatsächlich ins Stadion gehen, sich ausleben und einbringen, dann doch ein deutlich größeres Verständnis für Solidarität haben, hat uns dieser Abend in Berlin gezeigt. Und auch, warum wir gut beraten sind, uns aus den sozialen Medien und den dort stattfindenden Diskussionen herauszuhalten. Das Internet ist nicht das echte Leben und die Solidarität noch lange nicht tot!

