(rk) Kein Flutlicht, kein Anpfiff, kein Auswärtsspiel. Und trotzdem lag etwas in der Luft, das man sonst nur aus der Nordkurve kennt: Spannung. Haltung. Zusammenhalt. Im “Kulturraum die Flora” kamen Ende Januar 60 Menschen zusammen – nicht für ein Spiel, sondern für ein Gespräch. Für Erinnerung, für Verantwortung und für das, was unseren Fußball im Kern ausmacht.
Es ging an diesem Abend um jüdische Sportler, um Mut in dunklen Zeiten und um Menschen, die nicht weggesehen haben. Im Mittelpunkt stand zunächst – vorgetragen von Schalke-Mitarbeiter Thomas Spiegel – die Geschichte von Dr. Paul Eichengrün. Der jüdische Zahnarzt gehört von 1925 bis 1933 zum Verein, in den letzten beiden Jahren sogar als 2. Vorsitzender des FC Schalke 04. Mitten im Machtantritt der Nationalsozialisten zieht er am 5. April 1933 die Konsequenz – nicht aus Überzeugung, sondern um den zunehmenden Schikanen zuvorzukommen. Er tritt zurück, bevor man ihn verdrängen kann.
Doch Aufgeben ist für ihn keine Option. Eichengrün übernimmt Verantwortung im jüdischen Sportverband „Schild“ und wird dort Reichsleiter Fußball. Mit unglaublicher Energie baut er einen organisierten Spielbetrieb auf und übernimmt bewusst die Regeln des Deutschen Fußball-Bunds, obwohl dieser jüdische Vereine längst ausgeschlossen hat. Seine Haltung: „Wir gehören weiterhin dazu.“ Er glaubt – oder vielleicht hofft er einfach zutiefst – dass der Terror nicht ewig dauern kann. Dass der Tag kommen wird, an dem jüdische Sportler wieder selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind. Und dass man dann nicht bei null anfangen muss, sondern bereitsteht. Organisiert. Würdevoll. Aufrecht. Eine Hoffnung, die tragisch enttäuscht wurde – aber ein Zeichen von Haltung, das bis heute nachwirkt.
Im zweiten Vortrag machte der Sporthistoriker Henry Wahlig klar: Antisemitismus im Fußball ist kein neues Thema. Jüdische Sportlerinnen und Sportler mussten schon lange vor der NS-Zeit gegen Ausgrenzung kämpfen. Antisemitismus gab es auch schon weit vor der Machtergreifung der Nazis von den organisierten, stark national eingestellten Turnverbänden, die den Fußball als „Fußlümmelei“ bezeichneten und mit allerlei rassistischen Ressentiments versahen. 1936 wurden jüdische Vereine bei den Olympischen Spielen in Berlin noch geduldet – aus politischem Kalkül, um einem Boykott der USA zu entgehen. Doch kurz danach war Schluss mit Duldung. Alles Jüdische wurde von den Nazis vernichtet – auch die jüdischen Sportvereine.
Und dann, im heutigen Deutschland, durfte Alon Meyer erzählen – als Präsident des jüdischen Sportbunds Makkabi Deutschland und des TuS Makkabi Frankfurt –, wie jüdische Sportvereine wieder aufblühen. Wie sie aus eigener Kraft Vielfalt leben. Nach der Shoah waren jüdische Sportvereine zunächst Schutzräume. Orte, an denen man unter sich war, um wieder Vertrauen aufzubauen. Heute sind sie Begegnungsräume. Fußball wird zur Brücke – zwischen Kulturen, Religionen, Lebensrealitäten. Viele glauben noch immer, Makkabi sei ein geschlossener jüdischer Sportbund. Meyer widersprach klar: „Die Vereine stehen allen offen – unabhängig von Religion oder Herkunft. In vielen Teams sind jüdische Spieler sogar in der Minderheit.“ Meyer betonte: „Wer gemeinsam trainiert, schwitzt, verliert und gewinnt, baut Vorurteile ab. Nicht durch Debatten – sondern durch Erlebnisse.“ Ein besonders unbequemer Punkt: Diskriminierung passiert nicht nur in großen Stadien oder im Profibereich. Sie passiert auf Ascheplätzen, in Kabinen und in den Kommentarspalten. Meyer machte deutlich, dass jüdische Vereine in Deutschland bis heute besonderen Schutz benötigen. Polizeipräsenz bei Spielen ist für viele Teams von Makkabi Deutschland leider Realität. Das allein zeigt: Antisemitismus ist kein Kapitel im Geschichtsbuch – er ist Gegenwart.
Meyer machte klar: Fußball ist nie unpolitisch. Er ist Teil der Gesellschaft – also spiegeln sich dort auch ihre Konflikte. Gerade deshalb haben Vereine eine enorme Kraft, positive Zeichen zu setzen. Wenn ein Club klar sagt: „Bei uns ist kein Platz für Hass“, dann ist das mehr als eine Pressemitteilung. Es ist eine Haltung, die im Alltag gelebt werden muss. Sein Kernpunkt in einem Satz: “Wir spielen nicht trotz der Geschichte. Wir spielen wegen der Geschichte.” Und genau das ist vielleicht die stärkste Botschaft dieses Abends: Fußball kann trennen. Aber er kann auch verbinden. Und es liegt an uns, wofür wir ihn nutzen.
Der Abend endete nicht mit Applaus allein, sondern mit Fragen: Was können wir tun? Wie können wir uns einbringen? Wie sorgen wir dafür, dass Antisemitismus, Rassismus und Hass keinen Platz in unseren Stadien haben? Die Antwort ist unbequem – und gleichzeitig einfach: Nicht schweigen. Nicht relativieren. Nicht wegschauen. Ob auf Schalke, in der Kreisliga oder auswärts im Gästeblock: Fußball gehört allen. Und genau deshalb müssen wir ihn für alle verteidigen.

