Nummer 19 - 1998/09

Auszüge aus dieser Ausgabe:

“Wenn ihr das Gefühl habt, daß ich abhebe, dann haut mir auf die Fresse, einfach reinhauen” - Interview mit Sven Kmetsch
Europaliga? Nein, danke!
Hasse mal ne Mark?
Für Zivilcourage gibt es kein deutsches Wort



“Wenn ihr das Gefühl habt, daß ich abhebe, dann haut mir auf die Fresse, einfach reinhauen”

Nach Abgänger Linke und Draufgänger Müller interviewen wir nicht Freigänger Urs Güntensperger, sondern Zugänger Sven Kmetsch. Vielleicht führt sein Weg von Dresden über Hamburg und Schalke weiter in die Nationalmannschaft.

SCHALKE UNSER:
Die Vorurteile gegen Schalke und das Ruhrgebiet sind tief verwurzelt. Vor vierzig Jahren konnte man nicht mal die frisch gewaschene Wäsche draußen aufhängen, weil sie sofort schwarz wurde. Du wohnst jetzt in Bottrop - bereust du es schon?

SVEN KMETSCH:
Auf’ keinen Fall, ein bißchen weiter draußen gibt’s ja jede Menge Grün. Selbst hier, in der Stadt. Diese Vorurteile hatte ich natürlich auch, und ich kenne das ja auch von zuhause. Ich komme aus Ostsachsen, dort war der Schnee nie weiß, sondern grau. Das war bei uns genauso, wir haben die Wäsche rausgehängt - ging nicht, die kam grau wieder rein. Wir haben Planen drübergedeckt und solche Späße… ohne Erfolg.

SCHALKE UNSER:
Thomas Linke hat die Nachwuchsförderung der ehemaligen DDR zur Nachahmung empfohlen, weil die Bildung neben dem Sport nicht vernachlässigt wurde. Warst du von Anfang an in einem solchem “Internat”, wie es kleiner jetzt auch von Schalke aufgebaut wird?

SVEN KMETSCH:
Nein, ich habe schon mit vier oder fünf Jahren beim BSG Motor Großdubrau angefangen, Fußball zu spielen. Mit sieben Jahren - 1977 - bin ich ins Trainingszentrum Bautzen delegiert worden. Dort wurden die größten Talente aus dem Umkreis gefördert. Ich mußte zwei Kilometer mit dem Fahrrad bis in den Nachbarort fahren und dann mit dem Bus weiter zum Trainingszentrum. Morgens Schule, nachmittags Training, etwa dreimal die Woche, und am Wochenende dann Punktspiele mit der Mannschaft von Bautzen.

Mit 13 Jahren - 1983 - bin ich zur Kinder- und Jugendsportschule nach Dresden delegiert worden. Das war allerdings ein Internat, 60 Kilometer entfernt, nur freitags abends nach dem Spiel und Samstag war ich zu Hause bei meinen Eltern. Sonntags spielten wir schon wieder.

Bei den Ostvereinen war alles eingespielt. Die Trainer stimmten sich mit den Lehrern, und die wieder mit dem Direktor ab. Der wiederum mit dem Vorsitzenden des Fußballvereins, das war alles professionell. Klar war das hart mit dem vielen Training, aber ich hatte auch ein Ziel vor Augen: Nämlich Oberligaspieler bei Dynamo Dresden zu werden. Deswegen wurde man ja direkt in die Sportschule geschickt. Im Dresdner Internat waren so ziemlich alle Sportarten vertreten. Das war ein riesig großer Komplex. 16 Stockwerke, 15 Zimmer auf jeder Etage mit jeweils drei Personen, also Platz für ca. 800 Sportler.

Uns wurde nicht alles abgenommen: Um viele Dinge mußten wir uns selber kümmern. Das hat mir eigentlich viel gebracht. Der Tag war zwar zum großen Teil verplant, aber dein Zimmer mußtest du selber in Ordnung halten. Da gab es Prämien für das beste Zimmer, es wurden Listen mit Noten geführt. Die Arbeiten haben wir uns aufgeteilt, dabei lernt man, mit seinen Mitmenschen auf der Etage klarzukommen. Training, Essen und Schule waren geplant, aber die Freizeit und der Rest war jedem selbst überlassen. Man hatte auch mal Ausgang, bis zur 8. Klasse aber nur bis abends um 20.30 Uhr. Ab der 10. Klasse gab es dann keinen Zapfenstreich.

SCHALKE UNSER:
Hattest Du von Anfang an eine Fußballkarriere im Auge?

SVEN KMETSCH:
Mein größtes Ziel war von Anfang an, bei Dynamo zu spielen. Bei uns in der Region war das eben “die” Oberligamnannschaft. Vor der Delegierung mußte man einige Tests absolvieren: Balljonglieren (rechts fünfzig jonglieren, links fünfzig, rechts-links, strenger Wechsel), Schnelligkeit, Ausdauer, Dribbeln, genau Schießen - da mußtest du alles geben. Dann wurden die ganzen Ergebnisse ausgewertet und die Besten direkt nach Dresden delegiert.

1987 war es dann soweit: Mein erster Einsatz in der Oberliga für Dresden. Es ging gegen Energie Cottbus. 1988/1989 sind wir hinter Hansa Rostock Zweiter geworden. Damit waren wir direkt für die Bundesliga qualifiziert. Mit 16, 17 und 18 Jahren habe ich in der DDR-Nationalmannschaft gespielt. Ich war bei der EM in Frankreich und bei der U18-Weltmeisterschaft in Saudi-Arabien. Auch in der Olympia-Auswahl habe ich gespielt, unter anderem zusammen mit Thomas Linke.

Der durch die Auswahlspiele ausgefallene Schulstoff wurde aber nachgeholt, die drei oder vier Spieler wurden aus der Klasse rausgenommen und extra unterrichtet. Man mußte zum Abschluß entweder Abitur oder eine Berufsausbildung machen, ich habe mich dann für das zweite entschieden.

Maschinen- und Anlagenmonteur, das gibt’s heute wohl nicht mehr. Aber ich werde mich nach meiner Karriere sicher nicht auf die faule Haut legen. Ich könnte mir vorstellen, als Trainer zu arbeiten, nicht in den höheren Spielklassen, aber vielleicht in der Nachwuchsarbeit mit Kindern etwas zu machen. Oder auch als Karriereausklang in meiner Geburtsstadt Bautzen als Spielertrainer zu arbeiten.

SCHALKE UNSER:
Es war nicht leicht, etwasüber dich herauszufinden. Auch über deine Dresdener Zeit haben wir fast nichts gefunden…

SVEN KMETSCH:
Das kommt wahrscheinlich durch die Stasizeit, da ist alles *krrkk* (macht das Geräusch zerreißenden Papiers) weggekommen. Nein, im Ernst, wir wurden ja wirklich von denen überwacht. Als wir dann in der Bundesliga spielten, mußten sich die Spieler direkt melden, die für die Stasi gearbeitet haben. Das haben einige auch zugegeben. Nachher haben wir als Mannschaft bei der Gauck-Behörde Akteneinsicht beantragt. Aber ich habe nie mehr etwas von dem Antrag gehört und daher bis heute nicht meine Akten eingesehen. Zu einem internationalen Turnier in St. Malo, zu dem die DDR- Auswahl eingeladen war, durfte ich nicht mitfahren, da mein Vater einen Onkel in Frankreich hat. Da waren zwei Männer bei meinem Vater im Betrieb, um ihn zu befragen. Danach hieß es dann auf einmal, daß die Paßbilder für meinen Reisepaß zu spät gekommen wären und ich deshalb nicht mitfahren könnte.

SCHALKE UNSER:
Wie siehst Du die Unterschiede zwischen Schalke und Hamburg?

SVEN KMETSCH:
Schake ist ein ganz anderer Verein Hier merkt man das besondere Fluidum, diese Fans und die Stimmung. Mir gefällt, daß die Fans bedingungslos hinter einem stehen und sagen: Komm, mach weiter. Auch wenn es nicht so gut läuft, versuchen sie, der Mannschaft zu helfen und fangen nicht nach 10 Minuten an zu pfeifen. In Gladbach war das unglaublich: Am Anfang schon 2:0, daß dann die Fans immer noch versuchen, was zu machen - das spürt man auf dem Platz. Natürlich habe ich mich unter anderem auch aus finanziellen Gründen so entschieden, das könnt ihr ruhig schreiben. Da habe ich keine Probleme mit - wenn jemand die Möglichkeit hat, sowas zu machen, möchte ich den mal sehen, der es nicht macht.

SCHALKE UNSER:
Wie sehen Deine sportlichen Ziele aus?

SVEN KMETSCH:
Die Nationalmannschaft ist sicherlich ein Ziel. Außerdem möchte ich mit Schalke einen Titel erringen, wo ich sagen kann: “Ja, ich bin dabei gewesen.” Das ist halt der sportliche Anreiz und auch ein Grund hierherzukommen. Auf Schalke, und in dieser Mannschaft, sehe ich soviel Potential, und ich will nicht in meiner ganzen Karriere gegen den Abstieg spielen. Zudem kann man bei Europapokalspielen dem Bundestrainer zeigen, daß man auf internationaler Ebene mithalten kann. Wenn man da oben besteht, hat man eine reelle Chance, in die Nationalmannschaft gerufen zu werden.

Aber das ist erst der zweite Schritt. Den ersten will ich immer zusammen mit dem Verein, mit der Mannschaft machen. Ich habe drei super Jahre in Dresden und in Hamburg gehabt. Ich hab’ bis zuletzt versucht, für den Verein auf dem Platz alles zu geben, trotz Verletzung. Ich will auf jeden Fall mal einen Pokal holen, und wenn es nur ein kleiner Pott ist, den ich mal in den Händen halten kann.

SCHALKE UNSER:
Ist es nicht allein schon ein Verdienst, in der Bundesliga zu spielen?

SVEN KMETSCH:
Das ist sicher der Anerkennung wert. Aber wenn ich Olaf Thon sehe mit seinen 52 Länderspielen und seinen schweren Verletzungen, und wie er trotzdem über die Jahre seine Klasse erhalten hat davor ziehe ich den Hut. Außerdem ist Olaf überhaupt nicht abgehoben. Und so muß es sein, entweder du gewinnst zusammen oder verlierst zusammen. Und du mußt immer wissen, wo du herkommst. Ich habe meinen Freunden gesagt, wenn ihr das Gefühl habt, daß ich abhebe, dann haut mir auf die Fresse. Einfach reinhauen.

SCHALKE UNSER:
Wie wichtig ist heute noch die Identifikation mit dem Verein im Profifußball?

SVEN KMETSCH:
Ich denke, das ist wichtiger denn je. Die Fans brauchen den Verein und die Spieler genauso wie umgekehrt: Wenn man auf dem Platz steht und hat keine Unterstützung, ist man ziemlich aufgeschmissen. Ich persönlich spiele lieber, wenn die Fans mich unterstützen, dann bekomme ich eine Gänsehaut, da läuft’s mir kalt den Rücken runter, und ich bekomme noch einen zusätzlichen Schub.

SCHALKE UNSER:
Was würde passieren, wenn Du das Angebot Deines Lebens bekommen würdest, wie zum Beispiel von Real Madrid?

SVEN KMETSCH: Naja, sehr unwahrscheinlich. Aber man sollte nie “nie” sagen. Ich kann nur sagen, daß ich nicht für vier Jahre unterschrieben hätte, wenn ich vorhätte, bei der nächsten Gelegenheit Schalke 04 wieder zu verlassen. Ich habe mir bei der ganzen Sache was gedacht. Ich will bodenständig bleiben und mir hier etwas aufbauen. Was würde es mir nützen, wenn ich zur Supertruppe Real Madrid kommen würde und nur auf der Bank säße?

SCHALKE UNSER:
Bei der Saisoneröffnung in Meschede haben wir festgestellt, daß das Verhalten der Fans den Spielern gegenüber sehr rücksichtslos geworden ist.

SVEN KMETSCH:
Ja, das ist auch etwas, was mir nicht gefällt. Ich wäre der Letzte, der Autogrammwünsche nicht erfüllt. Aber wenn ein Kind von mir ein Autogramm verlangt und nicht darum bittet. dann schalte ich auch auf stur. Man ist ja schließlich auch nur ein Mensch, und etwas Respekt sollte einem schon entgegengebracht werden. Selbst beim Essen wird man gestört, weil ein Vater seinen vierjährigen Sohn für ein Autogramm verschickt. Wenn man dann verneint, wird man als arroganter Profi abgestempelt. Oder nach dem Training, wenn wir naßgeschwitzt vom Platz kommen und stehen da in der Kälte, müssen wir zuerst zum Duschen und Massieren. Danach bin ich immer bereit, Autogramme zu geben. Das ist für mich kein Thema, und das habe ich auch, seit ich hier bin, nie gesehen, daß einer der Spieler einfach wegfährt, ohne vorher alle gewünschten Autogramme zu schreiben.

SCHALKE UNSER:
Ist der geplante Stadionneubau für dich auch ein Thema?

SVEN KMETSCH:
Ja, natürlich. Rudi Assauer hat mir schon ausführlich davon vorgeschwärmt. Das soll wohl der Höhepunkt seiner Laufbahn auf Schalke werden. Aber das Wichtigste ist, daß man seinen Spaß am Fußball erhält. Der Streß und der Druck der Medien wird immer schlimmer. Das absolute Gewinnenmüssen dabei geht leicht der Spaß verloren. Das ist aber vor allem der Druck, den die Medien aufbauen, das pflanzt sich natürlich bei den Fans fort’ Nehmt Hami. Schießt der mal vorbei, ja und? Ist er deswegen gleich ein Flop? Beim nächsten Mal macht er einen Supertrick und trifft, dann ist er gleich der Gott. Man muß ihm Zeit geben für die Umgewöhnung. Das wäre ja dasselbe, wenn ich da unten spielen würde und erst mal türkisch lernen und mich auf eine neue Mannschaft und Taktik einstellen müßte. Das dauert seine Zeit. Aber Hami muß niemandem mehr etwas beweisen, der hat schon zehn Jahre super Fußball gespielt, das verlernt man nicht so schnell.

SCHALKE UNSER:
In der letzten Saison haben wir gesehen, daß wir auch gegen technisch überlegene Mannschaften wie Inter Mailand durch unseren Einsatz gewinnen konnten.

SVEN KMETSCH:
Ja, das ist der Wille. Und mit diesen Fans im Rücken wirst du automatisch gepuscht. Da kannst du unendlich lange laufen, wenn du bei jeder gelungenen Aktion angefeuert wirst. Das ist wie Doping, und nach dem Spiel bekommst du deine Füße gar nicht mehr hoch.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank, alles Gute “auf Schalke” und Glückauf!


Europaliga? Nein, danke!

(sr) Im Laufe der letzten Jahre mußten wir Fußballfans uns so manche unsinnige Regelung von Seiten der FIFA und der UEFA gefallen lassen. Da wäre zum Beispiel die weltweit aufgezwungene Übernahme der Dreipunkteregel, über deren Einführung in den 80er Jahren durch die Engländer man nur lachen oder den Kopf schütteln konnte. Zum Weinen war dagegen die Abschaffung des Europapokals der Landesmeister und der damit verbundenen Errichtung der offiziell als “Champions League” getarnten Geldbeschaffungsliga.

Deren sportlicher Wert ist zweifelhaft, da von 46 Landesmeistern nur 16 teilnehmen. Dafür rücken die Vizemeister aus den acht besten Ländern der UEFA-Fünfjahresauswertung nach. Das dickste Ding in Sachen “Fußballkaputtmache” stammt allerdings nicht von der FIFA oder der UEFA, sondern aus den geldgeilen Hirnen einiger Vorstandsmitglieder sogenannter europäischer Spitzenclubs und einiger Medienriesen.

Die Europaliga soll aus 16 oder 32 Teilnehmern europäischer Traditionsvereine bestehen - ohne Auf- oder Absteiger. Der Start ist schon für das Jahr 2000 geplant. Den Teilnehmern dieser Liga winken Einnahmen in Höhe von schätzungsweise 100 Millionen Mark pro Jahr, was vor allem für die leeren Kassen stark verschuldeter Vereine wie Real Madrid oder Benfica Lissabon einen warmen Geldregen bedeuten würde. Gerüchten zufolge sollen jetzt noch die Betriebssportgruppe aus Leverkusen und die Neureichen aus der Hauptstadt dazustoßen. Diejenigen, die sich diesen Schwachsinn ausgedacht haben, scheinen nicht an den Satz “der Kunde ist König” gedacht zu haben. Denn die breite Masse der Fans, also der Kunden der Fußballvereine, lehnt die Einführung einer Europaliga strikt ab.

Auch FIFA und UEFA sperren sich bis jetzt gegen eine solche Liga. So schreibt die “Reviersport”, daß “die FIFA [...] unter anderem damit” drohe, “daß jeder Klub und deren Spieler, die ohne Einwilligung der UEFA daran teilnehmen, für alle Wettbewerbe weltweit gesperrt werden würden.” Darauf bekamen die Ersten kalte Füße und distanzierten sich von der Idee, hinter der angeblich die Medienmacher Berlusconi, Kirch und Murdoch stecken sollen: Der FC Bayern München erteilten der Liga zunächst selber eine Absage zumindest offiziell), um sich dann wieder um 180 Grad zu drehen: Bayern-Manager Uli Hoeneß besitzt sogar die Frechheit zu behaupten, sein Verein und der BVB vertreten angeblich nur die Interessen der deutschen Vereine, wenn sie sich an solchen Geheimtreffen beteiligen würden. Vielleicht sollte mal jemand Herrn Hoeneß darauf aufmerksam machen, daß kein Vertreter irgendeines anderen Fußballvereins in Deutschland ihn darum gebeten hat, ihn und seinen Verein dort zu vertreten.

In der WAZ war zu lesen, daß “für die 32 Mannschaften insgesamt 72 Spieltage vorgesehen sind.” Während Spiele in den nationalen Meisterschaften von Donnerstag bis Sonntag stattfinden sollen, würde die Europaliga von Montag bis Mittwoch spielen. Die würden dann “das digitale Fernsehen mit aller Gewalt durchsetzen, und wenn sie eine exklusive Ware hätten, die dennoch die nationalen Märkte interessiert”, also die Europaliga, “dürften sie mit einer riesigen Nachfrage nach ihren Decodern rechnen.”

Die sportliche Qualifikation tritt hier sowieso in den Hintergrund: Ein Großteil der Vereine nähme nur wegen ihres “großen” Namens daran teil. Sie bekämen also jene Wildcard, die sie teilweise schon als abgehalfterte Ex-”Championsleague”-Gewinner (Milan und BVB) für den UEFA-Cup forderten. Das wäre ungefähr so, als wenn der DFB den Abstieg des 1.FC Köln wegen seines Namens für rückgängig erklärt hätte, und stattdessen der 1. FC Nürnberg in die zweite Liga zurückversetzt worden wäre. Die reichen Vereine könnten dann die anderen Clubs billig aufkaufen und aus ihnen sogenannte Farm-Teams nach amerikanischem Vorbild machen. Sie könnten dann ihre Jugend- und Amateurabteilungen dicht machen und die Nachwuchsarbeit diesen Teams überlassen. Die nationalen Meisterschaften wären dann endgültig zweitklassig, und Spitzenfußball fände dann nur noch in der Europaliga und im Pay-TV statt.

Sicher, jeder hat sich auf Schalke über die UEFA-Cup-Spiele gefreut, aber jede Woche Inter Mailand? Nein, danke! Erst durch den Bundesligaalltag werden die Europapokalspiele zu etwas Besonderem. Verlieren würden am Ende alle: die betrogenen Fans, die Vereine und auch (wenigstens etwas Positives) Berlusconi, Kirch und Murdoch.

Die Einführung eines der Europaliga ähnelnden Wettbewerbs in Südamerika hat sich bereits als Bumerang erwiesen. So fand das Spiel zwischen den Spitzenclubs Palmeiras Sao Paulo und Independiente Buenos Aires vor gerade mal 1500 Zuschauern statt, in einem Stadion, in dem sich zu den brasilianischen Ligaspielen etwa 8000 Fans einfinden! Für den September wollten die Bundesligavereine ein “Geheimtreffen” einberufen, um über geeignete Maßnahmen gegen die Europaliga zu beraten. Dies wurde dann doch erst einmal abgesagt. Den potentiellen Euroligateilnehmern BVB Lüdenscheid und Bayern München sollte dabei ursprünglich auch der Ausschluß aus der Bundesliga angedroht werden. Vielleicht besser so.


Hasse mal ne Mark?

(mc/pr/axt) Irgendwann, das ist wohl absehbar, werden die Fußballvereine sich in Aktiengesellschaften umwandeln. Sollen wir ihnen finanziellen Erfolg wünschen? Schon lange vor dem Konkurs kann es mit der Herrlichkeit vorbei sein, da die Aktionäre hineinregieren werden wollen.

Der Stand der Dinge

Am 22.5.1998 veröffentlichte die DG Bank die Studie “Die Bundesliga geht an die Börse”. In dem Emissionskonzept wird der Weg für Kapitalgesellschaften (sog. Fußball-AG’s) in fast allen Einzelheiten dokumentiert. Dem steht nur der Paragraph 7 des Lizenzspielerstatus des Deutschen Fußball­Bundes entgegen. Dieser besagt, daß nur eingetragene Vereine in der Bundesliga spielen dürfen. Beim DFB-Bundestag am 24.10.1998 kommt es voraussichtlich zur Abstimmung, ob dieser Passus dahingehend geändert wird, daß zukünftig auch Kapitalgesellschaften am Spielbetrieb der Bundesliga teilnehmen dürfen.

Und was wird aus dem Verein?

Der Verein verfügt nach einer Umwandlung nicht mehr über eine Profiabteilung im Bereich “Fußball”. Schach, Basketball, die Jugendabteilungen, usw. bleiben übrig. Seine gesamten Rechte (Vermarktung, Sponsoring, TV, Merchandising) tritt der Verein an die AG ab. Die bisherigen Vereinsmitglieder können dann Aktionäre werden. Skurril wirkt der Gedanke, daß dann Aktionäre ihre Dauerkarten günstiger erwerben können oder all die anderen Vorteile erhalten, die momentan den Vereinsmitgliedern vorbehalten sind. Heißt es auf der Titelseite des Schalker Kreisels zukünftig “Aktionärsausgabe” statt “Mitgliederausgabe”?

Was bedeutet eigentlich AG?

Jede Aktiengesellschaft setzt sich aus drei Bereichen zusammen. Geregelt sind die Aufgaben im Aktiengesetz. Da wäre zunächst einmal der Vorstand, der für alle Leitungsaufgaben verantwortlich zeichnet und für die Vertretung des Unternehmens nach außen (gerichtlich, Presse, usw.) verantwortlich ist. Dazu kommt der Aufsichtsrat, der nach Aktiengesetz zwischen 3 und 21 Mitglieder haben kann und die Geschäfte des Vorstands kontrollieren soll. Der Vorstand berichtet dem Aufsichtsrat über die Maßnahmen, die nicht zum laufenden Geschäft gehören, und dieser segnet die Maßnahmen ab. Oder auch nicht. Normalerweise werden in einen solchen Aufsichtsrat Vertreter der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite entsandt. Bei Fußballvereinen werden das wohl Vertreter des Vereins, der Sponsoren und der Geldgeber sein. Und je nach Verein vielleicht auch mal ein oder gar zwei Vertreter der Fans. Für die Fans entscheidend dürfte da schon eher das dritte Organ einer Aktiengesellschaft, nämlich die Hauptversammlung, sein. In ihr sitzen die Aktionäre, bzw. deren Vertreter (z. B. Banken). Hier wird nicht nach Köpfen, sondern nach der Anzahl der Aktien abgestimmt. Die Anzahl der Stimmen, die die Anwesenden bei einer Hauptversammlung haben, wird daher sehr unterschiedlich sein. Immer vorausgesetzt, daß der anwesende Aktionär überhaupt mit abstimmen darf, aber dazu später mehr. Aufgabe der Hauptversammlung ist die Entlastung (nicht zu verwechseln mit der Entlassung) des Aufsichtsrats und des Vorstands. Das heißt, die Aktivitäten eines Jahres werden von der Hauptversammlung abgesegnet, Aufsichtsrat und Vorstand werden von der Verantwortung entlastet.

Aktientypen

Der Mindestnennwert einer Aktie beträgt fünf Mark. Ein Unternehmen, das Geld benötigt, plaziert diese Aktien an der Börse und beschafft sich so das nötige Kapital für die geplanten Maßnahmen. Diejenigen, die Aktien erwerben, erhalten durch den Kauf ein Mitspracherecht bei der Unternehmenspolitik und als Verzinsung für ihr eingesetztes Kapital eine Dividende, die vom Erfolg des Unternehmens abhängig ist. Es gibt aber auch Vorzugsaktien, wobei der Begriff “Vorzug” mit Vorsicht zu genießen ist. Vorgezogen werden die Inhaber von Vorzugsaktien bei der Dividende, sie haben einen festgelegten Anspruch. Dafür haben diese Aktien meistens kein Stimmrecht. Wenn uns Riesenstaatsminister Jürgen W. Mümmelmann bei der Schalker Jahreshauptversammlung am 17. August 1998 die Ausgabe von Vorzugsaktien schmackhaft machen wollte, dann bedeutet dies auch, daß die Fans, die diese Aktien ja kaufen sollen, nicht mitstimmen dürfen.

Mehrheit oder nicht

Es hilft wenig, wenn Schalke beteuert, auf jeden Fall die Aktienmehrheit halten zu wollen: Damit kann es schnell vorbei sein. 75% der Anteile sind nötig, um eine Satzungsänderung durchführen zu können, 50 Prozent, um die einfache Mehrheit zu halten. Doch wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten kommt, ist ein Kapitalschnitt erforderlich - Ergebnis: Die Mehrheit ist weg. Ohne Zustimmung der Fremdaktionäre sind dann keine Strukturmaßnahmen mehr möglich. Wenn dann noch die Aktionäre wenig vom Geschäft verstehen, oder aber ihre Dividende ohne Rücksicht auf den sportlichen Erfolg gesichert wissen wollen, können hier rasch britische Verhältnisse eintreten. So kann es schon bei kleineren Schwierigkeiten dazu kommen, daß nicht gehandelt werden kann und die Schwierigkeiten sich zu Krisen auswachsen.

Reif für die Insel

Von 140 auf 70 Pfund fiel die Tottenham-Aktie im letzten Jahr. Am Beispiel Tottenham lassen sich gut die Besonderheiten des Aktienhandels bei Fußballvereinen aufzuzeigen. Ein Kursanstieg bei der Rückkehr von Jürgen Klinsmann (warum eigentlich?), ein Kursverfall bei schlechten Tabellenplätzen. Bei Fußballvereinen ist das Verhalten vieler Aktionäre völlig irrational, wenn einzig und allein die sportliche Entwicklung berücksichtigt wird. Über kurz oder lang werden sich aber wohl die wirtschaftlichen Entwicklungen der Vereine als Motive für Kauf und Verkauf von Aktien durchsetzen.

Warum sollte man Aktionär werden?

Entweder, weil man damit Geld verdienen will, oder, weil man sich mit dem Unternehmen identifiziert. Die große Mehrheit der Aktionäre versucht beim Aktienhandel, mit dem Ausnutzen von Kursentwicklungen Geld zu machen. Man versucht, eine Aktie möglichst günstig zu kaufen und dann teurer zu verkaufen. Es nützt nichts, jede noch so kleine Kursentwicklung auszunutzen, da die bei An- und Verkauf anfallenden Gebühren und Provisionen ca. drei bis fünf Prozent betragen. Gewinne sind nur dann steuerfrei, wenn man die Aktien mindestens sechs Monate in seinem Besitz hatte, sonst muß man den Gewinn in Deutschland versteuern. Die zu zahlende Steuer muß also ebenso wie die Kaufgebühren auch noch mit einkalkuliert werden, wenn man auf die schnelle Mark aus ist. Auf der anderen Seite stehen diejenige, die sich Aktien kaufen, weil sie sich mit dem Unternehmen identifizieren. So mancher VW-Arbeiter hat seine Volkswagen-Aktien nach dem Motto “Guckt mal, ich bin Aktionär” ja auch eingerahmt über dem Küchentisch hängen. Das Hauptmotiv aber ist bei vielen Aktienkäufern die schnelle Mark, die man bei guter wirtschaftlicher Entwicklung mit Kauf und Verkauf machen kann. Andre Kostolany, mittlerweile 90jähriger Börsenguru, hat dies einmal treffend auf den Punkt gebracht: “Aktienhandel sollte wie ein Vollbad sein, kurz und erfrischend.” Nun suhlt sich so mancher zwar ganz gerne stundenlang in seiner Wanne (besonders bei der Lektüre des neuen SCHALKE UNSER), aber beim Aktienhandel gibt es ja auch einige wenige, die sich einmal eine oder mehrere Aktien kaufen, diese dann irgendwo deponieren und gar nicht auf die Idee kämen, die Papiere wieder zu verkaufen, egal welcher Aktienkurs gerade angesagt ist. In der Mehrheit sind sie auf jeden Fall nicht, genauso wenig wie die Dauerbader.

Wer kann Aktien ausgeben?

Rein theoretisch kann jedes Unternehmen Aktien ausgeben, wenn es die erforderlichen Voraussetzungen besitzt. Sinn macht das Ganze jedoch nur, wenn die wirtschaftliche Kraft und die Erwartungen in dieses Unternehmen einen Aktienkauf für potentielle Geldanleger attraktiv machen. Warum sollte man sich beispielsweise Fußball­Aktien vom KFC Uerdingen oder vom FSV Zwickau kaufen, wenn man nicht gerade Fan einer dieser Mannschaften ist?

Auf und ab

Wollen viele Kapitalanleger die Aktien kaufen, weil die Entwicklung des Unternehmens gut ist oder zumindest die Erwartungen positiv sind, wird der Kurs der Aktien steigen. Sportliche Mißerfolge eines Vereins können dagegen unabhängig von der wirtschaftlichen Situation zu plötzlichen Kursstürzen führen. Wie werden die Geldanleger reagieren, wenn sich ein wichtiger Spieler verletzt? Womit ist zu rechnen, wenn ein Verein aus einem internationalen Wettbewerb ausscheidet oder gar absteigt? Nicht ohne Grund fordert Franz Beckenbauer, einer der selbsternannten Visionäre, daß zukünftig nur noch ein Verein absteigen soll.

Warum brauchen die Vereine mehr Geld?

Diese, eigentlich entscheidende Frage wird bei fast jeder Diskussion in den Hintergrund gedrängt. Fast immer werden steigende Spielergehälter und explodierende Ablösesummen als Grund genannt. Man stelle sich das Ganze einmal in einem anderen Industriezweig vor: Ein beliebiges Unternehmen aus der Chemiebranche würde zusätzliche Aktien ausgeben, weil die Vorstandsmitglieder mehr Geld haben wollen. Schallendes Gelächter und Kopfschütteln wäre allen Beteiligten sicher. Bei Fußballvereinen wird das Ganze dann als Weitsicht und Erhalt der Konkurrenzfähigkeit bezeichnet. Etwas anders sieht die Sache zwar aus, wenn das Geld für Investitionen (z. B. Stadionneubau) benötigt wird. Die geschilderten Probleme bleiben jedoch gleich. Wenigstens steht bei dieser Variante ein materieller Gegenwert hinter den Aktien. Die offene Frage bleibt jedoch auch hier, was passiert, wenn die Kurse in den Keller purzeln. Und das können sie, auch wenn einige Börsenneulinge dies in der allgemeinen Euphorie manchmal nicht wahrhaben wollen.


Für Zivilcourage gibt es kein deutsches Wort

(bm) Was wird von der WM 98 bleiben? Der Tötungsversuch einiger potentieller Mörder - auch Hools genannt - von Lens war das Thema der WM. Hierüber diskutierten nicht nur die Fußballfans. Laut Langenscheidts Fremdwörterbuch ist ein Hooligan: 1. Randalierer, Rohling, Rowdy, 2. Halbstarker. Von Fußballfans ist nicht die Rede.

Ist es daher nicht mal wieder an der Zeit, sich grundsätzlich mit dem Thema Hools, auch mit “Schalke-Hools” auseinander zu setzen? Wer glaubt noch an das Märchen vom fairen Kampf “Mann gegen Mann”? Die deutschen Hools sind genauso Kriminelle wie die holländischen, die sich auf Parkplätzen treffen (Feyenoord gegen Ajax), um sich den Schädel einzuschlagen. Die deutschen Hools sind keine dialektisch geschulte, fortschrittliche Organisation, sondern ein brutaler Schlägerhaufen, der in zunehmendem Maße von Neonazis und anderen Rechten organisiert und geführt wird. Die zunehmenden Rechtstendenzen in der Gesellschaft spiegeln sich auch hier wieder. Die rassistischen Parolen, Sieg-Heil-Rufe und Führer-Grüße am 21. Juni in Lens, als die deutschen (Hools) zum dritten Mal nach dem ersten und zweiten Weltkrieg in Lens einmarschierten, sprechen eine deutliche Sprache. In Lens kam es laut Zeugenaussagen zu einer Art Solidarisierung zwischen Hools und organisierten Neonazis.

Hools sind keine Gruppe von Fans, wie die Kutten oder Normalos, sondern Kriminelle, die einfach nur den Fußball zum Anlaß oder als Vorwand nehmen, um andere Menschen körperlich zu verletzen. Diese Gewalt ist nicht nur gegen Gäste-Fans und gegen die Polizei, sondern oft auch gegen die Fans des eigenen Vereins gerichtet. Die immer wieder vorgetragene Treue zum Verein mag ja bei einigen vorhanden sein, aber auf solche “Fans” kann jeder Verein verzichten. Jeder Verein? Gerüchten zufolge werden beim von Mayer­Vorfelder regierten Stuttgarter VfB den Hools auch schon mal die Auswärtsfahrten spendiert.

Die Tat von Lens geschah, so vermelden es Augenzeugen, eher zufällig. “Zufällig” wurde also ein Mensch schwer verletzt. Die Polizei machte den verhängnisvollen Fehler, wenige Polizisten alleine in einer Seitengasse zurückzulassen. Warum distanzierten sich die “normalen Fans” nicht von den Hools? Es gibt nur eine Antwort: aus Angst! Wer selber schon einmal in dieser Situation war, wird das nachfühlen können. Die Hools schaffen sich durch kriegerisches Auftreten und Drohgebärden Machträume und genießen den selbst geschaffenen rechtsfreien Raum. Auch wenn es in den letzten Jahren in den meisten Bundesligastadien ruhiger geworden ist, toben sich die Hools in der zweiten und insbesondere in der dritten Liga aus, dort vorwiegend im Osten der Republik. Die Kontrollen und Einsätze der Polizei in der Bundesliga haben zu einer Verdrängung in die unteren Ligen geführt.

Wenn es aber um internationale Einsätze Deutschlands geht - hier sind nicht die Einsätze von Volker Rühes Armee gemeint -, sondern die Spiele der Bundesdeutschen Fußballnationalmannschaft halten die Hools, aus welchem Verein auch immer, zusammen. Dies erinnert irgendwie an den Ausruf von Kaiser Wilhelm II.: “Ich kenne nur noch Deutsche!” Krieg macht anscheinend den Hools am meisten Spaß, wird er auf ‘des Feindes Boden’ ausgetragen. Viele Jugendliche sind heute, besonders stark im Osten oder in westdeutschen Großstädten, tendentiell rechts. Die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, die zunehmende Arbeitslosigkeit, der tägliche Existenzkampf und die damit einhergehende Verrohung der Gesellschaft spiegelt sich hier wider.

Es ist aber auch bekannt, daß einige Hools aus gutsituierten Kreisen kommen, was zeigt, wie weit sich in der Gesellschaft die Rücksichtslosigkeit breit gemacht hat. Waren es früher Bomberjacke und Springerstiefel, so ist heute schickes und teures Outfit und spezielle Hoolkleidung wie die von Sport Bock in München angesagt. Die T-Shirts dieser Firma mit Abbildungen wie: “Invasion Frankreich ‘98” inklusive Totenkopf oder “Frankreich-Überfall 98” mit einem zerschossenen Eiffelturm, ließen schon im Vorfeld der WM nichts Gutes ahnen. Leider konnte niemand verhindern, daß auch “Schalke-Hools”, durch Fotos belegt, mit dem blauen GE-Käppi durch Lens rannten. Es scheint, daß überzeugte Hools durch nichts von ihren Aktionen abzuhalten sind. Nichtsdestotrotz wird es immer wichtiger, Jugendliche davon abzuhalten, sich Hoolgruppen anzuschließen. Je mehr die Gesellschaft abdriftet, desto mehr Streetworker werden benötigt, um diesem Trend entgegenzusteuern.

Die Reaktionen nach Lens - von DFB Pater Brauns Krokodilstränen bis zu Berti Vogts Aussage von den “Rechtsverdrehern, die die Kriminellen verteidigen” sind ebensowenig zu kommentieren wie die teilweise peinlichen Worthülsen der Spieler. Hier spielt bei einigen, wie DFB und deutsche Medien, wohl die Enttäuschung mit, daß sich nunmehr die Chancen für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft im Jahre 2006 vermindert haben könnten.

Dabei begann doch alles so “gut” mit den Ausschreitungen der englischen Hools in Marseille. Bei Hans-Hubert Vogts schien die Sorge sehr groß zu sein, sich nicht mit schlechten Spielen ins Finale durchmogeln zu können, sondern frühzeitig die Koffer packen zu müssen.

Die deutsche Nationalmannschaft hat in Frankreich eine große Chance verspielt, die Hools von den Fußballfans abzugrenzen. Vielleicht wäre Abreisen wirklich das Beste gewesen, um hier ein Zeichen zu setzen. Aber kann man das von den Millionären in kurzen Hosen verlangen? Es geht doch um die neuen Verträge mit den jeweiligen Vereinen und der Werbeindustrie, und die will man schließlich nicht gefährden. Dies sind die Vorbilder der Jugend! Der Spendenaufruf für den schwer verletzten David Nivel ist auch “typisch deutsch”. Wenn die Gesellschaft mit einem Problem nicht fertig wird, dann versucht sie sich halt, von der Schuld freizukaufen. Wäre es auch zu einer Spendensammlung gekommen, wenn ein normaler Fan durch die in Frankreich eingesetzten militärischen Widerstandsbekämpfungs- und Spezialeinheiten CRS verletzt worden wäre?

Viel bedeutsamer hinsichtlich der Auswirkungen auf die “normalen” Fußballfans waren die Kommentare der Politiker. Da alle Informationen aus dem Internet oder von offizieller Seite wie Landeskriminalamt NRW nicht beachtet wurden, und deutsche Politiker nie ihr Versagen zugeben, mußten die französischen Behörden als Schuldige herhalten.

Insbesondere “Law and Order”-Innenminister Manfred Kanther, der vorher alles zusicherte, aber nichts gegenüber den französischen Behörden hielt, mahnte schärfere Gesetze an. Vor allem geht es ihm hier um die Verschärfung der Gesetze bei Landfriedensbruch, aber auch um eine weitere Einschränkung von Bürgerrechten (Vorbeugehaft). Dies verhindert garantiert keine Straftaten, sondern es führt im Gegenteil zu einer strengeren Gangart gegenüber Normalos und Kuttenfans in den deutschen Stadien.

Trotz ihrer Liste von 614 aktenkundigen Hools ist die Polizei bis heute nicht in der Lage, den normalen Fußballfan vom Hool zu unterscheiden. Sie wird nur noch schärfer gegen Kuttenfans vorgehen, weil der politische Druck dies erfordert. Organisationen wie das Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) und die Schalker Fan-Initiative, die sich mit länderübergreifenden Projekte gegen Gewalt und für Völkerverständigung einsetzen erhalten kaum Unterstützung. Erfolgreiche Projekte wie der “Anstoss” in Köln werden wegen angeblichen Geldmangels der Stadt Köln abgeschafft. Und sonst? Dem schwerverletzten Daniel Nivel geht es gesundheitlich mittlerweile etwas besser. Die potentiellen Hools, die diese Tat begangen haben sollen und in Frankreich und Deutschland verhaftetet wurden, sind teilweise dank hoher Kaution wieder frei.

Schön, wenn man als Hool wohlhabende und einflußreiche Eltern hat.


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