„Schalke braucht Opposition“

(rk) Der „Drei Tage“-Präsident auf Schalke – Michael Zylka hat sich in den Schalker Geschichtsbüchern verewigt. Heute ist er Gesellschafter des PROKOM-Verlages und gibt die Zeitschrift „RevierSport“ heraus. SCHALKE UNSER sprach mit ihm über Oskar Siebert, Günter Eichberg und Rudi Assauer.

SCHALKE UNSER:
Michael, in der damaligen Situation, Schalke im finanziellen und sportlichen Abstiegsstrudel, wie bist du überhaupt dazu gekommen, für das Präsidentenamt zu kandidieren?

MICHAEL ZYLKA:
Ich kannte damals bereits viele Leute auf Schalke. Mit Charly Neumann und Rolf Rüßmann habe ich mich oft unterhalten, wie es mit Schalke weitergehen sollte. Und es lief wirklich einiges aus dem Ruder. Günter Siebert war zum dritten Mal zum Präsidenten gekürt worden, weil er ein super Rhetoriker war und er es immer wieder geschafft hatte, die Leute mit plakativen Sprüchen zu begeistern. Doch er war nun auch zum dritten Mal gescheitert, Schalke war in der 2. Liga und eigentlich tot. Und Schalke fehlte, was vielen Vereinen damals gefehlt hatte: Der Übergang zum echten Profi-Fußball war nie richtig umgesetzt worden, neue Konzepte mussten her. Ich hatte mich dann in die Kandidatenliste eintragen lassen, und in der Zeit vor der Versammlung trat ein Kandidat nach dem anderen zurück, unter anderem auch Siebert. Und ich bin ein Typ, wenn ich A sage, dann sage ich auch B. Ich habe es dann als einmalige Gelegenheit gesehen, den Schalkern mal zu sagen, was in der Zukunft wichtig wird: dass die Vermarktung und die Außendarstellung der Vereine immer wichtiger werden, und dass Schalke 04 endlich neue Gesichter braucht.

SCHALKE UNSER:
Fred Gatenbröcker war dann noch der einzige Gegenkandidat.

MICHAEL ZYLKA:
Ich habe mich mit ihm vorher sehr lange unterhalten, und mein Eindruck war, dass er in seiner Auffassung sehr ehrlich war und dass er es mit Schalke auch wirklich gut gemeint hatte. Aber ich wollte damals auch zeigen, dass es noch andere Gesichter gibt. Und wenn ich eine Stärke neben meinem rhetorischen Talent habe, dann ist es, dass ich Schalker durch und durch bin. Ich bin schon als Kind durch die Zäune gekrochen und habe mit Schalke gelitten wie ein Hund. Ich bin wirklich kein Mode-Schalker, wie es sie heute viele gibt, sondern immer mit Leib und Seele dabei. Und nachdem ich meine Rede bei der Versammlung geführt hatte, hatte ich eine Ahnung, dass es für den eigentlichen Favoriten Fred Gatenbröcker ganz schön eng werden könnte. Ich bin dann tatsächlich mit relativ großer Mehrheit gewählt worden, obwohl ich vorher echt nicht damit gerechnet habe. Ich wollte die Sache dann auch durchziehen, zumal mir Gatenbröcker und Stuckmann zunächst ihre Mitarbeit zugesichert hatten. Aber schon in der ersten Nacht, als wir alle zusammen saßen, attackierte Siebert Volker Stuckmann und Fred Gatenbröcker lautstark, wie sie denn so idiotisch hätten sein können, mit mir in ein Boot zu steigen. Es war ein heilloses Durcheinander.

SCHALKE UNSER:
Wie kam es dann zu dem Spionageverdacht?

MICHAEL ZYLKA:
Ich war beim Bundesverteidigungsministerium in einem sicherheitsrelevanten Bereich als Dolmetscher für slawische Sprachen tätig. Nicht mehr und nicht weniger. Die Bezeichnung „Spion“ ist absolut dummes Zeug. Man hatte sogar vor, mich zum Chef der Sport-Kompanie Essen zu machen, so dass ich mich auch intensiv um Schalke hätte kümmern können. Um die Vorwürfe aus dem Weg zu räumen, habe ich sogar ein Disziplinarverfahren gegen mich selbst eingeleitet, das dann später eingestellt wurde. Ich wurde von meinem Arbeitgeber zu keiner Zeit dazu gedrängt zurückzutreten, wie sooft geschrieben wurde.

SCHALKE UNSER:
Aber warum dann schon nach drei Tagen der Rücktritt?

MICHAEL ZYLKA:
Ich bin am nächsten Tag auf der Geschäftsstelle gewesen und ich kam mir vor wie ein Fremder. Es war pure Ablehnung, die mir entgegenschlug. Zudem fand ich ein finanzielles Chaos vor. Es gab Verträge, die nicht unterschrieben waren, Belege, die fehlten – ein einziges Wirrwarr. Und dann kam noch hinzu, dass ich von der Stadt Gelsenkirchen enorm unter Druck gesetzt wurde, indem die Rückzahlung von Krediten umgehend erfolgen sollte. Ich habe damals gesagt: „Ich wusste, dass ich in einen reißenden Strom springe, aber ich habe nicht gewusst, wie kalt das Wasser ist.“ Nach Rücksprache mit meiner Familie habe ich dann gesagt: „Es hat keinen Sinn.“ Es wäre auch für den Verein Schalke 04 nicht gut gewesen. Es waren zwar nur drei Tage, aber es gab fieses Mobbing. Und heute sage ich ehrlich, dass ich auf diese Situation gar nicht vorbereitet war. Ich sah für mich überhaupt keine Chance mehr, das Ding durchzuziehen. Das war keine Flucht, sondern einfach für alle Beteiligten das Beste.

SCHALKE UNSER:
Du bist aber mit deiner Drei-Tages-Präsidentschaft in die Geschichtsbücher des FC Schalke 04 eingegangen, ist das nicht auch etwas?

MICHAEL ZYLKA:
Ja, aber da leg ich keinen Wert drauf, zumal es ja auch wirklich kein Ruhmesblatt ist. Das war wirklich keine Glanzleistung von mir, das will ich auch in aller Deutlichkeit sagen. Aber ich habe das ja nicht getan, weil ich Publicity-geil war, sondern mir lag der Verein am Herzen. In diese Situation können sich viele, vor allem junge Schalker gar nicht mehr hineinversetzen. Der Verein war tot, mausetot. Und ich hab damals schon gesagt: „Schalke braucht eigentlich einen Präsidenten mit viel Geld.“

SCHALKE UNSER:
Der kam ja dann auch mit Günter Eichberg.

MICHAEL ZYLKA:
Ich bin auch nicht ganz unschuldig daran, dass Eichberg bei Schalke gelandet ist. Einige Wochen nach meinem Rücktritt habe ich zusammen mit Günter Eichberg im VIP-Raum der Düsseldorfer EG gestanden, und da hat er zu mir gesagt: „Wenn ich vorher gewusst hätte, wie leicht man auf Schalke Präsident wird, dann hätte ich es schon längst mal versucht.“ Er hatte ja bereits vorher Versuche unternommen, in den Vorstand von Fortuna Düsseldorf zu kommen. Das hat aber nie geklappt. Damals waren viele Leute einfach nicht mehr bereit, ihr Geld für Schalke zu geben. Das Geld verschwand zuvor in dubiosen Kanälen, bei Spielern wurden die Ablösesummen verpfändet, es war wirklich ein Fass ohne Boden. Und da kam Günter Eichberg gerade richtig. Das wollen heute viele auf Schalke nicht mehr hören, aber ich bin der festen Überzeugung, dass Schalke ohne Eichberg in die Amateurliga gegangen wäre, und ob sich Schalke davon wieder erholt hätte, steht in den Sternen. Eichberg hat Visionen mitgebracht und er hat am Anfang auch viel Positives bewirkt. Er hat dem Verein wieder Leben eingehaucht, die Mannschaft ist in die Bundesliga aufgestiegen und auf Schalke brannte wieder das Feuer. Später hat er dann natürlich kein Maß mehr gekannt, sogar Blanko-Verträge an die Spieler verteilt. Aber es gab auch niemanden, der ihn gestoppt hätte. Der Verwaltungsrat war schwach und konnte anscheinend auch keine Zahlen lesen, sonst hätte er Eichbergs „Marketing-Gesellschaften“ gar nicht genehmigen dürfen. Das war das eigentliche Dilemma, dass Eichberg keine Leute hatte, die ihn hätten kontrollieren können.

SCHALKE UNSER:
Gibt es da vielleicht heute auch Parallelen zu Rudi Assauer?

MICHAEL ZYLKA:
Ich schätze die Arbeit von Rudi Assauer wirklich sehr. Er ist sicher maßgeblich daran beteiligt, dass Schalke einen solchen Aufschwung erleben durfte. Aber das war auch bereits sein zweiter Anlauf, beim ersten Mal haben sie ihn ja quasi davongejagt. Und heute ist auch praktisch niemand da, der ihn beaufsichtigt. Da kommen wir zum entscheidenden Punkt: Wenn ich es mal überspitzt sage, haben sich meiner Meinung nach, die Leute, die nun seit Jahren die Arbeit auf Schalke machen, den Verein praktisch unter den Nagel gerissen. In allen Gesellschaften und Tochtergesellschaften tauchen an der Spitze immer wieder dieselben Namen auf: Rudi Assauer, Josef Schnusenberg und Peter Peters. Und kontrolliert werden die von einem Verwaltungsrat, in den immer wieder die gleichen Leute hineingewählt werden. In diesen Verwaltungsrat kann man sich natürlich reinwählen lassen, allerdings werden nur Kandidaten zugelassen, die vorher von einem Wahlausschuss genehmigt werden.

SCHALKE UNSER:
Du hattest auch schon mal versucht, dich aufstellen zu lassen, wurdest aber vom Wahlausschuss abgelehnt.

MICHAEL ZYLKA:
Der Wahlausschuss war sicher als Gutes gedacht, er macht aber heute vollkommen verfehlt seine Arbeit. Ich habe das selber zweimal am eigenen Leibe erfahren. Bei ersten Mal hatten mich unglaublich viele namhafte Schalker überredet, wieder anzutreten: „Mensch, Michael, mach es doch, wir brauchen mal wieder jemanden, der auch mal kritisch denkt und auch seine Meinung offen sagt.“ Der Wahlausschuss hatte mich dann aber aufgrund meiner Vergangenheit als „Drei Tage“-Präsident abgelehnt, und da stoße ich an die Grenzen meines Demokratieverständnisses. Der Ausschuss besteht aus sieben Leuten, man muss als Kandidat vorsprechen, und beim ersten Mal waren ganze vier von denen anwesend, wobei sogar der Vorsitzende nicht dabei war. Eigentlich hätte ich auf der Stelle aufstehen und gehen müssen. Ich hätte sagen müssen, „Verarschen kann ich mich alleine“. Und dann werden einem solch unvorstellbare Fragen gestellt, wie etwa: „Bist du auch ein echter Schalker und hast du auch nichts Böses im Sinn?“ Albern. Es drängt sich schon der Eindruck auf, dass dieser Ausschuss nur installiert wurde, um Leute fernzuhalten, die dem Vorstand nicht genehm sind.

SCHALKE UNSER:
Ist der Wahlausschuss dann in deinen Augen vollkommen unnütz?

MICHAEL ZYLKA:
Der Wahlausschuss hat seine Berechtigung, wenn er prüfen würde, ob gegen einen Kandidaten Strafverfahren laufen oder jemand total verschuldet ist und Tomate nicht mit „ck“ schreibt. Er hat die reinen Fakten abzuklären, aber er ist nicht dazu da, „unangenehme“ Leute vom Vorstand fernzuhalten. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass keine Organisation ohne eine Opposition funktionieren kann. Opposition heißt ja nicht, dass ich etwas sabotieren möchte, sondern nur die Arbeit kritisch beleuchten möchte. Um das noch mal ganz klar zu sagen: Ich halte wirklich viel von Rudi Assauer, finde aber auch, dass vieles vielleicht noch besser laufen würde, wenn etwa so mancher Spielertransfer auch kritisch hinterfragt werden würde.

SCHALKE UNSER:
Michael, vielen Dank für die offenen Worte und Glückauf.