“Kaum war ich auf dem Mast, war Ramba-Zamba” – Schalker Originale Catweazle

(ru) Wie bereits in der letzten Ausgabe angekündigt, startet hiermit die Serie über „Schalker Originale“. Wir wollen die Menschen würdigen, die auf besondere Weise die Leidenschaft und Hingabe für den FC Schalke verkörpern und mitunter fester Bestandteil der Schalker (Fan-)Kultur wurden.

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Vielleicht liegt es an der romantischen Verklärung des Vergangenen, aber das Parkstadion hat für viele die Aura eines Kolosseums gewonnen, in dem der eigene heiß geliebte Verein noch mehr Kultclub als Wirtschaftsunternehmen war. Genau jene Erinnerungen wie aus dem Familienfotoalbum gehen einher mit dem Gedanken an eine Person, die mit der Trommel den Herzschlag der Kurve bestimmte. Doch eben diese verschwand mit dem Prunk der neuen Arena aus dem Fokus und man fühlte sich an einen Film erinnert, in dem der Held vor der Danksagung längst dem Sonnenuntergang entgegen reitet.

Getauft haben sie ihn „Catweazle“ nach einem Magier aus dem Mittelalter in einer TV-Kinderserie, „Oly“ nennen ihn seine Freunde. Und wie es so ist mit Helden, die verschwinden, ranken sich schnell Mythen um sie. Eine Episode typisch für Schalke, wo so mancher schon mal zweimal beerdigt wurde, folgte mit der Vermeldung des Todes von „Catweazle“ 2005. Heute schmunzelt er: „Wer erlebt schon seine eigene Beerdigung?“ Doch irritiert waren er und seine Familie schon, als der Hausflur mit Blumenkränzen – dekoriert mit blau-weißen Schleifen – gefüllt war, das Telefon nicht mehr ruhte, Kondolenzbücher Lexikonstärke annahmen und in verschiedenen Zeitungen Nachrufe auf die Schalke-Legende gedruckt wurden.

„Alte Heimat“

Später haben sich alle bei ihm entschuldigt, böse ist „Catweazle“ keinem mehr und man hat das Gefühl, dass er das auch nicht sein kann: „Es hört sich komisch an, aber die damalige Anteilnahme macht einen natürlich auch auf eine Art stolz.“

Eine Beerdigung, die wirklich stattgefunden hat, war die von Charly Neumann – wie Catweazle einer dieser Männer, die Schalke Kontur gaben. „Die Fans sind zu Charly hin, selbst wenn sie Eheprobleme hatten. Der hat dann tatsächlich die Ehefrauen angerufen und bequatscht“, erzählt Catweazle bewundernd. Charlys Beerdigung war der Tag, an dem er zu seiner „alten Heimat“ zurückkehrte, wie er sagte. Gelsenkirchen, Wellhausen, alte Freunde treffen.

Doch wie konnte er sich überhaupt von all dem entfernen? 28 Jahre stand er mit seiner Trommel auf dem Masten, bei Wind und Wetter, wenn der Regen zentimeterhoch auf der Trommel stand, von Meppen nach Mailand, von Klaus Täuber bis Ebbe Sand. „Ich habe Kinder neben mir aufwachsen sehen, die haben selbst irgendwann Kinder bekommen und die standen auch wieder neben mir“, blickt er zurück, und auch darauf, dass Mike Hanke als Knirps neben ihm stand. Der Bruch kam mit der Arena und hatte vielschichtige Gründe.

Zunächst persönliche, Catweazle erkrankte schwer, hat sich nun aber wieder erholt. Aber auch die Zeiten schienen sich geändert zu haben und mit ihnen auch Schalke. Doch der moderne, technologisierte und kommerzielle Fußball gebar seine Kinder, die Catweazle so umschreibt: „Diese ganzen Mode-Fuzzis, diese Sesselfurzer, ‚sehen und gesehen werden’ – da lach ich mich kaputt. Im VIP-Raum sitzen Leute mit Fliege, da krieg ich ein am Rappel. So was kann ich nicht akzeptieren.“ Man hat das Gefühl, hier wurde jemand aus seinem Partykeller, den er mit Freunden zusammengezimmert hat, von Fremden verdrängt.

In der Arena verweigerten sie es ihm, ein Rohr oder eine Stange anzubringen, eine Art Lautsprechermasten wie im Parkstadion, den er nach dem Spiel abgebaut hätte. Aus Sicherheitsgründen hieß es.

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Catweazle gibt dann immer wieder gerne die Geschichte zum Besten, als Ordner ihn aufforderten, seine Trommel zu öffnen – ein durchaus aufwändiges und langwieriges Unterfangen. Als eben diese Ordner, scheinbar die letzten, die Catweazle nicht erkannten, nicht locker ließen, nahm er Anlauf und trat in die Trommel. Nicht weiter tragisch, gingen durch die Trommelei pro Saison doch sowieso acht bis zehn Trommelfelle über den Jordan. „Ich habe alles selbst bezahlt, nie etwas vom Verein gefordert. Die Leute verlangen, dass Stimmung herrscht, aber dann wird man nur verarscht.“ Von daher fühlt er wohl auch mit den Ultras, die er als seine Nachfolger sieht: „Ich ziehe den Hut vor denen, die geben sich Mühe, machen und tun. Aber das nützt ja alles nichts, wenn man nur Pappenheimer in der Kurve stehen hat.“

Die Kurve hat sich geändert im Vergleich zu seiner Zeit als Einpeitscher. Viele bemängeln, dass Karten über Jahre vergeben sind und Eintrittspreise in die Höhe schnellen wie Spritpreise. Catweazle schüttelt da nur den Kopf: „Gelsenkirchen ist die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote in NRW. Warum gibt man diesen Leuten nicht mal Freikarten oder setzt die Preise runter? Die Hütte ist doch immer voll, da tut so ein Preisnachlass keinem weh.“ Er vermisst wie so viele die Nähe („Früher hat man sich gefetzt und dann zusammen gesungen“) und fürchtet, dass gerade denen, die für Schalke leben, kein Platz mehr gelassen wird: „Es gibt Leute, die sparen sich alles vom Mund ab für Schalke. Auch wenn ich es nicht loben will, aber ich habe erlebt, wie Beschaffungskriminalität für Eintrittskarten von Schalke stattgefunden hat.“

„Urlaub nur mit Schalke“

Als noch mehr Herzblut als Champagner auf Schalke floss, war Catweazle das beste Beispiel für die bedingungslose Treue. „Ich hab in meinem Leben nie Urlaub gemacht, nur mit Schalke. Das Schönste war Mailand“, sagt er, um grinsend hinzuzufügen: „Aber auch die zweite Liga in den Achtzigern, da hat man viel von Deutschland gesehen.“

Dass er das alles machen konnte, lag an zweierlei: zum einen sein Job als Besitzer eines Antik-Ladens. Noch heute ist sein Wohnzimmer voll mit Antiquitäten; Puppen, die immer noch Tausende von Euros wert sind. Catweazle sammelte und sammelte, konnte sich selbständig machen und auch mal an seinen Laden ein Schild an die Tür hängen mit der Aufschrift: „Bin 14 Tage mit Schalke weg.“ Zweitens die Toleranz seiner Frau, die selbst mit Fußball nichts am Hut haben will und dennoch ihn überall hingefahren hat, seine Kutten und Hosen nähte und auch akzeptierte, dass die Kinder ebenso mit dem Schalke-Virus infiziert wurden. „Manche 18-Jährige heute, die kennen höchstens drei Discos, meine Kinder haben Mailand, Prag, Valencia und vieles mehr mit allen Sehenswürdigkeiten gesehen.“

Der Familienfrieden geriet nur einmal in Gefahr. Als man ihn anlässlich des Films „Fußball ist unser Leben“, dessen Kostüme aus dem Kleiderschrank Catweazles stammen, fragte, ob er auch sein Haus auf ein Tor von Schalke verwetten würde, witzelte er: „Klar, da würde ich anne Ruhr mein Zelt aufschlagen.“ Das Problem war: Niemand verstand es als Witz und als die Sätze geschnitten über den Schirm liefen, „war zu Hause Zirkus“. Allgemein hat „Caty“ zum TV ein angespanntes Verhältnis, war er doch „öfter im Fernsehen als Claudia Schiffer“, ungefähr bei jeder „ran“-Sendung. So nervten ihn die fragenden Journalisten auch irgendwann, es stand schließlich nicht Prominenz, sondern allein Stimmung im Vordergrund: „Kaum war ich auf dem Mast, war Ramba-Zamba.“ Zwar nicht 90 Minuten durchgehend, aber immer dann, wenn es gerade ruhiger zuging oder das Team ein lang gezogenes „Schaaaaalke“ zu brauchen schien. Angefangen hatte alles in einer Kneipe Anfang der Achtziger vor einem Spiel, als Catweazle und ein Freund auf die Idee kamen und nach Hause flitzten, um das Schlagzeug auseinander zu schrauben.

Der Schalke-Virus hatte ihn aber schon 1958 erwischt, als er mit einem Freund nach Hannover fuhr und dort die letzte Schalker Meisterschaft sah. Danach, sagt er, habe er den alten Schalker Bahnhof blau-weiß angepinselt und kurze Zeit in Gewahrsam verbracht. Solche Storys schüttet der 66­Jährige serienweise aus dem Ärmel.

Wie über den Schalke-Fan aus dem Osten, der seinen Trabbi komplett in Blau-Weiß und mit Schalke-Wappen verziert hatte und nach der Wende vor Catweazles Tür stellte, um ihm den Wagen zu verkaufen. „Der sah so abgefahren aus, den habe ich gekauft – und dabei hatte ich gar keinen Führerschein.“ 1500 Mark legte er auf den Tisch, 500 davon hauten Käufer und Verkäufer zusammen auf den Kopf.

„Vielleicht doch noch mal wieder“

Trabbies und Catweazle – Symbole von Nostalgie. Bis vor kurzem hat er in einem Restaurant am MSV-Stadion gearbeitet, die Schalke-Spiele schaut er auf Premiere in der Kneipe, auf Schalke war er schon zwei Jahre nicht mehr. „Vielleicht in der Rückrunde mal wieder“, sagt er nachdenklich, als ob er wüsste, dass das Rad der Zeit nicht mehr zurückzudrehen ist und viele Fremde in seinem Partykeller rumturnen.

Doch das Funkeln in seinen Augen, wenn er über aktuelle Geschehnisse wie um den abgedrehten Ze Roberto II („Sandkastenspieler“) poltert, verraten, dass das Feuer der Leidenschaft noch glüht. Zum Ende, gibt er seine alte ehrwürdige Trommel und Perücke mit, damit man sie für bedürftige Kinder in Gelsenkirchen versteigert. „Hier verstaubt das und so kann man vielleicht noch Leuten mit etwas Geld helfen.“

Also doch wieder: Er hat was von diesen Helden, die man aus Filmen kennt.