„Das Schöne am Fußball ist, dass Erfolg auch mit viel Geld nicht planbar ist“

(rk) Die Fußball-Welt verändert sich. In der Bundesliga sind immer weniger echte „eingetragene Vereine“ vertreten. Alte Traditionsvereine wie etwa der Hamburger SV gehen – meist mit dem Rücken zur Wand – den Weg in die Kapitalisierung. Doch wie nachhaltig sind eigentlich diese Konstrukte? SCHALKE UNSER sprach mit Prof. Dr. Henning Vöpel, dem Sportexperten des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), über Chancen und Risiken von Ausgliederungen in Kapitalgesellschaften.

SCHALKE UNSER:

Herr Prof. Vöpel, man kann derzeit den Eindruck gewinnen, dass im Fußball etwas nicht mehr ganz stimmt. Die Ablösesummen schießen genauso wie die Gehälter der Profispieler ins Unermessliche, es entsteht eine Art Wettrüsten bei den Klubs bei paralleler Ungleichverteilung der TV-Gelder. Baut sich da grad eine Blase auf, die demnächst zu platzen droht?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Derzeit fließt viel Geld in den Fußball – Investoren kaufen Vermarktungsrechte oder beteiligen sich direkt an Vereinen. Viele Vereine ändern sogar ihre Rechtsform, um sich für Investoren zu öffnen. Je mehr Vereine dies tun, desto größer wird der Druck auf die verbleibenden Vereine nachzuziehen. Am Ende sind auch die Traditionsvereine gezwungen, sich nach externen Finanzierungsquellen umzugucken, auch wenn sie es eigentlich gar nicht wollten. Das schnelle Geld ist für den Fußball natürlich verlockend, aber es ist auch gefährlich, weil es den Fußball radikal verändern kann und ebenso schnell wieder weg sein kann. Dann platzt die Blase.

SCHALKE UNSER:

Die Vereine, die sportlich den Anschluss verloren haben, damit auch nicht mehr an die großen Geldtöpfe der Champions League kommen, geraten in Schwierigkeiten. Sie nehmen erst Kredite und Anleihen auf, um noch teurere Spieler zu verpflichten. Und wenn dann der große sportliche Erfolg weiterhin ausbleibt, sitzen sie auf einem Schuldenberg, von dem sie anscheinend nur noch per Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft herunterkommen können. Ist das aus Ihrer Sicht tatsächlich die einzige Möglichkeit, dieser Herausforderung zu begegnen?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Im Fußball herrscht ein sehr kurzfristiger Wettbewerbsdruck. Ökonomen nennen das „Rattenrennen“: Die schnellste Ratte bekommt das größte Stück Käse. Um an die großen Geldtöpfe zu kommen, investiert und verschuldet sich jeder Verein. Am Ende aber können nicht alle erfolgreich sein – die meisten Vereine bleiben auf den Schulden sitzen, weil sich nicht der erwartete Erfolg eingestellt hat. Der typische Ligawettbewerb führt zu einem Überinvestitionsverhalten und einem Verschuldungswettlauf der Vereine.

Mit dem Rücken zur Wand entscheiden sich dann viele gescheiterte Vereine, sich durch die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft für Investoren zu öffnen. Leider ist es heute kaum noch möglich, durch kontinuierlich gute Arbeit von Trainer und Manager nach oben zu kommen: Bevor man ganz oben angekommen ist, verliert man die guten Spieler und muss von vorne anfangen. Es sei denn, man verschuldet sich weiter, um diese Spieler zu halten. Eine gefährliche Spirale aus Verschuldung und Risiko.

SCHALKE UNSER:

Aber sollte ein Management nicht auch – oder sogar in erster Linie – die langfristige und nachhaltige Entwicklung eines Vereins im Blick haben?

Cover SCHALKE UNSER 86
SCHALKE UNSER 86

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Das wäre wünschenswert. Widerspricht aber den „Gesetzen der Branche“. Wenn ein Trainer oder Manager nicht nach wenigen Spielen Erfolg hat, gehen die Diskussionen los. Der Druck von Seiten der Medien, der Sponsoren und auch der Fans nimmt immer mehr zu. Spätestens dann steht nicht mehr der langfristige Aufbau einer Mannschaft im Vordergrund, sondern der schnelle Erfolg. Das ist natürlich auch Folge des „Rattenrennens“. Man könnte dieses gnadenlose Rennen entschärfen, indem man die Gelder stärker umverteilen würde, um zu verhindern, dass die erfolgreichen Vereine finanziell davon laufen. Aber die UEFA tut mit den Geldtöpfen der Champions League das Gegenteil.

SCHALKE UNSER:

Versetzen wir uns doch mal in die Lage eines Investors. Welche Interessen hat der überhaupt, in einen Klub zu investieren. Erwartet sich der Investor eine besondere Rendite?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Interessanterweise gibt es im Fußball für Investoren gar kein Geld zu verdienen. Die Spieler schöpfen fast alle Gewinne ab. Dennoch steigen Investoren bei Vereinen ein. Das hat oft strategische Gründe. Der Verein dient dann nur als Vehikel, um bekannt zu werden. Das Geld wird dann woanders verdient. Der Fußball wird also nicht nur durch das Geld der Investoren kommerzialisiert, sondern auch instrumentalisiert. Wenn ein Sponsor darauf drängt, dass ein Spieler aus China auf dem Platz stehen soll, ist genau das passiert: Er greift aus eigenen wirtschaftlichen Interessen aktiv in die Vereinspolitik ein.

SCHALKE UNSER:

Ein Investor könnte sich aber auch Vorteile durch Sponsoring versprechen wie etwa der Investor Puma bei der KGaA von Lüdenscheid. Puma hat sich doch nun quasi auf alle Zeiten den Ausrüstervertrag gesichert, oder?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Ja, das Sponsoring ist ein Instrument für Firmen, sich bekannt zu machen und mit einem bestimmten Image zu umgeben. Die zunehmende Popularität und Reichweite des Fußballs macht diesen natürlich immer attraktiver. Mit einem langfristigen Engagement sichert sich ein Unternehmen oft auch strategischen Einfluss im Verein. Je länger der Sponsoring-Vertrag aber läuft, desto riskanter ist die Wette auf zukünftigen sportlichen Erfolg. Sponsoren zahlen für lange Verträge daher relativ weniger Geld, die Vereine geben dafür einen Teil des sportlichen und finanziellen Risikos an den Sponsor ab.

SCHALKE UNSER:

Daneben gibt es ja auch noch Investoren, die einen Klub als ihr eigenes „Spielzeug“ ansehen. Oligarchen aus Russland oder Scheichs aus der Wüste. Was spielt hier eine Rolle – handelt es sich um „Fans“, nur eben aus den Emiraten? Was versprechen sich die Investoren von ihrem Engagement?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Oft sind Vereine tatsächlich das private „Spielzeug“ von Mäzenen. Statt einer noch größeren Yacht kaufen sie sich eben einen Verein. Immer häufiger steigen aber auch Staatsfonds aus den Emiraten oder China in den Fußball ein. Oft mit dem Ziel, über den Fußball lukrative Märkte zu erschließen. In letzter Zeit haben sich diese Fonds öfter in Fernsehsender oder Rechtevermarkter „eingekauft“, auch mit dem Ziel, Sportgroßveranstaltungen in ihre Länder zu holen.

SCHALKE UNSER:

Eine Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft geht einher mit der Einbindung von Investoren, die eigene Interessen verfolgen, die sehr unterschiedlich sein können. Sie geht auch einher mit dem Verlust von Mitgliedsrechten. Das Management sieht dies sogar gar nicht mal so ungern. Warum eigentlich?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Mitglieder sind nicht nur am Erfolg interessiert, sondern auch daran, die Identität des Vereins zu erhalten. Insofern sind Mitglieder der Garant dafür, dass der Verein nicht seine Seele verkauft. Der „rationale“ Investor ist dagegen eher am kurzfristigen Erfolg als an der Identität des Vereins interessiert.

Insofern besteht zwischen Mitgliedern und Investoren ein natürlicher Konflikt. Das Management erhöht seinen Marktwert eher dadurch, dass es sportlichen Erfolg hat, nicht so sehr dadurch, dass es die Werte des Vereins bewahrt. Deshalb sind Investoren mit schnellem Geld für das Management oft nützlicher als Fans und Mitglieder mit ihren langfristigen ideellen Motiven.

SCHALKE UNSER:

Als angeblicher Vorteil einer Ausgliederung bzw. Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft wird häufig vorgebracht, dass dann „alles professioneller“ wird. Dies wird häufig von den Leuten vorgetragen, die bereits in der Vergangenheit Geschäftsführerposten inne hatten und sich dann auch einen solchen Posten in der Kapitalgesellschaft erhoffen. Heißt das, dass man sie bislang daran gehindert hat, professionell zu arbeiten?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Es gibt im Fußball keinen Beleg dafür, dass eine Kapitalgesellschaft systematisch erfolgreicher ist als ein traditioneller Verein. Höchstens deshalb, weil es durch die Umwandlung mehr Geld gibt, das in Spieler investiert werden kann, nicht aber, weil professioneller gearbeitet wird. Im Gegenteil: Manchmal scheint es, als würden die kleineren Vereine mit einfachen Strukturen und weniger Geld besser darin sein, fähige Manager, innovative Trainer und talentierte Spieler zu verpflichten. Im Fußball ist Leidenschaft wichtiger für den Erfolg als Geld. Mit Geld locken Sie Leute, denen Geld wichtig ist. Professioneller sind sie deshalb nicht.

SCHALKE UNSER:

Nun haben wir auf Schalke eine ganz besondere Situation. Wir finden hier einen Aufsichtsratsvorsitzenden vor, der nicht nur operativ ins Geschäft eingreift, sondern dem auch sehr an dem Erhalt seiner Macht gelegen ist. Clemens Tönnies hat in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Andeutungen gemacht, der FC Schalke 04 müsse seine Struktur als eingetragener Verein überdenken. Mal angenommen, es käme zu einer Ausgliederung oder Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft: Meinen Sie, dass dann noch dieselben Aufsichtsräte und Vorstände den Klub weiter führen könnten und sich auch genügend Investoren unter diesem Konstrukt finden lassen?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Machterhalt spielt in den Strukturen der Vereine eine große Rolle. Dadurch werden oft die besseren Lösungen für den Verein verhindert. Machen wir uns nichts vor: Die Leute im Fußball verfolgen sehr persönliche Interessen, die nicht immer im Einklang stehen mit denen des Vereins. Und natürlich machen Investoren ihren Einstieg auch davon abhängig, welchen Einfluss sie auf sportliche und strategische Entscheidungen haben, denn damit steuern sie ja den Wert ihres Engagements. Die Frage ist also, wie viel Macht ein Vorstand zugunsten des Investors aufzugeben bereit ist. Der Aufsichtsrat hingegen soll dies ja gerade gemäß seiner Funktion unabhängig und im Interesse des Vereins kontrollieren. In vielen Vereinen aber gibt es genau diese Interessenkonflikte, die durch die Strukturen nicht klar geregelt sind.

SCHALKE UNSER:

Ihre abschließende Einschätzung: Meinen Sie, dass die Kapitalgesellschaften das Konstrukt des eingetragenen Vereins komplett verdrängen werden oder wird es nicht auch weiterhin Platz für wenige, große Vereine geben, die sich durch ihre Unabhängigkeit von den übrigen Kapitalgesellschaften abgrenzen?

PROF. DR. HENNING VÖPEL:

Das Schöne am Fußball ist, dass Erfolg auch mit viel Geld nicht planbar ist. Aber ich befürchte, dass das Wettbewerbsgleichgewicht in der Bundesliga gerade ein wenig kippt und die derzeitige Hierarchie auf Jahre zementiert wird. Dadurch verschieben sich die Anreize noch mehr in Richtung des schnellen Geldes und weniger der Kontinuität. Die Versuche der UEFA und der DFL, mehr „financial fairplay“ in den Fußball zu bekommen, sind bestenfalls halbherzig. Insofern ist das Modell der Kapitalgesellschaft zweifellos auf dem Vormarsch. Ich denke aber, dass man auch und gerade als „eingetragener Verein“ weiterhin erfolgreich sein kann, indem man weniger Geld besser und anders investiert – nachhaltiger, unabhängiger und innovativer.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Interview, alles Gute und Glückauf.

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