(rk) So gut wie jeder kennt „Fußball ist unser Leben“ – die Schalke-Komödie mit Uwe Ochsenknecht in der Haupt- und Rudi Assauer sowie Yves Eigenrauch in den Nebenrollen. Aber niemand kennt „Glückauf“ – ein nie produzierter Film über Königsblau, den Bundesliga-Skandal und die Frage, was es heißt, sich treu zu bleiben.
Manchmal gibt es Stoffe, bei denen man sich fragt: „Warum wurde das nicht längst verfilmt?” „Glückauf” ist so ein Stoff. Das etwa Anfang der 2000er geschriebene, mitten im Bundesliga-Skandal von 1971 angesiedelte Drehbuch erzählt die persönliche Geschichte eines jungen Spielers zwischen Träumen, Loyalität, Verrat und Moral. Näher an Schalke, ans Ruhrgebiet und näher an die Seele des Fußballs kommt man kaum. Und doch wurde dieser Film nie gedreht.
Die Motivation des Projekts lag weniger im Fußball selbst als im Umbruch einer ganzen Gesellschaft. 1971 ist ein Jahr, in dem in der Bundesrepublik alles in Bewegung ist: Willy Brandts Ostpolitik, neue Freiheiten, Rockmusik, Studentenbewegung, RAF, sexuelle Selbstbestimmung – und gleichzeitig alte Autoritäten, alte Männerbilder und alte Loyalitäten, die nicht kampflos verschwinden. Genau in diesen Spannungsraum wollte „Glückauf“ seine Geschichte setzen. Fußball wird dabei nicht verklärt, sondern als das gezeigt, was er im Ruhrgebiet immer war: Projektionsfläche für Hoffnungen, Stolz und Identität.
Die Geschichte
Im Zentrum der Filmidee steht Thomas Köhler, ein junger Spieler aus Gelsenkirchen. Er spielt in der Schalker Jugend, ist talentiert, ehrgeizig und voller Hoffnung. Für ihn ist Schalke nicht einfach ein Verein, sondern ein Versprechen: raus aus dem Schlosserbetrieb des Vaters, hinein in ein anderes, ein besseres Leben. Sein Vater allerdings traut dem Fußball nicht. Er hat schlechte Erinnerungen an diesen Sport, an falsche Idole und leere Versprechen. Für ihn zählt Sicherheit, Arbeit, Bodenhaftung. Schon hier wird klar: „Glückauf“ ist auch ein Vater-Sohn-Drama.
Als bei der Beerdigung von Thomas’ Mutter plötzlich Paul Kupek auftaucht – ein gealtertes Schalker Idol, Lokalheld und Kneipenbesitzer – prallen Welten aufeinander. Kupek ist für Thomas das große Vorbild, der Beweis, dass man es schaffen kann. Für den Vater ist er das Symbol eines Lebens, das andere mit in den Abgrund reißt. Thomas rückt zu den Profis auf. Der endgültige Durchbruch auf Schalke scheint greifbar nah. Ruhm, Geld, Anerkennung – alles, wovon man träumt, wenn man auf Ascheplätzen groß wird. Gleichzeitig verstrickt sich Kupek immer tiefer in zwielichtige Geschäfte, Spielmanipulationen und Kontakte zur Halbwelt. Was zunächst harmlos wirkt – kleine „Boni“, merkwürdige Ergebnisse – wird zunehmend bedrohlich. Parallel dazu steht Maike, Bedienung in Kupeks Kneipe, politisch wach, RAF-sympathisierend, kritisch gegenüber Geld, Ruhm und falschen Idolen. Sie liebt Thomas – aber sie durchschaut schneller als er, welchen Preis dieser Erfolg fordert.
Der Film kulminiert im letzten Saisonspiel. Thomas erkennt, dass er sich entscheiden muss: Mitmachen beim Betrug – oder sich gegen die eigene Mannschaft stellen. Er entscheidet sich für Letzteres. Allein. Vor dem gesamten Stadion. Es ist eine der stärksten Szenen: Thomas spielt buchstäblich gegen die eigene Mannschaft, das Stadion steht hinter ihm, Kupek stellt sich ihm entgegen – und verliert. Schalke gewinnt. Moralisch. Für einen Moment.
Der Skandal
Das Drehbuch verwebt seine fiktive Geschichte eng mit dem realen Bundesliga-Skandal von 1971. Schalke steht dabei exemplarisch für einen Skandal, der viele Vereine betraf, dessen öffentliche Wahrnehmung aber bis heute eng mit Königsblau verbunden ist. Der Film geht dabei bewusst nicht den Weg der Dämonisierung, sondern stellt unbequeme Fragen: Wie käuflich ist ein Traum? Was bedeutet Loyalität in einem System, das selbst korrupt ist? Wer trägt Schuld – und wer wird zum Sündenbock? Gerade für Schalke-Fans ist das ein wichtiger Punkt: „Glückauf“ erzählt nicht die Geschichte von „bösen Knappen“, sondern von Menschen, die in einem System falsche Entscheidungen treffen – und dafür bezahlen. Dabei ist auffällig, wie sehr das Drehbuch auf Ambivalenz setzt. Niemand ist nur gut oder böse. Genau das macht die Geschichte glaubwürdig.
Die Besetzung
Auch wenn der Film nie gedreht wurde, die Besetzung stand schon teilweise fest – und war wirklich hochkarätig:
- Peter Lohmeyer als Paul Kupek: Ein alternder Schalke-Star, voller Charisma, innerlich zerrissen – Lohmeyer brachte genau diese Mischung aus Wärme und Abgründigkeit mit.
- Simone Thomalla als Anne Kupek, die Frau von Paul: Rudi Assauers damalige Lebensgefährtin und Tatort-Kommissarin durfte natürlich nicht fehlen
- Joachim Król als Vater Köhler: Erdung, Härte, Verletzlichkeit – Król verkörperte den Ruhrgebietsvater ohne Klischee.
- Thomas Thieme als Pilate: Machtbewusster Präsident der Offenbacher Kickers und einer der zentralen Drahtzieher im Bundesligaskandal von 1971
Allein diese Besetzung zeigt, wie ernsthaft und ambitioniert „Glückauf“ gedacht war. „Glückauf“ hätte vieles sein können: Der erste große Schalke-Spielfilm. Ein ehrlicher Blick auf den Bundesliga-Skandal. Ein deutsches Fußball-Drama ohne Pathos. Ein Film über das Ruhrgebiet, der nicht folkloristisch ist. Vielleicht war der Stoff aber zu unbequem. Vielleicht zu wenig heroisch. Vielleicht zu ehrlich. Gerade deshalb fehlt er.

